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herrfelder KreisWatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 70. Sonnabend, den 17. Juni 1905.
Amtlicher teil.
Hersseld, den 6. Juni 1905.
Die Herren Ortsvorstände des Kreises mache ich auf die hierunter abgedruckte Polizeiverordnung über die Vertilgung derDistel aufmerksam mit der Veranlassung, der Durchführung dieser für die Landwirtschaft wichtigen Polizeiverordnung besondere Sorgfalt zuzuwenden.
I, 3783. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs Rat.
Polizeiverordnung über die Vertilgung der Distel.
Aus Grund des § 137 des Gesetzes über die allgemeine Landesverwaltung vom 30. Juli 1883 (G.-S.-S. 195 ff.) und der §§ 6, 12 und 13 der Verordnung über die Polizeiverwaltung in den neu erworbenen Landesteilen vom 20. September 1867 (G.-S. S. 1529 ff.) verordne ich unter Zustimmung des Bezirksausschusses für den Umfang des Regierungsbezirks Caffel was folgt:
§ 1. Das Abblühen aller Distelarten ist auf Acker- ländereien jeder Art, sowie auf Ackerrainen, Wiesen, Weiden und- Tristen, Wegerändern, Eisenbahndämmen, Deichen, Angern, wüsten und freien Plätzen (Exerzierplätzen, Truppen- Übungsplätzen), an Flußusern, Gräben usw. durch rechtzeitiges Abschneiden von dem Unterhaltungspflichtigen, Eigentümer, Nutznießer, Pächter oder Verwalter zu ver- hindern.
Diese Maßnahme wird auf mit Früchten bestellten Feldern nur insoweit gefordert, als sie ohne Beschädigung der Saaten vorgenommen werden kann.
§ 2. Wer den Bestimmungen dieser Polizeiverordnung zuwiderhandelt, wird nach § 34 des Feld- und Forstpolizeigesetzes vom 1. April 1880 (G.-S S. 230 ff.) mit Geld, strafe bis zu einhundertfünfzig Mark oder mit Haft bestraft.
8 3. Diese Polizeiverordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkündigung in Kraft. (A. III. 643.)
Caffel am 26. Mai 1905.
Der Regierungspräsident. I. V.: v. Kamele.
Hersfeld, den 6. Juni 1905.
In Anbetracht der Verschiedenartigkeil des Verfahrens, welches hinsichtlich des Ecforderns schriftlicher Vollmachten für Personen, die Frauen in der Ausübung des Stimm recht« bei Gemeindewahlen rc. vertreten, geübt wird, werden die Herren Bürgermeister des hiesigen Kreises hierdurch veranlaßt, künftighin im allgemeinen, wenn nicht Einzelsälle vorliegen, die etwa ein entgegengesetztes Verfahren nach besonderen Vorschriften oder aus tatsächlichen Gründen erheischen, von der Forderung der Beibringung förmlicher schriftlicher Vollmachten, die stempelpslichtig sein würden abzusehen, und sich damit zu begnügen, daß ihnen die Stellvertreter von den Vertretenen in anderer Form schriftlich oder mündlich aus zweiselfreie Weise bezeichnet werden.
