funden hat. Die Revolverschüsse sind danach nicht auf den Wagen des Ministerpräsidenten gerichtet gewesen. Der Sachverhalt hat sich vielmehr folgendermaßen abgespielt. Es wurde mit einer Tomate nach dem Wagen Combes' geworfen, die den auf dem Bocke sitzenden Leibjäger traf. Schutzleute verfolgten den Täter, den feine Kameraden zu schützen suchten. Einer der letzteren, Namens Picolo schoß dabei aus seinem Revolver, etwa hundert Meter vom Wagen des Ministerpräsidenten entfernt. Sowohl Picolo wie derjenige, der die Tomate geworfen hat, sind verhaftet worden. Picolo war angetrunken und leugnet, geschossen zu haben.
Heule vormittag 8Va Uhr fand in der Pelerskirche zu Rom die feierliche Krönung des Papstes Pius X. statt. Derselben wohnten etwa 50000 Personen bei.
Ueber die russischen Arbeiterunruhen sind folgende Mitteilungen zu verzeichnen: Kiew, 7. August. Die Arbeiterunruhen dauern fort. Die Ausständigen durchzogen verschiedene Stadtteile, schlugen Fenster ein, drangen in die Werkstätten und zwangen Arbeitswillige, die Arbeit einzustellen. Eine große Volksmenge am Flußufer des Dnjepr empfing die zur Aufrechterhaltung der Ordnung herbeigezogenen Kosaken mit Steinwürfen. Die Kosaken gaben einige Salven ab; mehrere Personen wurden verwundet. Der Straßenbahnverkehr ist unterbrochen. Die Mehrzahl der Bäckereien ist geschloffen, infolgedessen steigt das Brot im Preise.
(Ermordung des russischen Konsuls in Monastir.) Wieder ist ein russischer Konsularbeamter von der Waffe eines türkischen Soldaten nieder, gestreckt worden. Am 31. März d. Js. wurde der eben erst nach Mitrovitza entsandte russische Generalkonsul Schtscherbina von einem Soldaten albanesischer Abkunft erschossen, und jetzt hat sich ein ähnlicher Vorgang in Monastir, dem Zentrum der gegenwärtigen mazedonischen Ausstandsbewegung, abgespielt. Dem „B. L." wird hierüber folgendes gemeldet: Belgrad, 8. August. Der russische Konsul in Monastir Rostkowski ist von einem türkischen Wachtposten erschossen worden. Der Konsul hatte einen Spaziergang in das benachbarte Kloster Bukowo unternommen. Auf der Heimkehr be- merkte-er, daß ihn ein türkischer, die Wache haltender Soldat nicht grüße, sondern herausfordernd fixiere. Der Konsul näherte sich dem Soldaten und fragte ihn, was er wolle, worauf dieser einen Schuß abfeuerte, der den Konsul tot niederstreckte.
Aus Saloniki wird gemeldet: Zehntausend in vier Korps eingeteilte Insurgenten stehen in Wilaj-t Monastir unter Waffen, zweitausend Kämpfer in Kastoria gegen tückische Truppen. Truppenketten schützen Monastir. Die Läden in dieser Stadt sind geschlossen. Die Eisenbahnarbeiter weigern sich, weil von den Insurgenten mit dem Tode bedroht, die Eisenbahn- geleise auSzubessern. Angesichts der dem Verkehr drohenden Gefahr wird von verschiedenen Seiten verlangt, daß der Personenverkehr auf den Eisenbahnen in Mazedonien vorsichtshalber eingestellt werde. Die Lage wird für ernst gehalten.
Aus Peking kommen weitere Nachrichten über Verfolgungen von Anhängern der chinesischen Reformpartei. Nach einer Neuterschen Depesche wurden dort am 6. August fünf Anhänger der genannten Partei verhaftet. Unter ihnen befindet sich auch ein Bruder des Vizekönigs von Wutschang. Die Polizei hält alle Tore
Der Director des Sicherheitsdienstes lächelte skeptisch.
„Spotte nicht, ehe Du mich bis zu Ende gehört hast," rief Lemoine aus. „Sag mal: lebte Dulac — ja oder nein — in intimster Freundschaft mit Saint- Magloire, welcher ihn mit einer Vertraulichkeit behandelte, die bei einem Manne von seinem Charakter, der keine „Freunde" hat, doch überraschen mußte ?"
„Allerdings! Ich weiß sogar, daß Saint-Magloire das Geld für das Lyrische Teater gegeben hat aus dem einfachen Grunde, um demjenigen eine Stellung zu verschaffen, den er den treuen Gefährten der schlechten Zeiten nannte."
