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herMder Kreisblatt
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Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 11.
Donnerstag, den 26. Januar
1905.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 21. Januar 1905.
Unter dem Sjweinebestande des Ackermanns Ferdinand Weiffenbach in Niederaula ist die Schweineseuche ausgebrochen.
I. 532. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer RegierungS-Rat.
Hersfeld, den 20. Januar 1905.
Die unter dem Schweinebeitande des Tischlermeister- Heinrich Wassermann hierselbst ausgebrochene Rotlausseuche ist erloschen.
J. I. 514. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rat.
nichtamtlicher teil.
Jer Wsian) im Su|rfe|ltiiotMtt
Die Zahl der Streikenden im Ruhrrevier ist unverändert. An der belgischen Grenze ist eine empfindliche Stauung der beladenen Kohlenwagen eingetreten. Der Versand geschieht sehr langsam, die Kohlenkalamität wird immer größer. Die Bochumer Behörde hat das Sammeln von Geld für die Streikenden in der Weise, daß man mit Sammellisten herumgeht, verboten mit der Begründung, daß jedes andere Kollektieren ebenfalls verboten sei.
Bochum, 24. Januar. Bei der Zeche Bruchstrabe wurden heute die Ausständigen abgelohnt. Die Abkehrscheine wurden fortgeworfen. Auf der Zeche Reu-Jserlohn find sechs Schichten nicht einbehalten. Die Auszahlungen gehen überall ruhig vor sich. Die Kohlenpreise steigen fortgesetzt. Der Delegierte Schröder und Abgeordnete Bernstein begeben sich nach England, um in der dortigen Arbeiterschaft Sammlungen für die Streiker im Ruhrrevier zu veranstalten.
Köln, 24. Januar. Meldungen aus dem Ruhrgebiet zufolge werden dort zum Schutze der Arbeitswilligen schärfere Maßregeln ergriffen. Niemand darf sich unbefugt in der Nähe einer Betriebswerkstätte eines Bergwerks oder auf dessen Zugangswegen aufhalten. Der Essener Oberbürger-
Der Stern des weissen Dauses.
Roman von J. I n e s.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Selten hörte ihn mit finsterm Lächeln an, und wenn er nichts sagte, so dachte er desto mehr.
„Das alles teile ich Dir natürlich unter strenger Verschwiegenheit mit. Ich schenke wenigen das Vertrauen, welches ich Dir schenke, Robert," sagte der Baron mit Nachdruck.
„Unter strengster Verschwiegenheit — natürlich," entgegnete der Maler, während sich beide die Hände schüttelten.
„Sie soll die Seine werden, selbst wenn die ganze Welt sich dagegen verschwört," dachte Selten am Abend. „So, mein Freund? Das wollen wir doch erst einmal sehen."
*
* *
Hilda lag im Bett und schlief — so fest, daß Frau Horsts Tritte, die im Schlafzimmer hin und herging, sie nicht ausweckten.
Leise und behende zog Frau Horst einen Kasten nach dem anderen auf und faltete Kleider und Wäsche sorgfältig zusammen und legte sie in einen großen Koffer; dann trat sie dicht an das Bett heran und beugte sich über die Schläferin herab. Das Mädchen bewegte sich eben und ihre Lippen hauchten ein Wort, welches auf Frau Horsts Stirn eine dicke Zornesader auschwellcn ließ.
»Ja, sie ist schön — so schön wie ihre Mutter war," murmelte sie; „aber hat die nicht meinem Liebling das ganze Leben vergiftet? Auch das Mädchen wirb ihn elend machen und die alte, böse Wunde, die nie vernarbt ist, wird von neuem bluten. Wie kann ich sie lieben? Wie kann ich? Aber ich will sie vor Unglück bewahren — will meine Pflicht gegen sie erfüllen, um Stesans willen.
13.
Es waren zwei Dinge, die den Maler zu der schnellen Abreise veranlaßten. Zuvörderst wollte er den Baron im ^luge behalten. Zwei Tage znvor nämlich hatte derselbe ge
Meister teilte der Siebener-Kommtffion mit, daß fernerhin nicht mehr gestaltet werde, daß die Streikenden Ordner aufstellen.