I- 3487. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rat.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Pfingsten, das liebliche Fest, leiht der verflossenen Woche seinen Schimmer. Wie die Natur im höchsten Schmucke prangt, so pflegt aud) das Menschenherz sich zu dieser Zeit der Sorgen des Alltagslebens für eine Weile zu cutschlagen und den Zug aufwärts zu nehmen. Ideen von ucscreui Gehalt und weiterem Horizonte, als sie dem politischen Mestreiben für gewöhnlich eigen sind, drängen sich auf. Pfingsten ist so recht eigentlich das Fest der K i r ch e, auf Mr geschichtliches Wesen und Werden, ihre Macht und -B edeutung lenken sich daher an erster Stelle die Gedanken, l'u Das Ecrasez l’infäme, der gellende Vernichtnngsrnf oer Christusseinde, der nun schon viele Jahrhunderte hindurch mnehtlos ertönt, er ist uns auch an dem diesjährigen Pfingst- lote aus den Spalten der sozinldcnwkratischeu Presse in viel- mmmigen Chorus wieder eutgcgcugckluugeu. Gerade dieses -omnchtungsgeschrci der Scharen des Umsturzes aber lehrt uns mehr als alles andere, welch köstliches, unersetzliches Gut rat ^che haben. Nur so lange werden Staat und niclljcljnft gesund erhalten bleiben, als ihnen die lebendigen
Hülsskräste des in der Kirche organisierten Christentums zur Seite stehen. Darum aber gilt es auch für jeden treuen Christen, mit Ernst und Eifer darüber zu wachen, daß der Bau der Kirche nicht von innen her durchlöchert und unter- wühlt werde, sondern daß sie allezeit fest gegründet bleibe auf dem Grunde, der in und durch Christus, den lebendigen Gottessohn, gelegt ist. Die Zeichen der Zeit reden in dieser Hinsicht eine ernste Sprache, möge sie wohl verstanden werden!
Ein ganz besonders lichter Glanz noch ruht auf der diesjährigen Pfingstzeit, da sich während derselben zum erstenmal sichere und deutliche Friedensklänge in die herbe Kriegsmelodie mischten, die nun schon so lange aus O st a s i e n zu uns herübertönt. Die überaus dankenswerten Bemühungen des Nordamerikanischen Präsidenten R o o s e v e l t um Herbei- führung des Friedens haben insoweit einen positiven Erfolg gezeitigt, als die beiden kriegführenden Mächte ihre Bereitwilligkeit erklärt haben, wegen Einleitung der Unterhandlungen miteinander in Fühlung zu treten. Damit ist wenigstens der erste bedeutungsvolle Schritt getan, um dem blutigen Völkerringen das von der gesamten zivilisierten Welt so heiß ersehnte Ende zu bereiten. Alle weitergehenden Mutmaßungen über die Friedensbedingungen Japans und dergleichen sind zur Zeit noch verfrüht, und es bleibt nur zu wünschen, daß die Verhandlungen, um das Ziel des Friedens zu sichern, in dem Geiste kluger Mäßigung geführt werden mögen.
Offenbar ist die Geneigtheit zu Friedens-Verhandlungen am russischen Kaiserhofe durch die fortdauernde Gärung und Unruhe im Innern des Zarenreiches befördert worden. Rußland braucht den äußeren Frieden hauptsächlich deshalb, um die Hände für eine Neuordnung der innern Verhältnisse frei zu bekommen. Diese Neuordnung ist zur Zeit in erfreulichem Gänge. Rasch schreiten die Arbeiten für die Schaffung einer russischen Volksvertretung vorwärts, sodaß jetzt bereits die Einberufung von Vertretern der Nation zur Teilnahme an der Gesetzgebung für den Herbst in Aussicht genommen werden konnte. Angesichts solcher Sachlage erscheinen die fortgesetzt austauchenden Kundgebungen und Anschläge sozialistisch, revolutionären Ursprungs doppelt verwerflich, da sie nur den Erfolg haben können, den gedeihlichen Fortgang eines segensreichen Werkes zu hemmen. Es zeigt sich auch hierin wieder aufs deutlichste, daß das Ziel der Sozialdemokratie und ihrer Gesinnungsverwandten ganz wo anders als in der Richtung des Staatswohls zu suchen ist.
Neben den Friedensklängen aber hat es auch an Dissonanzen während der Berichtswoche nicht gefehlt. So ist von der norwegischen Volksvertretung die Union zwischen Schweden und Norwegen oder das alte, seit .1814 bestehende staatsrechtliche Verhältnis zwischen den beiden skandinavischen Staaten aufgelöst worden. Daß dieser Schritt zu irgend welchen internationalen Verwickelungen oder Eingriffen führen werde, ist wenigstens vor der Hand nicht zu besorgen. Vom deutschen Standpunkte kann man nur wünschen und hoffen, daß durch die Trennung Norwegens von Schweden die aufsteigende Entwicklung und Wohlfahrt der beiden Staaten nicht gehemmt werden möge.
