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herrselder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Sernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 84.

Donnerstag, den SO. Juli

1905.

Amtlicher teil.

Königliche Lehranstalt für Wein-, Dbst- nnd Gartenbau.

Wir bringen hiermit zur Kenntnis, daß an der hiesigen Lehranstalt 1) ein Obstverwertungskursus für Männer in der Zeit vom 21. bis 26. August d. I., 2) ein Obstverwertungskursus für Frauen in der Zeit vom 28. August bis 2. September d. I. abgehalten werden. Die Kurse beginnen jedesmal an den zuerst genannten Tagen Bormiltags 9 Uhr. Der Unterricht wird theo­retisch und praktisch erteilt, so daß die Teilnehmer Gelegenheit haben, die verschiedenen Verwertungsmethoden einzuüben.

Der Unterricht umfaßt: Obstweinbereitung und Behandlung desselben im Keller, Bereitung von Essig, Branntwein und Beeren­wein; Schaumweinbereitung; Untersuchung des Mostes auf Zucker und Säure. Bereitung von Gelee, Marmelade und Herstellen von Konserven und Obstsäften; Dörren des Kern- und Steinobstes und des Gemüses. Obsternte. Aufbewahrung und Verpackung des frischen Obstes. Das Honorar beträgt 6 Mark, für Nichtpreußen 9 Mark. Unterkunft für die Frauen besorgt die Direktion, an welche auch die Anmeldung zu den Kursen bis spätestens 14 Tage vor Beginn derselben zu richten sind.

Geisenheim a. Rh, den 3. Juli 1905.

Der Direktor Prof. Dr. Wo r t m a n n.

Königliches Landratsamt.

Sprechstunde: Täglich von 912 Uhr

an den Wochentagen vormittags.

nichtamtlicher teil.

Kill Hülfsmittel des Wmks.

Unter den Mitteln zur Hebung und Förderung des Handwerkerstandes steht ohne Frage eine erweiterte und vertiefte Bildung feiner Mitglieder obenan. Man sagt in der Tat nicht zu viel, wenn man behauptet, daß die Hand­werkerfrage zum guten Teil eine Bildungsfrage ist. @6 läßt sich leider nicht verkennen, daß die Bildung zahlreicher Handwerker den gesteigerten Anforderungen der Zeit nicht entspricht, und zwar gilt dies vielfach auch von der jüngeren Generation, auf der doch die Zukunft des gesamten Standes beruht.

Die Gründe für diese Erscheinung Hub mehrfacher Art. Viele Lehrlinge genießen ihre Ausbildung in Betrieben, in welchen nur bestimmte Spezialartikel angefertigt werden, andere wieder werden, obwohl der Betrieb selber mannig­fache Waren erzeugt, doch nur fortdauernd zu einer gewissen Teilarbeit verwandt. In beiden Fällen muß sich die Aus­bildung des Lehrlings notwendigerweise einseitig gestalten. Endlich genießen viele Lehrlinge auch den Unterricht eines Meisters, der selber hinter den neuzeitlichen Anforderungen durchaus zurückgeblieben ist, und noch dazu in Betrieben,

Lebenskrisen.

Roman von Freifrau G. v. S ch l i p p e n b a ch.

(Fortsetzung.)

Ich kann nicht von ihr lassen", stöhnte der Liebende und krallte seine starken Hände in das feuchte Moos des Waldes, während sich sein Körper in namenloser Qual wand. Wenn er nach seinen einsamen Streisereien durch Wald und Feld tod­müde nach Hause kehrte, dann verlangte seine Mutter nach ihm, dann lächelte ihn das bleiche, rührend geduldige Antlitz an, und die erloschenen Augen, denen das Licht fehlte, sahen mit leerem Ausdrücke an ihm vorbei. Max warf sich vor dem Stuhle der Blinden aus die Kniee, und sie legte die kühle, welke Hand auf seine klopfenden Schläfen.

Mutter, segne mich", bat er leise.

Du hast einen Kummer, mein Kind", sagte sie,deine Stimme klingt anders als sonst. Was quält dich?"

Es ist nichts, Mutter", versicherte er unb bemühte sich, froh zu scheinen.

