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Hersfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 42. Sonnabend, den 8. April WO.?
Amtlicher Ceil.
Hersfeld, den 4. April 1905,
Der Herr Minister für Medizinal-Angelegenheiten hat bestimmt, bah die durch das Gesetz, betreffend die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten vom 30. Juni 1900 und dessen AusführungS-Anwusungen vorgeschriebenen Melde- karten (Kartenbriese) nach einem bestimmten Muster ange- fertigt und seitens der Ortspolizeibehörden, denen die unentgeltliche Abgabe der Karten an die Anzeigepflichtigen obliegt, stets ein kleiner Vorrat dieser Meldekarten bereit gehalten wird, damit im Falle eines Seuchenausbruches durch die Beschaffung derselben für die in erster Linie zur Anzeige verpflichteten Aerzte keine Schwierigkeiten entstehen.
Den Ortrpolizeibehörden des Kreises mache ich hiervon Mitteilung mit dem Bemerken, daß zur Deckung des ersten Bedarfs an Meldekarten diesseits ein Quantum auf Kreiskosten beschafft worden ist und je 10 Stück derselben in Kürze geliefert werden. Sobald dieser Vorrat vergriffen sein sollte, sind weitere Formulare aus Mitteln des örtlichen Polizeifonds zu beschaffen. Dieselben sind aus der Hof, und Waisenhausbuchdruckerei in Cassel zum Preise von 10 Mark für das Tausend zu beziehen.
1. 2359. Der Königliche Landrat.
J. V.: T h a m e r.
Herifeld, den 5. April 1905.
Die unter dem Schweinebestande der Witwe Steinberg zu Hersfeld ausgebrochene Seuche ist erloschen. 1. 2414. Der Königliche Landrat.
J. V.:
----------Srtnrm e r.
Hersfeld, den 4. April 1905.
Unter der Schafherde des Schäfers Crrß zu Hersfeld ist die Räude ausgebrochen. Die Schafherde des Schäfers Ortwein erscheint räudeverdächtig. 1. 2355. Der Königliche Landrat. I V.: T h a m e r.
nichtamtlicher Ceil.
PolitischerWochenbericht.
Das Ereignis der inneren Politik während der Berichtswoche ist die endgültige Verabschiedung der Kanalvorlage. Sie erfolgte, indem das Herrenhaus die Vorlage nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses annahm. Ein großes und bedeutsames Werk ist damit zum Abschlüsse gelangt. Allen Befürchtungen aber, die seiner Zeit an die Kanalvorlage geknüpft wurden, ist durch die wesentlich ab= geänderte und modifizierte Form, welche dieselbe empfangen hat, der Boden entzogen worden. Insbesondere ist durch das staatliche Schleppmonopol und die Schifffahrtsabgaben Vorkehrung getroffen worden, daß das System des Schutzes der nationalen Arbeit, wie solches in der Zollpolitik vor- liegt, durch die Kanalbauten keine Schädigung und Beeinträchtigung erfährt. Mit das Hauplverdienst an dem Zustandekommen des Kanalwerkes hat der geniale und unermüdliche Leiter des Ministeriums der öffentlichen Ar- betten, Exzellenz v. B u d d e. Wie sehr dieses Verdienst vom Kaiser anerkannt wird, geht aus der Vcr- leihung der Schwarzen Adlerorden» an Exzellenz v. Budde hervor. Wohl selten ist eine Ehrung mit so allseitiger freudiger Teilnahme ausgenommen worden wie diese, und es verknüpft sich damit allgemein der Wunsch, daß der verdiente Staatsmann recht bald den Vollbesitz seiner durch die Anstrengungen der letzten Zeit geschwächten Gesundheit wieder erlangen möge.
