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HerrMer Kreisblatt
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 107t Dienstag, den 12. September 1905.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 7. September 1905.
Im Hinblick auf den Umstand, daß die Gefahr eines Brandunglacks umso größer ist, je mehr Nahrung dem ausgebrochenen Feuer sich bietet, veranlasse ich die Herren Ortsvorstände des Kreises tunlichst darauf hinzuwirken, daß jetzt, wo nach begonnener Ernte, die Scheuern mit brennbaren Stoffen anßefüQt sind, soweit möglich, ein Jeder seine Vorräte gegen Feuersgefahr versichert, damit im Falle eines Unglück« eine tunlichst erreichbare Ausgleichung des erlittenen Schadens stattfinden möge.
Ich mache hierbei ausdrücklich darauf aufmerksam, daß nach dem Erlaß des Herrn Oberpräsidenten vom 28. Februar 1878 (cfr. Kreisblatt Nr. 20) die Abhaltung von Hauskollekten aus Anlaß von Beschädigungen durch Brand, ebensowenig wie bei Hagelschlag genehmigt werden wird.
Gleichzeitig richte ich an die Kreisbewohner die dringende Mahnung, ein besonderes Augenmerk auf die sichere Aufbewahrung der Streichhölzer zu richten, damit namentlich unverständige Kinder nicht in deren Besitz gelangen und durch Spielen damit, wie schon oft geschehen, Feuerschaden verursachen. Die Herren Ortsvorstände wollen für tunlichst« Bekanntwertung des Gesagten Sorge tragen und auch die Herren Lehrer hieraus Anlaß nehmen, in entsprechender Weise aus die Schulkinder einzuwirken.
J. I. Nr. 6275. Der Königliche Landrat.
J. V.:
Braun, Kreisdeputierter.
Hersseld, den 7. September 1905.
Um zu vermeiden, daß die rechtzeitige Einzahlung des Betrages für das den Gemeinden im laufenden Jahre staatsseitig überwiesene Loosholz an die Königliche Kreis- kaffe unterbleibt, wodurch die betreffende Gemeinde des Rechtes zum Bezüge von Loosholz im nächsten Jahre verlustig gehen würde, will ich nicht unterlassen, die Herren Bürgermeister schon jetzt auf den Inhalt der diesseitigen Verfügung vom 28. Februar 1880, Nr. 2182, im Kreisblatt Nr. 18, aufmerksam zu machen.
I. I. Nr. 6281. Der Königliche Landrat.
J. V.:
T h a m e r.
's*
Hersfeld, den 7. September 1905.
Die Ortspolizeibehörden und die Königliche Gendarmerie werden hierdurch wiederholt angewiesen, fortgesetzt auf alle im hiesigen Kreise sich (wenn auch nur vorübergehend) auf» haltenden ortsfremden Personen ein sorgfältige« Augenmerk zu richten, insbesondere den Zweck ihre« hiesigen Aufenthalt« zu ermitteln und namentlich festzustellen, welchem
Das Glück
Novelle von F. S u t a u.
(Nachdruck verboten.)
Der Frühlingstag war im Verscheiden; letzte Sonnenstrahlen spiegelten sich auf den klaren Wellen des Rheins.
In den Fenstern der Fabrikgebäude außerhalb der Stadt leuchtete und flimmerte die uutergehende Sonne, als wären tausend Kerzen dahinter angezündet. Eine Hügelkette zog sich hinter diesen Gebäuden entlang, und dicht an den grün- bewachsenen Bergen lag die Stadt.
Es war eine alte Stadt mit winkligen Straßen, hohen Giebelhäusern, mit einer halb verfallenen Stadtmauer und mittelalterlichen Toren. Nur die Bahnhofsgebäude im Norden der Stadt waren neueren Ursprungs, leicht und gefällig im gothischen Stil gebaut, hoben sie sich gegen den klaren Abendhimmel ab.
Ein Personenzug branste jetzt über die Rheinbrücke und auf dem Bahnhof wurde es lebendig. Laternen wurden an- gezündet, denn die Sonne hatte die kühlen Wellen des Rheins zum Abschiede geküßt, und verschwand schon mit all ihrer leuchtenden Pracht hinter den Bergen.