Ich freue mich so sehr, daß du nun ganz im lieben Buchenau bleibst", fuhr grau von Horst fort,das wird ein schönes Leben werden. Dieser Ort ist mir lieb wie kein anderer Ort auf der Welt; ich kann mir nicht vorstellen, daß ich in andern Räumen leben könnte, hier fühle ich meine Ab­hängigkeit weniger."

Der Sohn der Blinden saß still da. Er hatte den Kopf in beide Hände gestützt, ein verzweifelter Ausdruck prägte sich in seinem Gesichte aus. Wie Dolchstiche waren die Worte der Ahnungslosen; sie zerrissen ihin das Herz. Er dachte daran, daß er sie von hier sorttreiben wollte, daß er ihr die Freude ihrer letzten Jahre durch seine Selbstsucht zu rauben im Be­griffe stand. Konnte des Himmels Segen auf dem Bunde bcn, der sich auf Mangel an kindlicher Rücksicht gründete? Wie sollte er in Zukunft den Unterhalt für drei Menschen ver= bleuen? Zum Offizier erzogen, war er durch seinen Unfall aus der Shpäre geschlendert, in die er hineingehörte. Es mufften Jahre vergehen, ehe er an die Begründung der eigenen Häuslichkeit denken konnte. Viola war sehr verwöhnt, ein ge­

die hinsichtlich der Art ihrer Ausstattung und Einrichtung dem Schüler einen gänzlich unzureichenden Lehr- und An- schauungsstoff darbieten. Da ist es denn kein Wunder, daß sich in der Bildung des Handwerkernachwuchfes Lücken und Mängel ergeben, zu deren Beseitigung selbst der gewerbliche FortbildungS-Unterricht nicht ausreicht.

Ein Mittel nun, hier helsend und ergänzend einzusetzen, sind die Lehrwerkstätten, deren Einrichtung und Ausbau man sich in der Gegenwart bereits mehrfach mit bestem Erfolge zugewandt hat. Ihre Aufgabe ist im wesentlichen eine dreifache. Zunächst sind dieselben bestimmt, die hand­werksmäßig-technische Ausbildung der Zöglinge zu vervoll­kommnen. Es soll insbesondere dadurch, daß den Lehr­lingen Gelegenheit gegeben wird, sich mit dem Gebrauche möglichst zahlreicher Werkzeuge und maschineller Hülfsmittel vertraut zu machen, auf eine größere Vielseitigkeit in den Fertigkeiten des Berufes hingearbeitet werden. Da aber das Handwerk, wenn anders es sich im Konkurrenz-Kampfe mit dem Fabrik Betriebs lebenskräftig behaupten will, in fast allen feinen Zweigen auch kunstgewerbliche Leistungen aufweisen muß, so tritt als zweite Aufgabe der Lehrwerk­stätten die zeichnerische und kunsthandweikliche Ausbildung hinzu. Durch künstlerische Vorlagen und Uebungen in ihrer Nachbildung wird seitens der Lehrwerkstätten versucht, Formensinn und Kunstverständnis wachzurufen und zu pflegen. Mit der technischen Ausbildung allein aber, selbst wenn diese kunstgewerbliche Höhe erreicht, ist es heutzutage auch nicht mehr getan. Der Handwerker muß, um sich dem gesteigerten Wettbewerbe gegenüber behaupten zu können, gleichzeitig Kaufmann sein, und deshalb sieht das Programm der Lehrwerkstätten als dritten Zweck kauf­männische Ausbildung, besonders in der Buchführung, vor.

Aus alledem geht wohl hervor, daß die Lehrwerkstätten tatsächlich berufen sind, eine wichtige Mission für den Handwerkerstand zu erfüllen. Es ist deshalb aber auch dringend zu wünschen, daß demselben von allen berufenen Organen rege Sympathie und tatkräftige Unterstützung zu­teil werde.

Ae Vorgänge in

Das Bulyginsche Projekt einer Reichsversammlung auf ständischer Grundlage findet bei den Parteien in Rußland, die eine durchgreifende und für die Zukunft Garantie bietende Umwandlung des ganzen SlaatssylemS wünschen, lebhaften Widerspruch. In Finnland wie in Moskau, wo morgen der Kongreß der Semstwovertreter stattfinden soll, zeigt sich in schärfster Weise die oppositionelle Stimmung gegen das jetzige Regime.

