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Beilage 31111t

Nr. 9L Sonnabend, den 6. August 1905.

Lebenskrisen.

Roman von Freifrau G. v. S ch l i p p c n b a ch. (Fortsetzung.)

Es fiel mir auch auf, als wir mit Margarete vom Bahn­hof kamen und bei der Försterei anhielten", sagte Hedda. Weißt du nichts von seinem Vorleben, Max?"

Nur daß er mehrere Jahre in Rußland bei dein Fürsten K. angestellt war; er wurde mir durch den Fürsten warm empfohlen."

Er muß doch etwas Trauriges erlebt haben", meinte Margarete sinnend,er tut mir so sehr leid, der arme Mensch!"

Die junge Herrin von Buchenau war oft in den Hütten der Armen und Kranken; sie wurde dort gern gesehen, denn sie kam nie mit leeren Händen. Auf ihrem Schreibtische hatte sie mehrere Male ein Kuvert mit einer ansehnlichen Geld­summe gesunden.

Für deine Armen", hatte ihr Gatte aus den Umschlag ge­schrieben und freundlicher als sonst hatte sie ihm gedankt.

Einmal fragte er sie, ob sie nicht selbst Geld brauche.

Nein", entgegnete sie kurz,das Taschengeld meines Vaters genügt mir."

Sie trug nur die Kleider, die sie zur Aussteuer bekommen hatte; die kostbaren Toiletten, die Horst für sie auf der Hoch­zeitsreise in Berlin und Wien gekauft hatte, hingen unberührt im Schranke, der Schmuck war verschlossen, es widerstand ihr, ihn anzulegen.

Mütterchen", sagte Hedda eines Tages,möchtest du nicht heute mit mir aussahren? Margarete plant einen weiten Spaziergang durch den Wald. Wir könnten uns gegen sieben Uhr im Forsthause treffen. Die lahme Christel wird uns Waldbeeren und frische Milch vorsetzen; ich nehme ein Körbchen mit Kuchen mit. Der Förster hat mich gebeten, einmal bei ihm vorzusprechen, um mir die jungen Rehzicklein zu zeigen "

Dieser Vorschlag fand Zustimmung. Margarete machte sich schon früher aus den Weg. Sie war ganz weiß gekleidet. Es war ein heißer Tag, und sie nahm den Strohhut ab, als sie den schmalen, schattigen Fußpfad im Walde einschlug. Sie sammelte Farreukräuter und wilde Blumen, die zwischen dem grünen Moose hervorlugten. Frau Roden war eine begeisterte Natursreundin. Mehr als je hatte sie heute das Bedürfnis der Einsamkeit. Vor sechs Jahren lag ihr Mann um diese Zeit todkrank darnieder. Sie dachte wieder an die Tage voll Qual und Sorge, die sie am Bette des Schwerverwundeten verbracht hatte. Die Zeit milderte allerdings ihren Schmerz, aber die Erinnerung blieb und war heute besonders lebendig.

In Gedanken versunken, ging Margarete weiter und weiter; sie achtete nicht mehr aus den Weg. Auch um die Schwester bangte sie. Ihre erzwungene Lustigkeit täuschte sie nicht, es folgten daraus Schauer tiefster Niedergeschlagenheit. Sie quälte Hedda nicht mit Fragen, sie umgab sie mit treuer Liebe und tat ihr dadurch sehr wohl.

Ganz reizend war das Verhältnis der jungen Frau zu ihrer Schwiegermutter, die sie mit kindlicher Liebe umgab, der sie ihre Zeit widmete und freundliche Gesellschaft leistete, sich be­strebend, ihr das fehlende Augenlicht, so gut sie es konnte, zu ersetzen.

Margarete war so in Gedanken versunken, daß sie empor- suhr, als ein Hund in ihrer Nähe laut bellte. Sie hörte Stimmen und lugte durch die Büsche.

So, Mütterchen", sagte eine sreundliche Männerstimme, ich will Euch die schwere Hocke auf die Schultern heben; hier habt Ihr einige Pfennig, kaust dafür eine kleine Stärkung."

Gott segne Sie, lieber Herr", entgegnete eine zitternde Stimme, und eine alte Frau humpelte über den Weg.

Gleich daraus trat der Förster auf die kleine Waldblöße, aus der Margarete stand. Wieder stieg ihm das Blut jäh in die Wangen. Er wollte mit kurzem Gruße weitergehen, aber der Setterhund hatte die junge Frau erkannt und lies freudig bellend auf sie zu.

Margarete streichelte das schöne Tier und sagte:Ich war auf dem besten Wege, mich zu verirren; es ist gut, daß ich Sie traf, Herr Schmitt."

Er stand vor ihr mit der Flinte aus dem Rücken und sah an ihr vorbei, als ob er sich fürchte, ihr Gesicht mit feinen Augen zu berühren.

