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Ä3r Fernsprecher Nr. 8. ^»
Sr. 104.
StmM den 3. Leslteinber
1904.
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Nichtamtlicher Teil.
Politischer Wochenbericht.
Um sich innerhalb des rheinisch-westfälischen Kohlen- syndikats^eine dauernde Stellung und damit einen maß- gebenden Einfluß aus die Preispolitik dieses Syndikats zu sichern, hatte die preußische Regierung die Verstaatlichung der Bergwerks-Gesellschaft „H i b e r n i a" ins Auge gefaßt. In der während der Berichtswoche stattgehabten Generalversammlung der „Hibernia" aber ist das Kaufgebot des Staates abgelehnt worden. Man kann diesen Beschluß nur bedauern. Die Regierung hat durch mannigfache Kundgebungen ihrer Vertreter in den letzten Jahren dargetan, daß sie die volkswirtschaftliche Berechtigung des Kartell- und Syndikatswesens grundsätzlich anerkennt. Unerläßliche Voraussetzung dieser Anerkennung aber ist eine gesunde und maßvolle Preispolitik, durch welche die Interessen der Konsumenten mit denjenigen der Produzenten der kartellierten Industriezweige in stetem Einklänge gehalten werden. Die nötige Gewähr für ein derartiges Verhalten der Leitung des Kohlensyndikats zu schaffen, darauf zielte der Verstaatlichnngs- plau gegenüber der „Hibernia" ab. Nun derselbe zunächst gescheitert ist, dürften sich die Bestrebungen, welche auf eine Syndikats-Gesetzgebung abzielen, in verstärktem Maße geltend machen. Es erscheint aber ans mancherlei Gründen zweifelhaft, ob dieser Weg ohne tiefere Eingriffe in die bisherige Bewegungsfreiheit der Kartelle beschütten werden kann. Die Leiter der Kartelle selber handeln daher höchst unklug, wenn sie das Sicherheitsventil einer Beteiligung des Staates an der Kartellverwaltung von sich weisen.
Wie tiefe Wurzeln das Streben nach einer gesetzlichen Regelung des Kartell- und Syndikatswesens bereits geschlagen hat, das beweist die Behandlung dieses Themas auf den verschiedenartigsten Versammlungen. Auch der deutsche I n n u n g s - u n d H a n d w e r k e r t a g , der soeben in Magdeburg stattgefunden hat, beschäftigte sich mit demselben. Im übrigen war die Tagesordnung des Handwerkertages eine überaus reichhaltige. Bemerkenswert ist die Entschiedenheit, mit welcher man dort die Auswüchse der Koalitionsfreiheit und den wachsenden Terrorismus der sozialdemokratischen Arbeiterschaft bekämpfte und den Anschluß an das übrige Arbeitgebertum empfahl. Es ist zu hoffen, daß aus solcher Erkenntnis der Jnteressen-Solidarität des Bürgertums gute Früchte hervor- gehen.
Im asiatischen Kriege sind die Ereignisse gegenwärtig zweifellos auf einem Höhepunkt angelangt, und jeder Augenblick kann gewichtige Entscheidungen bringen. An zwei Schauplätzen, vor Port Arthur und um Liaujang, findet ein Völkerringen bedeutsamster Art statt. Gewaltige Truppenmassen stehen sich gegenüber, und sowohl auf russischer wie auf japanischer Seite wird mit Anspannung aller Kräste und mit bewundernswertem Heldenmute gc- kämpst.
Im Hafen von Marseille hat der dortige Ausstand zu einer vollständigen Lahmlegung des Verkehrs geführt. Es ist damit über den großen französischen Mittel- meer-Hafen bind) den Uebermut der Sozialdemokratie eine wirtschaftliche Krisis heraufbeschworen worden, deren unheilvolle Wirkungen sich sobald nicht beseitigen lassen dürsten. Mittelbar aber wird dem gesamten Wohlstände Frankreichs eine tiefe Wunde geschlagen. Wer diese Dinge schärfer betrachtet, wird die gegenwärtigen Leiter Frankreichs nicht ganz von der Schuld an derartigen Zuständen freisprechen können. Um sich die Hülse der Sozialdemokraten, insbesondere für den antiklerikalen Feldzug zu sichern, legt
das Ministerium Combes seit lange schon eine zu weit gehende Konivenz gegenüber den immer dreistern Zu- mutungen und Forderungen der Revolutionspartei an den Tag. Die Folge sind dann derartige Machtproben wie der Marseillcr Ausstand. Hoffentlich entnehmen die französischen Machthaber hieraus eine Mahnung für ihr künftiges Verhalten.
