Beilage atm
herrfelder Kreisblatt
Nr. 39 Sonnabend, den 1. April 1905.
Die Banknstenfälfcher.
Aus den Rapieren eines Geheim-Detektiven.
Kriminal - Erzählung von Carl E a s s a u.
(Fortsetzung.)
Am folgenden Tage tarn Beugner an. Ich holte ihn vom Bahnhof ab, mein Kollege hatte sich völlig unkenntlich gemacht.
„Des Zweckes wegen gebe ich mich für Ihren Bruder Alexey Gruisch aus!"
„Es ist gut, lieber Bruder Alexey!"
„Ich bin auf der Durchreise, Sie zu besuchen!"
„Sehr gut!"
Tante Katinka war sehr überrascht, als ich ihr „meinen Bruder" Verstellte. Mittags aßen wir in den „Sieben Kronen", wo ich auf einen erträglichen Mittagstisch abonniert hatte.
Ich hatte während desselben Beugner bereits auf die vorliegenden Schwierigkeiten aufmerksam gemacht.
Beugner lächelte.
„Das ist nicht so schwierig, freilich für Sie, der nicht in solchen mechanischen Einrichtungen eingeübt ist, ist es immerhin nicht so leicht. Gut nur, daß Sie mich sogleich gefordert haben!"
„Also heute noch?"
„Gleich nach Tisch!"
„Schön!"
Wir machten uns, von den „Sieben Kronen" zurückgekehrt, gleich an die Arbeit, nachdem wir die Stube verschlossen hatten. Es waren noch keine fünf Minuten nach der Oeffnung der Geheimtür vergangen, als Beugner das Geheimnis des Mechanismus gefunden hatte. Ich konnte jetzt die Tür selbst schließen und von innen wieder öffnen.
Das erfreute mich sehr.
„Nun aber unten das Schloß!" sagte ich.
„Kleinigkeit!" antwortete Beugner.
Er manipulierte nur kurze Zeit mit einem einfachen Stahlhaken, dann war das Schloß offen.
Und was fanden wir?
Alles, was wir gesucht, eine Presse, lithographische Platten und Abdrücke von russischen Rubelscheinen. Ich entdeckte es sogleich, daß es sich hier um Exemplare mit kleinen Fehlern drehte. Dann fanden wir Exemplare mit den statt- gehabten Besserungen, bis schließlich die Scheine untadelhaft waren.
Einen Schlüssel zu dem Gemach suchte mir dann Beugner aus in einer Eisenhandlung und sagte:
„So, lieber Kollege, nun hätten Sie ja alles, bis aus die Personen, denn daß hier mehrere beteiligt sind, ist gewiß genug!"
„Das glaube ich auch!"
„Kann ich wieder abreisen?"
„Ja, und sagen Sie dem Kommissar, ich würde ihm bald Nachricht geben."
„Bon!"
„Und nun noch eins: ich möchte die Gewißheit habe», daß mich niemand in meinem Zimmer Überfällen kann!"
„Die Tür dürfen wir nicht sperren, sonst wüßte man ja gleich, daß alles entdeckt sei!"
„Das ist wahr! Aber ich möchte auch gesichert sein!"
„Gut, das können wir machen! Ich werde innerhalb Ihres Bettes einen knarrenden Melder anbringen!"
„Schön, besorgen Sie das!"
Beugner stellte durch einen Draht, den er in die Geheimtür einließ, der sodann unter dem Fußboden fortlies und ins Bett führte, einen Kontakt her, sodaß ich jedesmal, sobald er meldete, erwache» mußte. Dann reiste Beugner wieder ab, wobei er mich küßte und ich tiefe Rührung zu markieren suchte.
Mein Verdacht ruhte von Anfang an auf Paul Rubow. Ich weiß nicht, wodurch derselbe immer mehr verstärkt wurde, jedenfalls wurde derselbe bei mir zuletzt unabweisbar. Besonders nach der Abreise Beugners.
Nach derselben saß ich eines Tages in Onslows Schenke bei Olga, wo ich einen Viehkommissionär namens Schlom Kalschow kennen lernte, der mit Paul Rubow allerlei Geschäfte hatte. Ich sah, daß sie auch Geldgeschäfte mit einander abzuwickeln hatten und fand hernach auf dein Platze, den Schlonr Kalschow eingenommen hatte, schließlich einen Fünfzig-Rnbel-Kasscuschein.
