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herrselder Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 111
Donnerstag, den 21. September
1903.
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auf das fimfelüer Kreisblatt
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Das Glück.
Novelle von F. S u t a u.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ja sie erwachten alle wieder, die Lieder, die Träume, die ganze bewegte Zeit, wo ihn das Leben, wie ihm dünkte, doch anders umrauscht hatte, wie jetzt, größer und schöner. Er sagte sich, daß diese Erinnerungen nur schwärmerische Jugend- empfindungen gewesen seien, die eben jeder in seiner Jugend und mit einem Herzen voll edler Liebe hat. Aber er konnte mit düsteren nüchternen Urteilen doch diese alten schönen Erinnerungen nicht bannen. Er hatte die Hand vor die Augen gelegt, als wenn er sein Gesicht verbergen wollte, und nun erstand ein Bild nach dem andern ans jenen Tagen: Das Leben in der kleinen Garnisonstadt, mit seinen Bällen, seinen gemütlichen Landpartien. Auf einer solchen Landpartie war es geschehen, wo er Leonore Warben so gekränkt und beleidigt hatte. — Es waren einige adelige Familien auS der Umgegend dabei gewesen, Verwandte seines damaligen Majors. Natürlich hatten sich die jüngeren Ossizicre, worunter er auch war, den adeligen Damen für diesen Tag gänzlich gewidmet, zum nicht geringen Verdruß mehrerer bürgerlichen jungen Damen aus der Stadt, die nicht wußten, daß die Offiziere Standes- verpflichtungen hatten, und sich schon ihrem Major zu Liebe den adeligen Damen den Hof machen mußten. Lconorens Stolz hatte er ganz ahnungslos damit aufs tiefste verletzt.
Und so war es denn gekommen, daß sie ihn an jenem Kvnzertabend so kurz und schroff zurückgewieseu, als er mit bittenden und aufrichtigen Worten von seiner Liebe zu ihr gesprochen hatte.
„Verschwenden Sie doch solche schönen Reden nicht an ein bürgerliches Mädchen, das sich denn doch für zu gut hält, einem Leutnant nur zum Spielball und Zeitvertreib zu dienen!" hatte sie ihm mit flammenden Augen zugerufen. Das Wort hatte sich wie ein Eisstrom in sein heißes Fühlen ergossen. — Stumm, ohne ein Wort zu erwidern, hatte er sich von ihr gewandt. —
nichtamtlicher teil.
Ae Frage der Kehrfteuer.
Jedem Deutschen muß es am Herzen liegen, das Vaterland so wehrkrästig und finanziell stark als nur irgend möglich zu machen. Auf dem Gebiete der praktischen Militär- und Finanzpolitik fleht man aber eine seltsame und schüchterne Zurückhaltung in Bezug auf ein sehr großes und reiches Feld, von welchem aus Deutschlands Heer und Flotte und Deutschlands Finanzen noch eine kolossale Stärkung erfahren könnten zum Schutze für das Vaterland und zum Trutze gegen mögliche Feinde im Auslande. Groß und stolz fordert die Reichsverfassung als Ehrenpflicht die allgemeine Wehrpflicht von jedem deutschen Bürger, aber wie fleht es mit der wirklichen Erfüllung der Dienstpflicht im Heere oder in der Flotte bei allen Deutschen aus. Wohl werden mehr als zweimalhundertlaufend junge Rekruten jedes Jahr in Deutschlands Heer und Flotte eingereiht, aber gleichzeitig bleiben jedes Jahr mehr als hunderttausend junge kräftige erwerbsfähige Deutsche von der Wehrpflicht befreit, weil sie kleine Fehler haben, oder weil zu der Zeit der Aushebung also vom 20. bis 22. Lebensjahre des Wehrpflichtigen derselbe körperlich noch nicht genügend stark entwickelt war oder weil er überzählich war, denn noch immer kann man im deutschen Heere und in der Flotte nicht so viele Rekruten einstellen, als da find, sondern nur so viele, wie der Reichstag bewilligt hat. Die allgemeine Wehrpflicht hat also in der Praxis unbedingt ein paar Löcher, sie gilt nur für diejenigen, die wirklich gebraucht werden und für die anderen steht sie nur aus dem Papiere. Nun wird zumal in der altpreußischen Tradition viel von der Ehrenpflicht, die zugleich in der allgemeinen Wehrpflicht liegt, geredet und betont, daß diese Ehrenpflicht niemals mit Geld und Steuern ersetzt werden dürfte. Nun das heißt doch den Idealismus und die Ehrenpflicht zu Gunsten einer Ungerechtigkeit und zu Ungunsten des Heeres und