Der vielbesprochene Besuch fK a i s e r Wilhelms in Tanger hat nunmehr tatsächlich stattgefunden. Dem Kaiser ist seitens bes (marokkanischen Hofe» und der marokkanischen Bevölkerung eine begeisterte Ausnahme zu teil geworden. Die Ansprache, die unser Kaiser in Tanger gehalten hat, deckt sich mit der Erklärung, die der Reichskanzler Gras v. Bülow am 29. März im Reichstage abgegeben hat. Deutschland erstrebt danach die wirtschaftliche Gleichberechtigung aller in Marokko vertretenen Länder im Geiste der 1880 in Madrid abgeschlossenen internationalen Konvention. ' (Frankreich beansprucht dagegen nach den Worten bes Minister» Drlcassä eine Ausnahmestellung,
deren Vereinbarkeit mit dem Grundsätze der offenen Tür Zweifeln unterliegen muß. Die aus eine Vorherrschaft in Marokko gerichteten französischen Ansprüche schließen offenbar eine Gefährdung der handelspolitischen Interessen Deutschlands in sich, und es ist daher unser gutes Recht, das wir uns auch nicht nehmen lassen werden, uns solchen Ansprüchen zu widersetzen.
In Italien hat der Ministerpräsident F o r t i s im Namen des neuen Kabinetts eine programm- matische Erklärung in der Deputiertenkammer abgegeben. Er stellte fest, daß das Ministerium keine neue politische Richtung einschlagen werde. Sodann verkündete er den Entschluß, die Verstaatlichung der italienischen Eisenbahnen bis zum 1. Juli zum Abschlüsse zu bringen. Bezüglich der auswärtigen Politik legte der Ministerpräsident dar, daß diese keinerlei Abweichung von den bisher verfolgten Bahnen erfahren soll. Italien werde sich bestreben, ein Element des Friedens unter den Völkern zu sein. Aber gerade weil Italien den Frieden wolle, müsse es auch für die Verbesserung seiner militärischen Organisation Sorge tragen und insbesondere auch der Flotte sein Augenmerk zuwenden. Die Erklärung Fortis wurde von der Kammer mit Beifall ausgenommen. Hoffentlich beweist das neue italienische Ministerium den Sozialisten und vor allem den unter sozialistischem Einflüsse von dem Geiste der Unbot- Mäßigkeit erfaßten Eisenbahnern gegenüber den nötigen Grad von Energie; denn nur eine energische Geltend- machung der staatlichen Autorität vermag den inneren Zuständen Italiens Heilung und Gesundung zu bringen.
Der Mißerfolg der Reise des Prinzen Georg von Griechenland an die europäischen Höfe behuss-Einverleibuna Kretas in das Königreich Griechenland hat der Un- zufrie denkest—ber—Kr^s«—tw«w—SSa^wtrg—ant» ber^Agitati0n NN brauchbares Mittel für ihre Zwecke geliefert, so daß der Ausbruch der dort eingetretenen Unruhen nicht besonders überraschen konnte. Durch das sofortige Eingreifen der internationalen Truppen, sowie die zur Besonnenheit mahnende Proklamation des Prinzen Georg scheinen indessen wirklich ernste Gefahren beseitigt zu sein. Auch hat man sich in Athen zu versichern beeilt, daß die kretische Bewegung von Griechenland aus keinerlei Unterstützung oder moralische Ermutigung erfahre. So dürfte denn die Ruhe auf Kreta bald wieder völlig herge- stellt sein.
Ar Mitlelmeerfiißrt des Kaisers.