Ich steckte ihn stillschweigend ein, um ihn hernach mit Muße untersuchen zu können. Dieser Umstand bestärkte meinen Verdacht, ja, erhob ihn zur Gewißheit, als ich nach ein paar Tagen Schlonr Kalschow wieder bei Onslow traf und derselbe über seinen Verlust klagte. Ich tröstete ihn, so ein Lappen könne sich wiederfinden. Jedenfalls sei es für den Finder schwierig, ihn als Zahlungsmittel anzubringen.
Ich mußte Gewißheit haben. Ich ging also zum Bairk- dircktor, überreichte ihm einen Ausweis und legte ihm den Schein vor.
„Der ist gefälscht!" rief er sofort. „Wollen Sie das Pendent sehen?"
Und er legte mir einen Schein mit derselben Register- nummer vor. „Sehen Sie, Herr Gruisch," meinte er, „es ist die gleiche Nummer, die bei echten Scheine» gar »icht Vorkommen kann!"
„Ich baute Ihnen! Vielleicht ist es Ihnen möglich, den Herausgeber dieser Scheine bald zu fassen!"
„Das wäre eine Wohltat für die Oeffentlichkeit, denn sie wird mit diesen Falsifikaten fast überschMmmt!"
Ich ging und ließ Kalschow durch Olga sagen, er möge sich bald einfinben, ich habe ihm etwas Wichtiges mitznteile». Ich empfahl ihr Heimlichkeit gegen jedermann. Sie versprach es gern.
Am anderen Tage wartete Kalschow meiner bereits, als ich eintrat.
„Sie haben mir etwas zu sagen?" fragte er sogleich.
„Ja, nur ruhig, daß niemand etwas merkt!"
Ich wandle mich an Onslow:
„Geben Sie uns doch ein Zimmer!"
Er schob uns beide in sei» Schlafzimmer.
„Der Schei» ist gesunde»," sagte ich.
„Dachte ich mirs doch!"
„Er stammt doch von Rubow?"
„Jawohl!"
„Wissen Sie auch, daß er falsch ist?"
Er bekam einen Schrecken und sagte: „Falsch?"
„Jawohl, ich habe den Schein von der Bank untersuchen lassen!"
„Heilige Mutter Gottes!"
„Fordern Sie einen anderen Schein für diesen, aber sagen Sie um des Himmels willen nichts von mir!"
„Ich werde mich doch schön hüten!"
„Aber sagen Sie mir die Wohnung von Rubow."
„Gut, das kaun ich, er wohnt Stuckastraße Nr. 13!"
„Gut, die Sache ist für mich abgemacht!"
„Und ich sehe zu, daß ich meinen Schaden ersetzt bekomme!"
„Aber ja von mir schweigen!"
„Das schwöre ich!"
Wir gingen einer nach bem anderen wieder in die Wirtschaft.
Da saß Paul Rubow schon mit einem mir unbekannten Mann und warf forschende Blicke auf mich. Ich tat natürlich gänzlich unbefangen. Uebrigens waren Rubow und der Fremde, wie auch Kalschow ganz sreundschastlich miteinander.
Als ich später erklärte, ich müsse fort nach der Post, ging Kalschow schon weg, erwartete mich aber im Postamte und flüsterte mir zu:
„Er hat mid) schadlos gehalten! Uebrigens nehmen Sie sich in acht, er hat den Nonschow auf Sie aufmerksam gemacht!"
„Wer ist das?"
„Der Mann, der bei uns saß, ein Händler, der in keinem guten Ruf steht!"
„Ich danke Ihnen!"
Als ich nach Tisch wieder heim kam, trat mir Olga im Schlosse entgegen und sagte:
„Meine Tante ist krank, deshalb bin ich hier. Uebrigens wollte ich Sie noch sprechen, traf Sie aber nicht mehr! Rubow hat Sie Nonschow gezeigt, die beiden haben jedenfalls etwas Böses vor!"
„Sie trauen Rubow nicht?" fragte ich.
„Nein, das tue ich nicht!"
„Ich auch nicht, Fräulein Olga!"
„Ich glaube, er treibt dunkle Dinge!"
„Das glaube auch ich! Hat er Verbindung mit Ihrer Tante Katinka?"
„Nichts anderes, als daß sie ihm einen Keller vermietet hat!"
„Kennen Sie den?"
„Nein, nicht die Spur! Ich glaube, Tante selbst weiß nicht im ganzen Gebäude Bescheid!"
,',Wie wäre das möglich?"
