Einzelbild herunterladen
 

Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für kfersfeld vierteljährlich

1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark, w

Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer ein­gespaltenen Zeile l0pfg.,im amtlichen Teile 20psg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.^r^»^^s

herssel-er Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 125. Dienstag, den 24. Oktober 190^

nichtamtlicher teil.

Liersi Mini über Tcksch-SMMM.

Der aus Deulsch-Südwestafrika nach Deutschland zurück- gekehrte Oberst Deimling, welcher den rebellischen Hereros und Hottentotten zahlreiche für die deutschen Waffen erfolg­reichen Gefechte lieferte, hat dieser Tage in der Berliner Kolonialgesellschaft einen recht lehrreichen Vortrag über Deutsch-Züdwestasrika gehalten, der in Hinblick auf die gegenwärtigen aufständischen Erhebungen in dieser Kolonie auch in weiteren BevölkerungSkreisen Deutschlands Interesse erregen dürste. Den Kampf mit den HereroS bezeichnete der Oberst als im großen und ganzen beendigt; er führte hierbei aus, was von den Hereros in den stattgefundenen Kämpfen übrig geblieben fei, kämpfe entweder mit den Witbois im Süden gegen die Deutschen oder treibe stch als Viehräuber im Lande umher. Deimling schilderte den Herero als grausam, ja geradezu als bestialisch gegenüber seinen Feinden, während im Gegensatz hierzu der Hottentotte lange nicht so schwerfällig sei. DeS Lobes voll war der Vortragende von der Kriegstüchtigkeit der Hottentotten; er erklärte sie als ausgezeichnete Soldaten, die unter Führern stünden, welche in Bezug Taktik und Strategie den Deutschen gewachsen seien, hinsichtlich der geradezu meisterlichen Terroinausnutzung aber könnten letztere von den Hotten­totten sogar noch lernen.

Im weiteren behandelte Deimling das Thema vom Klima Südwestafrikas und ferner die Verpflegungsfrage für die deutschen Expeditionstruppen, um sich dann über die bisherigen Kriegsereignisse auszulaffen. Redner ging hier­bei speziell auf die von ihm geleiteten kriegerischen Opera­tionen ein und hob die unsäglichen Mühsale hervor, unter denen die deutschen Truppen bei ihren Kämpfen zu leiden hatten. Eine nähere Betrachtung widmete der Oberst namentlich dem Gefecht am Waterberg, das durchaus nicht ein Sedan für den Feind habe werden sollen, wie man in der Heimat annahm, der Durchbruch der HereroS war kein Mißerfolg der deutschen Waffen, denn nur 13 Kompagnien je 70 Mann hatten ein Gebiet von 40 km zu umstellen. Man hat erreicht, was man wollte, der Feind ist in der Omaheke umgekommen. Man solle nicht annehmen, daß man bis jetzt nicht weiter gekommen sei, der Feind im Norden sei vernichtet, im Süden außerordentlich geschwächt. Man habe auf der ganzen Linie gesiegt, kleine Überfälle auf Heliogrophenstationen seien keine Siege des Feindes, auch wenn der Privatsekretär Morengas, ein Engländer, sie als solche ins Kapland meldet. Auch der Kleinkrieg wird bald siegreich beendigt sein, Redner spendete den braven Truppen ein warmes Lob, den tapferen Gefallenen einen ehrenden Nachruf. Unsere Schutztruppler haben den alten deutschen Soldatengeist unter den schwierigsten Strapazen hochge-

Morsch.

Roman von Friedrich Jacobsen.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Richtig, Sepp! Ist dir der Operationsschnitt gut be­kommen?"

Richter wich der Frage aus.

Ich folgte deinem Rat und verwertete das einzige Talent, das ich besitze"

Auf der letzten Saite zu spielen, wenn die anderen ge­sprungen sind", ergänzte Schubert, als jener schwieg.Ja, Sepp, das war für mich dein Steckbrief. Ich hatte es oft genug gesehen, wenn du deine wilden Pußtalieder spieltest und eine Saite nach der anderen riß. Dann las ich vor ein paar Tagen in der Zeitung, daß hier oben an der Nordsee ein Geigenspieler aufgetaucht sei, der sich auf der G-Saite in die Herzen der Weiber hineinsingen könnte, und da wußte ich, wer dieser einzige war. Ist dir das begreiflich, Sepp?"

