Beilage zur Nr. 53 des Kreisblatts.
Hers selb, den 5. Mai 1904.
A im* Ketjeiüiilis.
Kriminal-Roman von Moore.
(Fortsetzung.)
Ich: „Ich versprach Ihnen, Sie nicht lange aufzu- halten. Deshalb gehe ich gerade auf die Sache los. Wann erhielten Sie die Nachricht von Sam» Tode?"
Er: „Natürlich gleichzeitig mit der Nachricht von Benjamin Hoods Ermordung. Mittwoch-Morgen. Hoods Ermordung ging ja durch alle Blätter, auf verschiedene Weise beschrieben und mit den verschiedenartigsten Ausschmückungen. Meines armen Sam» hatte man nur mit wenigen Zeilen gedacht. Die beiden Ermordungen stehen ja natürlich in keinem Zusammenhang miteinander."
Ich: „Glauben Sie da»?"
„Er: „Wie denken Sie darüber, Mr. Moore?”
Ich: „Sie sagten soeben, Sam sei ein treuer Diener gewesen. Sie konnten sich also vollkommen auf ihn verlassen?"
Er: „Er war mir ausrichtig ergeben — aber, er war ein Neger."
Ich: „Er war ein Neger, sagen Sie. Was meinen Sie damit?"
Er: „Er war ein Neger — ja. Er hatte alle die Schwächen und Tücken eines Negers. Ein Neger ist wie ein Kind — ein großes Kind! Ein Kind freut sich über seine Spielsachen. Ein Neger kann außer stch geraten über ein buntes Band, ein farbiges Halstuch, einen blanken Messingring. Sam war nicht frei von dieser Schwäche — es wird einem weißen Manne ja schwer, seine Natur zu überwinden, wie viel schwerer aber muß das für einen schwarzen, einen uncivilisierten Menschen sein!"
Er lächelte ironisch bei dieser Bemerkung.
Ich: „Mr. Förster, ehe ich meine nächste Frage stelle, muß ich ein wenig in die Vergangenheit zurückgreifen. Es ist eine heikle Sache, die ich berühren muß
— meine Pflicht zwingt mich dazu. Ihre Ehe — Mrs. Anny Hood — ist vor diesem--"
Er (heftig): „Mr. Moore, kein Wort mehr davon I Fragen Sie, was Sie wollen! Nur diese Sache berühren Sie nicht 1"
Ich: „Sie verweigern mir eine Antwort? Mr. Förster, ich erlaube mir, Sie zu erinnern--"
Er: „Können Sie mich zwingen zu reden? Kann mich irgend jemand zum Reden zwingen, — — Ich — ich"
Ich: „Gut, gehen wir weiter. Mr. Förster, ich bitte Sie, überlegen Sie Ihre Antwort wohl — halten Sie es für möglich, daß Sam zu bestechen gewesen wäre? Daß er für Geld — ich meine buchstäblich, was ich sage — daß er für glänzendes Gold zu bewegen gewesen wäre, ein Verbrechen — einen Mord zu begehen?
Er: „Ein Verbrechen? einen Mord? Was wollen Sie damit sagen? Glauben Sie, daß Sam Benjamin Hood gemordet hat? Weshalb sollte er diesen Mord begangen haben ? Wer hätte ihn dazu bewegen sollen?"
Ich: „Das ist'» ja gerade, was ich nicht weiß, was ich heraus haben will I — Aber, Mr. Förster, um welche Zeit verließen Sie die Stadt? Wenn ich mich recht erinnere — und ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, Mr. Förster — so sagten Sie vorhin, „ich habe die Stadt vor wenigen Stunden verlaffen." Es war im Zusammenhang mit dem Umstände, daß Sie am Mittwoch Morgen den Bericht über den Mord in den Zeitungen lasen. Was sollte da» bedeuten?'
„Er: „Ich verstehe Sie nicht. Was wollen Sie damit sagen?"
Ich: „Nun gut — wann verließen Sie New-Fork?"
Er: „Wann ich New-Aork verließ? Sie wollen e» missen, und Sie sollen es missen. Ich fuhr um 12 Uhr des Nachts von hier fort."
Ich: „Um 12 Uhr des Nachts? War Sam zu Hause, als Sie fortgingen?"
Er: „Das weiß ich nicht!"
Ich: „Das wissen Sie nicht?"
Er: „Nein. Seit 7 Uhr de» Abend» war ich nicht
zu Hause gewesen. Um 10 Uhr fuhr ich. Ich tele- graphierte Mittwoch Morgen an Thomas, daß er sich meinetwegen nicht beunruhigen solle. Es sei ungewiß, wann ich zurückkäme. Wünschen Sie noch weiter etwa» zu wissen?"
Ich: „Sie wissen nicht, ob Sam zu Hause war. Sie reisten plötzlich ab, ohne sich Zeit zu lassen, Ihre Reisetasche zu packen. Das war ja eine Reise über Hals und Kopf. Aber ich weiß aus Erfahrung, daß Eile in gewissen Fällen eine Tugend ist, und Sie, Mr. Förster, hatten zweifelsohne wichtige Geschäfte ab» zuwickeln?"
Wie unverfänglich meine Worte auch waren, konnte ich doch ein leises Beben meiner Stimme nicht verbergen. Unwillkürlich ließ ich meine Hand auf den Tisch fallen — nervös trommelten meine Finger einen Wirbel auf der blanken Platte.
Ein Augenblick verging. — — Plötzlich atmete Archibald Förster tief auf, er schlug mit der Hand so hart auf den Tisch, daß derselbe zitterte. Und dann rief er au»:
„Jetzt verstehe ich Sie. Nun ja — Mr. Moore, ich und Sam — wir sollten — ob er zu bestechen gewesen? Natürlich! Für Gold käuflich — ohne Frage? Weswegen? Der Grund? Ach, ich haßte Hood natürlich — er hatte mit ja meine Frau genommen! Ich haßte ihn — Sie haben Recht getan — ich haßte ihn, haßte ihn! Und nun ist er tot, ermordet — und ich, ich bin sein Mörder!"
„Um 11 Uhr ward der Mord begangen! Und Sam nahm die Sache leicht, er war ja ein Neger! Aber ich, ich ergriff die Flucht — ich war feige! Und dann kehrte meine Besinnung wieder zurück — und ich kehrte nach New-Dork zurück. Die Sache ist sonnenklar, hahaha I Und Ihnen hat man die Sache anvertraut, Mr. Moore — Sie sollen —’ er schwieg plötzlich. Er führte die Hand an seine brennende Stirn.
Ich trat dicht an ihn heran und sah ihn scharf an. Seine Augen blitzten, seine Lippen zuckten krampfhaft.