Der Zug wurde signalisiert, Packträgcr eilten herbei unb cwzclne Reisende, die sich im Wartezimmer aufgehalten, traten nuf den Bahnsteig. Auch ein Omnibnskntscher kam langsam "»geschleudert unb spähte aus, ob vielleicht irgend einer der "»kommenden Reisenden sich seinem wenig einladenden Geführt anvertrauen würde. Sie eilten aber fast alle schnellen Schrittes der nahen Stadt zu.
Nur eine junge Dame im dunklen Reiseanzug, das Gesicht verschleiert, stand noch unschlüssig aus dem' jetzt immer leerer werdenden Bahnsteig und schritt dann zögernd auf den Omnibuskutscher zu, der mit freundlichem Grinsen soeben die Hand nach ihrer Reisetasche anSstreckte, als plötzlich recht eilig mi anderer Kutscher mit würdigem grauen Bart herantrat, die Dame nach ihrem Namen fragte, sich dann ihres Gepäcks bemächtigte und andern kleines leichtes Gefährt damit znschritt. »Wieder nichts" brummte der Rosselenker deS Omnibusses ver
Staate sie angehören, woher sie kommen und ob sie etwa al« Anarchisten zu betrachten und vielleicht wegen ihrer Zugehörigkeit zur anarchistischen Bewegung aus anderen Staaten ausgewiesen sind.
In jedem dieser Fälle ist mir sofort eingehender Bericht zu erstatten. Ausländische Anarchisten sind gleichzeitig in polizeiliche Haft zu nehmen.
I. 6283. Der Königliche Landrat.
I. V.:
T h a m e r.
Hersfeld, den 6. September 1905.
In dem Hühnerbestande des Lehrers Müller in Niederaula ist die Geflügelcholera ausgebrochen.
l. 6194. Der Königliche Landrat.
J. V.:
Braun, Kreideputierter.
nichtamtlicher teil.
Sie Lage in Solid.
Die Lage in Tokio scheint sich zu beruhigen. In der Nacht zum 8. September ist es nirgends zu ernsteren Ruhestörungen gekommen. Allerdings gab es in Kobe Exzesse. Da« Standbild des Marquis Jto wurde vom Sockel gerissen und durch die Straßen geschleift. Auch aus Tschiba werden einige Unruhen gemeldet. Mit Bezug auf die Ausschreitungen vom 6. September und andere Vorgänge wird noch im einzelnen berichtet:
Tokio, 8. September. Am Abend des 6. September um V2IO Uhr gelangten die Unruhen in der inneren Stadt wieder zum Ausbluch. Bei Eintritt der ersten Dunkelheit füllten sich die Straßen, und die Unruhen begannen in der Nähe des Wohnsitzes des Minister« des Innern. Die Volksmenge machte den Versuch, da« Gebäude in Brand zu setzen, und ein wildes Handgemenge entspann sich mit den Wachmannschaften. Inzwischen sammelten sich Volkshaufen in drohender Haltung in der Nachbarschaft des Hauptquartiers der hauptstädtischen Polizei, wagten jedoch keinen Angriff auf diese» Gebäude, da sie durch die Anwesenheit einer starken Polizeimacht im Schach gehalten wurden. Die mitten durch die Volksmassen fahrenden Straßenbahnwagen erregten den Unwillen des Volke». Es eröffnete einen Angriff auf sie, vertrieb Passagiere und Wagenführer und begann die Wagen zu zerstören. Zehn große Wagen wurden in Brand gesetzt und schleunigst zerstört. Ein anderer Tumult fand in dem Kandaviertel statt, wo auch Feuer angelegt wurde, doch war es unmöglich, den Schauplatz dieser Unruhen zu erreichen und Einzelheiten zu erfahren, da die Straßen durch Volksmassen gesperrt waren, die eine drohende Haltung gegen die Polizei annahmen. Nachdem
drießlich und schickte sich mit zorniger Miene an, seinen leeren Kasten nach Hause zu fahren. Die junge Dame hatte unter« dessen den Einspänner bestiegen unb der Kutscher wollte eben abfahren, als plötzlich eine Männerstimme vom Wartesalon her ertönte: „Nimm mich auch mit, Paschke!"