Der Gefragte schüttelte den Kopf.

Nein, Franz, solche Mätzchen findet man auch anderswo."

Mag sein, ich will es nicht bestreiten. Also muß wohl noch eine Faser zwischen uns hängen geblieben sein, als wir das Band zerschnitten. Der weise Steckbrief nennt es Freund­schaft und gemeinsame Tat es kann auch jene Gemeinschaft sein, die zwischen zwei Zuchthäuslern aufwächst, wenn sie Zelle an Zelle wohnen und sich jede Nacht durch Klopsen ver­ständigen. Wer kann die Geheimnisse der menschlichen Natur ergründen? Aber als ich das geschwätzige Zeitungsblatt laS, da legte ich meine Hand auf die gedruckten Zeilen, nnd da wußte ich ganz genau, daß Joseph Richter sich bis an die Nordsee durchgcgcigt hatte und daß er in dieser Mausefalle saß, die ihn nicht wieder loslassen will."

Ich habe das Geld für die Ueberfahrt nach Amerika bald beisammen", murmelte Joseph und strich leise wie liebkosend über den neben ihm stehenden Geigenkasten.

halten. Wir brauchen nicht Japaner als Vorbild, wir haben mehr in Südwest geleistet als sie. Sie schlugen einen Gegner der Stand hielt, wir einen, der wie Spreu in alle Winde flog und erst durch Durststrecken hindurch ge­sucht werden mußte. Sind unsere Helden auch auf ascika- kanischer Erde gefallen, sie fielen doch für Kaiser und Vaterland. Ein Land, das soviel deutsches Blut getrunken, ist Heimatland. Dem für die deutsche Kriegrsührung sehr schwierigem Gelände schrieb es der Oberst zu, daß der Feind nicht schon längst vernichtet sei, und wies er auf das immerhin hervortretends Zusammenschmelzen der Streit- kräfte Hendrick Witbois und Morengas hin. Alt den­jenigen Umstand, der am sichersten den Enderfolg für die Deutschen in diesem langwierigen Kolonialkriege ver­bürge, stellt der Redner die Wegnahme der gesamten Viehreichtums der Herero und Hottentotten durch die Deutschen hin.

Diese Darstellung der Lage in Deutsch-Südwestafrika von einem so genauen Kenner von Land und Leuten, wie es Oberst Deimling unbestritten ist, sticht von den pessimisti­schen Beurteilungen, die auf anderen Seiten an dem Zu­stande der Dinge in dieser Kolonie ausgeübt worden sind, erheblich ab und gibt erneut zu der Hoffnung Anlaß, daß der kostspielige und opferreiche Krieg gegen die HereroS und Witbois nun doch am längsten gedauert haben werde. Schließlich behandelte Oberst Deimling noch die wirtschaft­liche Zukunft der südwestafrikanischen Kolonie, die er als aussichtsvoll hinstellte. Ackerbau und Viehzucht werden blühen nach Wiederherstellung des Friedens, der Bergbau verspreche viel. Allerdings, man muß noch viel tun für die Kolonie, Waffererschließung und Eisenbahnen sind nötig. Die alten Farmer wollen zurückkehren, neue roetbenTommen, auch viele Schutztruppler wollen dableiben. Die alten muß man voll entschädigen, den neuen Land umsonst geben, denn man habe genug Land, da alle Eingeborenengebiete zu Kronland gemacht werden.

Ae Vorgänge in MM.

Moskau, 20. Oktober. Die Maschinisten, Betriebs- beamten und Arbeiter der MoSkau-Kasan Bahn sind in Ausstand getreten. Der Zugverkehr ist unterbrochen; die Ausständigen verhindern den Abgang der Züge. Die Tele- graphenbeamten haben sich dem Ausstand angeschloffen. Heute nachmittag begaben sich etwa 300 Ausständige nach dem Verwaltungsgebäude, der Bahn MoskauJaroslaw Archangel und sodann nach dem Telegraphenamt; an beiden Stellen setzten sie die Einstellung der Arbeit durch. Schließ­lich wurde die Ansammlung durch Kosaken und eine Polizei­abteilung auseinander getrieben. Verflossene Nacht legten die Maschinisten auf dem hiesigen Bahnhof der Nikolausbahn die Arbeit nieder; sie schössen auf den Zugführer eines Güterzuges, ohne ihn zu treffen.

