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herrfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 77.
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Dienstag, den 4. Juli
1905
Amtlicher teil
Hersseld, den 1. Juli 1905.
Im Monat Juni d. Js. sind dahier für nachbezeichnete
Herren Jagdscheine ausgestellt worden:
A. Jahresjagdscheine.
a. entgeltliche:
am 5/6. für Kaufmann Oskar W. Bennert aus Antwerpen;
„ 8/6. „ Rittergutsbesitzer Otto Nordhaus zu Hof Mei- febach;
„ 13/6. „ Leutnant Eduard Zimmermann aus Glogau;
„ 14/6. „ Gutsbesitzer Karl Wilhelm Seybert in Lauten- hausen;
„ 15/6. „ Major Freiherr von Buttlar aus Darmstadt;
„ 16/6. „ Rechtsanwalt Suntheim in Hersfeld;
„ 17/6. „ Volontair Walter Oeser zu Eichhos;
„ 20/6. „ Kaufmann Wilhelm Gies in Hersfeld;
„ 21/6. „ Volontair Hermann Röder daselbst;
„ 21/6. „ Lederfabrikant Christian Rechberg daselbst;
„ 24/6. „ den Arzt Dr. med. Prüß in Heringen a/W.; b. unentgeltliche:
„ 2/6. „ Königlichen Förster Radeck zu Forsthaus Hilmes;
„ 24/6. „ Königlichen Oberförster Wendt in Friedewald.
B. Tagesjagdscheine.
Keine!
Der Königliche Landrat Freiherr von Schleinitz, Geheimer RegierungS-Rat.
Hersfeld, den 29. Juni 1905,
Für den am 14. August 1895 zu Beenhousen geborenen Johann Heinrich Hottenroth, wohnhaft zu Rohrbach, ist um Entlassung aus dem preußischen StaatSverbande behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht worden.
I. I. Nr. 4110. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer NegierungS-Rat.
Hersfeld, den 29. Juni 1905.
Die unter dem Schweincbestande des Jakob Nuhn in Asbach ausgebrochene Rotlausseuche ist erloschen. l 4455. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer RegierungS-Rat.
Angenrod, den 26. Juni 1905.
Bekanntmachung
Interessenten, insbesondere auch den Herren Gemeindevorstehern die ergebene Mitteilung, daß der Bezirkszuchtverein Als- feld gelegentlich des am 12. Juli d. I. in Alsfeld (Oberhessen) stattfindenden sogen. Kirschenmarktes einen Zuchtviehmarkt von Bullen, Kühen und Rindern der Simmenthaler Race abhalten wird.
Goldsucher.
Roman von Edela Rüst.
(Fortsetzung.)
„Sagen Sie mal, Torfstecher, sind Sie, mit Erlaubnis zu sageu, Sozi?"
„Nicht zufpitzen, nicht so zufpitzen . .“ mahnte der Superintendent und trank und strich sich begütigend über den Hinterkopf.
Aber Torfstecher, der sich immer mit Wallentin in den Haaren lag, bellte doch noch einmal:
„Man kaun etwas Schlimmeres sein als ein Sozi . . ." „Jawoll, ein Junker ..."
„Aber meine Herren ....!" Der Superintendent strich dreimal schnell hintereinander über den Streber hintcn- weg, das war ein Zeichen, daß es ihm ungemütlich wurde und er zum Aufbruch bereit war.
Strcsiu drückte ihn sanft auf deu Stuhl zurück: „Grault uns nicht hier den Superintendenten weg — dazu ist's noch zu früh I Und übrigens sind wir hier alle gesinuungstüchtige Leute, nicht Sozi, nicht Junker! Wir haben ’ne Meinung, sowohl!
„Ja ja ... ja ja . . ." machte der Direktor.
So in dem Stil ging es alle Sonnabend abend hier im Restaurant zu, manchmal zu vieren, manchmal zu zwanzig, wie sich machen ließ, und Arbeit oder Wetter oder Familien- berhältnisse kein Veto einlegten.