„Das Schloß enthält ungeheuer viele Räume. Früher hatte Tante Katinkas Mann die Aufsicht über das Schloß, seitdem er verstorben ist, ist Tante an seine Stelle ernannt und hat wohl nie Zeit gehabt, darüber nachzudenken."
„Da ist es allerdings erklärlich."
In dieser Zeit trat mit dem November kälteres Wetter ein; es schneite auch zeitweilig.
Ich dachte sogleich an die vor einiger Zeit beobachteten Fußstapsen und sah auch am heutigen Abend nach solchen. Meine Mühewaltung ward auch belohnt, denn ich entdeckte in der Tat zwei Paar Stapfen an der bewußten Tür.
„Teufel, sollten die noch drinnen sein?" fragte ich mich. Ich entdeckte aber keine andere» Spuren, woraus ich deu Schluß zog, daß die geheimnisvollen Arbeiter allerdings noch in Schloß Borow hausen müßten. Ich beschloß daher, die mir von Beugner hinterlassene Schraube morgen in die Geheimtür zu fügen, damit ich beruhigt schlafen könne.
Inzwischen unternahm ich einen Ausflug in die Stuckastraße unb sah nach Nummer 13. Das Haus war leer, an allen Fenstern klebten Plakate, welche dessen Vermietung anzeigten.
„Aha," dachte ich bei mir, „der Vogel ist ausgeflogen, er muß doch wohl Verdacht gefaßt haben!"
Noch war ich mit mir uneins, daß ich wohl die Schraube einstigen könne, aber das Hindernis für diese Tätigkeit ergab sich sehr schnell in der Anwesenheit Olgas. Sie winkte mid) herein in die Gemächer der Tante und sagte:
„Lieber Herr Gruisch, es hat bei uns Krach gegeben!"
„Wieso?"
„Ich bleibe jetzt bei der Tante."
„Aber warum?"
Sie errötete: „Taute Katinka hat es Ihnen wohl neulich schon gesagt?"
„Daß Rubow Sie bedrängt?"
„Ja, das ist eS!"
„Sie dürfen ihm Ihre Hand nicht geben!" sagte ich ernst.
„Warum nicht?"
„Erstens, weil ein anderer Sie liebt!"
Sie errötete:
„Zweitens, weil er ein Verbrecher ist!"
Sie erschrak: „Ein Verbrecher?"
„In, ein Fälscher! Ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen darf" Olga; man wird ihn bald gefaßt haben!"
„O, wenn ich das nicht längst gedacht habe!"
„Ja, so ist es!" (Schluß folgt.)
Vermischtes.
— In Lignitz wurden am Abend des 27. März der Schreib- und Handelslehrer Richard Gründler und Frau in der Badestube ihrer Wohnung tot aufgesunden. Man nimmt, der Schles. Ztg. zufolge, an, daß die beiden Eheleute durch Gas den Tod gesucht und den Hahn haben offen stehen lassen. Was die Eheleute, die kinderlos waren und noch in jüngeren Jahren standen, zu der Tat veranlaßt haben kann, ist noch unklar. Ihre wirtschaftlichen Verhält« niffe sollen geordnet sein. Daß ein Unglücksfall vorliegt, scheint ausgeschloffen.
— In Willich bei München-Gladbach ist die Dampf- mühle von Josef Bützen mit sämtlichen Vorräten niedergebrannt. Der Schaden beträgt 150,000 Mark.
— (Liebesbriefe in Roggensäcken.) Ein Kaufmann zu Janowitz entdeckte ganz unabsichtlich die LiebeS- korrespondenz seines verliebten Knechtes. Der Knecht hatte ein Liebesverhältnis mit einem Dienstmädchen eines Gutsbesitzers, der dem Kaufmann viel Getreide lieferte. Als nun bei der letzten Lieferung der Kaufmann die Getreidesäcke ausbinden ließ, fand man in einem Sacke ein rosa Briefchen, welches an den Knecht adreffiert war. Der Kaufmann erbrach den Brief, dessen Inhalt die teuersten Liebes- bekundungen des verliebten Mädchens und die genaue Angabe der Beförderung der Briefe angab. Jedesmal, wenn der Kaufmann dem Gutsbesitzer die leeren Getreidesäcke hinschickte, legte der Knecht in einen Sack ein Briefchen an seine Liebste und erhielt mit der Lieferung auf gleichem Wege Antwort, welche aber diesmal an die falsche Adreffe gelangt war.