Se. MajestätKaiserWilhelm ist am Mittwoch vormittag an Bord der „Hamburg" im besten Wohlsein in Neapel eingetroffen, womit der erste Teil der Mittelmeerfahrt des hohen Herrn seinen Abschluß erreicht hat. Noch im Laufe des Mittwoch vormittag begrüßte sich der Kaiser mit seinem aus Ostasien und Ostafrika zurückge- kehrten dritten Sohn, dem Prinzen Adalbert. Die Frühstückstafel fand noch an Bord der „Hamburg" statt, dann siedelte der Kaiser auf die Jacht „Hohenzollern" über. Später ging er an Land und stattete dem deutschen Generalkonsul Rekowski einen Besuch in dessen Villa ab; bet Kaiser wurde bei seinem Erscheinen an Land von der Bevölkerung mit Begeisterung begrüßt. In Neapel verabschiedeten sich die Herren, welche bislang die Gäste des Kaisers auf der „Hamburg" gewesen waren, von ihrem erlauchten Gast, gebet und reisten mit der Eisenbahn nach Deutschland zurück. In einem Telegramm an die Direktion der Hamburg- Amerika-Linie gab der Monarch seiner vollen Befriedigung über die Reise der „Hamburg" Ausdruck; außerdem verlieh er dem General-Direktor Ballin und dem zweiten Vorsitzenden des Aufsichtsrates genannter SchiffahrtSgesellschast, Tiedgens, Ordensauszeichnungen.
Neapel, 6. April. Um 12 Uhr kam König Viktor Emanuel mit Gefolge unter Salut an Bord der Hohenzollern. Der König trug italienische Uniform mit dem Band des Schwarzen Adlerordens. Se. Majestät der Kaiser, in Admiralsuniform mit dem Band des Annunziaten. Ordens, erwartete den König am Fallreep, umgeben von den Herren des Gefolges. Die Begrüßung der Monarchen trug einen überaus herzlichen Charakter, ebenso begrüßten die Monarchen die gegenseitigen Gefolge auf das freundlichste. Die Ehrenwache der Matrosen präsentierte, die Kapelle der Hohenzollern spielte den Marcia reale. Der Kaiser und der König schritten die Front ab unb verweilten dann in Unterhaltung auf Deck. Hierauf fanb auf der Hohenzollern eine Frühstückstafel statt, wobei die Kapelle konzertierte.
Her WM in ItM-SiiiMsi-Afrika.
Nach Meldung des Gencralleutiignts von Throta überfiel Leutnant Müller auf dem Marsch von Okahandja nach Otji- Hangwe bei Lande mehrere Hcrervivcrsten, nahm 20 Männer und 21 Weiber gefangen und erbeutete mehrere Gewehre. Nach Angabe eines Händlers sollen sich Friedrich und Wil
helm Maharero sowie Trangott, der Sohn Tjetjos, nach Abgabe der Waffen auf einer englischen Polizeifiation östlich Rietsontein (Nord) befinden. Aus einem Patrouillenritt südlich des Hndup fielen am 31. März drei Reiter der 2. Ersatz- Kompagnie, einer wurde verwundet. Major von Estorff hatte am 23. März in Awadaob die Meldung erhalten, daß Spuren von Hottentotten bei Kovias Kolk, aus östlicher Richtung kommend und in nordöstlicher Richtung weiterführend, beobachtet seien. Er vermutete daher, daß ein Raubzug gegen Aminuis geplant sei, und entsandte die 3. Kompagnie Regiments 2 mit einem Geschütz dorthin. Die Vermutung war richtig gewesen. Oberleutnant von Bär mit 31 Reitern der 4. Kompagnie stieß am 25. März vier Kilometer südlich Aminuis auf eine 150 bis 200 Mann starke Hottentottenbande und hatte ein schwereres Gefecht, bei dem ein Sanitätsoffizier, ein Unteroffizier und vier Reiter fielen, ein Unteroffizier, fünf Reiter verwundet wurden. Ein Reiter wird vermißt. Wahrscheinlich infolge der Annäherung der 3. Kompagnie ging der Feind eiligst in Richtung auf Kowias-Kolk zurück. Meldung über seine Verluste fehlt noch. Die dritte Kompagnie verfolgte, konnte den Gegner aber nicht mehr einholen und kehrte nach Awadaob zurück. Major von Estorff tritt nunmehr den Vormarsch auf Geiab an. Das Hauptquartier verbleibt bis auf weiteres in Kub.
Sie VoWW in Rußland.
