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Hersfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Sernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 56.
Sonnabend, den 13. Mai
1905*
Amtlicher teil.
HerSseld, ben 8. Mai 1905. Unter den Schweinen bes Johanne« Plelsch in Meng«»
Hausen ist die Schweineseuche ausgebrochen.
I. 3233. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rat.
Hersfeld, den 12. Mai 1905.
Den Herrn Bürgermeistern und Gutsvorstehern werden jetzt die Gewerbesteuerrollen zugehen.
Dieselben sind alsbald eine Woche lang öffentlich aus- zulegen nachdem der Ort sowie die Zeit der Auslegung vorher in ortsüblicher Weise bekannt gemacht worden ist.
In der Bekanntmachung ist darauf hinzuweisen, daß nur den Steuerpflichtigen des Veranlagung-bezirk» die Ein» ficht in die Rolle gestattet ist.
Der Vorsitzende des SteuerauSschuffes der Gewerbesteuerklasse 111 und IV.
Freiherr von Schleinitz, Geheimer RegierungS-Rat.
nichtamtlicher teil
Politischer Wochenbericht.
Der deutsche Reichstag sowie das preußische Abgeordnetenhaus haben ihre Arbeiten wieder ausgenommen. In beiden Parlamenten harrt noch ein umfangreicher Arbeitsstoff seiner Bewältigung. Für den Reichstag kommen von wichtigeren unerledigten Vorlagen insbesondere das Militärpensions-Gesetz und die Börsengesetz-Novelle, für das preußische Abgeordnetenhaus die Berggesetz-Novelle in Frage. Die Erfahrungen früherer Jahre sprechen nicht gerade dafür, daß in dem Tagungsabschnitte nach Ostern, zumal wenn die Jahreszeit so weit vorgerückt ist wie diesmal, noch viel parlamentarische Arbeit geleistet wird. Hoffentlich aber finden derartige Erfahrungen nicht auch gegenwärtig ihre Bestätigung. Andernfalls müßte wiederum an Stelle des Sessionsschlusses eine Vertagung eintreten, und das ist und bleibt doch nur ein Notbehelf, der sich niemals zur Regel herausbilden sollte. Auch stehen bei den genannten Vorlagen zum Teil wichtige Interessen auf dem Spiel, die dringend eine möglichst schnelle Berücksichtigung erheischen. So ist es denn wohl ein berechtigter Wunsch, der allenthalben im Lande geteilt wird, daß die Volksvertreter in beiden Parlamenten für eifriges Arbeiten und ein beschlußfähiges Haus Sorge tragen und die Session zu einem befriedigenden Abschlüsse bringen möchten.
Während bei der langen Dauer des r u s s i sch - j a p a n i s ch e n Krieges und der damit notwendig verknüpften zeitweiligen Stagnation der kriegerischen Unternehmungen das Interesse bereits mehrfach zu ermatten begann, ist dasselbe zur Zeit wieder in lebhaftem Aufschwünge begriffen. Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgt alle Welt den Vorgängen, die sich augenblicklich in den chinesisch-japanischen Gewässern abspielen und leicht zu einer bedeutsamen Wendung der bisherigen Kriegslage führen können. Die Vereinigung des russischen Geschwaders unter Admiral Roschdjestwensky mit dem dritten Geschwader unter Nebogatow dürfte entweder schon erfolgt sein oder in Kürze zu erwarten stehen. Alsdann ist anzu- nehmen, daß Admiral Roschdjestwensky nach Einnahme von Kohlen und Proviant und unter Zurücklassung der überflüssig gewordenen Trainschiffe die entscheidende Fahrt nach Wladiwostok antreten wird. Gelingt ihm die Erreichung dieses Hafens, so hat er damit eine sichere Operationsbasis gewonnen, von der aus er den Japanern leicht große Schwierigkeiten bereiten kann. Für die Japaner kommt deshalb alles darauf an, der russischen Flotte den Weg nach Wladiwostok zu verlegen, und sie werden bei der bisher bewiesenen Energie sicherlich alle Kräfte an dieses Ziel setzen.