— (Ein Abiturientinnen«Kommers.) Ein eigenartiges Fest fand in Köln am letzten Freitag statt, und zwar ein Kommers; aber es war, wie die Köln. Ztg. schreibt, ein Kommers von ganz besonderem Schlage. Damen waren es, die zu ihm eingeladen hatten, und auch die weitaus größte Zahl der Teilnehmenden gehörte dem weiblichen Geschlechte an. Und die zweite Eigentümlichkeit dieses Kommerses war die — vollkommene Alkoholfreiheit. Lange Reihen von Tassen zierten die blumengeschmückten Festtafeln. Gewaltige Kaffeekannen schier unerschöpfllichen Inhalts kreisten umher; aus Blättern uud Blüten ragten ganze Berge von Kuchen und Torten empor. Es war ein Abiturientinnen-Kommers. Die fünf Schülerinnen, die in den Privatklaffen des Vereins Mädchengymnasium vorbereitet und nach dem Examen mit dem Zeugnis der Reife zur Universität entlassen worden waren, hatten ihn veranstaltet. Nach dem offiziellen Teil trat die FidelitaS in ihre Rechte, die höchst gründlich ausgebeutet wurde. Ein flottes Tänzchen beschloß den eigenartigen Kommers.
— (Sein Maßstab.) Von der Gersprenz wird be- richtet: Ein Lehrer der Mittelschule gibt sich alle erdenkliche Mühe, von dem kleinen Alois herauszubringen, wie viel 5 und 3 zusammen gibt. Nach vielen vergeblichen Anstrengungen probiert es der Lehrer mit der sokratischen Methode und fragt: Na, wenn du fünf Teller Erbsensuppe gegessen hast und nimmst noch drei Teller dazu, wieviel gibt das? Antwort des Bengels: „Einen ganzen Bauch v o l l."
— (K inderalsNahrungS Mittelverkauf t.) Am oberen Benue in Nord-Nigeria herrscht, wie von dort berichtet wird, eine furchtbare Hungersnot, die eine außerordentlich große Sterblichkeit im Lande verursacht hat. Die Eingeborenen suchen sich damit zu helfen, daß sie die jungen Kinder verkaufen, um dafür Nahrungsmittel zu erhalten. Die englische Regierung hat bereits 200 Kinder zurückbehalten und ist nun bemüht, sie ihren Eltern zurück- zugeben.
— (Ein verhängnisvoller „Scherz".) Aus Paris wird berichtet: Edmond Lelouse wollte sich den Spaß machen, seine Frau einmal tüchtig zu erschrecken, und legte zu diesem Zweck ins Bett eine angezogene Wachsfigur, an der er Kopf und Hanv mit Hülfe von Gummi leicht an den Rumpf befestigt hatte. Dann versteckte er sich hinter einer Draperie, um zu beobachten, welche Wirkung der Scherz haben würde. Als die Frau ins Schlafzimmer kam, wollte sie im Halbdunkel nach der Hand ihres Mannes greifen; aber die kalte Hand löste sich vom Arm und blieb in ihrer Hand. Mit einem Schreckensruf ließ die entsetzte Frau die Hand fahren und auf den Boden fallen und umschlang nun mit beide» Armen den Hals der Figur. Als sich jetzt aber auch der Kopf vom Rumpf trennte und auf den Fußboden rollte, stieß die Frau durchdringende Schreie aus und rannte wahnsinnig die Treppen hinunter, wo einige Nachbaren sie aushielten. Es stellte sich bald heraus, daß die Frau tobsüchtig geworden war, unb man brächte sie ins Irrenhaus. Als der Gatte von der Hoffnungslosigkeit des Zustandes seiner Frau benachrichtigt wurde, machte er seinem Leben durch Gift ein Ende.
Die Abfahrtszeiten der auf der hiesigen Station »»kommenden Züge sind folgende:
An der Richtung nach Bebra: ß23 962 n42 1206 zZM Z4I 432 gOO n‘2O* ^ 1 j«D
An der Richtung nach Frankfurt a. M.: 3G9D 610 746 10" 1-0 211 43G 510 540 819 951
Die Schnellzüge sind durch fetten Druck der Stunden ziffern hervorgehoben. Der mit * bezeichnete Zug verkehrt ab Fulda nur an Sonn- und Feiertagen und an den vorhergehenden Werktagen. D bedeutet Durchgangszug mit nur I. 11. II. Kl. und sind zu denselben Platzkarten zu lösen.