Auch der Meuchelmord hat lieber ein Opfer gefordert, wenngleich es sich diesmal nicht um eine Tat des politischen Verbrechertums zu handeln scheint. Der griechische Ministerpräsident D e l y a u n i s, der in dem häufigen Wechsel der griechischen Ministerien vielfach Mitglied der Regierung war, ist von einem berufsmäßigen Spieler durch einen Messerstich in den Unterleib getötet worden. Zum Schlüsse unseres Berichtes aber sei noch erwähnt, daß unter dem Vorsitze des Barons F e j e r v a r y als Ministerpräsidenten endlich ein neues ungarisches Ministerium zustande gekommen ist. Ob sich dasselbe freilich bei den ausschweifende» Forderungen der ungarischen Nationalitätspartei und dem energischen Widerstreben der Krone lange wird halten können, erscheint zweifelhaft.
Der russisch-japanische Krieg.
Zur Friedensfrage weiß Reuters Bureau aus Washington zu berichten, in dortigen amtlichen Kreisen würden Zweifel laut, ob die Antwort Rußlands Japan genügen würde. Präsident Roosevelt stellte die Note des Grasen Lamödorff dem japanischen Gesandten Takahira zu, welcher sie nach Tokio übermittelte. Präsident Roosevelt er» warte stündlich die Antwort Japans.
Nach einer Meldung desselben Bureau« aus Washington stellte nach einer Konferenz mit dem Präsidenten Roosevelt der russische Vertreter Graf Cassini gestern nachmittag in Abrede, daß irgend welche Anzeichen für eine Stockung in den auf den Frieden obzielenden Verhandlungen vorhanden sein.
Daß es in der Mandschurei demnächst wieder zu einem großen Wasfengange kommen werde, dessen Ausgang von entscheidendem Einfluß auf die Friedensver- Handlungen wäre, wird jetzt von den verschiedensten Seiten als sehr möglich angenommen. Wie aus London gemeldet wird, liegen dort Berichte aus Söul und aus Petersburg vor, wonach von japanischer wie von russischer Seite verstärkte Vorbereitungen zu einer Schlacht getroffen werden. Die
Hoffnung auf baldigen Abschluß eines Waffenstillstandes steht jedenfalls zunächst aus recht schwachen Füßen.
Die Menschenverluste der japanischen Flotte werden jetzt bekannt; sie sind in Anbetracht der sechzehnmonatigen Dauer des Krieges, während dessen es so oft zu Seegefechten kam, und zumal im Vergleich zu den Einbußen des Gegners als sehr gering yj bezeichnen.
London, 15. Juni. Nach einer Meldung aus Tokio betragen die Gesamtverluste der Japaner zur See während des Krieges an Toten 221 Offiziere und 1782 Mann und an Verwundeten 170 Offiziere und 1497 Mann.
Wie wenig die Kapitulation des Admiral Nebogatow in der Koreastraße durch den Zustand feiner Schiffe begründet war, erhellt jetzt deutlich aus dem Inhalt der nachstehenden Meldung:
Tokio, 15. Juni. Marinefachleute untersuchten bas russische Schiff „Drei” in Maitzuru und fanden in den oberen Teilen, daß ein großes und drei kleine Geschütze sowie zwei Türme beschädigt sind. Die unteren Teile, Maschinerie und Panzerung sind völlig unverletzt. Danach hat also keine Notwendigkeit vorgelegen, das Schiff zu übergeben.
