darf angesichts eines solchen Zeugnisses vertrauen, daß das Heer, das Fundament des Reiches und seiner politischen Stellung, von seiner alten Leistungsfähigkeit und Größe nichts verloren hat.
(K a i f e r m a n ö v e r.) Der erste Gefechtstag am Montag unterschied sich in manchem von seinen Vorgängern in früheren Jahren, vor allem darin, daß es gleich heute nicht nur zu unbedeutenden Plänkeleien, sondern sogleich zu einem größeren Gefecht kam. Die allgemeine Kriegslage war die, daß eine rote Armee — bestehend aus dem 4. Armeekorps unter General von Beneckendorff und v. Hindenburg, dem 11. Armeekorps unter General v. Wittich und der Kavalleriedivision A unter Generalmajor Frhr. d. Langermann und Erlen- kamp, Oberstkommandierender der ältere General v. Wittich — welche über Eisenach, Weimar und Naumburg vormarschiert war, gestern östlich von Leipzig von einer über Dresden vorgegangenen blauen Armee — bestehend aus den beiden sächsischen Armeekorps, 12. unter Kronprinz Friedrich August von Sachsen, 19. unter General v. Treitschke, und Kavalleriedivision B unter Generalmajor Frhrn. ö. Milkau, Oberstkommandierender General v. Treitschke — geschlagen und zum Rückzug in Richtung Halle-Merseburg gezwungen worden war. Schon in aller Frühe wurde Gewehrfeuer vernommen, zuerst vereinzelt, dann andauernder. Um 9Vs Uhr griff auf beiden Seiten die Artillerie ein, und es war nunmehr auf dieser Seite der Schlachtlinie zu erkennen, daß der linke Flügel und die Kavallerie der Blauen sich weit südwestlich in starken Märschen vorgeschoben hatten, und nun fast von Süden gegen die rechte Flanke von Rot andrängten. Die Divisionen des 4. Korps mußten diesen Kampf allein aufnehmen, denn das 11. war noch zu weit entfernt. Die 7. und 8. Division gingen daher gegen Westen zurück, die 8. nahm dann die Front gegen Süden und rückte von den allerdings nicht beträchtlichen Höhen herunter, der Saale und Weißenfels zu. Sächsische Schützenketten von Regimentern der 32 und sogar schon der 23. Division rückten von Weißenfels her auf, um lOVi Uhr gingen sie mit Hurra zum Sturm über. Die sächsischen Gardereiter attackierten. Rot mußte nördlich zurück. Inzwischen waren auch die nördlicher marschierenden Teile der blauen Armee weit vorge- drungen; die sächsische Grenadierbrigade u. A. war bei Keuschberg und Kirchdorf über die Saale gegangen, andere Abteilungen an einer anderen Stelle. Bei Posen- dorf hielt der Kaiser Kritik ab, sehr lange. Um 12 Uhr gab der Ballon der Manöverleitung das Signal „Das Ganze marsch". Die Truppen gingen kriegsmäßig unter vereinzeltem Feuer in die angewiesenen Stellungen, teils ein wenig weiter vor, teils ein wenig zurück, je nachdem die Schiedsrichter Angriff oder Verteidigung für erfolgreich erklärt hatten. Meldereiter flogen von der Manöver- leitung zu den Truppen, Radfahrer und Kraftwagen fausten die Chaussee entlang, der Feldtelegraph trat in Tätigkeit. Der Kaiser ging nach Goseck, westlich Weißenfels, ins Biwack.
(Zweiter Tag der Kaiser-Manöver.) Auf dem Schlachtfelde von Roßbach gelang es heute der gestern zurückgedrängten Westarmee (Rot), den Vormarsch der blauen Ostarmee zum Stillstand zu bringen. Zu diesem Ergebnis trug besonders ein Angriff bei, den der Kaiser selbst an der Spitze eines der roten Armee zu- geteilten Kavalleriekorps gegen die Blauen ausführte.
schreiben, um ihr zu sagen, daß ihn dringende Geschäfte zu dieser Reise gezwungen hätten, und daß er übrigens nur abgereist sei, um das Vermögen zu verdienen, welches sie zu ihrer Hochzeit brauchten.
Oliva machte dem Doctor Lemoine Mitteilung von der Unterredung, welche sie mit Bastien gehabt, und sagte ihm auch, welche Enttäuschung ihr dieselbe bereitet hatte.
„Lassen Sie es gut sein, liebe Freundin," antwortete der Doctor, „was Sie erreicht haben, ist uns von großem Nutzen, und ich danke Ihnen, daß Sie es übernommen haben, diese Rolle zu spielen."