Wieder wird in Petersburger Berichten englischer und französischer Zeitungen von einem vereitelten Anschlag auf das Lebendes Säten nefnm*«^ o -v-<-p^ zu Zarskoje Sselo soll am Montag ein als Kosakenoberst verkleideter Mann verhaftet worden sein, in dessen Besitz ein Paket mit zwei Bomben gefunden wurde. Der Mann hatte sich durch sein Benehmen und dadurch verdächtig gemacht, daß er zu der Kosakenuniform den Säbel eines Infanterie-Offiziers trug. Es wird zu dieser vorläufig noch sehr der Aufklärung bedürftigen Meldung berichtet:
Pari», 6. April. Ueber den Attentatsversuch in Zarskoje Sselo wird aus Petersburg depeschiert, der angebliche Kosakenoberst verweigerte jede Auskunft über seine Person, auch wurden keinerlei Schriftstücke bei ihm vorgesunden. Infolge dieses ZwischenfalleS sind bereits wiederum mehrere Verhaftungen vorgenommen worden; unter den Verhafteten befindet sich auch die älteste Tochter des Generals Leontiew, eines früheren Gouverneurs. Die junge Dame war durch anonyme SAefe der Polizei angezeigt worden. Eine bei ihr vorgenommene Haussuchung führte zur Entdeckung von Ex p l o s i o n S st o f f e n unter ihrem Bett.
Eine weitere Meldung fügt hinzu, unter den neu Verhafteten befänden sich auch zwölf Geheimpolizisten, die als Mitschuldige an dem geplanten Anschlag gelten.
Neue blutige Unruhen werden aus den ver- schiedensten Teilen des Zarenreiches, zumal aus dem Kaukasus, Bessarabien und Polen berichtet.
TifliS, 6. April. Aus zahlreichen Orten des Bezirks Gori werden schwere Ausschreitungen der Bauern ge« meldet, die sich besonders gegen die Geistlichkeit unb die adligen Gutsbesitzer richteten. Die Ruhestörer plünderten, verübten Brandstiftungen, schlugen Waldungen nieder und raubten Gelder. Kosaken und Polizeimannschasten gingen gegen die Tumnltanten vor. Eine Anzahl Personen wurde getötet und verwundet.
Warschau, 5. April. Bei der Beerdigung der Opfer der Unruhen vom vergangenen Sonntag drohten durch die Ansammlung von Jsraelilen und Arbeitern vor dem Hospital neue Unordnungen; die Beerdigung wurde daher ausgeschoben.
Warschau, 6. April. Zwei Arbeiter, die während des Streiks im Februar gegen die Polizei tätlich auftraten, ohne jedoch jemand zu verletzen, wurden vom Kriegsgericht zum Tode durch den Strang verurteilt. Alle Teilnehmer an den Demonstrationen werden vor das Kriegsgericht gestellt. Der Mann, der am Montag auf den Schutzmann Sarap im Hospital zu Proga geschossen hat, wurde verhaftet. Der Polizeikommissar Rastiegajew, der vor einiger Zeit schwer verletzt wurde, ist irrsinnig geworden.
Der russisch - japanische Krieg.
Tokio, 5. April. Ein Teil der jipanischen Besatzung von Tschantschun hat die Russen, die Tsuluschu, 2 Meilen nördlich Tschantschun und Sumrentscheng, 9 Meilen westlich Tsuluschi besetzt hielten, vertrieben und beide Orte am Montag besetzt. Nachdem die Japaner dann den Feind aus der Nachbarschaft von Sumiaotsu, 6 Meilen südöstlich Tsuluschu, vertrieben hatten, hmen sie Dienstag mittag in die Nähe von Santaoku, sie eröffneten ein heftiges Feuer gegen ungefähr 500 russische Kavalleristen, die sich nach Norden die Eisenbahn entlang zurückzogen und schließlich zersprengt wurden.
London, 5. April. Die Blätter melden aus Colombo