Meine Schwester und ihre Schwiegermutter sind ausge­fahren", erklärte Margarete,sie wollen in der Försterei vor- sprechen und Ihre alte Magd um eine kleine Erfrischung bitten.

Nein, nein", murmelte Schmitt heftig, indem er in große Aufregung geriet.

Frau Roden war befremdet.

Ist es Ihnen so unangenehm, daß wir für kurze Minuten unter ihrem Dache einkehren?" fragte sie.Meine Schwester freute sich für die arme Blinde über diese kleine Abwechslung."

f ^Sie halten mich wohl für ungastlich?" preßte Schmitt

Ich weiß nicht, was ich denken soll, irgend ein Grund muß vorhanden sein, weshalb Sie so schroff ablehnen."

schwieg nnd hielt den Kops gesenkt.

Rollen Sie, daß ich meine Schwester überrede, ihren Plan auszugeben?" fragte Margarete, da Sie sich in geheimnis­volles Schweigen hüllen?"

»3$ ich kann den Grund nicht nennen, ich kann es nicht."

Wie ein qualvolles Stöhnen klangen diese Worte.

Margarete hatte sich auf einen Baumstumpf gesetzt und ordnete die Farren und Blumen zum Strauße; sie erhob schnell

den Kopf, senkte ihn aber sofort erschreckt vor dem düsteren Blicke, der sie traf. Und doch lag es wie ein stummes, leiden­schaftliches Flehen-darin. Was hatte das zu bedeuten? Sie kannten sich kaum. Welchen persönlichen Anteil konnte Schmitt an Frau Roden nehmen?

Im Walde rief der Kuckuck, so wie damals, als sie ihrem Verlobten entgegengeeilt war, um ihn von der Eisenbahn ab- zuholen. Wie ahnungslos glücklich waren sie und Albert ge- ivefen! Sie konnte seitdem den Ruf des Vogels nie hören, ohne an jenen Tag im Mai ihres Lebens zu denken. Träumend schaute sie in die grüne Wildnis hinein.

Da sagte eine leise Männerstimme neben ihr:

Der Kuckuck ruft von ferne

Es geht mir durch den Sinn,

Sie hat die goldenen Augen

Der Waldeskönigin."

Margarete errötete lebhaft.

Sie kennen Immenses?" fragte sie.

Ja, gnädige Frau, verzeihen Sie mir, daß ich den Vers zitierte, ich wußte nicht, daß ich es laut tat. Wer so einsam lebt, wie ich, verfällt in die Angewohnheit."

Jmmensee ist meine Lieblingsdichtung", sagte Margarete, es macht mich stets traurig, wenn ich das Buch lese, Rein- holds Schicksal geht mir zu Herzen."

Er hat sein Glück selbst verscherzt; dieses Los wird vielen zuerteilt", versetzte Schmitt finster.

Armer Mensch", dachte Margarete,du sprichst wohl aus eigener Erfahrung, ich möchte dir sagen, wie leid du mir tust."

Kann man denn ein Unrecht nicht sühnen?" fragte sie, soll es das ganze Leben vergisten?"

Es gibt Dinge, die sich nicht auslöschen lassen", erwiderte Schmitt hastig, als spreche er zn sich selbst.Jahre kommen und gehen, aber nichts ändert sich. Und oft war nur ein tückischer Zufall daran schuld."

Margaretens sanftes Gesicht war von milder Teilnahme zu dem Sprechenden erhoben.

Sie sehen mich mitleidig an, gnädige Frau, tun Sie es nicht, ich ertrage es nicht, es wirst mich zu Boden und zer­schmettert mich, ich kann später nicht mehr die Ruhe finden, die ich mir bewahren muß, um nicht ein gewaltsames Ende mit mir zu machen."

Margarete ist aufgeftanben, ein himmlisches Licht durch­strahlt ihre Züge.

Ich kenne Sie so wenig", spricht sie sanft,aber auch ich habe Schweres erlebt und verstehe fremdes Leid. Es gibt eine Freimaurerei des Schmerzes, man erkennt die von ihr auserwählten Menschen ohne viele Worte, und die streng er­richteten Schranken der Gesellschaft fallen: der Mensch sieht den Menschen und möchte ihm die Last tragen helfen. Unsere Bekanntschaft ist kurz, aber ich möchte Ihnen ein gutes Wort sagen. Ich weiß nicht, welcher Kummer Sie quält, aber ich weiß, daß ich für Sie beten kann wie für alle, die einsam und traurig sind, und ich will es tun."

Sie Sie wollen das?!" ruft Schmitt und taumelt gegen einen Baum, ein krampfhaftes Zittern geht durch feinen Körper, und ein Fieber scheint ihn zu schütteln.