„Na ja, da haben wir's ja. Also Dulac muß über das Skelett in der Vergangenheit Magloires unterrichtet gewesen sein. Wenn Saint-Magloire der Bandit Nozen ist, wie wir es vermuten, dann mußten ihm etwaige Jndiscretionen Dulacs früher oder später recht unbequem werden. Meinst Du nicht auch?"
„Ich widerspreche nicht, solange wir annehmen, daß Saint-Magloire wirklich etwas zu verheimlichen hat."
Lemoine fuhr fort:
„Also einen Grund hätten wir schon. Saint- Magloire, der sich den Teufel um ein Menschenleben scheert, hat sich von diesem lästigen Zeugen ein für alle Mal befreien wollen. Aber das ist noch nicht alles. Saint-Magloire ist der erklärte Liebhaber dieser Germaine Reyval, für die er das Geld mit Scheffeln zum Fenster hinauswirft und in welche er, wie es scheint, sterblich verschossen ist. Aber auch Dulac machte ihr den Hof, er himmelte sie sogar ganz aus der Nähe an. Zweiter Grund. Und viel ernster als der erste, denn ein verschmähter Liebhaber ist zu allem fähig, wenn eS gilt, den Nebenbuhler zu verdrängen. Dulac wurde eine wirkliche Gefahr für Nozen-Saint-Magloire. Glaube mir, ich bin auf der richtigen Fährte. Du wirst sehen, wenn wir ihr bis ans Ende folgen, decken wir die ganze Bescheerung auf."
Der Chef der Geheimpolizei war perplex.
Er antwortete nicht.
Er hatte sogar seine Cigarre ausgehen lassen, was bei ihm das beste Zeichen für das außerordentliche
der Stadt besetzt, um das Entweichen verdächtiger Per« fönen zu verhindern.
Bilder aus der holländischen Kolonial-Armee.
In letzter Zeit sollen sich eine ganze Anzahl Reichsdeutscher, die wahrscheinlich infolge der vielen Preß- warnungen die französische Fremdenlegion in Algier wie das Feuer meiden würden, für die holländische Kolonial- Armee in Indien haben anwerben lassen. Da ist es vielleicht angebracht, in kurzen Zügen das Leben eines Soldaten auf Java oder Sumatra zu schildern.
In Niederländisch-Jndien — so schreibt ein Kenner der Verhältnisse — steht der Soldat auf der Stufe des Eingeborenen. Niemand grüßt ihn. Niemand würde auch nur daran denken, mit ihm auf die Straße zu gehen, oder gar ein Glas Bier mit ihm zu trinken. Selbst die Eingeborenen verachten ihn. Er gehört nicht zu ihrem Stamme; ebensowenig gehört er zu der Kaste seiner Hautfarbe. Er ist eben nur gekauftes Kanonenfutter.
Während sich das Gehalt des Offiziers von 150 bis auf 300 Gulden den Monat stellt, ist der Lohn des Gemeinen sehr gering. Und wenn der Söldner einmal im Depot zu Batavia oder Soerabaya eingeliefert ist, hat er alle Hoffnung auf ein menschenwürdiges Dasein hinter sich gelassen. Seine Selbstachtung reibt sich ab von den Schultern seiner Verkehrsgenoffen, die den niedrigsten Eingeborenen-Ständen angehören. Sein Ehrgeiz wird ihm ausgedrillt und ausgemergelt. Und wenn er fertig gebildet ist, sendet man ihn nach Borneo, oder vielleicht nach Sumatra, wo Holland einen ununterbrochenen Krieg gegen Atjeh führt.
Dort sieht er dann wirklich einmal Feldzugsleben. Cholera, Fieber und das schreckliche Beri-Beri (eine Art Elephantiasis) lagern mit ihm im Zelte; schwere tropische Regengüsse wechseln ab mit drückend schwülen Sonnentagen ; durch undurchdringliches Unterholz hackt er sich einen Weg, schwer bepackt, von Malaria geschüttelt und von seinen Offizieren beschimpft, zwischen einem stinken- den Kuli und einem opiumversumpften Chinesen. Sollte er in einen Hinterhalt fallen, so betet er zu Gott, daß ihn eine gnädige Kugel treffe. Denn wenn er lebendig gefangen wird, legt man ihm glühende Kohlen auf den Leib, bis seine Gedärme auSgebrannt sind; oder wenn man besonders liebenswürdig aufgelegt ist, bindet man ihn vielleicht auf einen Termitenhaufen.