Die Ansicht, welche Sie bei der Unterhaltung mit Macaron bezüglich der Person Saint-Magloires gewonnen hatte, behielt Madame Lavardens für sich. Daß Lemoine und Cardec ebenfalls sehr starke Zweifel in diesem Punkte hegten, wußte sie noch nicht.
42. Kapitel.
Die Krankheit Madame de Saint-Magloires war in Paris Tagesgespräch. Ein unbekanntes Leiden tötete sie langsam, ohne daß die Leuchten der Wissenschaft etwas dagegen tun konnten. Kopfschüttelnd standen sie da.
Der Doctor Avigdor, ein sehr mondainer und bekannter Herr, war wütend, daß man seiner Diagnose nicht den Vorrang eingeräumt hatte, und genirte sich nicht, überall zu erzählen, daß der Doctor Dominique überhaupt nicht wisse, was er schwätze, nicht viel mehr als der Doctor Lemoine, und daß die Sklerodermie gar nichts mit der ganzen Sache zu tun habe.
Dem Geständnis eines der consultirenden Aerzte selbst nach fand man sich also einem geheimnisvollen Fall gegenüber, der allen Hilfsquellen der Wissenschaft und Kunst Hohn sprach.
Avigdor wagte es selbst nicht mehr, seine Hypothese vom „fievre dengue" aufrecht zu erhalten.
Die Tagesblätter begnügten sich damit, täglich Bulletins auszugeben, die immer pessimistischer klangen, denn die Erscheinungen wurden stetig gefährlicher.
Die Krankheit war das Ereignis des Tages: ein zu gleicher Zeit politisches und medizinisches Ereignis.
Im einzelnen wird hierüber folgendes berichtet: Roßbach, Pro v. Sachsen, 8. September. Von beiden Armee-Abteilungen waren heute die Kräfte nach Süden zu konzentriert worden. Beide Führer entschlossen sich zur Offensive. Rot wollte Blau, so weit es die Saale gestern überschritten hatte, über den Fluß zurückwerfen; Blau beabsichtigte, seine Bewegung westwärts fortzusetzen. Rot war verstärkt durch ein Kavalleriekorps unter Führung des Kaisers, das durch reitende Batterien und eine Maschinengewehrabteilung, sowie Jäger zu Pferde vervollständigt wurde. Eine Attacke südwestlich Roßbach, zu der der Kaiser dieses Korps ansetzte, ließ er durch heftiges Feuer der reitenden Batterien sowie der Maschinengewehre unterstützen. Sie traf den linken Flügel der Blauen empfindlich und wurde bis mitten in die 32. Division durchgeritten. Besonders wuchtig traf der Stoß der zweiten Kavallerie- staffel. Der Gesamtkampf der beiden Armeeabteilungen spielte um die Roßbacher Höhen, ohne daß aber eine Aehnlichkeit mit der Schlacht von 1757 künstlich konstruiert worden wäre. Die Attacke des Kaisers erreichte ihren Zweck, indem sie die Vorwärtsbewegung der blauen Armeeabteilung zum Stehen brächte. Als sie durchgeritten war, wurde das Signal „Das Ganze halt!" geblasen." — Dem heutigen Manöver wohnte auch die Kaiserin bei. Sie kehrte gestern abend nach Merse- burg zurück und begab sich heute früh 6 Uhr zu Wagen in das Manövergelände.
Ein Erlaß des Ministers des Innern ordnet an, daß die Vorbereitungen zu den Neuwahlen des Hauses der Abgeordneten unverzüglich einzu- leiten sind. Die Abgrenzung der Urwahlbezirke wie die Aufstellung und Auslegung der Urwähler- und Ab- teilungslisten soll überall so frühzeitig vorgenommen werden, daß die Wahl der Wahlmänner in der zweiten Woche des Monats November stattfinden kann.
Ein; erster vaterländischer Arbeiterkongreß findet Sonntag, den 25. und Montag, den 26. Oktober, in Frankfurt a. M. statt. Den Vorsitz führt Franz BehrenS, Vorsitzender des Ausschusses für Arbeitervertreterwahlen und soziale Angelegenheiten in Berlin. Es soll auf dem Kongreß verhandelt werden über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine, über das Koalitionsrecht, das Vereins- und Versammlungsrecht und über die Errichtung von Arbeitskammern. Referenten sind die Herren: Schiffer, Vorsitzender des Zentralver- bandes christlicher Textilarbeiter, Bärrn, Vorsitzender des Evangelischen Arbeitervereins Frankfurt a. M., Schack, Vorsitzender de« deutschnationalen HandlungSge. hülfenverbandes, und Giesberts, Sekretär der katholischen Arbeitervereine Westdeutschland«.
