Illustrierte LandwirtschaMcheAeilage MM »Hersfelder Kreisülatt."
Nr. 22. Hersfeld im
JnhaltS-vcrzeichutS: Die Bekämpfung der Hamsterplage (mit Abbildung.) Wiesenpflege. Schätzung des Kartosteiertrages. Die««« oder Schober. Sät sind schwitzend«, durchuttzte und «chchvochS» Pferde zu behandeln? Einem Pferde. Ein Mittel, um Kühe an das Saugenlasien zn gewöhnen. Milchergiebigkeit und Salzgabr. g»chtsch»«i»e Gute Fütterung der Hühner lohne Stuhrer Landhuhn. Die beste Zeit zur Anschaffung von Tauben. Aufzucht junger Dompfaffen. Winterschutz der Rosen. Borbereitung des Bebarf für Rosenpflenchungen. Zur lohnenden Kultur der Kakteen. Regenwürmer m Blumentöpfen. Warum blühen die Myrten nicht? Kranke Triebspitzen an Gummibäumen. Decken des Wintersalates. Gute Komposterde. Ische. Der Junker HerüP im Jagdgewand. Sumpfaquarium und Zuchtkasten für Wafferinsekten u. s. «. (mit Abbildung.) Pferd und Automobil in den Großstädten. Ein vorzüglicher Wetzstein (mit Abbildung.) Beste Temperatur im Hauileller. Wanzen aus Bettstellen. Obstflecken in bunten Stoffen. Versengte Wäsche. Lendenbraten. Gefüllte Rebhühner. Gebratenes Rebhuhn. Falsches Wild. Eierzitronad«. Apfel» Kompott mit Meerrettich. Briefkasten.
Die KMapfmr der Hm-aMr.
Von Dr. Arnold Jacobi.
Der Hamster (Gricetus cricetus) gehört zu den Nagetieren. Er ist in Gestalt und Größe einem Meerschweinchen ähnlich, besitzt einen kurzen Schwanz und zugespitzten Kopf mit häutigen, mittelgroßen Ohren und einem Paare sehr ausdehnungsfähiger Backentaschen. Die Farbe des kurzhaarigen Pelzes ist oben bränlichgelb, auf der Unterseite schwarz, während ein Ring um den Hals rotbraun und mehrere große Flecke an den Seiten des Kopfes und Rumpfes weißlichgelb sind. Die Farbe der Füße ist weiß. Bisweilen findet man ganz schwarze oder weiße Hamster.
Die Verbreitung des Tieres erstreckt fich in Deutschland ungefähr vom Rheins bis zur Weichsel, doch fehlt es im Süden und nördlich der Mark Brandenburg; sehr häufig ist es in Mitteldeutschland, zumal in Thüringen, dem Königreiche und der Provinz Sachsen. Der Hamster bewohnt fruchtbare Nieder mit bindigem, trockenem Boden in der Ebene; den reinen Sand und steinigen oder nassen Boden vermeidet er ebenso wie den Wald und das Gebirge.
Unser Tier lebt ungesellig und nur zur Fort- pflanzungszeit paarweise in unterirdischen Bauen, die als Wohnung, Speicher, Brutstätte und Schlupfwinkel für den Winterschlaf dienen und sich in 1—2 m Tiefe befinden. Dieselben bestehen au« einer Wohnkammer und einer oder mehreren Vorratskammern, die durch vielfach gebogene Röhren mit einander in Verbindung stehen. Den Zugang bildet ein senkrechte« Fall- oder Eingangsrohr mit enger, kreisrunder Mündung und eine schräg verlausende, oben gewöhnlich erweiterte Fluchtröhre. Von dieser Wohnung aus unternimmt der Hamster bei Tage wie bei Nacht seine Streifzüge in die nahen Felder, wo er seine Backentaschen mit Getreidekörnern, Erbsen, Wurzeln, Obst und grünen Kräutern ansüllt. Doch verschmäht er auch tierische Nahrung nicht, sondern überfällt Mäuse, kleine Vögel und Kerbtiere, um, sie an Ort und Stelle aufzufreffen. Die pflanzliche Beute dagegen wird im Bau teils verzehrt, teils für den Winter aufgespeichert. Sobald dieser herannaht, verstopft der Hamster gewöhnlich vom Oktober ab die Zugänge seines Baues mit Erde und verfällt in der mit trockenen Stoffen warm aus-: gepolsterten Wohnkammer in den Winterschlaf, der ungefähr bis zum April dauert; jedoch erwacht der Schläfer noch im Herbste und auch an warmen Wintertagen nicht selten und sucht dann für kurze Zeit das Freie auf. Es werden übrigens auch im Frühjahre, etwa bis Johanni, in der Nacht und bei starkem Regen die Baue noch geschloffen. Nach dem Abzüge des Winters beginnt die Fortpflanzung, die zweimal und zwar im Mai und Juli, Würfe von 6-14 Jungen liefert. Da der Hamster zudem ein kräftiges und mutiges Tier ist, das sich vieler Feinde zu erwehren weiß, kann seine Vermehrung in manchen Jabren eine sehr starke werden.