Ein Herr kam mit schnellen Schritten heran, und blickte dann ziemlich verwundert auf die junge Dame, die, wie tief erschreckt, den Schleier fester über das Gesicht zog, in welchem eine verräterische Röte aufflammte. „Hast Du mich denn er« wartet?" fragte er dann den Kutscher. „Ihr konntet doch zn Hans garnichts von meiner verfrühten Ankunft wissen."
„Nein, Sie sind heute nicht erwartet worden, gnädiger Herr", erwiderte der Kutscher mit halblauter Stimme, „das Fräulein sollte ich abholen."
„Das Fräulein?" frug der Herr erstaunt.
„Ja, die Lehrerin für die kleine Lotti, die Mutter der gnädigen Frau soll eS ja augeordnet haben, wie mir die Bonne unter Tränen erzählt hat."
Der Herr biß sich auf die Lippen. „Also wieder einmal eine eigenmächtige Handlung meiner Schwiegermama", murmelte er leise zwischen den Zähnen und nahm dann, die junge, verschleierte Dame flüchtig grüßend, neben dem Kutscher vorn auf den, Bocke des Wagens Platz.
Der Grauschimmel zog au und der Wagen rollte der Stadt zu, fuhr durch winklige Straßen über holpriges Pflaster, dann wieder durch das alte Tor auf der anderen Seite zur Stadt hinaus, und hielt nun vor einer Villa, die in der Nähe der Fabrikgebäude, malerisch hinter grünen Bäumen und Blumenbeeten, lag. Aus Aerger über die Anordnung seiner Schwiegermutter hatte der Herr kein Wort auf der Fahrt zu der Gouvernante gesprochen, zumal ihm deren plötzlicher Einzug in sein Haus gegen seinen Willen höchst peinlich war. Die Höflichkeitsformen gegen sie verletzte er aber nicht, und als nun der Wagen hielt, sprang er eilig von seinem Sitz herunter und half der jungen Dame mit gewandter Galanterie vom Wagen. Bald daraus standen sie beide in der Tür des hcllcrleuchtcten Salons der Villa.
Der aus's eleganteste mißgestaltete Raum bot bei der matten Beleuchtung einer antiken Bronzelampe ein „„gemein
die Straßenpatrouillen zurückgezogen und die Polizei an den besonders gefährdeten Punkten konzentriert war, blieben die Straßen unbeschützt, und da« unruhige Element erhielt freie Hand; doch verhielt sich die Menge ruhiger, sobald keine Gefahr mehr seitens der Polizei drohte.
London, 9. September. Au« Tokio wird heute ge« meldet, daß in der ganzen Stadt die Ordnung vollständig wiederhergestellt sei. Die Straßen tragen wieder ihr alltägliche«, friedliche» Gepräge. Katsura» offene Mitteilungen bei einer politischen Konferenz mit parlamentarischen Führern und einer weiteren mit Redakteuren haben eine bessere Verständigung hergestellt. Die Zerstörung christlicher Kirchen wird von dem gebildeten Publikum sehr bedauert. Verursacht soll sie durch die Haltung von Mitgliedern der Heilsarmee sein, welche auf der Straße und in Vorlesungen sich heftig gegen die Antifriedenabewegung aus- sprachen.
At Vorgänge in Rußland.
In mehreren Dörfern der Provinz Elisabethpol im Gouvernement Kaukasien ist die Bevölkerung zum Teil verjagt worden. Alle Häuser wurden geplündert und dann angezündet. Andere Dörfer sind von bewaffneten Tatarenbanden umzingelt. Der Kommandant der Truppen in Schuscha telegraphiert nach Tisli», Ruhe und Sicherheit feien in Schuscha jetzt gewährleistet. Wirksame Maßregeln seien ergriffen worden, um auch die Bevölkerung in den anderen Bezirken zur Ruhe zu bringen, und sollen zur Kenntnis der erwähnte» Ortsvorsteher gebracht werden.