Wenn er all diesem entgeht, dann wird er vielleicht zum Unteroffizier befördert. Inzwischen aber haben die täglichen Gefahren, die Widerlichkeit seiner Umgebung, der ganze Schrecken seiner Lage ihn gewöhnlich zum Trunk getrieben, und Arak ist billig und — tödlich. Daher sind es nur sehr wenige, die, gebrochen an Körper und Seele, siech und vertiert und gleichgültig, sich der von der Regierung versprochenen Rückreise nach Europa bedienen können. Was aus diesen körperlichen und geistigen Invaliden wird, wenn ste nach Holland zurückgekehrt sind, weiß ich offengestanden nicht. Und höchst wahrscheinlich weiß das auch sonst niemand. Es schadet ja auch nicht. Viele sind es doch nicht, die zurückkommen. Bei weitem die meisten bleiben draußen.
Gegen die Dummheit kämpfen die Götter selbst vergebens. Aber wenn sich auch nur ein hoffnungsvoller junger Mensch durch diese Zeilen von seiner Abenteuer-
Interesse war, mit welcher er sich in die Situation hineinarbeitete.
»Ja, ja," murmelte er endlich mit gedämpfter Stimme. „Das hat wirklich Hand und Fuß. Dulac hätte schon tot sein können, als man ihn vor der Tür jener Frau aufknüpfte, die er liebte um dadurch die Meinungen irre zu führen. Ah, die Combination ist unglaublich schlau ausgedacht! Ich gestehe, Deine Argumente regen mich zum Nachgrübeln an. Aber wie soll man den Beweis beibringen? Du weißt doch, daß die Leiche keine Verletzung, keine Spur von Gewalttätigkeit aufweist!"
„Was will das heißen? Er kann erstickt worden sein, erstickt unter der Matratze oder vielleicht vergiftet. Man sollte eine Autopsie anstelle»."
„Das wäre leicht," versetzte der Director. „Man braucht nur eine Untersuchung über die Todesursache Dulacs anordnen zu lassen. Der Ober-Staatsanwalt, der überall Verbrechen wittert, verlangt nichts Besseres."
„Aber diese Autopsie müßte auf Grund eines vorher festgelegten Programms vorgenommen werden; sonst führt sie zu nichts. Ah! Wenn ich gerichtlicher Sachverständiger wäre! Aber ich bin's nicht. — Doch richtig, mein Schüler und Assistent Olivier Martin ist ja kürzlich zum sachverständigen Arzt ernannt worden. . . . Könntest Du ihm die Leichenöffnung übertragen?"
„Nichts leichter als das. Ich werde das Nötige sofort veranlassen. Warte so lange hier auf mich. In zwanzig Minuten bin ich wieder zurück."
Cardec nahm seinen Hut und stürzte hinaus.
Zwanzig Minuten vergingen, . . . dreißig . . . fünfzig. Aber Lemoine wurde die Zeit nicht lang. Er war tief in Gedanken versunken oder, besser gesagt, in den einen und einzigen, der seit dem Morgen sich seines Geistes vollständig bemächtigt hatte.
Je mehr er aber nachdachte, um so mehr nahm dieser einzige Gedanke vor den Augen seiner überreizten Phantasie an Stärke und Klarheit zu, und um so mehr befestigte sich seine Ueberzeugung, dieses düstere Problem mit Hilfe der Wissenschaft aus Licht ziehen zu können.
Endlich, nach fast anderthalbstündtger Abwesenheit
I lust abbringen läßt, so sind sie nicht umsonst geschrieben. Auslaß für überschäumende Tatkraft gibt es in unsern eigenen Kolonien genügend.
As Provinz unii RoHnr-eiiet.