Die Schädlichkeit des Hamsters ist sehr bedeutend, da man in einem Bau Wintervorräte von 20—25 Pfund, aber selbst bis zu einem Zentner Getreidekörner findet. Auch werden seine Baue zu einer Gefahr für die Zugtiere, namentlich Pferde, indem diese in die Eingangslöcher treten und sich an der Fessel beschädigen, ja selbst das Bein brechen können. Deshalb ist die tatkräftige und llnab- lajstge Bekämpfung des Hamsters durchaus erforberluy.
Die Vertilgung des Hamsters ist unschwer zu bewerk- stell gen, wenn Zeitpunkt unb Verfahren richtig gewählt sind. Eine Anzahl bisher vielfach angewendeter Verfahren 1) iben zwar einige Wirkung, sind aber teilweise zu um= stündlich, teils nicht immer zuverlässig; genannt seien das Auegraben, Fallenstellen, Ausgießen, Vergiften und Aus- räuchern. Dagegen sind die im Folgenden mitgeteilten Anweisungen von der Biologischen Abteilung oes Kaiserlichen Gesundheitsamtes und von dem Vorstände der Ver- fuchsstalion für Pflanzenschutz in Halle, Professor Dr. Hollrung, vielfach erprobt worden und führen sicher zum .siele, falls die Allwendung gewissenhaft erfolgt. Dies
wird am besten erreicht, wenn zu den Arbeiten zuverlässige, möglichst zum eigenen Gesinde gehörige Leute verwendet werden, nicht aber gewerbsmäßige Hamsterfänger, da diese zur Erhaltung einer lohnenden Thätigkeit nicht selten bedacht sind, die völlige Ausrottung der Hamster zu hindern.
Die Vernichtung erfolgt durch Einbringen von Schwefelkohlenstoff in die bewohnten Baue. Schwefelkohlenstoff ist eine farblose bis gelbliche, bei gewöhnlicher Temperatur leicht verdunstende Flüssigkeit von unangenehmem, fauligem Gerüche, deren Dampf Tiere einschläfert und tötet. Da Schwefelkohlenstoff schwerer ist als Waffer (1 Liter wiegt ungefähr IV» kg) und die Verdunstungsgase schwerer als die Lust sind, so verbreiten sie sich nach unten sinkend in dem gesamten Raume eines Baues. Dar Mittel gestattet
verschiedene
Anwendung-weisen, die sämtlich zum
Ziele
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führen, doch ist die nachfolgend geschilderte dem praktischen Landwirte deshalb am meisten zu empfehlen, weil keine besonderen mehr oder minder kostspieligen Vorkehrungen von auswärts beschafft werden müssen, vielmehr die eigene Wirtschaft — abgesehen von der Flüssigkeit — alles Nötige liefern kann.
Die beste Zeit zur Bekämpfung ist das Frühjahr und der Sommer, soweit der Stand der Feldfrüchte eine genaue Aufsuchung der Baue ermöglicht. Zweckmäßig behandelt man der Zeit nach zuerst diejenigen Felder, deren Früchte verhältnismäßig früh einen dichten Stand zeigen und spät geerntet werden, während die Grünfutter-, Klee- und Luzerneschläge sofort nach dem I. und 2. Schnitte, die Halmfrüchte aber unmittelbar nach der Ernte zu behandeln find. Da der Hamster im Frühling bei kalten Nächten seine Röhren verstopft, sind während dieser Jahreszeit die wärmeren Tagesstunden zu den Vertilgungsarbeiten zu wählen. Am Tage vor diesen läßt man durch Kinder die bewohnten Baue durch irgend ein Merkmal bezeichnen, die verlassenen aber zutreten. Letztere erkennt man am Vorhandensein von Moos, Schimmel, Gras und Spinngeweben in den Röhren, wie auch an der unebenen, rauhen Form der Eingänge, während belaufene Löcher rund und glatt erscheinen, oftmals auch durch frisch herausgeworfene Erde gekennzeichnet sind.
