W Provinz und Pnlhvnrncbiei.
* (Strafaufschub bei Gnadengesuchen an den Kaiser.) In bezug auf Gnadengesuche an den Kaiser heißt es in einem gerichtlichen Antwort- schreiben : . - . Wenngleich im allgemeinen Gnaden- gesuche an Seine Majestät den Kaiser unter einfacher Frankatur ebenso sicher besördel werden, als wenn sie „eingeschrieben" aufgegeben werden, so empfiehlt es sich bei Gnadengesuchen in gerichtlichen Angelegenheiten doch, die Gesuche „eingeschrieben" zu senden. Es kann der Posteinlieferungsschein der Gerichtsbehörde als Beweis übermittelt werden, worauf bis zur kaiserlichen Ent- scheidung ein Strafantrttt oder eine Zahlung von Geldstrafe stets gestundet wird.
* Fe ldpostka rten für dieTruppenin Südwest-Afrika werden demnächst zur Ausgabe gelangen. Die Karten erhalten einen Vordruck, durch welchen die Truppenteile angegeben werden. Die Karten werden an den Postschaltern an das Publikum verkauft. Angehörige unserer mobilen Truppenteile in Deutsch- Südwestafrika genießen bekanntlich für ihre Briessendungen, Postanweisungen und Pakete Portofreiheit oder Ermäßigung der Gebühren. Gewöhnliche Briefe bis zum Gewicht von 50 g und Postkarten werden portofrei befördert. Schwerere Briefe bis 250 g kosten 20 Pfg., sie müssen frankiert werden. Zeitungen werden gegen Entrichtung einer Umschlagsgebühr nachgeschickt. Postanweisungen werden nach der Heimat bis zum Betrage von 800 Mk. portofrei befördert. Postanweisungen an die Truppen kosten bis 100 Mk. 10 Pfg. Feldpostpakete sind bis zum Gewicht von 5 Pfund zulässig. Sie dürfen nicht erheblich größer als 35 mal 15 mal 10 cm sein und kosten je 1 Mk. Sie müssen frankiert werden. Diese Vergünstigungen stehen jetzt auch den Personen zu, die im Dienste der freiwilligen Krankenpflege im Ausstands- gebiet sich befinden.
* Ueber ein vortreffliches Mittel, Stachel», Johannisbeer- und andere Sträucher von den Raupen zu befreien, schreibt ein alter Pcakliku»: Ich sammle jede im Haushalt leerwerdende Konservebüchse, fülle sie mit schlechtem Syrup und Wasser und hänge sie dann in die Sträucher. Man sollte gar nicht glauben, in welcher Menge sich die Schädlinge in den so aufgehängten Blechbüchsen ansammeln. Dieses Mittel ist schon seiner Einfachheit wegen sehr empfehlenswert.
*(Zur Re ch t s gü lt i g ke i t von N.a m e n s- ä n d e r u n g e n) Ein Herr Katz war vor vielen Jahren nach Amerika ausgewandert; in Amerika hatte er das Bürgerrecht erlangt und sich Lohn genannt. Als er nach Deutschland zurüäkehrte, erhielt er eine Anklage wegen unbefugter Namensänderung im Hinblick auf eine Kabinettsorder vom 15. April 1822, nachdem er auch hier den Namen Lohn geführt hatte. Während die Vor- instanzen den Angeklagten verurteilten, hob das Kammergericht die Vorentscheidung auf und wies die Sache an das Landgericht mit der Begründung zurück, wenn der Angeklagte als amerikanischer Bürger seinen Namen berechtigt geändert hat, so könne eine Bestrafung in dem Falle nicht eintreten, wenn er den befugt geänderten Namen in Deutschland weiter führe.
§ Hersfeld, 27. Juni. Zum Sprechverkehr sind die nachbezeichneten Orte zugelassen: Berka (Jlm) (Sprechgebühr 1 Mk). Wellerode (25 Pfg.), Oberjossa (20 Pfg.), Wahlshausen (Kr. Ziegenhain) (20 Pfg.), Waltershausen (50 Pfg.), Sarrod 50 Pfg ), Marbach (Kr. Fulda) (25 Pfg.) und Großenmoor (Kr. Hünfeld) (25 Pfg).