* *
*
Im Westen Berlins, ganz nahe am Wintcrscldplatz, holte Eva von Coßnitz ihr Heim anfgeschlngeu. Bei Frau Amtsgerichtsrat von Wetterbusch, einer Jugendfreundin des Hauses Coßnitz. Man wußte sich einstmals sogar zu erzählen, daß Coßnitz einen Posttag zu spät gekommen sei. Wcttcrbusch Hatte den Abend vorher ungehalten und das Jawort erhalten. Man konnte nie wissen, ob der einigermaßen tolle Coßnitz es crnst meinte oder nicht. Darum war sie den geraden, sicheren Pfad mit Wetterbusch gegangen.
Vorgeführt werden nur solche Tiere, welche ins Provinzial- Herdbuch oder Jungvieh-Register eingetragen sind und von Original- bezw. reinrassigen, vielfach prämürten Tieren abstammen.
Gemeinden ist besonders Gelegenheit geboten, vorzügliche sprungfähige Bullen anzukaufen. — Der Auftrieb findet am 12. Juli d. Js., Vormittags 7 Uhr auf den Lindenplatz in Alsfeld statt. Zum Besuche des Marktes wird freundlichst eingeladen.
Der Vorstand des Bezirkszuchtvereins Alsfeld. Pfannstiel, Direktor.
Königliches Landratsamt.
Sprechstunde r Täglich von 9—12 Uhr
an den Wochentagen vormittags.
nichtamtlicher teil.
Las kiakamaie» ländlicher und Wischer Weiter.
Tausende und Abertausende ländlicher Arbeiter verlassen alljährlich die heimatliche Scholle, um in der Großstadt das erträumte Eldorado zu suchen. Die meisten aber sehen sich alsbald arg enttäuscht und werden inne, daß ihrem Streben nach der Großstadt falsche Vorstellungen über die Lage der großstädtischen Arbeiter im Verhältnis zu derjenigen der ländlichen zugrunde gelegen haben. Einen sehr schätzenswerten Beitrag zu dieser Frage hat vor einiger Zeit der Vorsteher des Arbeiteramt» der Landwirtschasts, kammer für die Provinz Brandenburg Heinrich Szagunn mit einer vergleichenden Zusammenstellung der Einkommens- Verhältniste der landwirtschaftlichen Arbeiter in der Provinz Brandenburg und derjenigen der gewerblichen Arbeiter in Berlin geliefert. Aus der Reihe der landwirtschaftlichen Arbeitschaft hat er diejenigen herausgeristen, die den Typus dieses Standes am ausgeprägtesten in sich verkörpern, also die Tagelöhner, Drescher Deputanter, Pferdeknechte, Kuh' fütteret u. s. w., und diesen von den gewerblichen Arbeitern Berlins die ungelernten verheirateten Arbeiter gegenüber- gefieOt, die hinsichtlich der Vorbildung, Intelligenz und Leistungsfähigkeit auf der Höhe der landwirtschaftlichen Arbeiter stehen und meistens auch vom Lande stammen.
Unser Gewährsmann berechnet das Jahreseinkommen der ländlichen Arbeiterfamilie aus dem Lohne des Mannes, dem der Frau, den Einnahmen, die der Hofgänger bringt, ferner aus Tantiemen uno Gratifikationen, Akkordarbeiten über Tagelohn, aus dem Verdienste durch Viehhaltung und Ackernutzung sowie endlich aus Naturalien und sonstigen Bezügen. Der Wert der Wohnung ist hierbei wegen Der obwaltenden großen Unterschieds nicht mitberechnet, die
Zwischen Eva und Suse von Wetterbusch stellte sich bald ein herzliches Verhältnis her. Evas heitere Seite ihres Tempe- ramenteS trat etwas mehr in den Vordergrund. Ihr war nach einigen Monaten zumute, als hätte sie ihre melancholische Sehnsucht verloren, zu der ihre frühere Umgebung sie getrieben Mit Frau Suse konnte auch wirklich niemand melancholisch und sentimental sein. Wetterbusch hatte sie die „Heitercitei" getauft und so hieß sie auch heute noch bei allen ihren Freunden, deren sie zu Dutzenden besaß.