Nach einer Mitteilung der russischen Regierung haben die revolutionär gesinnten Arbeiter in Tiflis, dem Zentrum der kaukasischen Ausruhrbewegung, sich nicht gescheut, anders denkende Kollegen durch Gift aus dem Wege zu schaffen.

ringes Einkommen genügte ihr nicht, und Horst sträubte sich dagegen, ihr Einschränkungen aufzuerlegen. Es heißt, daß Armut das Grab der Liebe ist. Wie, wenn sie in den klein­lichen Sorgen des Lebens schwand, wenn Viola ihm einst Vorwürfe machen konnte? Sollte sie weiter auftreten nnd an einem einzigen Abende mehr verdienen, als es vielleicht die angestrengte Arbeit ihres Gatten in Wochen vermochte? Nein, nein, gegen eine solche Demütigung bäumte sich der Stolz des Mannes, seine Ehre erlaubte es nicht, daß sie für ihn arbeitete.

So verging die Zeit. Von Kämpfen zerrissen, weilte Horst in Buchenan in schwerer LebcnskrisiS.

Eines Tages bekam er einen Blies der Schauspielerin. Sie überschüttete ihn mit bitteren Vorwürsen und Anklagen, denn er hatte sich nicht entschlossen, ihr 51t schreiben. Die wahre Natur der von ihm geliebten Frau trat kraß ans ihren Zeilen hervor und raubte ihr etwas von dem Nimbus, der sie bisher umgebe» hatte.

Zu Maxens Herzen wallte ein böser Zwiespalt auf; zum ersten Male fiel die gleißende Maske. Er ging zu seinem Onkel und erklärte sich bereit, die heimliche Verlobung zn lösen. Mit blutendem Herzen fügte er sich dem eisernen Mnß um der Mutter willen.

Der Oberst schüttelte dem Neffen erfreut die Hand.

Dn tust das einzig Richtige, mein Junge", sagte der alte Herr,ich trete dir Buchenau ab, und von heute au bist du hier der Besitzer; ich ziehe »ach Wiesbaden."

Ich muß ihr schreiben."

Dieser Gedanke quälte Max und raubte ihm den Schlaf und die Ruhe; er hetzte ihn rastlos umher., Er formte in den einsamen Stunden die Worte, aber sobald er sich an den Schreibtisch setzte, versagte die Hand den Dienst, nnd das Bild Violas schwebte berückend vor seinen Augen.

Alle seine Schwüre waren falsch gewesen. Sie mußte an den Menschen zweiseln, ihre Liebe war getäuscht worden. Mußte sie sich nicht in Haß verwandeln?

Um der Mutter willen."

Dieses Wort war die mächtige Triebfeder, die ihn die eigenen heißen Wünsche hintansetzen ließ. Mit diesen Worten wollte

Petersburg, 18. Juli. Die Regierung veröffent­licht im Regierungsboten eine Bekanntmachung, in der es heißt: Die russischen Arbeiter der Eisenbahn-Werkstätten in TifliS, gegen tausend Mann, waren seit Beginn der Un­ruhen in der Stadt das Ziel der systematischen Ver­folgungen der Agitatoren. Am 14 d. M. wurde ein feige» Attentat auf die Arbeiter unternommen, die sich widersetzten und noch den Machenschaften der Revolutionäre Widerstand entgegenstellten. Um 8 Uhr morgens erkrankten 20 Ar­beiter, die zuerst von dem für sie bereiteten Tee genommen hatten, unter Zeichen von Vergiftung. Zehn von ihnen starben sofort, während fünf andere noch ernstlich und die übrigen fünf weniger schwer krank daniederliegen. In dem Teekessel wurde Arsenik gefunden.

Zu der Meuterei aus dem,Fürst Potem- k i n" äußerte sich jetzt auch der russische Admiral, der die Aufgabe gehabt hatte, das Schiff mit allen Machtmitteln unschädlich zu machen. Er entschuldigte sich nun selbst da­mit, daß er sich aus seine eigenen Mannschaften nicht habe verlassen können.