Und die Mausefalle wird dich doch nicht loslassen" entgegnete der Redner rauh.Weißt dn, mein Junge, daß jenes Weib, dem wir die ganze Hatz verdanken, daß die schöne Frau Senta diese köstliche Seeluft mit uns gemeinsam atmet? Daß sie hier auf dieser Insel weilt, vielleicht mit dir oder mir unter einem Dach, und daß es ein Wunder ist, wenn wir drei nicht über kurz nnd lang zusammentreffen?"

Es strich ein Nachtvogel über sie hin und Joseph griff mit der Hand in die leere Luft.

Willst du mich narren, Franz?!"

Dich nicht Sepp aber einen andern habe ich genarrt, einer von denen, die das Recht zu dem Strick drehen, woran man uns aufgefangen hat. Es war köstlich, sage ich dir, und die arme schwache Seele wär oft unter diesem Spaß zu­sammengeknickt. Von dem Ehcschcidungsprozeß weißt dn so gut wie ich dem Teufel sei's geklagt. Aber die beiden sind noch nicht ganz auseinander, sie hängen noch an einem Faden zusammen, so wie dn und ich. Und heute fuhr ich mit ihrem Anwalt zusammen, es soll hier zwischen den beiden eine Konferenz darüber stattfinden, wie der letzte Faden am säuberlichsten zerschnitten werden kann."

Franz Schubert lachte und streckte sich behaglich in die Düne.

Da schlug mich der Satau in den Nacken, und ich stellte mich dem ehrenwerten Dr. Wangemann als mein eigener Ver­folger vor. Geheim-Greifer Förster aus Wien, versehen mit allen Vollmachten, um den berüchtigten Ausbrecher Dr. Schubert einznfangen, der sich verbürgten Nachrichten zufolge hierher geflüchtet haben soll. Ist das nicht eigentlich ein Faschingstreich?"

Es ist Tollheit, Franz!"

Sachte, mein Junge, man sieht, daß du als Chemiker niemals Psychologie studiert hast. Wer bürgt mir bafür, daß die Hunde nicht wirklich meine Spur ausbaldowert haben? Der Bart ist freilich gewachsen, aber meine verdammte Affen­physiognomie ist auch ein Steckbrief. Wenn ich aber als mein eigener Verfolger gelte, dann hält man mich recht für meinen eigenen Schatten, aber niemals für mich selbst. Die unge­heure Frechheit, die in diesem Mummenschanz liegt, ist mein

Moskau, 20. Oklbr. Die Ausständigen der Moskau- Kasan-Bahn stürzten heute eine für einen Postzug zur Abfahrt bereit stehende Lokomotive um und erzwängen die Leerung dir Dampskessel aller Lokomotiven in dem Schuppen der Bahn. Auch wurden eine Anzahl Telegraphenpsähle der nach Moskau führenden Linie nmgewoifen und dadurch die Verbindung unterbrochen. Heute ist kein Zug in Moskau eingetroffen. Auf der Linie Jaroslaw-Archangel haben die Kassierer infolge Einschüchterung durch die Ausständigen keine Fahrkarten verkauft, doch geht der Zugverkehr weiter. Die Reisenden fahren ohne Fahrkarten mit von den Zug­führern ausgestellten Fahrscheinen.

Odessa, 20. Oktober. Mit Rücksicht auf den be­fürchteten AuSbruch von Unruhen gab der Stadthauptmann der Polizei Befehl, auf das erste Kommando, ohne Rücksicht auf die Zahl der Opfer, sofort auf die Demonstranten zu schießen und nicht erst Schreckschüsse abzugeben.