Inzwischen haben die Beziehungen zwischen Frankreich und Japan infolge des angeblichen Neutralitätsbruches Frankreichs einen hohen Grad der Spannung erreicht. ossiziellen Kreise hüben und drüben suchen zwar nach ■ raJte11 beschwichtigend zu wirken und jede Krise zu verhüten, nrhJor;Ia^'^eu Nation selbst aber macht sich eine außer- f n^ bemerkbar. Als Zeichen dieser Erregung Äm ^ d-r Handelskammer zu Tokio gelten, alle
4,1 Frankreich abzubrechen und ein gleiches veranlassen Ä‘?^^ Handelskammern Japans zu einer ^ x” ^Njösischc Gesandte Harmand in dast er d !^ ?Cr ^ Neutralitäts-Angeleaenheit erklärt, daß er die Lage sehr ernst mische. Trotzdem darf man wob ™?cr Hoffnung festigten, daß ein Konflikt zwischen Frank- Ä d Japan, der im gegenwärtigen Momente unabsehbare SK ^ ö'eh-n müßte und leicht einen Weltbrand entzünden könnte, vernuedcu werden ivirb.
Auch auf Kreta sieht es gegenwärtig recht bedenklich aus. Alle Versuche der vier Schutzmächte, die auf eine Vereinigung der Insel mit Griechenland abzielende Bewegung einzudämmen, sind fruchtlos geblieben. Prinz Georg hat vielmehr an die Schutzmächte das telegraphische Ersuchen gerichtet, baldigst eine Lösung der Kretafrage im Sinne der Union herbeizuführen, da er sonst jede Verantwortung für kommende Ereignisse ablehnen müsse. Die Aufständischen nehmen eine immer drohendere Haltung ein, so daß die Konsuln der Garantiemächte sich bereits genötigt sahen, Truppenverstärkungen zu beantragen. In der Tat hat denn auch schon eine Vermehrung der Flottenstreitkräfte in den kretischen Gewässern stattgefunden. Voraussichtlich wird es zu einem entschiedenen Eingreifen der Mächte kommen müssen, damit wieder die erwünschte Ruhe aus der Insel hergestellt werde.
In Frankreich endlich hat der Marineminister Thomson eine Rede gehalten, in der er die Vorlage des Flotten- programms für die nächsten Tage in Aussicht stellte und mit allem Nachdrucke die Notwendigkeit einer starken Seemacht für Frankreich betonte. Er konnte es sich hierbei nicht versagen, die Erinnerung an 1870 wachzuruserl und damit, wenn auch in stark verhüllter Weise, die Revanche-Idee heraufzube- schwören. Für uns Deutsche sind solche Kundgebungen eine Mahnung, unser Pulver trocken zu halten und uns in der Sorge für Heer und Flotte von niemanden übertreffen zu lassen.
Der russisch-japanische Krieg.
Während über den Verbleib der russischen Flotte im Augenblick alle Nachrichten fehlen, mehren sich die Anzeichen, daß auf dem Landkriegsschauplatze eine neue größere Aktion der Japaner nahe bevorsteht. Auf russischer Seite scheint man ihr nicht gerade sehr zuversichtlich entgegenzu- blicken. Eine Meldung aus Gundschuling weist darauf hin, daß die Japaner allein an Infanterie über 380 000 Mann verfügen, und daß bei ihnen die Ergänzung der Abgänge sehr schnell, viermal schneller als bei den Russen geschieht. Die russische Armee müßte auf mindesten» 6- bis 700 000 Mann gebracht werden, wenn sie ihrerseits auf siegreiche Erfolge hoffen sollte.
Für den Fall, daß Roschdjestwensky seine Fahrt nach den Gewässern von Formosa richtet, haben die Japaner bei den PescadoresJnseln zahlreiche Minen gelegt; nicht minder verstärkten sie ihre Befestigungen auf Formosa selbst. Durch deren scharfe Bewachung ist zwei europäischen Konsuln ein unliebsamer Zwischenfall begegnet, der indessen schnell beigelegt wurde.