Erstaunt tritt Margarete einen Schritt zurück.

Ist dieser sonderbare Mensch von Sinnen?

Er errät ihre Gedanken, denn er lächelt unsagbar traurig und sagt leise:Sie müssen mich für verrückt halten, gnädige Frau, ich bin es nicht, aber einst war ich nahe daran, den Verstand zu verlieren. Haben Sie Nachsicht mit mir, Sie sind gut und rein und haben mir in Ihrer Güte wohlgetan, ich ich verdiene es nicht."

Sie schreiten neben einander her, Schmitt voran. Er teilt die Büsche, damit die Zweige Margarete nicht belästigen; sie sind verstummt. Einmal strauchelt sie über eine Wurzel, da packt der Förster sie am Arme; fast schmerzhaft ist der Eindruck feiner Finger.

Entschuldigen Sie", sagt er kurz,ich bin ein rauher Mensch, der nicht zart zu sein versteht."

Und doch waren Sie es gegen die alte Frau."

Ich lebte viele Jahre im russischen Urwalde; wochenlang hatte ich keine andere Gesellschaft als die meines Hundes, da verlernt man eS, mit Damen umzugehen."

Sie sind ein Menschenfeind?" fragt Margarete lächelnd Warum leben Sie nicht lieber in einer Wüste? Hier müssen Sie mit anderen Wesen, als nur mit viersüßigen zusammen­kommen, mit uns zum Beispiel."

Unter dem Schatten ihres großen, weißen StrohhuteS sieht sie so reizend nnd mädchenhaft aus, daß Schmitt den Blick nicht von ihr wenden kann. Ohne daß er es ahnt, verraten seine Augen ihr, daß er sie entzückend findet.

Füchse und Rehe, Hasen und Dächse bilden noch immer meine liebste Gesellschaft", sagt er schroff.

Sie sind offen", ruft Margarete, -aber das gefällt mir."

Ein leises Lächeln irrt um seine Lippen, das erste, das sie gesehen hat, und es macht ihn um Jahre jünger, dann er­widert er:Ich danke Ihnen dafür, gnädige Frau."

Ich wünsche ihm etwas Sonnenschein", denkt Margarete, vielleicht bringt daS Leben eS ihm noch einmal."

Beiden scheint es, als ob sie sich schon lange kennen. Nun sprechen sie lebhaft zusammen; durch die grünen Hallen des Waldes zieht des Sommers schwüler Odem.

Schmitt ist ebenfalls ein begeisterter Freund der Natur. Er beschreibt die wilde Schönheit des Kaukasus und die Poesie der weiten russischen Steppen, er schildert den Urwald, in dem er gelebt hat. Margarete glaubt alles vor sich zu sehen und denkt:Er ist ein Poet trotz seines schlichten Rockes, und er ist ein gebildeter, kluger Mensch, mit dem man sich nicht langweilen kann." c

Das weiße Haus mit den grünen Läden und Geweihen leuchtet zwischen den Stämmen der Bäume hervor. Schmitt

verlangsamt seine Schütte, als er sich seinem Heim nähert.

Ich danke Ihnen für diese Stunde", sagt er,ich werde sie nicht vergessen; Sie wissen nicht, wie viel Sie mir geschenkt haben, gnädige Frau."

O, ich hoffe, wir treffen uns wieder einmal", entgegnet Margarete freundlich, mit mehr Herzlichkeit, als sie sonst einem fast Fremden gezeigt hätte. Woran liegt es wohl? Sie weiß es nicht, es ist ihr, als bestehe irgend ein geheimer Zusammen­hang zwischen ihr und dem Förster.

Vor dem Forsthause unter der tveittvipfligen Buche hält die Ponyequipage, und die alte Christel deckt in der Laube von Jasmin ein Tischchen. Duftige, scharlachrote Walderd, beeren, Milch und Gebäck stehen auf dem groben weißen Tisch­tuche und laden zum Zulangen ein. Frau von Horst und Hedda sitzen wartend auf den Rohrstühlen.

(Fortsetzung folgt)

Vermischtes.

Stettin, 2. August. Auf dem Dammschen See kenterte ein Segelboot mit sieben Personen; zwei von ihnen ertranken.

Mannheim, 3. August. Der Schlosser Will- hauk schoß gestern abend seiner von ihm getrennt lebenden Frau und darauf sich selbst eine Kugel vor den Kopf. Beide sind lebensgefährlich verletzt. Die Veranlassung zu der Tat gab die Weigerung der Frau, zu ihrem Manne zurückzukehren.