(Türkei.) Die Situation auf der Balkan- Halbinsel zeigt fortgesetzt bedenkliche Symptome der Unsicherheit, wenn auch von türkischer wie bulgarischer Seite friedliche Absichten in den Vordergrund gerückt werden. In Konstantinopel eingetroffene Meldungen aus Bulgarien besagen, ein außerordentlicher Ministerrat unter dem Vorsitz des Fürsten habe die Aufrechterhaltung des Friedens beschlossen. Gleichzeitig liegt eine Aeußerung des türkischen Botschafters in Paris vor, die bestimmt ist, Besorgnisse wegen ernsterer Verwickelungen zu beschwichtigen. Der Botschafter erklärte einem Vertreter des „Gaulois", die Pforte werde sich bemühen, dem Blutvergießen in Macedonien Einhalt zu tun. Sie
Aber in den verschiedenen Kreisen taxierte man den Baron nicht in gleicher Weise.
Die einen flössen von Lobsprüchen über; Saint- Magloire, dessen Aufopferung als Liebender bereits eine sentimentale Legende zeitigte, war vor Schmerz, wie man erzählte, entsetzlich anzusehen. Er war halbtot.
„Welch treuer Gatte, meine Gnädige, und welch zartes Herz! Er wird Sie mit diesen schrecklichen Männern wieder aussöhnen."
Indessen flüsterten einige böse Zungen, welche unverbesserlichen Skeptikern oder Feinden Saint-Magloires angehörten — ganz leise und in den dunklen Ecken — das Wort „Vergiftung", gewürzt mit Bosheit und Galle.
Dieser Verdacht war Lemoine ganz im Anfang, bei seiner ersten Ratlosigkeit, auch gekommen.
Er hielt den Baron zu allem fähig.
Der Gelehrte hatte deshalb eine gründliche Ueber« wachung Saint-Magloires organisiert. Späherblicke folgten ihm, so oft er sich dem Bette näherte, so oft er sich an dem Krankenlager niederließ, überhaupt, so oft er erschien, um sich nach dem Befinden Elenas zu erkundigen.
Wenn Lemoine nicht selbst beobachten konnte, so übernahm der Doctor Olivier Martin seine Rolle oder die gute Frau Lavardens, welche fast jede Nacht an dem Bette der mit dem Tode Ringenden wachte.
Oliva besaß eine Energie, eine Widerstandskraft, welche ganz unglaublich war.
Die langen, andauernden Wachen, die fortgesetzten Anstrengungen schienen auf ihren Körper keinen Einfluß zu haben; sie war von einer eisernen Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit.
Ihre Gesichtsfarbe war stets gleich frisch, ihre Lippen stets rosig, ihr Lächeln stet» gleich bestrickend.
Wenn Angst und Schmerz nicht Lemoines Herz zusammengeschnürt hätte, so wäre ihm die Ausdauer sicher ausgefallen, und er, der stets ein launiges Wort bereit hatte, würde wahrscheinlich gefunden haben, daß die Wittwenschaft und der Rachedurst Oliva Lavardens eigentlich recht gut bekomme.
Tatsache war, daß die hübsche Wittwe der zarten
führe gegenwärtig ein ausgedehntes Vorgehen aus, durch das die Aufständischen eingeschlossen und zur Unterwerfung gezwungen würden. Nur die Führer würden vor Gericht gestellt werden. Ein Krieg mit Bulgarien sei nicht zu befürchten.
(Amerika.) Präsident Roosevelt traf am Montag vormittag in Syracuse ein und wohnte einem Vorbeimarsch von Arbeitervereinigungen bei. In einer Ansprache, die der Präsident später in der Ausstellung hielt, wandle er sich insbesondere an die arbeitenden Klassen und erinnerte sie daran, daß, wenn die Geschäfte stocken und das Kapital keinen Gewinn aus seinen Anlagen zieht, das Volk am schwersten leide. Der Lohn der Arbeiter sei nur reichlich, wenn die übrigen Teile der Gesamtheit reichliches Einkommen haben. Die Arbeiter könnten am besten zur allgemeinen Wohlfahrt beitragen, wenn sie gesunden Verstand und die Bereit- Willigkeit zeigten, anderen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Weiterhin kam Roosevelt auf die Währungs- gesetzgebung zu sprechen und bemerkte, unter den gegenwärtigen Verhältnissen seien keine radikalen Schritte zu empfehlen. Was aber auch geschehe, so dürfe man keinesfalls daran zweifeln, daß jedes umlaufende Papiergeld in vollgültiger Münze eingelöst werde.