* (Post- und Telegraphen-Assistenten gesucht.) Der Bedarf an Beamten der mittleren Laufbahn des Reichs-, Post- und Telegraphendienstes ist noch nicht gedeckt. Es bietet sich somit jungen Leuten beim bevorstehenden Schluß des Sommerhalbjahres der Schule Gelegenheit zum Eintritt. Bedingung für die Annahme von Zivilanwärtern ist das Reifezeugnis für die Untersekunda einer neunstufigen oder das Reife, zeugnis für die erste Klasse einer fechsstufigen öffentlichen höheren Lehranstalt, Auch die Reifezeugnisse von öffentlichen Knaben-Mittelschulen mit neun Jahreskursen berechtigen zum Eintritt als Post- und Telegraphen, gehülse. Ausnahmsweise gelten auch Befähigungszeug- nisse für den einjährig freiwilligen Militärdienst, welche von den dazu berechtigten Privat-Lehranstalten ausgestellt sind, sowie die Berechtigungszeugnisse der Prüfungskommissionen für Einjährig-Freiwillige als Nachweis der vorgeschriebenen Schulbildung. Der Bewerber muß bei feiner Einstellung in den Dienst das 1'7. Lebensjahr vollendet und darf, wenn er als Postgehülfe eintritt, nicht das 20., wenn er als Telegraphengehülfe eintritt, nicht das 18. Lebensjahr überschritten haben. Indessen können junge Leute, die als Telegraphengehülfe eintreten wollen, schon im Alter von 16 Jahren an Tele- graphierübungen oder an einem förmlichen Unterrichtskursus teilnehmen. Sie werden dann nach Vollendung des 17. Lebensjahres zu Telegraphengehülfen ange- nommen. Es muß feststehen, daß der Bewerber sich während der ganzen Vorbereitungszeit aus eigenen Mitteln oder durch Unterstützung der Angehörigen unterhalten kann. Diese Zeit dauert bis zur Ableistung der Assistentenprüfung, zu der die Gehülfen nach vier Jahren zugelassen werden können. Den jungen Leuten werden jedoch auch schon während der Vorbereitungszeit bei sich darbietender Gelegenheit Tagegelder gewährt, ein Umstand, der bei Beamtenmangel bald einzutreten pflegt. Als Assistenten werden die Beamten zunächst gegen Tagegeld bis zu 5 Mark beschäftigt und, soweit Stellen verfügbar sind, etatömäßig aus Lebenszeit angestellt. Das Gehalt dieser Beamtenklasse beträgt neben dem gesetzmäßigen Wohnungsgeldzuschuß 1500 bis 3000 Mark jährlich. Das Bestehen der Sekretärprüfung eröffnet den Assistenten die Aussicht auf Beförderung in die übrigen mittleren Stellen des Post- und Telegraphen- dienstes bis zum Postmeister, Oberfekretär usw.
* (Kaisermanöv e r.) Zu den diesjährigen Kaisermanövern schreibt Major v. Bruchhausen in einem Artikel über die europäischen Manövers DLutschts»d wird vom 2. bis 11. September (die Paraden und Ruhepausen eingerechnet) vier Armeekorps und drei Kavallerie-Divisionen in einem Viereck austreten sehen, das durch die Bahnlinie Halle—Eilenburg im Norden, Eilenburg—Gera im Osten, Gera—Erfurt im Süden und Erfurt—Halle im Westen begrenzt wird. Es bürste da allerlei Flußgefechte (Elster, Jlm) geben. Beteiligt sind auf der einen Seite das IV. (Magdeburg) und das XI. Armeekorps (Cassel), auf der anderen Seite das unter dem Befehl des Kronprinzen von Sachsen stehende
trat der Chef der Sicherheitspolizei wieder in das Bureau, ein Lächeln auf den Lippen, aber die Stirne in Falten.
»Das wäre abgemacht," sagte er, „Du hast Deinen Willen."
„Der Ober-Staatsanwalt hat also zugestimmt...?"
„Die Untersuchung einzuleiten. Er hat die Autopsie angeordnet, mit welcher man Olivier Martin beauftragen wird."
35. K a p i t e l.
Sobald Dulac infolge der Einatmung des Chloroforms betäubt und wehrlos dalag, war es leicht, ihn in ein Zimmer des Erdgeschosse« der Villa zu tragen. Diesen Dienst leistete der Chinese Du, dessen Verschwiegenheit sicher war und der übrigens während seines Boxerlebens noch ganz andere Dinge gesehen hatte.
Sodann entnahm der Baron einer Tischschublade einen kleinen Flacon, dessen Inhalt er mit Hilfe eines Instrumentes, einer neueren Erfindung des Doctors Labo-dette zum gewaltsamen Oeffnen des krampfhaft geschlossenen Mundes Ertrunkener oder Erstickter, in die Kehle seines Opfers goß.
„Habet immer Gift in Euren Taschen!" sagte er zu sich selbst, während ein wildes Lächeln sein Gesicht entstellte. „Man kann nie wissen, was einem passtrt. Besonders zu empfehlen ein Pflanzengift, ein gutes Alkaloid, wie dieses da, welches keine wirklichen Spuren hinterläßt und aller Schläue der geschicktesten Secirer und Autopsiegrößen spottet. Da« wäre ja noch schöner! Er muß den Kelch leeren, der arme Sünder da; bis zur Neige muß er ihn leeren und runterwürgen, sonst bleibt alles im Kehlkopf sitzen, und er käme wieder zu sich. Das Chloroform wird ihm die Schlundmuskeln für einige Zeit gelähmt haben. Wir wollen der Natur ein bißchen nachhelfen."
Der Baron umwickelte die Hand mit einem Taschentuch und begann auf der Zunge des unglücklichen Dulac, der leblos, scheinbar tot vor ihm lag, eine gewisse Anzahl gleichmäßiger Reibungen ausführen, welche eine Art künstlicher Atmung hervorriefen. (Forts. f.)