Im übrigen ist aus dem Auslande wenig Neues zu berichten. In Tibet bereiten die starken Regengüsse der englischen Expedition zur Zeit große Schwierigkeiten, wenngleich anderseits die Verhandlungen mit den tibetanischen Delegierten Fortschritte zu machen scheinen. Aus China wird von einem Wiederaufleben der Boxer-Bewegung in der Provinz Petschili berichtet, und ebenso sollen in Armenien revolutionäre Erhebungen bevorstehen. Von der Balkanhalbinsel endlich lauten die Nachrichten wie gewöhnlich äußerst wechselvoll; heute wird die Lage beruhigend und morgen ernst geschildert. Doch dürste erfahrungsgemäß die nun bald herannahende kältere Jahreszeit zügelnd und hemmend auf das dortige Bandenwesen und dessen revolutionären Eifer einwirken.
Der Krieg zwischen Japan und Rußland.
Die Hoffnungen Rußlands auf weiteres Ausharren der Besatzung von Port Arthur werden täglich durch neue Meldungen gestärkt. Insbesondere scheint es, daß die Person des tapferen Kommandanten der Festung Generals Stoffel auf die Haltung der Truppen einen vorzüglichen Einfluß ausübt.
Petersburg, 1. September. Eine Depesche der Generalleutnants Stoffel an den Kaiser vom 26. August lautet: „Die huldreichen Telegramme Ew. Majestät und der Kaiserin haben ein donnerndes Hurra angesichts des Feinde» hervorgerufen und die Kräfte der Verteidiger wie den Heldenmut der Truppen verdoppelt Vom 23. August bis einschließlich heute sind mit Gottes Hilfe alle täglichen Stürme abgeschlagen worden."
Die Schlacht bei Liaujang dauert noch immer fort. Mehrere Meldungen berichten von einem Sieg der Japaner und dem Rückzug d e r R u s s e n von ihren Stellungen bei Liaujang. Er geht aus diesen Meldungen jedoch nicht hervor, ob eS dem Marschall Oyama gelungen ist, den errungenen Sieg, dessen Bestätigung übrigens noch abzuwarten bleibt, so auszu- nutzen, daß er die Entscheidung für das Schicksal der Armee KuropatkinS bedeutet.
Tokio, 1. September. Kuropatkin konzentrierte alle verfügbaren Truppen bei Liaujang und setzte während der drei letzten Tage den japanischen Angriffen wiederholt äußerst heftigen Widerstand entgegen. Oyama warf die vereinigten japanischen Armeen gegen die russischen Truppen, welche eine Reihe von ausgezeichnet befestigten Stellungen innehatten, die sie hartnäckig verteidigten. Den Japanern gelang es schließlich den russischen linken Flügel zurückzuwerfen. Lange Zeit jedoch vermochten sie gegen die rechte Flanke keinen Erfolg zu erringen, da die Russen die Angriffe wiederholt abschlugen.
Tokio, 1. September. In der Frühe des heutigen Tages machte der linke Flügel der Japaner mit Erfolg einen wilden Angriff auf die Höhen von Hsinlitun westlich des Schuschanberges und durchbrachen die russische Linie. Dieser Erfolg machte wahrscheinlich den darauf erfolgenden Rückzug des Zentrums und des rechten Flügels der Russen notwendig. Hier glaubt man, daß Kuropatkin völlig geschlagen sei. Oyama telegraphiert, daß seine Verluste bei dem Sturmangriff auf Liaujang beträchtlich seien. KurokiS Verluste vom 24. bis 28. August betragen 2255
London, 1. September. Ein dem Reuterschen Bureau aus Shanghai zugegangenes Telegramm besagt, die Japaner hätten heute nach viertägigem schwerem
Kampfe Liaujang besetzt. Aus der russischen Seite trafen zur Zeit beträchtliche Verstärkungen ein.