der Flotte auslegen. Warum sollen denn die Hunderttausende von erwerbsfähigen jungen Deutschen, die nur wegen kleiner Fehler oder als Ueberzählige vom Kriegsdienst befreit bleiben, auf dem Altare des Vaterlandes nicht eine ihrem Einkommen entsprechende Beisteuer zur Stärkung von Heer und Flotte niederlegen! Hat man vielleicht im Jahre 1813 darin eine Beeinträchtigung der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen erblickt, als viele von denjenigen kamen, Männer und Frauen und Mädchen, die nicht das Schwert ergreifen konnten, und Gold und Gut auf dem Altars des Vaterlandes niederlegten, um das Heer gut ausrüsten und stark machen zu helfen! Man sage nicht, daß dies damals eine andere schlimmere Zeit als die gegenwärtige war. Man blicke nur auf die Weltlage, man taxiere nur unsere kleine Flotte recht, so wird man sofort
Wenige Tage darauf war eine Versetzungsorder für ihn gekommen, die er mit Freuden begrüßt hatte, da er von der Trennung gänzliche Heilung von seiner unglücklichen Liebe erhoffte. Er versuchte auch keine Annäherung wieder an Leonore, es war besser so, sie schieden halb im Zorn und Trotze. So endete damals dieser Liebestraum wenigstens vorwurfsfrei für ihn. Aber war das wirklich der Fall? Hatte es nicht von Lconorens Lippen soeben wie ein leiser Vorwurf geklungen? Er hätte Geduld mit ihr haben, nicht ohne Abschied gehen sollen! Ihre Worte wären ja am Ende auch zu entschuldigen gewesen, und würde er sie nicht entschuldigt haben, wären ihre Verhältnisse glänzender gewesen und hätten Aussicht auf eine Heirat geboten? Fast gewaltsam riß er sich los von diesen unnützen und gesährlichen Gedanken und blickte aus seine Frau, die am Flügel stand, die Hände leicht verschlungen, das liebliche Köpfchen lauschend vorgebeugt. Er trat zu ihr heran und legte deu Arm um ihre Taille. Ein Blick in die blauen, strahlenden Augen der geliebten Frau genügte, seine erregte Stimmung zu verscheuchen.
Was war ihm Leonore Wurden jetzt, wo er mitten im vollen reichen Leben stand? Die Gouvernante seiner Tochter! Eine von jenen Vielen, die, statt die Entsagenden — Vergessenen zu spielen, noch zur rechten Zeit einen Lebensberns ergreifen, der ihnen nicht viel Zeit zum Grübeln über ihr verfehltes Leben gestattet. Denn daS wahre Leben der Frau bleibt doch die eheliche unb mütterliche Liebe und ihr segensreiches Wirken in Häuslichkeit! Und wo sie diese ihre Bahnen verläßt, geht ihr meistens der größte Reiz echter Weiblichkeit verloren. So dachte Steinweg, wie tausend andere seines Geschlechts, ohne der Sache auf den Grund zu gehen und sich zu sagen, daß größtenteils die modernen Männer mit ihren egoistischen, ideallosen Anschauungen und ihrer Neigung, durch eine goldene Heirat zugleich ein gutes Geschäft zu machen, daran schuld sind, daß viele brave und edle Mädchen cheloZ durch daS Leben gehen müssen und nicht ihren natürlichen Wirkungskreis finden.
Wlit selbstzufriedenen Gedanken trat daher jetzt Steinweg zu Leonore, um sich für das Lied zu bedanken, daS sie soeben gesungen hatte. Die Schranken, die vorhin zu wanken gedroht,
sich eingestehen müssen, daß Deutschlaud zu Lande und zur See gar nicht stark genug ist und jede Stärkung seiner Waffenmacht nehmen sollte, wie und wo es sie findet. So könnten z. B. von der Wehrsteuer, welche die nicht zum Heeresdienste herangezogenen deutschen Männer im^Aller von 22 bis 40 Jahren zahlen könnten, sicher jedes Jahr zwei Kriegsschiffe gebaut werden. Und taufenden von alten Soldaten, Veteranen aus dem großen Kriege könnte nun, wo sie alt und schwach werden, auch eine kleine Pension vom dankbaren Vaterlande gewährt werden, und wer anderes könnte besser diese Leistungen tragen, als diejenigen, die keinen Heeresdienst leisten. Man fleht in Folgendem auch, wie in den nach Millionen Mitgliedern zählenden deutschen Kriegervereinen über die Wehrsteuer gedacht wird:
Aus Kyffhäufer, 17. September, wird berichtet: Der hier versammelte sechste Vertretertag des Kyffhäuser- bundes der deutschen Landeskriegerverbände hat heute folgende Resolution einstimmig angenommen : „Die Einführung einer Wehrsteuer beschäftigt zur Zeit die öffentliche Meinung. Wie alles, was unsere vaterländische Wehrmacht, den Ursprungsboden der Kriegervereinswesens, angeht, berührt auch diese Frage die alten Soldaten der deutschen Kriegervereine besonders nahe. Der diesjährige sechste Ver- tretertag des Kyffhäuserbundes der deutschen Landeskrieger- verbände glaubt deshalb, daß es nicht ohne Nutzen -.fein möchte, auch die Meinung der alten Soldaten in dieser Angelegenheit zu hören. Vielfach wird die Anflcht ausgesprochen, daß eine Wehrsteuer den Charakter der allgemeinen Wehrpflicht beeinträchtige. Der Vertretertag des Kyffhäuserbundes würde im Gegensatze hierzu die Einführung einer solchen Steuer mit Freuden begrüßen. Die in den deutschen Landeskriegerverbänden vereinigten 2Va Millionen alter Soldaten, stolz darauf, dem Vaterlande den Ehrendienst der Wehrflicht geleistet zu haben, wollen den Charakter dieser hehrsten, aber auch schwersten Bürgerpflicht als einer Ehrenpflicht rein erhalten wissen. Die alten Soldaten wissen aber auch, daß die allgemeine(Wehr- pflicht nicht auf alle Erwerbsfähigen ausgedehnt werden kann, und daß deshalb alljährlich eine große Anzahl körperlich vollständig brauchbarer oder nur mit geringen körperlichen Fehlern behafteter junger Leute vom Wehrdienste des Reiches befreit bleibt. Wenn diesen kräftigen Männern, von denen das Reich nicht das Opfer mehrjähriger Hergabe ihrer wirtschaftlichen Kraft fordert, hierfür ein<Wehr> Heuer für die gesetzliche Dauer der Wehrpflicht auferlegt wird, so vermögen die alten Soldaten hierin nicht eine Beeinträchtigung des ehrendienstlichen Charakters des Soldatendienstes zu erblicken, sondern nur eins Folge des Grundsatzes der allgemeinen Wehrpflicht und einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Hocherfreut würden die allen Soldaten der deutschen Kriegervereine sein, wenn der Ertrag einer etwaigen Wehrsteuer in erster Linie dazu benutzt würde, allen Kriegsteilnehmern, die unverschuldet in Not geraten
sie waren schnell wieder aufgerichtet zwischen zwei Menschen, in deren Jnnem einst, in der Ouvertüre des Lebens, ein seelischer Akkord voll und weich zusammen geklungen hatte. Das war nun vorbei für immer! Sie sagten dies sich beide, und verkehrten den Rest des Abends in jener zeremoniellen Weise miteinander, in welcher sie vom ersten Wiedersehen an sich begegnet hatten. ,
Als aber die Gäste in Steinwegs Villa längst nach Hause gegangen, da starrten zwei dunkle Mädchenaugen noch lange hinaus in die stille Mondscheinnacht. Bange Fragen bewegten Lconorens Herz; war es nicht besser, diesem Hause und Zusammenleben zu entfliehen, das gefahrdrohend werden konnte für sie und für ihn. Sollte sie zurückkehren nach der Heimat in die bedrückenden Verhältnisse, die sie fortgetrieben? Fortgehen von hier, wo sie, wie ihr dünchte, doch einmal einen Atemzug in einem großen, vollen, reichen Leben getan hatte, in einem Leben, so farbenreich, so fesselnd, so geistvoll, so ganz anders, als sie es in ihrer armen märkischen Heimat bisher gekannt hatte. Nein, nein, um alles in der Welt nur dorthin wollte sie nicht zurück, wo sie an Leib und Seele verkommen würde. Lieber wollte sie für einige Zeit ihres Herzens Ruhe dahingebeu, als dort in den für sie so trostlosen heimatlichen Verhältnissen weiter vegetieren.
Seufzend schloß sie das Fenster und suchte ihr Lager auf. Der Schlaf aber, der sich auf ihre müden Augen senkte, brächte ihr sehr unruhige Träume. Der vergangene Abend hatte 51t viel aufregende Erinnerungen in ihr wach gerufen, er hatte Leonore auch die ungeheuere Kluft zwischen einer glücklich an der Seite eines edlen Mannes verheirateten Frau und einem alleinstehenden Mädchen gezeigt und bittere Reue bei ihr geweckt.
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Bruno Steinweg betrieb seit dem Gejellschaftsabend die projektierte Reise, die er mit seiner Frau machen wollte, mit dem größten Eifer. Voll Ungeduld zählte er die Stunden bis zu dem Tage, wo die Reise angesetzt war. Es war aber nicht nur die Reise selbst, die Steimveg beschäftigte, sondern eS lag etwas wie ein Alp auf feiner Brust und daS er auf der Reise loSzuwcrden hoffte. Ein dunkles Gefühl, von