Aus Prssiiij Muh AsOllr-ebiet.
(:) Hersfeld, 9. September. Zum S p r e ch , verkehr mit H e r s f e l d sind Wollrode und Watten- bach zugelassen. Die Gebühr beträgt nach jedem der beiden Orte 25 Pf.
□ Hersfeld, 9. September. Der heutige Viehmarkt war mit 242 Stück Rindvieh und 621 Schweinen beschickt. Der Handel mit Rindvieh war flott bei hohen Preisen. Schweine wurden ebenfalls flott gehandelt, doch waren die Preise gegen das vorige Mal etwas gedrückt. — Auf dem Krammarkt waren 15 Verkaufsstände aufgeschlagen.
"(Die h e s s i s ch e n K o r n h ä u s e r.) In der letzten Vorstandssitzung der Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Cassel erstattete Oekonomierat Rexerodt auch Bericht über die Ergebnisse der fünf hefstschen Kornhäuser im letzten Jahre. Der Bericht betont, daß die klingenden Erfolge nicht groß gewesen seien, insbesondere das Kornhaus Hofgeismar habe im letzten Jahre einen erheblichen Verlust gebracht. Bei den Kornhäusern in Cassel und Hanau sei im Laufe ihres fünfjährigen Bestehens ein annehmbarer Gewinn zu verzeichnen, bei den Kornhäusern Zierenberg und Hoheneiche dagegen ein kleiner Verlust. Sehr groß seien aber die indirekten Vorteile der Kornhäuser gewesen, indem sie insbesondere dem kleinen Landwirt eine Stelle geboten hätten, wo er jederzeit fein ffif^iju’m angemessenem Preis hätte los werdenronnen^M Aas letzte Jahr, dessen WitterungSverhältnisse insbesondre im Bezirk des Kornhauses Hofgeismar außerordentlich ungünstig gewesen seien, habe jedoch auch Lehren gegeben, die für die Zukunft wertvoll seien. Jedenfalls liege kein Grund vor, die gute Sache nicht weiter zu verfolgen. Die jetzt abgelaufenen Pachtverträge seien von der Regierung mit den Kornhausgenossenschaften provisorisch auf ein Jahr verlängert, da eine volle Einigkeit sich vorerst nicht habe erzielen lassen. Dringend erwünscht sei eS aber, daß das bestehende
und schüchternen Huldigung des Doctors Olivier Martin nicht ganz gleichgiltig gegenüber stand. Bei dem jungen Arzt hatte der Blitz gezündet, als er die Wittwe zum ersten Male gesehen. Eine ernste, tiefe Liebe wuchs, trotz der traurigen Umgebung, nach und nach zwischen den beiden Menschenkindern heran.
Man kann sehr wohl seinen Gatten geliebt haben, seinen Tod rächen wollen und sich mit Leib und Seele diesem Rachewerk widmen, aber man kann doch nicht ewig seine Liebe betrauern, wenn man fünfundzwanzig Jahre zählt, wenn man schön ist — und wenn man es weiß.
Vielleicht daß Oliva Lavardens auch nur deshalb eine so große Aufopferung an den Tag legte, um dem ganz geheimen, uneingestandenen Wunsche nachzugeben, in der Nähe des Doctors Martin zu sein, seine Hände zu streifen und sich ihm in der so sympathischen Rolle der Krankenpflegerin zu zeigen.
Dieser Roman, welcher sich unbemerkt fortspann, verhinderte Oliva und Martin nicht, den Baron aufmerksam zu beobachten. Auch Lemoine hielt scharfe Wache, aber er hatte ebensowenig wie seine Verbündeten jemals irgend etwas Verdächtiges bemerken können.
Die Haltung des Bargns blieb nach wie vor tadellos correct.
Es war diejenige eines Liebenden, der, vom Kummer geknickt, auf dem Punkte angelangt ist, den Kopf zu verlieren, und der nicht mehr weiß, was er tun, wen er bitten soll, die Geliebte zu retten.
UebrigenS berührte er Elena niemals anders, als daß er sanft ihre mageren Händchen nahm, um sie mit Küssen zu bedecken; niemals ließ er es sich einfallen, an die Medicamente zu rühren, noch weniger sie selbst einflößen zu wollen.
„Wenn er versucht hat, seine Frau zu vergiften," sagte sich Lemoine, „so kann das nur im Anfang geschehen sein, nur ein einziges Mal, mit einem Schlage . . .
(Fortsetzung folgt.)