Tschifu, 30. August. Heute ist hier von Port Arthur die am 26. August erschienene Nummer des Nowi Kray eingetroffen, welche Über die Kämpfe vor Port Arthur folgenden Bericht enthält: Die Japaner ruhten nach einem dreitägigen heftigen Sturmangriff am 23. August tagsüber aus. Gegen 11 Uhr Abends rückten sie mit bedeutenden Streitkrästen gegen das starke Fort Z a r e d o n t w i auf der rechten Flanke der Russen vor. Sie nutzten die geringsten Terrainfalten aus und glitten gleich wahren Rothäuten heran. Trotz des russischen Feuers gelangten sie in die Nähe des GlaciS und nahmen einen Sturmanlauf, sie wurden aber durch vernichtendes Feuer von allen Seiten zurückgeworfen. Nur eine japanische Abteilung drang über die Leichen der Gefallenen bis in das russische Fort vor. Die Verteidiger trieben sie aber mit dem Bajonett unter schweren Verlusten zurück. Die Japaner erhielten Verstärkungen und erneuerten todesmutig den Angriff, wurden aber wiederum zurückgeworfen. Sie unternahmen darauf auch einen dritten wütenden Angriff, aber auch diesen brächte das mörderische Feuer der Russen zum Scheitern. Die Japaner sollen dabei Granaten hinter die stürmenden Kolonnen abgefeuert haben, um diesen ihre Pflicht, zu siegen ober zu sterben, eindringlich zu zeigen. Die Russen verlangten nun ihrerseits Verstärkungen für den Fall, daß weitere Angriffe unternommen würden, doch kam es nicht dazu. Bei Tagesanbruch entspann sich hingegen ein Kampf der beiderseitigen Artillerie. Kapitän Lebedien, der die Matrosenabteilung befehligte, stellte sich auf die Mauer und streckte mit einem Revolver über 20 Japaner nieder; die Japaner versuchten, die Pyramide menschlicher Leiber überkletternd, die Mauer stets von neuem zu ersteigen; nach dem dritten Angriff wurde Lebedien durch einen Granatsplitter getötet. General Gorbatowski, der schon sechs Nächte ohne Schlaf in den Gräben zugebracht hatte, leitete das Feuer der Russen persönlich. Die japanische Artillerie brächte den Forts schweren Schaden bei, so daß Gorbatowski der Garnison befahl, in den Gräben Deckung zu suchen. Am 24. um 10 Uhr Morgens brachten die Japaner ihre Bergattillerie in Stellung, die von den Russen erfolgreich beschossen wurde. Gegen Mittag wurden zwei japanische Truppenabteilungen gesehen, die sich vor dem russischen Feuer zurückzogen, die eine hinter den Zuckerbrothügel, die andere bei der Eisenbahnblücke. Um 2 Uhr Nachmittags begonnen die Japaner mit 12 Geschützen nach Palitscheng zu marschieren. Ein gegen 6 Uhr Abends von den Japanern gegen die russische Südostfront auSgeführter verzweifelter Angriff wurde unter großen Verlusten für die Japaner zurückgeschlagen. Hauptmann StenipnawSki machte mit einer kleinen Abteilung einen erfolgreichen Ausfallsversuch, um eine japanische Batterie zurückzuweisen. Das Blatt macht keine Mitteilung darüber, ob die Russen sich auf den Hügeln zu halten vermochten. Die Japaner benutzten die aus Stein ge- bauten Häuser der Chinesen als Forts. In den Getreide- feldern haben die Japaner von der Louisenbucht her einen ungeheuren Artilleriepark untergebracht.
Zu den Vorgängen in Deutsch-Südwest-Asrika.
Berlin, 1. September. General v. Trotha meldet: Major Welk überraschte am 28. eine Herero- bande bei Okamuru und erbeutete 400 Stück Vieh. Die Hereros hatten 16 Tode. Diesseits keine Verluste. Der Feind soll nach Nordosten, Osten und Südwesten abziehen. Die Bezirke Otavi- minen und Grootsontein sind vom Feinde frei. Das Hauptquartier begibt sich nach Otjosoudu.
Nach Deutsch-Südwestafrika sind, wie der .L.-A." meldet, gestern auch eine Anzahl Techniker, Monteure