):( Gershausen, 25. Juni. Wir sind nun auf der Höhe der schönen Jahreszeit angelangt und gehen nun allmählich wieder der kalten entgegen. Vergangenen Dienstag, den 21. b. Mts., erreichte die Sonne über dem Horizont ihre höchste Höhe, sie kam am Wendekreis des Krebses an, und die Sommersonnenwende fand statt. Der 21. Juni ist der Tag der größten Annäherung der Sonne gegen den Nordpol und mithin der längste Tag auf der nördlichen Erdhalbkugel im ganzen Jahre. Von jetzt ab nehmen die Tage an jedem derselben durchschnittlich 3 Minuten ab, das macht in jedem Monat iVa Stunden. Jetzt ist die eigentliche Sommerzeit und dieselbe dauert bis Ende August. Die Feldfrüchte kommen zur Reife und werden in den beiden folgenden Monaten auch eingeerntet. Die Heuernte ist gut ausgefallen, und konnte das Heu wegen der günstigen Witterung größtenteils auch gut eingebracht werden. Die Obstbäume versprechen ebenwohl einen guten Ertrag und auch die Heidelbeere gibt mancher armen Frau und manchem armen Kinde berechtigte Hoffnung, auch in diesem Sommer wieder einen hübschen Notpfennig zu verdienen. Madie Witterung während des Sommers betrifft, so wird dieselbe mehr veränderlich al« beständig sein; die Perioden der guten Witterung werden jedoch an Länge die Perioden mit Regenwetter übertreffen. Der 27. b. Mt», der berüchtigte Siebenschläfer, der manchem Landmann, wenn e« an demselben regnet, sieben Wochen lang Besorgnis einflößt, wird dem Anschein nach, auch in diesem Jahre etwas Regen bringen; allein aus eine solche Erscheinung die Annahme zu gründen, daß es nun 7 Wochen lang regne, ist vollständig unberechtigt, denn der 27. Juni bat als solcher in keinerlei Weise Einfluß auf die Witterung. Er kann nur in solchen Fällen einige Zeit Regen im Gefolge haben, wenn an ihm bei Regenwetter eine neue Mondphase beginnt, z B. Neu-oder Vollmond, wo Sonne Mond und Erde in gerader Linie stehen, und die beiden ersteren sich also in ihrem Einfluß auf die Witterung unterstützen. Bis aus den heutigen Tag
ist die Hauptwetterregel immer noch diese: Der liebe Gott macht das Wetter, und die Wetterprophezeiungen die Menschen, und dieselben können auch dann irren, wenn am Siebenschläfertag Regenwetter ist.
Homberg, 23. Juni. Der bei dem neulichen Eisenbahn-Unfall verletzte Lokomotivführer Angersbach aus Malsseld ist auf dem Transporte nach Marburg gestorben.
Eaffel, 24. Juni. Heute Mittag gegen Val2 Uhr stürzte die Ehefrau des Monteurs Rieß, Reuterstraße 9, welche mit dem Putzen ihrer Fenster beschäftigt war, aus dem dritten Stock auf das Pflaster. Schwer verletzt (beide Beine sind mehrfach gebrochen, es haben sich auch schwere innerliche Verletzungen bei der Unglücklichen herausgestellt) wurde Frau Ries in ihre Wohnung getragen.
Hanau, 23. Juni. Die feit Jahren im Gange befindlichen Sammlungen für die Errichtung einer Bis- marcksäule haben nunmehr den Betrag von 23 000 Mk. erreicht, sodaß ernstlich an das Werk herangetreten werden kann. In einer gestern abend abgehaltenen Komitee, sitzung wurde denn auch beschlossen, die Grundsteinlegung für die Bismarcksäule, die nach dem Entwürfe des Architekten Kreis errichtet wird, am 4. September d. Js. stattfinden zu lassen. Als Standort der Säule, die einen Kostenaufwand von 26 000 Mk. erfordert, wurde ein Platz beim Kurort Wilhelmsbad gewählt. Die Einweihung soll am 1. April 1905 erfolgen.
Witzenhausen- 24. Juni. Ein Ballon nebst Zubehör wurde gestern nachmittag nach dem hiesigen Bahnhof transportiert, um nach Paderborn verladen zu werden. Derselbe war kurz vorher bei Ermschwerd gelandet worden. Vier Offiziere unter Leitung des Hauptmanns Köhler von der Lustschiffer-Abteilung hatten mittags gegen 12 Uhr die Fahrt per Ballon in P. an» getreten und waren gegen 3 Uhr hier gelandet. Die höchste Höhe, die der Ballon aus seiner Fahrt über den Reinhardswald Münden bis hierher erreichte, betrug 1600 m Die Landung erfolgte aus einer Höhe von 1000 m und dauerte kaum 5 Minuten. Die Rückfahrt erfolgte per Bahn am Nachmittage.
Witzenhaufen, 24. Juni. Die Kirfchenernte ist in vollem Gange, der Ertrag nach Qualität und Quantität zufriedenstellend. Erst jetzt bemerkt man den Schaden, den der Frost und die anhaltende Trockenheit angerichtet haben. Der Stand der Aepfel- und Birnen- bäume verspricht eine mittlere Ernte.