Das Verfahren selbst ist folgendes: Als Träger für den einzubringenden Schwefelkohlenstoff dienen Stücke alten Sackleinens von ugefähr 15 cm im Geviert; letztere
Größe ist ausreichend, sowohl um die zum Erfolge nötige Menge des Mittels aufzunehmen, als auch um einen Verlust durch Einsickern der Flüssigkeit in den Erdboden zu verhindern. Die Sackleinenstücke werden entweder in einer mit Schwefelkohlenstoff gefüllten, gutschließenden Milchkanne milgeführt und vor jedem zu behandelnden Loche ein Lappen mittelst eines hakenförmig oder zangenartig gebogenen Drahtes entnommen und in die Röhre eingebracht, oder man legt das Leinenstück trocken in die Oeffnung, um es dann erst aus einer Blech-(Pelroleum)kanne mit der Flüssigkeit soweit zu befeuchten, daß der Stoff gerade durchtränkt ist. Auch kann das Befeuchten in der Art geschehen, daß der Schwefelkohlenstoff aus der Kanne mittelst eines an einem Stocke befestigten Näpfchens von ca. 30 ccm Inhalt (die jedesmalige Gabe braucht keine abgemessene zu fein, da etwas mehr ober weniger an Flüssigkeit die Wirkung nicht beeinflußt) entnommen und auf da« in der Eingang-öffnung befindliche Zeugstück gegossen wird. Diese- letztere Verfahren muß etwas vorsichtig ausgeführt werden, weil bei mangelnder Aufmerksamkeit leicht Flüssigkeit verschüttet wird. Das durchtränkte Sackstück ist sofort mit einem Stoffe möglichst tief in die Röhre einzuschieben und die Röhre alsdann gleich zu verschließen, und zwar bei schwerem, feuchtem Boden durch einfaches Zulreten, während bei trockener, bröckeliger Beschaffenheit der Erde der Verschluß zweckmäßig durch ein eben hinreichend großer Stück steifes Packpapier und eine darüber- geworfene Schaufel Erde erfolgt.
In die eben beschriebenen Handgriffe teilen fich, am besten zwei Arbeiter so, daß der eine die Lappen einführt und tränkt, der andere sie nachschiebt und den Eingang verschließt, doch können sie im Notfalle auch durch einen einzigen Mann vernichtet werden.
Ausdrücklich muß aber darauf hingewiesen werden, daß Schwefelkohlenstoff in hohem Grade feuergefährlich ist und sich bei Annäherung von brennenden oder glühenden Körpern, zumal in der Wärme, mit explosionsartiger Heftigkeit entzündet. Deshalb find beim Transporte, beim Aufbewahren und bei jedem Hantieren mit Schwefelkohlenstoff Rauchen, Entzünden von Streichhölzern, Feuer und Licht strengsten- zn vermeiden; sämtliche Beteiligten sind hierauf nachdrücklichst aufmerksam zu machen. Werden jedoch diese Vorsichtsmaßregeln beachtet, so ist keine Gefahr zu fürchten.
Die Kosten für das Verfahren setzen sich aus Material- und Arbeitskosten zusammen. Der von jeder Apotheke ooer größeren Drogenhandlung erhältliche Schwefelkohlenstoff kostet je nach der Höhe des Bezuges 40 - 60 Pfg. für das Kilogramm, so daß der Aufwand für jedes Loch 17,-2 Pfg. beträgt. Die Kosten für Lappen und Arbeitskräfte richten sich nach den Verhältniffen.
Obwohl die Wirkung des Schwefelkohlenstoffs^ bei richtiger Anwendung fast immer eine sichere ist, empfiehlt es sich doch, eine nachträgliche Prüfung der behandelten Felder vorzunehmen. Man lasse deshalb die Merkzeichen stehen und sehe nach 1—2 Tagen nach, ob wieder ein Loch geöffnet ist.
Eine dauernde Wirkung können die beschriebenen Vertilgung-maßregeln nur dann haben, wenn das Vorgehen gegen den Hamster ein allgemeines ist. Solange der gemeingefährliche Nager nur von dem einen oder anderen Grundbesitzer verfolgt wird, während der Nachbar ihn duldet, ist an der Ausrottung des Tieres in den bedrohten Gegenden nicht zu denken. Es muß deshalb zum all gemeinen und möglichst gleichzeitigen Kampfe gegen diesen Schädling umsomehr aufgeforderl werden, als die Gesetzgebung den Polizeibehörden äußersten Fall« wohl überall die Möglichkeit giebt, Säumigen unter Androhung von Strafe 'die zwangsweise Vertilgung ber Hamster auszu erlegen.
Vor dem Kaufe neuerding« zur Hamstervertilgung an gepriesener Geheimmittel wird gewarnt; sie enthalten meist als wirksamen Bestandteil ebenfalls nur Schwefelkohlenstoff, sind aber viel teurer als der Preis, zu welchem der Landwirt sich den wirksamen Stoff selbst beschaffen kann.
*) Als Flugblatt Nr. 10 der Biologischen Abteilung für Land und Forstwirtschaft herausgegeben von den Berlagshandl. Paul Party und Julius Springer, Berlin.