Ae Arbeitcmnihe« in Petersburg
Es muß gleich im Voraus gesagt werden, daß die Nachrichten über die Straßenkämpfe und die Revolution in Petersburg vom Sonntag und Montag weil übertrieben waren. Wohl haben sich unter Führung des Popen Gapon gegen 60 000 Arbeiter an der Bewegung in Petersburg beteiligt, aber es sind bei dem Bemühen der Regierung, die Arbeiter von dem Zuge in den kaiserlichen Palast ab- zuhalten, nicht 2000 Arbeiter getötet worden und 4000 verwundet, sondern nur gegen 200 wurden getötet und etwa 300 verwundet. ES kann jedoch keinem Zweifel unterliegen, daß diese ganze Bewegung einen revolutionären Charakter hat und sich in anderen Formen wiederholen wird, wenn der Zar Nikolaus nicht zu Reformen schreitet und den Krieg mit Japan bald beendigt. Das echt Russische und Charakteristische bei der ganzen Bewegung besteht darin, daß sie nicht gegen den Zaren, son- dern gegen die Beamten und gegen die Gesetze gerichtet ist. „Kaiser, hilf deinem Volke! Wir Arbeiter und Bauern wollen lieber sterben, als unter solchen Gesetzen weiterleben!" — Das sind die Hilferufe der Arbeiter und Bauern in Rußland, unter denen die Bewegung in Szene gesetzt wurde. Heiligenbilder neben dem Bilde des Zaren wurden am Sonntag in Petersburg im Zuge der Arbeiter getragen, und das Bild wurde erst dann vernichtet, als von den Soldaten auf die Arbeiter geschossen worden war. Er besteht also das ungeheuerliche Verhängnis in Rußland, daß das untere Volk noch an dem Zaren hängt, aber über seine Beamten und Gesetze das moralische Verdammungs- urteil spricht. Sicher mag das sozialpolitische oder vielleicht gar sozialdemagogische Geschick des Popen Gapon, der den Anwalt des russischen Volkes spielt, sehr viel dazu beigetragen haben, um diesen seltsamen Gegensatz im politischen Leben Rußlands schärfer zu kennzeichnen, daß der Zar als Retter gegen die Beamtenwillkür und die verrotteten Gesetze angerufen wurde, aber ebenso gewiß spiegelt sich in diesen Hilferufen auch das ganze Elend im öffentlichen und sozialen Leben Rußlands wieder. Und der Zar Nikolaus und feine Berater haben einen ungeheuren Fehler gemacht, daß sie nicht dafür sorgten, daß wenigstens eine Deputation der Arbeiter im kaiserlichen Palast empfangen und ihnen tröstlich zugeredet wurde. Diese Ablehnung und die Antwort mit Pulver und Blei hat offenbar dem Zaren Nikolaus viele Sympathien im russichen Volke geraubt. Man befindet sich eben in Rußland in dem gefährlichen Zustande, daß der Kaiser und das Volk einander nicht mehr hören und verstehen, weil die allmächtige Beamten-Kamarilla das Verständnis verhindert. Solche wahnsinnigen Verhältnisse
sprächsweise erzählt, daß er einige Wochen bei seinem Freund dem Grafen Sterntal in B., zuznbringen gedächte und sofort ahnte Selten, was der Baron im Schilde führte, denn er war nicht so leicht zu betrügen wie die Baronin, und ihm entging das schuldbewußte Erröten nicht, welches Werners schöne ehrliche Züge überzog, als er das Ziel seiner Reise nannte.
Des Barons Pläne zu durchkreuzen war Seitens fester Entschluß; Werners Glück goß Oel ins Feuer seiner Leidenschaft, und der Maler hielt wenigstens eine Waffe in der Hand, die nicht verfehlen konnte, zu treffen, sabald der rechte Moment da war.
Der zweite Grund, welcher Selten bestimmte, das Schloß zu verlassen, war der: Einige Tage zuvor hatte er Gelegenheit gehabt, das Boudoir der Baronin zu betrachten. Ihr Schreibpult war offen gewesen und davor lag ein zusammen- gefaltetes Papier, welches von ihr unbemerkt vermutlich auf den Boden gefallen war. Der gelbe Zettel erregte Seitens Neugier. Er hob ihn auf, entfaltete ihn und las ihn — las ihn wieder und immer wieder — wobei es in seinen Augen wild aufleuchtete und feine Züge höchste Ueberraschung verrieten.
„Annemarie, Tochter Andreas Hagenbecks, auf dem Vorwerk Lindeuheim in der Grasschaft M . . .", las er noch einmal langsam. „Das ist dieselbe Adresse, die auf Charlottens Brief stand, welchen sie neulich nach der Post trug. Was werbe ich da wohl für eine Entdeckung machen?" Er zog ein Notizbuch aus der Tasche, schrieb alles, was aus dem Zettel stand, ab, legte diesen darauf wieder genau so hin, wie er ihn gesunden hatte und verließ daS Zimmer.
Nachdem er die Sache zwei Tage lang reiflich erwogen hatte, sagte er sich: „Vielleicht ist es nichts; jedenfalls aber kann ein Versuch nichts schaden, und wenn mir der Versuch die Mittel an die Hand gibt, Werners Plan zu vernichten, dann will ich sie ergreifen, mag es kosten, was es wolle."
So gedachte er vor allen Dingen nach Lindeuheim zu gehen und den Vermutungen, welche jener Zettel in ihm erweckt hatte, näher nachznspüren.