Au« Hongkong wird gemeldet, daß der deutsche und der amerikanische Konsul, die bei einem Picknick zufällig in die befestigte Zone um den Hasenplatz Keelung auf Nocdformosa gerieten, von japanischen Gendarmen verhaftet und einen halben Tag lang festgehalten, schließlich aber nach befriedigenden Erklärungen freigelassen worden sind.
Tokio, 10. Mai. Die japanische Regierung beobachtet bezüglich der Neutralität-angelegenheit in Jndochina noch eine abwarlende Haltung. Doch scheint sich die Lage schnell einer Krisi« zu nähern. Den von dem französischen Minister bes Aeußern Delcassü dem japanischen Gesandten in Paris Motono wiederholt gegebenen Versicherungen, daß die französische Regierung in ihren ostasiatischen Besitzungen strengste Neutralität beobachte, folgt jetzt die Nachricht, daß da« Marinedepartement glaubwürdige Informationen erhalten habe, wonach ein Teil der baltischen Flotte noch am Morgende» 6. Mai in der Honkohe-Bucht gelegen habe. Man befürchtet allgemein, daß auch die Schiffe des Geschwaders de» Admiral» Nebogatow die französischen Terrilorialgewässer dazu benutzen werden, um Kohlen einzunehmen, sich mit frischen Vorräten zu versehen und die Schiff-rümpfe einer Reinigung zu unterziehen. E» ist schwer vorauSzusagen, waS sich ereignen wird, doch ist die Regierung gedrängt, die französischen Versicherungen, daß die Schiffe des Baltischen Geschwader« sich außerhalb der französischen Terri- torialgewässer befinden, anzunehmen und entsprechend zu handeln. Die Bewegung in der Geschäftswelt gegen Frankreich ist trotz der Bemühungen der Regierung, sie zu unterdrücken, im Wachsen begriffen. Er ist möglich, daß die der Handelskammer unterbreitete Resolution, in der ein allgemeiner Boykott bet französischen Kaufmannschaft und der französischen Waren in« Auge gefaßt ist, wirklich zur Abstimmung kommt, obgleich anfänglich wenig Wahrscheinlichkeit dafür bestand, daß sie ernst genommen würde.
Ae ArMe in AM.
Petersburg, 11. Mai. Große Mengen von Explosivstoffen sind in einer Kiste entdeckt worden, welche der Bank von Moskau zur Aufbewahrung übergeben worden war.
Petersburg, 11. Mai. Wie aus Moskau gemeldet
wird, demolierten 3000 Arbeiter eine Verbrecherherberge, töteten 1 Person und warfen 1 Person zum Fenster hinaus. — In dem Tresor eines Bankhauses wurden 6 Bomben gefunden. Der Mieter der betreffenden Abteilung ist ver» hastet worden.
Lodz, 11. Mai. Infolge einer anonymen Anzeige wurden in der Wohnung eines Maurermeisters unter dem Fußboden versteckt mehrere Bomben, zahlreiche Revolver und 60 Explosionsgeschoffe beschlagnahmt, 3 Personen wurden verhaftet.
Petersburg, 10. Mai. Aus Schitomir wird über die dortigen gegen die Juden gerichteten Unruhen berichtet: Die Unruhen begannen am 6. Mai, indem auf Jsraeliten, welche auf dem Terete-Flusse Boot fuhren, von Christen mit Steinen geworfen wurde. Die Jsraeliten antworteten mit Schüssen, durch welche einige Leute verwundet wurden. Das Gerücht von dem Geschehenen verbreitete sich sofort in der Stadt. In der Vorstadt Pawlikowka kam es zu Ansammlungen der J-raeliten einerseits und der Christen an» bererfeits. Die Unruhen wurden jedoch sofort unterdrückt. Ein Jsraelit wurde zufällig von einem Pferde getötet. Am 7. Mai wurden bei einem Zusammenstoß« von Christen und Juden auf den Hauptplätzen der Stadt zwei Christen und einige Jsraeliten getötet. In Podola wurden gleichfalls einige Jsraeliten erschlagen und verwundet. Die Menge wurde durch Truppen zerstreut, welche dabei mehr als vier» zig Christen festnahmen. Am 8. Mai führten kleiner« Haufen de« niedersten Volke« einige Mordtaten aus und zerstörten das Juden gehörige Eigentum, namentlich an der Stadtgrenze. Am 9. Mai war die Stadt ruhig; nur ein Jude wurde leicht mißhandelt und zwei jüdische Häuser wurden im Vorort« Kroschna zerstört. Die Garnison von Schito» mir besteht gegenwärtig aus drei Regimentern Infanterie, einer Batterie reitender Artillerie und zwei von auswärts herbeigezogenen Schwadronen Dragoner.
