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Beilage zur Nr. 39 des Kreisblatts.

Hersfeld, den 31. März 1904.

All verßllgllislilllles Blatt.

Erzählung von A. v. Lilie ncron. (Fortsetzung.)

Der Diener nahm ihm daraufhin den Hut ab, und auf'die roten Polilerbänke weisend, meinte er:Belieben der Herr Junker hier Platz zu nehmen!"

Hans Dietrich hörte kaum darauf. Die innere Un­ruhe trieb ihn zu einem raschen Hin- und Herschreilen in dem weiten Vorplätze. Ja, jetzt wollte er nicht eher hier aus dem Hause gehen, bis er Berninghaus ge­sprochen hatte. Das rechtzeitige Nachhausekommen hatte er doch verpaßt, über Urlaub war er schon jetzt ge­blieben, daran war nichts mehr zu ändern, nun wollte er seine Sache auch sofort durchfechten.

Eine Stunde und länger hatte er bereits gewartet.

Noch eine Viertelstunde wartete er, dann nahm er seinen Hut und öffnete entschlossen die Tür. Schwüle Luft schlug ihm entgegen. Trotzdem die Fenster weit geöffnet waren, dünkte es ihm hier erstickend heiß zu sein. Die Mischung von Blumenduft mit Wein- und Speisegerüchen schien ihm fast unerträglich. Geblendet von dem strahlenden Kerzenglanze, gebrauchte er einige Augenblicke, um aus dieser Gesellschaft von Herren und Damen den herauszufinden, der seinem Vater eine so schwere Beleidigung angetan hatte.

Man hatte stch nach ihm umgewandt, man flüsterte, die^Unterhaltung kam ins Stocken, und auch Berninghaus, den^Blicken seiner Gäste folgend, entdeckte den jungen Kadetten. Er begriff sofort, um was es sich handelte, und seine Stirn zog sich in Falten, Doch ehe er noch einZWort äußern konnte, war Hans Dietrich an ihn herangetreten.

Ein kurzer, nur die äußerste Höflichkeit streifender Gruß, dannjsagte er mit klarer Stimme:Meine wieder­holten Anmeldungen stnd wahrscheinlich nicht bis hierher gekommen. So blieb mir nichts anderes übrig, als auf diese Weise hereinzukommen, denn ich muß den Herrn Grafen bitten, mir zehn Minuten Gehör zu schenken, allein."

Berninghaus war der Eindruck nicht entgangen, den der schöne Kadett auf seine Tischgenossen gemacht hatte. Er wünschte, ihn jetzt gütlich aus dem Wege zu räumen, und unterdrückte daher eine heftige Antwort. Scheinbar gelassen erklärte er:Bei der Jugend brennt's immer gleich lichterloh, ist aber meist Strohfeuer!" Er lachte. Setzen Sie stch einstweilen mit an die Tafel, und seien Sie mein Gast. Die Audienz, die ich Ihnen erteilen soll, kann ja ein anderes Mal stattfinden."

Nein!" Hans Dietrich hatte dar Wort kurz, fast befehlend hervorgestoßen und fügte dann mit mühsam behaupteter Fassung hinzu:die Unterredung kann und darf nicht hinausgeschoben werden."

Die Gäste, die bei Berninghaus' Worten bereitwillig zusammengerückt waren, um den bildhübschen Junker in ihre Mitte zu nehmen, lauschten gespannt auf die weitere Entwicklung dieses Gespräches. Jede Unterhaltung stockte. Die Hand des Grafen spielte nervös an seinem Kelchglase.

Ich denke, Sie müßten selbst sehen, daß ich jetzt keine Zeit habe," sagte er lässtg, «aber mein junger Freund, ich wiederhole nochmals meine Einladung. Nehmen Sie Platz, seien Sie mein Gast."

Nein, nie!" Das war noch schroffer, noch leiden­schaftlicher gerufen als vorhin.

Berninghaus fuhr empor, die Gäste fingen an, zu tuscheln, und nahmen Partei für und wider den kecken Eindringling. Diesen kümmerte weder das eine, noch das andere. Flammenden Auges sah er auf seinen ge­fährlichen Gegner.

Es handelt stch um eine Ehrensache," sagte er, und seine Hand griff dabei unwillkürlich nach dem Seiten­gewehre.

Eine eigentümliche Erklärung aus so jungem Munde, und eine merkwürdig trotzende Haltung, die der Junker annimmt! Da muß doch wohl etwas Besonderes da­hinter stecken!° flüsterten stch die Gäste zu.

Berninghaus hörte das, er begriff auch, daß mit diesem Hitzkopfe auf gütlichem Wege nichts anzufangen fei. Nun wohl, so wollte er ihn anders anfassen und

ihm vor der ganzen Gesellschaft eine Demütigung zu­teil werden lassen, die er geradezu herausforderte. Er warf den Kopf zurück und sah den jungen Kadetten scharf an.

Nun, dann betrifft es wohl jenes Papier aus Ihres Vaters Brieftasche, das in meinem Besitze ist. Wir können darüber offen verhandeln, meine Freunde wissen Bescheid," sagte er und wie« auf die Tischgenossen.

Die Herren verbeugten sich zustimmend, doch nur einzelne hatten eine Ahnung, um was es sich handelte, die meisten raunten dem Nachbar eine darauf bezügliche Frage zu.

Hans Dietrich war todblaß geworden. Seine Hand umklammerte immer krampfhafter den Griff feines Seitengewehrs, als sollte ihn diese seines Königs Waffe gegen die verwirrende Leidenschaft schützen, die in ihm aufstieg. Er wollte sprechen, aber für den Augenblick versagte ihm die Stimme.

Berninghaus fuhr unterdessen in demselben lässigen Tone fort:

Ich habe lange über das Papier geschwiegen, aus Rücksicht für Ihren Vater. Jetzt aber denke ich anders, da ich hier in Berlin die Erfahrung mache, daß tüchtige Ofsiziere sich vergebens bemühen, eine Stelle für ihre Söhne im Korps zu erlangen, während man freilich ahnungslos den Sohn eines Offiziers hineinbringt, der seine Ehre verkaufte."

An Hans Dietrichs Ohren waren des Grafen Worte fast verständnislos vorübergezogen, doch diese letzten faßte er in scharfer Deutlichkeit auf.

Soll das aus meinen Vater gehen?" fragte er, heiser vor Erregung.

Zu meinem Bedauern, ja! Das Blatt läßt keinen Zweifel, daß er sich Frankreich verkauft hat!"

Um Hans Dietrichs Fassung war es geschehen. Diese schwere Beleidigung seines geliebten Vaters vor so viel Zeugen war mehr, als er ertraget konnte.

Elender," schrie er auf,da» ist Lüge, schändliche Lüge mit dem Papier! Wer meine« Vaters Ehre an- zurühren wagt, der hat selbst nicht einen Funken Ehre