Admiral Krieger erklärte einem Interviewer: Er hätte alles vorbereitet, um das meuternde Schiff, denPo- temfin", durch Torpedos in die Luft zu sprengen, zögerte aber damit bis zum äüßersten Moment, um dies schönste Schiff der Schwarzmeerflotte nicht der Vernichtung preiszugeben. Außerdem hätte er auch noch mit der rebellischen Stimmung auf den anderen Schiffen rechnen müssen. Das Gerücht, daß er um feinen Abschied nach­gesucht, beruhe auf Erfindung; ebenso sei ihm kein Befehl in dieser Beziehung zugegangen. Er werde ruhig im Dienst verbleiben; es möge dann ein unparteiisches Gericht seine Angelegenheit untersuchen. Er, Krieger, würde sich diesem beugen.

Aus Kurland werden Attentate gemeldet, deren Motive allerdings noch nicht klar sind. In Sessau wurde der Kirchenvorsteher Baron Bistran von Aufrührern er» schössen. Auch auf den Baron Hahn-Platan wurde ge. schössen, doch wurde er durch einen Müller gerettet, der selber einen Schuß in den Unterleib erhielt. Fürst Lieven, der Adelsmarschall von Kurland, ist sofort nach Petersburg abgereist, um energische Maßnahmen der Regierung gegen­über der Untätigkeit der Administration durchzusetzen.

Das Gerücht von Unruhen auf dem KreuzerMinin" - in Reval wird vom Kommandanten dieses Kriegsschiffes als unbegründet erklärt. Im russischen Heere spukt der Geist der Meuterei und Disziplinlosigkeit weiter. In Lodz meuterten Mannschaften des Jekaterinenburgschen Infanterie- Regiments gegen ihre Offiziere. Es kam zu einem blutigen Zusammenstoß, bei dem 1 Mann getötet, mehrere verwundet wurden. Die Meuterer wurden schließlich überwältigt und gefesselt nach der Festung Jwangorod gebracht. Auf der Station Pelsowina der Weichselbahn wurde ein Gen. darmerieoffiier von drei Unbekannten durch Revolverschüsse

er seine Liebe einsargen. Aber Viola konnte ihn nicht ver­stehen, sie, die gewohnt war, an sich zn denken, jedes Hinder­nis kalt beiseite zu schieben, wenn es sich um die Verwirklichung eines selbstsüchtigen Wnnsches handelte.

Endlich schrieb er folgendes:

Viola, wir können nie zn einander kommen, Verhält- nisse, über die ich keine Macht habe, trennen uns. Vergessen Sie nach unb vergeben Sie mir. Max Horst."

Nach einer Woche hielt er ihre Antwort in der Hand. Sie schrieb ihm:

Du hast mit mir gespielt, Max, und lösest unsere Ver­lobung. Die Folgen mögen über Dich kommen. Ich füge mich zähneknirschend, denn ich habe Dich geliebt, wie Dich kein Weib lieben wird. Es ist gesährlich, daS Fener zu entfachen, um es dann brutal niederzutreten. Hüte Dich, daß es Dich nicht noch einmal vernichtet.

Viola Sternan."

Horst starrte lange auf die kurzen Worte. Dann ging er zu seinem Onkel und sagte ihm, daß er frei sei.

Aenßerlich frei", dachte er,aber ich kann sie nicht ver­gessen ; ich liebe sie trotz ihrer Schattenseiten."

Der Oberst ahnte nicht die Tragweite dieses Schrittes, hielt alles für Jngendtorheit, die wohl fast jeder junge Mann durch, machen mußte.

Bravo, mein Sohn, aber nun habe ich noch eine Bitte."

Max hob langsam die müden Lider. Ein düsteres Jener brannte in seinen Augen; er hatte das Gefühl, daß er eine schwere Krankheit hinter sich hatte.

Ja, lieber Onkel", sagte er mechanisch,was soll ich noch tun? Da ich das größte Opfer brächte, bin ich zu allem bereit."

Ich möchte, daß du heiratest, natürlich ein Mädchen unseres Standes."

Max schauderte heftig, er rang nach Worten.

Laß mir Zeit", flehte er,laß mir Zeit, Onkel, jetzt kann ich noch nicht daran denken."

Er entfernte sich, er schwankte Die kräftige, stolze Gestalt war gebeugt wie die eines alten Mannes.

Einige Wochen später brachten die Zeitungen die Nach-