Petersburg, 9. September. Nachdem verschiedenen Nophta-Jndustriegesellschaftr» gestern Depeschen aus Baku zugegangen sind, ist es möglich, die Verluste dieser, der Staatskasse und der Wolgarheder annähernd zu bestimmen. Von den dort befindlichen 3600 Fontänen sind sicherlich 3000 ausgebrannt. Die Wiederherstellung dieser würde 30 Millionen erfordern, während der Bau neuer Arbeiterkasernen, Maschinen usw. die Ausgabe von annähernd 50 Millionen nötig machen würde. Da die Wiederaufnahme des Betriebes erst nach 6 bis 12 Monaten möglich ist, erleiden die Industriellen einen Verlust von etwa 86 Mill., während die Wolgo-Kafpiflotte durch die Einstellung der Kerosin- unb Naphtatransporte einen Ausfall von 100 Millionen Pud Fracht im Betrage von 7 bis 10 Millionen Rubel zu verzeichnen haben wird. Die der transkaukasischen Bahn drohenden Verluste dürfen sich auf etwa 6 000 000 Rubel belaufen. Insgesamt erreichen die Verluste durch die Ereignisse in Baku eine Höhe von 193,7 Millionen Rubel. Welche Verluste die russischen Industriezweige, die Naphta als Heizmaterial benutzen, erleiden, entzieht sich natürlich der Beurteilung.
Petersburg, 9. September. General Grigorkow ist mit Artillerie in Baku eingetroffen, um die Ruhe
fesselndes Bild. Es war jedoch nicht die kostbare Einrichtung, die das Auge anzog, sie diente nur einem viel schöneren Bilde, zwei reizenden Menschenkindern in der Mitte des Salons als Rahmen. Ein kleines Mädchen von etwa 6 Jahren tanzte, ihre Puppe an den Händen haltend, nach den schmeichelnden Klängen einer Chopinschen Mazurka auf dem Parquetboden Heruni, und am Flügel saß ein zierliches elfenhaftes Wesen, das man aus den ersten Blick auch für ein Kind halten konnte, so zart und kinderhaft war die Erscheinung in dem mattblauen, seidenen Kleide und mit dem weißen Flicdcrziveige in den, rötlich blonden Haar. —
Die Eintretenden wurden nur von einer älteren Dame be- merft, die aus dem Hintergrund des Salons ihnen jetzt ent- gegen eilte, um sie zu begrüßen. „Fräulein Leonore Warben!" sagte sie zn der jungen Dame, ihr freundlich die Hand reichend. „Seien^Sie willkommen in unserem Hause". Sie richtete noch einige Fragen an Fräulein Worden, während sich ihre Blicke zerstreut nach der Mitte des Salons richteten.
Die Mazurka war verklungen, aber die weißen Hände der Dame ruhten noch auf den Tasten, und nun klang eine kräftige männliche Stimme durchs die momentane Stille, sie rief nur den Namen: „Eva!" Ein Klang leidenschaftlicher Zärtlichkeit lag doch in diesem einen Worte. Die Gerufene sprang mit einem jubelnden Aufschrei von ihrem Platz am Flügel auf.
„Bruno! Du hier, schon zurück von Deiner Reise!" rief sie, und flog in die ausgebrcitctcn Arme Bruno v. Steinwca's, ihres Gatten.
Sie bemerkten beide in diesem Augenblicke nicht, wie die Augen der Fremden, der eben angenommenen Gouvernante, mit dem Ausdruck herber Scelenqual aus ihnen ruhten — war es der Anblick reichsten ErdenglückeS, der ihr so wehe tat? Sie schien förmlich zusammenzuschrecken, als jetzt die ältere Dame sie aussorderte, sich auf ihrem Zimmer von der Reise etwas zu erholen. Mechanisch folgte sie ihr nach dem Flur hinaus und ließ sich dann von einer beigerufenen Dienerin nach ihrem im oberen Stock gelegenen Zimmer geleiten.
Die alte Dame war wieder in den Salon zurückgekehrt. Lächelnd blickte sie aus das junge Paar, baß sich noch immer umschlungen hielt.