Marburg. 22. Juni. Gestern wollte ein Einwohner in Schröck, der auf einer Wiese im Feld mähte, seine Sense in einem Wafferloch reinigen. Als er sie hineingetaucht hatte und wieder herauszog, hing ein Beutel daran. Bei näherem Zusehen fand sich, daß es die Leiche eines neugeborenen Kindes war, die der Beutel enthielt. Sie muß schon längere Zeit im Wasser gelegen haben, denn die Beine des Kindes waren bereits angefault. (C. T.)
Wabern, 25. Juni. Die Witwe eines Landwirts in dem Dorfe Willingshausen, welche nach getaner Feldarbeit sich auf einen Handwagen gesetzt hatte und die bschüssige Stelle eines Feldweges hinunterfuhr, stürzte mit samt den Wagen in einen Graben. Die Frau erlitt bei dem Sturze einen Schädelbruch und starb nach wenigen Stunden.
Mainz, 25. Juni. Vorgestern wurde die Buchhalterin Elfe Bratwurst in Haft genommen, weil sie bei der Firma Fatt jun., wo sie angcstellt war, 2000 Mark entwendet hatte. Die Verhaftete hat bei ihrer Vernehmung die Behörden so zu düpieren verstanden, daß sie wieder frei gelassen wurde. Später entdeckte man jedoch, daß sie große Unterschlagungen, wahrscheinlich in Höhe von 28 000 Mark, verübt hat. Ihre Wiederverhaftung wurde darauf noch in der Nacht vor- genommen.
Mainz. Wie die Untersuchung gegen den wegen Unterschlagung, Urkundenfälschung usw. verhafteten Zeughauptmann Künemund ergibt, sollen auch Unterschleife bei Versteigerungen militärischen Eigentums vorgekommen sein und es finden nach dieser Richtung hin umfangreiche Zeugenvernehmungen solcher Personen statt, die große Posten ärarischer Gegenstände zu steigern pflegten.
Frankfurt a. M., 25. Juni. Der Dichter Wil- Helm Jordan ist heute vormittag 9 Uhr 35 Min. sanft entschlafen.
Perwisttts.
— (Billige Sardellen.) In der Nacht vom 17. zum 18. war der Fischfang bei Cannes so reichlich, daß 140 Barken über 60 000 Kilo Sardellen anS Land brachten. Sie wurden nach Bordeaux gesandt; der Preis ist auf 50 Centime« pro Kilo gefallen, welchen Preis auch die diesjährigen Orangenblüten erzielten.
— (Ein rabiater Kläger.) Eine seltsame Szene spielte sich vor einer Abteilung des Hamburger Schöffengerichts ab. Ein Landmann und ein Händler waren wegen einer Heulieferung miteinander in Differenzen geraten, und der Landmann war gegen den Händler klagbar geworden. Nachdem bereits mehrere Verhandlungen stattgesunden hatten, wurde in der letzten dem Beklagten, dem Händler, von dem Richter der Eid zu- geschoben. Heute war wieder Termin, und der Richter schickte sich an, ihm den zu leistenden Eid abzunehmen, wodurch er den Prozeß gewonnen haben würde. Bevor er jedoch schwören konnte, zog der Landmann ein langes blitzendes Messer, erhob es drohend und rief seinem Prozeßgegner zu, daß «r ihm das Messer in den Leib
jagen werde, wenn er den Eid leisten würde. Der Händler geriet darüber derart in Furcht, daß er erklärte, den Eid nicht leisten zu wollen. Unter diesen Umständen mußte der Amtsrichter den Prozeß zugunsten des Landmanns entscheiden, ließ ihn jedoch sofort wegen beS Vorfalles in Untersuchungshaft abführen.
— (Ein bestrafter Dummejungen« streich.) Eine empfindliche Strafe erhielt der 15 Jahre alte Paul Hirsch in Triebes. Derselbe hat aus Mutwillen einen handgroßen Stein auf bas Eisenbahngeleis zwischen Triebes und Reichenfel» gelegt, so daß der Tender eines Personenzuge» aus den Schienen gehoben wurde, aber Schaden nicht entstand. In Rücksicht darauf, daß in der letzten Zeit öfter solch gefährlicher Unfug verübt worden ist, hielt die Strafkammer in Gera eine scharfe Strafe für angebracht und verurteilte Hirsch zu einem Jahr Gefängnis.