Eva war mit Frau von Wetterbusch in einer Wohltätig- keitsmatinee gewesen. Es hatten einige Sterne erster Größe gesungen, und Eva lag noch ganz kunstberanscht auf ihrem Sofa und nippte eine Tasse Kaffee langsam aus, als ihr ein Rvlflpostbrief gebracht wurde. Kollmanns sahen am Abend ein paar Leute bei sich, Eva sollte pünktlich zu Tisch tommen, man wollte hinterher noch gemeinsam den Empfangs- abend eines jüngeren Malers besuchen: „. . . es.würde sehr interessant werden!"
Fran Knustmaler Kollman», geb. Stresiu, sah alle Woche wenigstens einmal „ein paar Leute" bei sich und fand immer alles um sich herum sehr (sie unterstrich das „sehr" stets) interessant.
Sie fand bei Kollmanns zwei Damen und zwei Herren, denen sie dort bisher noch nicht begegnet war. Die Damen, Kolleginnen von Frau Aliue. Der dunkle Herr ein Musiker, der Blonde würbe ihr als Kammerherr, Wilhem Besorge, vorgestellt.
Man ging sofort zu Tisch. Eva am Arm des Kammerherrn, Fran Äline mit dem Musiker, und Kollmann führte die beiden eigentümlich frisierten Malerinnen. Patric Swansen, der Musiker, saß Eva gegenüber, er war Amerikaner. Sein Deutsch ließ noch viel zu wünschen übrig, aber er sprach viel und sehr lebhaft, und Augen und Zähne blitzten fast grell in dem rotgedämpften Gaslicht der Rieseuhäugelvmpe. Kollmanns gaben etwas aus Beleuchtung; es steckte ein gewisses Rasfine mcnt darin, wie eS Eva bei anderen Familien, durch Frau von Wetterbusch eiugeführt, noch nirgend bemerkt hatte.
„Wirklich ein kleines Paradies habt ihr cnch geschaffen I" rief der Kammerherr in Ekstase
Kosten für die Hofgänger find in Abzug gebracht worden. Nach dieser Berechnung beläuft sich das jährliche Durchschnittseinkommen einer ländlichen Arbeiterfamilie für den Regierungsbezirk Frankfurt a. O. auf 1177 Mk., im Gc- samtdurchschnitte der Provinz Brandenburg mithin auf 1221 Mk, wobei, wie bemerkt, die freie Wohnung außer Ansatz bleibt.
Demgegenüber gelangt Szagunn auf Grund sehr sorgfältiger Ermittelungen für die Berliner Arbeiterfamilien der oben bezeichneten Kategorie zu einem Durchschnittseinkommen von 1290 Mark. Bringt man davon die Wohnungs- miete in Höhe von 276 Mark in Abzug, so bleiben für den sonstigen Unterhalt der Familie noch 1014 Mark übrig. Die landwirtschaftlichen Arbeiterfamilien der Provinz Brandenburg erscheinen demgemäß, selbst wenn man die Kosten des Lebensunterhaltes auf dem Lande und in der Reichshauptstadt als gleich hoch annimmt, um ungefähr 20 Prozent besser gestellt als die Familien der ungelernten Industriearbeiter Berlins. In Wirklichkeit aber sind bekanntlich die Kosten des Lebensunterhalts in der Großstadt weitaus höhere als auf dem Lande, so daß der Vergleich noch be- deutend günstiger für die Landarbeiter ausfädt. Auch darf man nicht vergessen, daß Arbeitslosigkeit auf dem Lande so gut wie garnicht vorkommt.