Petersburg, 21. Oktober. Anläßlich der Ver­lobung des Großfürsten RtjriQ mit der geschiedenen Groß- Herzogin von Hessen kam es zu großen Differenzen zwischen dem Großfürsten Wladimir und dem Zaren. Dieser gab kund, falls die Vermählung zustande käme, werde der Groß­fürst nicht allein aus den Listen der russischen Armee und Flotte gestrichen werden, sondern auch seiner Rente verlustig gehen. Alsbald nach der Vermählung Großfürst Kyrill in Petersburg eintraf, erbat er eine Audienz beim Zaren, jedoch vergeblich. Großfürst Wladimir sandte dem Zaren nun einen Brief, in dem er mitteilte, falls der Zar obigen Befehl ausführen lasse, würde er erbitten, sofort sämtlicher Aemter enthoben zu werden. Hofminister Baron Fredericks versucht, einen Ausgleich in dem scharf zugespitzten Ver. hältnis zwischen dem Zaren und seinem Onkel, dem Groß­fürsten Wladimir zu schaffen. Wie dem Hofe naheüeyenve Kreise versichern, dürste dies trotz aller gegenwärtigen Schwierigkeiten auch gelingen. Man spricht sogar davon, daß Großfürst Wladimir demnächst ein Allerhöchstes Reskript erhalten wird, das ihm größere militärische Vollmachten bewilligt.

Petersburg, 21. Oktober. In Baku ist ein interessantes Vorkommnis passiert, das ein merkwürdiges Streiflicht auf die dortigen Militärs wirft. Direktor Leonew sandte seinen Mechaniker Philippow zur Naphtha- Jndustrie Mantaschow. Philippow kehrte bald zurück, jedoch ohne Stiefel. Er war von den dort postierten Sol­daten völlig ausgeraubt worden. Direktor Leonew begab sich darauf mit Philippow zum Gouverneur General Fadajew, der sofort eine Untersuchung des Vorfalles an= ordnete, wobei bei den Soldaten nicht weniger als 24 Fuhren gestohlener Sachen gefunden wurden, die den Armeniern geraubt waren. Ein Teil der Sachen fand sich sogar in Offizierszelten vor.

bester Schutz, denn es verfällt kein Mensch darauf, so etwas überhaupt für möglich zu halten. Und nun sag' mir, Sepp, wo du deinen Bau hast, ich will nicht etwa bei dir unter- kriechen, denn ich bleibe lieber mein eigener Herr, aber es könnte doch kommen, daß ich dich aussuchen müßte, und das viele Fragen nutzt nie für unsereinen."

Joseph schwieg einige Sekunden. Endlich entgegnete er zögernd:

Du weißt, Franz, daß ich meine Groschen Zusammen­halten muß. Aus der Franzensfeste kamen wir so nackt wie die Kirchenmäuse, und bis hierher ist es mir kümmerlich genug ergangen. Nun verdiene ich ein hübsches Stück Geld, aber in Westerland würde ich es wieder ausgeben müssen."

Also Höhlenbewohner?"

Nicht ganz. Drüben im Moor liegen ein paar Hütten verstreut, die von Fischern bewohnt werden. Da habe ich mich einquartiert bei Rasmus Jvers und das kostet mich so gut wie nichts, denn arme Leute machen es Armen billig. Außerdem kann man sich von dort jederzeit in die Dünen zurückziehen, und das gibt ein gewisses Gefühl der Sicherheit."

Schubert nickte.

Füchse haben ihre Röhren. Es wäre eine schöne, stille Nacht, um die Pläne für unser Fortkommen zu bereden, aber da ist noch einiges vorzubereite», was ich besser allein aus- sressc. Ich will dich nach deinem Nest hinüberbegleiten, unter wegs können wir noch plandern."

Es kam wieder zum Vorschein, wie sehr Joseph unter dem Einfluß seines Gefährten stand. Dieses Zusammentreffen war ihm offenbar höchst peinlich, und am liebsten hätte er es in der nächsten Minute abgebrochen, aber er erhob sich gehorsam und wartete, welchen Weg der andere einschlagen werde.

Eigentlich müßtest du mich wohl führen", sagte Franz. Aber dn wirst selbst taum wissen, wo wir sind, damals, in jener dunklen Nacht, war eS ebenso. Quer durch nach Osten, nicht wahr, wenn ich die Karte der Insel richtig im Kopf habe also lassen wir daS Meer im Rücken, es ist nicht so schlimm Wie manches andere, was hinter uns liegt. Teufel