Die Baronin drückte in höflichen Worten ihr Erbauern
erzeugen dann die Revolution ober die Attentate. Re. volulionen und Attentate werden also der blutige Weg Rußlands in der dunklen Zukunft sein, wenn nicht ein befriedigender Reformweg beschritten werden kann und daran muß leider sehr gezweifelt werden, denn ungeheuerliche Gegensätze in der Machtstellung des Zaren und seiner Beamten auf der einen Seite und der wirklichen Leistung der russischen Regierung und der Not des russischen Volkes ersticken zunächst jeden wahren Fortschritt. Es ist auch nicht nur die von Gapon organisierte Arbeiterbewegung, die einen Notschrei gegen die Beamten und die Gesetze ausstieß, sondern auch der Kartätschenschuß auf den Kaiserpalast aus einer Kanone der Garde-Artillerie war ein solcher Notschrei aus den höheren Volksschichten Rußland«. Er hat sich nämlich herausgestellt, daß der bekannte Kartätschenschuß kein unglücklicher Zufall, sondern eine absichtliche Tat war, da die Hülse der Kartätsche zeigte, daß er keine von den letzten Uebungen der Garde-Artillerie zurückgebliebene war, sondern ein anderes Muster, zu dem nur die Offiziere gelangen können. Im russischen Garde-Offizierskorps regt sich also auch der revolutionäre Geist, und man muß auf die weitere Entwicklung der Dinge in Rußland gespannt sein.
Meuterei der Truppen in Ssewastopol.
Was es mit den kurzen amtlichen russischen Berichten über den Brand der Marinedepots auf sich hatte, konnte man sich nach den sonstigen Ereignissen im Zarenreiche ohne weiteres sagen. Die Aufschlüsse, die heute gegeben werben, übersteigen jedoch noch die schlimmsten Vorstellungen.
Das große Marinedepot in Ssewastopol ist durch einen revolutionären Akt der Matrosen der Schwarzmeerflotte zerstört worden. Die Admiralität hatte beschlossen, eine Anzahl Hütten vor der Kaserne niederzureißen, die von armen Familien, darunter vielen Verwandten der Matrosen bewohnt wurden. Der Gouverneur sürchlete eine Meuterei und bat den Admiral Tschuschnin, die Matrosen während der Abrißarbeilen in der Kaserne zurück- zuhalten. Als die Leute frühmorgens die Kasernentore ver- schloffen fanden, bemächtigte sich ihrer große Aufregung und sie verlangten Oeffnung der Tore. Der befehlhobende Offizier verweigerte dies in einer Weise, die die Matrosen sinnlos vor Wut machte. Die gesammten 8000 Mann brachen die Tore ein und stürzten nach den Osfizierswohn- ungen mit dem Gebrüll: „Nieder mit Tschuschnin! Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Autokratie!" Nun folgten entsetzliche Szenen. Die wutentbrannten Leute hatten eiserne Gitterstangen aus dem Boden gerissen und brachen damit in die Wohnungen der unbeliebtesten Offiziere ein. Mehrere Offiziere erhielten schwere Verletzungen; einem wurde der Schädel zerbrochen; andere erlitten Acmbrüche; die übrigen Offiziere flohen entsetzt in das Innere der Stadt. Die
aus, des Malers liebenswürdige Gesellschaft zu verlieren, hoffte aber, daß er seinen Besuch bald wiederholen würde.
„Gewiß, Frau Baronin," antwortete er mit mattem Lächeln, „ich hoffe, daß Sie mir einmal gestatten werden, das Porträt Holm von Gunlachs zu kopieren?"
„Welches meinst Du, Robert? Es sind, wie Du weifst, drei Holm von Gunlachs da," sagte Werner. „Wohl das mit der Rüstung?"
„Das nicht. Ich meine den Holm von Gunslach, von dem Du die Besitzung geerbt hast," lautete die langsam und bedachtem Ton gegebene Antwort, und während er sprach, ruhten seine Augen forschend auf den bleichen, seltsam verstörten Zügen der Frau Baronin, welche ihm gegenüber saß — „den Vetter Deiner Mutter, welcher auf der Jagd starb."
„Ah, den! Ja, der Arme, es war hart für ihn, daß er im schönsten Mannesalter sterben mußte. Ich kann mich seiner kaum noch erinnern; ich weiß nur noch, daß er, als ich noch Kind war, im Park zuweilen „Verstecken" mir mir spielte und mich einmal auf sein schwarzes Jagdroß setzte. Dann auch erinnere ich mich — denn das Ereignis machte mir einen tiefen Eindruck — wie die Männer ihn aus einer Tragbahre nach dem Schloß getragen brachten, während andere das Roß am Zügel führten, welches ihn abgeworfen hatte, und wie ich, nachdem er gestorben war, in das Zimmer geholt wurde, um ihn noch einmal zu sehen — und der unheimlichen Stille, die am Begräbnistage im ganzen Hause herrschte."
Ein lautes Klirren erschreckte plötzlich die beiden Herren. Die Baronin hatte ihr Weinglas aus der bebenden Hand fallen lassen, sodaß es in tausend Stücke zerbrach und sein Inhalt sich teils über das weiße Damasttuch, teils über daS blaßgraue Seidenkleid der Baronin ergoß.
Werner sprang ihr zu Hilje. Erschrocken sah er seine Mutter an; sie war totenbleich.
„Mutter, Du bist nicht wohl?" rief er ängstlich.
„Ganz wohl, Werner — nur etwas schwach. Friedrich, öffnen Sie die Fenster."
Der Diener gehorchte.
„Nur etwas schwach, meine Gnädige; gerade wie damals