St. Johann, Saarbrücken, 2. August (Amtlich). Gestern abend gegen 10 Uhr fuhr der Güter­zug Nr. 1246 in Kilometer 105 im Fahrgleis Urbach-Saar- brücken auf den vor dem Einfahrtssignal liegenden Güter- zug N. 1238. Bei dem Unfall wurde ein Lokomotivführer schwer, aber nicht lebensgefährlich, und zwei Beamte leicht verletzt. Es entgleisten der Tender der auffahrenden Loko­motive und 23 Wagen. Die Materialbeschädigung ist be­deutend. Der Verkehr wird durch Umleiten auf Neben­gleise aufrecht erhalten. Die Ursache des Zusammenstoßes liegt an unrichtiger Zugabmeldung.

Klagenfurt, 2. August. Der Eisenbahnbeamte Georg Bourdon aus München ist von der kahlen Zinne abgestürzt. Er erlitt einen Schädelbruch. Sein Begleitet, der ihn an einem Seile festhalten wollte, hat sich erheblich an der Hand verletzt.

(LeichtsinnigerVersprechen.) In unan­genehmer Lage befand sich jüngst der Chefredakteur eines in Helfingborg erscheinenden Blattes. Eine Anzahl schwe­discher Arbeiter aus Helsingborg hatte zu Gunsten Nor­wegens und der separatistischen Bewegung eine Sympathie­kundgebung veranstaltet. Um diesen Arbeitern eine Lektion zu erteilen, veröffentlichte der Chefredaktur in seinem Blatte einen Leitartikel, der mit folgenden Worten schloß:Mögen sie doch nach Norwegen gehen, da sie dieses Land so ffhr lieben! Niemand wird sie hier zurückhalten und vermissen. Wir wollen ihnen sogar die Reise bis zur norwegischen Grenze bezahlen." Am nächsten Morgen erschienen fünf Arbeiter im Redoktionsbureau und baten den Chefredakteur um da» versprochene Reisegeld. Er hatte Mühe, ihnen auseinanderzusetzen, daß sein Versprechen nur bildlich ge­meint war. Während dieser Unterhaltung füllten sich das Wartezimmer, der Redaktionssaal, die Bureau», die Vor­halle, die Flurgänge, die Trespen mit Arbeitern, die sich alle Geld für die Fahrkarte nach Norwegen holen kamen. Da Zuzug nicht ferngehalten wurde, standen die Arbeiter selbst auf den Straßen noch in langen Reihen. Der Re. dakteur stand vor der grausamen Alternative, allen Arbeitern da» versprochene Reisegeld auszuzahlen und Konkurs anzu- melden oder sein Wort zu brechen und die reiselustigen Arbeiter hinauszuwerfen. Er entschied sich für das letztere, aber sein Nimbus ist für immer dahin!

(Humoristisches.) (Aus derJugend".) Wahres Geschichlchen. Ein Hauptlehrer überreicht seinem Vorgesetzten Inspektor das Entlassungsgesuch einer älteren Lehrerin. Bei flüchtigem Einblick in das Schreiben findet der alte Herr als Grund für das Scheiden aus dem Amte Beabsichtigte Heirat" angegeben.Ich hätte nicht gedacht," meinte er,daß wir die alte Schraube auf diese Weise noch los .würden! Wer ist denn darauf rein gefallen?" Ich, Herr Inspektor!" Eine schlaue Falle. Lessing war oft außerordentlich zerstreut. Eine Zeit lang vermißte er öfters Geld, ohne den Dieben auf die Spur zu kommen Nun beschloß er, die Ehrlichkeit seines Dieners auf die Probe zu stellen, und ließ eines Tages eine Anzahl Geld­stücke beim Ausgehen auf dem Tische liegen. Unterwegs erzählte er einem Freunde von der Falle, die er seinem Diener gestellt.Natürlich hast Du doch da» Geld ge­zählt?" bemerkte dieser.Gezählt?" wiederholte Lessing, nein, das habe ich ganz vergessen!"

(D e n S o h n e r sch o s s e n.) In Löttringhausen bei Dortmund erschoß der 60jährige Invalide Kretz, seinen Sohn statt seiner Frau, die er treffen wollte. Der Mörder hat sich bewaffnet in den Wald geflüchtet.

In dem Orte Wellmeadow (Wales) gab es vorgestern in einer Menagerie eine große Panik. Während einer Vorstellung brach eine Löwin aus. Die Zuschauer eilten in wilder Flucht dem Ausgange zu, wobei Kinder und Frauen umgeworfen und unter die Füße getreten wurden, glücklicherweise ohne ernstliche Verletzungen zu er­leiden. Die Löwenjagd ging dagegen nicht ohne Verletz ungen ab. Das Personal der Menagerie versuchte nämlich die Löwin zu erschießen. Dabei erhielt ein Zuschauer einen Schuß ins Bein und eine Frau wurde in ihrem verschlos­senen fHause durch ein fehlgehendes Geschoß, das die Tür durchschlug, ebenfalls ins Bein getroffen.