— Ein „V it r i o l atten t at" mit heiterem Aus gange hielt dieser Tage die Passanten des Place Vintimille in Pari» kurze Zeit in Erregung. Als der 21 jährige Chauffeur Armand über genannten Platz schritt, stürzte ein junges Mädchen auf ihn zu und sDittete ihm mit den Worten: „Warte, du Elender! Du hast mich verraten und sollst ewig die Zeichen des Verrate« an dir tragen!" aus einer Flasche eine Flüssig- keit in das Gesicht. Armand schrie laut auf uttßÄrf zum nächsten Apotheker, wo er flehentlich um Hilf« bat. Er sei soeben mit Vitriol begossen worden, und seine Augen schmerzten ihn entsetzlich. Der Apotheker aber reichte ihm kein Linderungsmittel, sondern forderte das Opfer des Vitriolattentat» nur lachend auf, in den Spiegel zu blicken. Armands Gesicht war mit einer dicken Schicht — schwarzer Farbe bedeckt. Inzwischen hatte ein Polizist die „Altentäterin" nach der nächsten Wache gebracht. Hier erzählte die Verhaftete, daß der Chauffeur ihr Liebhaber gewesen und sie dann verlassen habe. Da sie gewußt, daß der Treulose ein großer Hasenfuß sei, wollte sie ihm einen gehörigen Schreck einjagen und habe ihm einen Topf mit schwarzer Farbe in da» Gesicht gegossen. Der Polizeikommissar, der sich bei dieser Darstellung eines Lächeln» nicht erwehren konnte, entließ das junge Mädchen mit der Warnung, dergleichen Scherze in Zukunft zu unterlassen.
— (JmSchornstein belagert.) Vor einigen Tagen wurde in Newry, in der gleichnamigen irischen Grafschaft Town, ein Pferdebursche wegen eines Vergehens zu einer Geldstrafe verurteilt, die in Hast verwandelt werden sollte, als die Strafe nicht gezahlt wurde. Der Häftling entfloh aber und gelangte in einen halbabgebrochenen altmodischen Schornstein eines SalzwerkeS, den er in eine Festung verwandelte. Da in dem Innern Raum genug vorhanden war, richtete der schlaue Surfte sich häuslich ein, nachdem ihn gute Freunde auf längere Zeit mit Lebensmittel« versorgt hatten. Zehn Tage lang währt nun schon diese etwas eigenartige Belagerung, und der Polizei ist es bisher weder durch Gewalt noch durch List gelungen, des Belagerten habhaft zu werden. Am vergangenen Sonnabend verließ er fein Versteck, um neue Nahrungsmittel herbei- zuschaffen, gelangte aber wieder ungehindert zurück. Lange dürfte er jedoch die Belagerung nicht mehr aushalten, da die Polizei doppelte Posten ausgestellt hat und der Hunger bald eine Uebergabe herbeiführen wird. — Zu dem schweren Eisenbahnunglück in Spanien, das zahlreiche Opfer gefordert hat, werden noch folgende Einzelheiten berichtet: Madrid, 24. Juni. Ein Eisenbahnzug ist mit allen verfügbaren Kräften von Teruel an den Ort des Eisenbahnzusammen- stoßes abgegangen. Die Opfer sind fast sämtlich Gendarmen. Ferner befinden sich unter ihnen ein Postbeamter, drei Mönche und ein belgischer Ingenieur. Gerade vor einem Jahre ereignete sich die furchtbare Katastrophe in Montalvo bei Logrono, wo gleichfalls eine Eisenbahn- drücke, die über dem Najerilla einbrach und ungefähr 200 Menschen umkamen.
— Neupork, 25. Juni. Wie der New Dork Herold aus Rio de Janeiro meldet, scheiterte ein peruvianisches Transportschiff auf dem Amazonenstrom in der Nähe der Stelle, wo der Napo in den Amazonenstrom mündet. Der Kommandeur der Truppen, die sich auf dem Schiffe befanden, und 22 Soldaten ertranken. Da« Blatt meldet ferner, bat bfe Indianer zwei Dörfer im Acregebiet plünderten und 50 Einwohner töteten. —
— (Eine russische Kriegszeitung in der Mandschurei.) Mit Genehmigung des Zaren hat der Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte in der Mandschurei eine eigene Kriegszeitung unter dem Nomen Wjestnik Mandschurskoi Armij (auf deutsch: Bote de« Mandschurischen Heere») in» Leben gerufen, die die Armee mit raschen, zuverlässigen Nachrichten versorgen und törichten Gerüchten über Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz entgegentreten soll. Da» Blatt erscheint dreimal wöchentlich und kann auch von anderen Personen al» den im Felde stehenden bezogen werden. Die Mitarbeiter dieses eigenartigen Blatte», bei dem man volle Objektivität kaum voraussetzen darf, sind aktive Offiziere und russische Kriegrkorrespondenten.
— (Seltsames Ende eines französischen Kriegsschiffes) Das im Hafen von Toulon liegende alle Kriegsschiff „Mars" sank plötzlich. Wie sich herausstellte war das Schiff, da» zuletzt als Kaserne benutzt wurde, von Ratten buchstäblich durchlöchert. Glücklicherweise kam niemand um, da alle Soldaten auf dem Exerzierplatz waren.