Aus Nagasaki wird über den Verbleib der Kriegs, lassen, die sich an Bord weggenommener russischer Schiffe befanden, gemeldet: Der erste Zahlmeister an Bord bes „Nikolai I." versuchte, das Geld an die Unteroffiziere zu verteilen. Der Kapitän und sein Stab verhinderten dies und verlangten die Aushändigung des Geldes an die Offiziere. Der Zahlmeister leistete dem Befehl Folge. Der Zahlmeister der „Drei," der 'ebenfalls von den Offizieren aufgefordert wurde, ihnen das Geld auszuhändigen, weigerte sich, dies zu tun und warf die ganze Summe — es sollen 1,500,000 Rubel gewesen fein — über Bord.
Ae Vorgänge in Rußland.
Der russische Finanzminister hatte eine von Vertretern des Handels und der Industrie beschlossene Erklärung über die Ausführung des Kaiserlichen Refkripts vom 18. Februar a. St., betreffend Einführung einer Volksvertretung in Rußland dem Kaiser vorgelegt. Ein Delegierter der Moskauer Börse ist jetzt mit Genehmigung des Kaisers vom Finanzminister benachrichtigt worden, daß die schleunige Ausführung des Refkripts vom 18. Februar Gegenstand der besonderen Sorge des Kaisers ist, und daß das Ministerkomitee Befehl erhalten hat, die von dem Minister des In. nein ausgearbeiteten Ausführungsbestimmungen zu dem Re- skript unverzüglich zu prüfen. Der Beschluß des Ministerkomitees ist dem Kaiser sofort vorzulegen.
Kattowitz, 15. Juni. In Sosnowice traten gestern abend die Arbeiter der Hultschinsky-Werke, der Katharina- Hütte und von Fitzner u. Camper wieder in den Ausstand. Die Streikenden revoltierten und zogen vor die Bureaus von Hultschinsky, holten einen Schichtmeister heraus und mißhandelten ihn schwer. Kosaken durchziehen die Straßen, da weitere Unruhen befürchtet werden. Heut find die drei großen Werke geschlossen.
Petersburg, 15. Juni. Großfürst Alexis suchte um seine Entlassung aus der Stellung eines Großadmirals nach.
Petersburg, 15. Juni. Ein kaiserlicher Tagesbefehl vom heutigen Tage enthebt den Großfürsten Alexis auf fein Gesuch von den Funktionen des obersten Chefs der Marine und des Marinedepartements, unter Belossung in der Würde als Großadmiral und Generaladjutant.
Aus > und Ausland.
Ihre Kaiserlichen Majestäten und Prinz Ad a l b e r t begaben Sich heute Morgen nach dem Mausoleum an der Friedenskirche in Potsdam und legten daselbst einen Kranz am Sarge Weiland Seiner Majestät des Kaisers Friedrich nieder. Später hörte Se. Majestät der Kaiser den Vortrag des Kriegsministers, zu dem befohlen waren der Chef des Generalstabes der Armee, der Präses der Artillerie-Prüfungskommission und die Generalinspekteure der Fußartillerie und der Feldartillerie, und den Vortrag des Chefs des Generalstabes der Arm-e. — Heute nachmittag 4 Uhr 40 Min. gedenkt Se. Majestät der Kaiser von Station Wildpark nach Sigmaringen abzureifen, wo die Ankunft morgen um 9V* Uhr Vormittags vorgesehen ist. Um 10 Uhr erfolgt die Beisetzung des Fürsten von Hohenzollern, um 12 Uhr gedenkt Se. Majestät nach Hannover weiterzureisen.
Se. Majestät der Kaiser empfing im Neuen Palais den Geschichtsmaler August O e t k e n, der bin Entwurf zur Ausschmückung des Kamines in der Kemenate der heiligen Elisabeth auf der Wartburg vorlegte. Der Kamin soll, wie das ganze Gemach, nunmehr auch mit GlaSmosaik ausgeschmückt werden. Die Motive sind: Besuch Kaiser Friedrichs II. beim Landgrafen