Alles in allem dient daher auch die dankenswerte Zusammenstellung Szagunns wieder zur Bestätigung der alten Wahrheit, daß die Landarbeiter in ihren EinkommenS-Ver- Hältnissen durchschnittlich nicht nur nicht hinter dem Gros der großstädtischen Industriearbeiter zurückstehen, sondern daß sie vielmehr wesentlich besser und sorgenfreier als diese gestellt sind. Hieraus aber ergibt sich als praktische Schlußfolgerung von neuem die Mahnung an die Landarb-i'ec: Lasset euch nicht betören von den lockenden Bildern des Großstadtlebens, sondern bleibet zu eigenem Nutz und Frommen daheim auf der ländlichen Scholle.
Lie Meuterei in der russischen Marine.
Ein unheimliches Dunkel ruht noch über der weiteren Entwicklung der Meuterei auf dem „Knjär Potemkin" und ihren Folgen. Während einige Meldungen dabei beharren, das Schiff habe sich bedingungslos der Regierungsflotte ergeben, behaupten andere mit Bestimmtheit, die Meuterei habe sogar auf weitere Kriegsschiffe übergegriffen.
London, 1. Juli. Eine Privatdepesche aus Odessa besagt, daß jetzt auf fünf russischen Kriegsschiffen Meuterei ausgebrochen ist; sie drohen mit einem Bombardement der Stadt.
London, 1. Juli. Der Odessaer Korrespondent der Daily Mail gibt in einer nach Mitternacht aufgegebenen Depesche an, die Nachricht von der Uebergabe des „KnjäS Potemkin" sei nicht wahr, im Gegenteil hätte sich die Besatzung des Schlachtschiffes „Geori Pobjedonoszew" den
Eva beschäftigte sich wäbrenb der Zeit etwas mit ihrem Nachbar. Sie wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte. Er war offenbar aus Westpreußen und sprach seinen Dialekt recht unverfälscht. Zudem war er ein kleiner, hagerer Kerl, im wenig schneidigen Jackettanzug, mit roten, ungepflegten Händen, denen die breite, silberne Gabel gewisse Schwierigkeiten in der richtigen Handhabung bereitete.
Jedenfalls ein sonderbarer Kammerhcrr, mit dem Künstlerschlips und dem wichtigen Beharren, seine Ansichten über Kunst und Litteratur zur Geltung zu bringen.
Patric Swansen, elegant bis in die Fingerspitze», von rund-schlanker Statur stach daneben ab wie ein schönes Brillant- feuerwerk.
Wilhelm Besorge war ein Vetter Arthur Kollmanns und kaum seit einer Woche nach Berlin „kommandiert," eigentlich zum Entsetzen des Hauses Kollmann. Aber Wilhelms Eltern durfte man nicht vor den Kopf stoßen, sie galten sozusagen als Ehrenmitglieder der Familie. Mit diesem jüngsten Sprossen hatte es so eine eigene Bewandtuiß.
Eva nannte ihn einmal über das andere .Herr von Besorge', wobei er jedesmal mit mehr Energie als Anmut ver besserte: „Besorge, einfach Besorge!"
Eva konnte sich einen Kammerherrn, der nicht „von" Besorge hieß, nicht vorstellen, sie blieb also dabei, bis Koll mann sie unterbrach: „Der Kammerherr ist aber wirklich nicht von Adel, Eva! Seine Königin verlangt das nicht unbedingt!"
„So laß doch diesen billigen Witz endlich!" rief Wilhelm Besorge und legte sich entrüstet in den Stuhl zurück, als verginge ihm der Appetit zu seiner wohlgefüllten Schüssel.
„Also lassen Sie sich endlich belehren, Eva: Mein Vetter ist Kammerher der Königin der 9lad)t!"
„Also Sänger?" lachte Eva.
„Nein, Gärtner!" verbeugte Wilhelm Besorge sich, tief cr- errötend. — Ganz gemeiner Gärtner!"
„Das kannst du nicht sagen! Dir hat in der Garten- banschule ein Jahr lang die Oberpflege und Oberbesorgung der Königin der Nacht abgelegen, und du hast dir deinen Titel dort in allen Ehren erworben. Also Kammerherr bleibst du,