Aus 3n- und Ausland.
Aus Straßburg t. Elf., 10. Mai, wird berichtet: Se. Majestät der Kaiser machte heute morgen eine längere Automobilfahrt. Zunächst wurde die Feste Kaiser Wilhelm II. bei Mutzig besichtigt. Alsdann ging die Spazier» fahrt weiter nach dem Berg Donon. In der Nähe desselben wurde an einem schönen Punkte de» Gebirge» ein Imbiß eingenommen. Der Kaiser kehrte um 38/t Uhr nach Straß- burg zurück. Se. Majestät empfing heute abend den Oberbürgermeister Kirschner und den Stadtbaurat Hoffmann von Berlin zur Vorlegung von Plänen, die die Ausschmückung der Stadt Berlin beim Einzug der Braut de» Kronprinzen betreffen. Um 8 Uhr begab sich Ee. Majestät mit den Herren des Gefolge» zum Abendessen bei dem Staatssekretär und Frau v. Köller. Dem Kaiser wurden aus dem Wege von der Bevölkerung lebhafte Huldigungen dargebracht.
— Se. Majestät der Kaisrr ist heute vormittag 10 Uhr 20 Min. noch Saargemünd abgefahren, um den Präsidenten bes Landesausschusse», Herrn von Jaunez auf Schloß Remelfingen zu besuchen. Zur Verabschiedung hatten sich eingesunden der kommandierende General Hentschel von Gilgenheimb und Gouverneur General v. Moßner. Der Statthalter und der Staatssekretär waren schon 8 Uhr 30 Min. nach Metz abgereist, wo der Kaiser am Nachmittag erwartet wird.
Der Reichstag nahm am Mittwoch seine Sitzungen nach der Osterpause wieder auf. Zunächst wurden einige Rechnung-berichte erledigt. Hierauf folgte die zweite Beratung de» Antrages Hagemann u. Gen., welcher eine Aenderung bes GerichtSverfassungsgesetze» bezweckt. Unter anderem wird darin den Schöffengerichten ein umfassenderer Geschäftskreis zugewiesen. Dieser Teil bes Antrages wurde in der Fassung, die er in der Kommission erhalten hatt«, angenommen. Ein Zusatzantrag des Abg. Dr. Laltmann, den Schöffen Tagegelder und Reifekosten-Entschädigung zu gewähren, wurde, obwohl sich verschiedene Abgeordnete ba= für aussprachen, schließlich abgelehnt. Im weiteren Ver» lauf der Beratung traten der Abg. Spähn und andere Mitglieder des Hause» für eine Entlastung bes Reichsgericht» ein.
Im preußischen Abgeordnetenhaus« bil» bete da» Warenhaussiener-Gesetz den ersten Gegenstand der Beratung. Anlaß hierzu gab ein Antrag Fuchs, der in der Kommission für Handel und Gewerbe die Gestalt eines Gesetzentwurfes empfangen hatte. Der Entwurf bezweckt in der Hauptsache eine Heranziehung der Warenhäuser schon mit einem Jahresumsatz von 200 000 Mk. an (statt von 400 000 Mk. an im Gesetz vom 18 Juli 1900), 2. eine schärfere Staffelung der Umsatzsteuer von 2—5 v. H. nach der Zahl der Warengruppen und verlangt, daß 3. ble durch § 5 de» alten Gesetze» gewährte Möglichkeit einer Herabsetzung der Steuer gestrichen wird. Geh. Ober» finanzrat Strutz erklärte im Namen der Regierung den Entwurf für unannehmbar. Ebenso traten die Redner der