Kriegsminister und dem Militär kabinet sind unzutreffend, denn sonst würde das Militärkabinet seine letzten Abteilungschefs schwerlich aus den Offizieren des KriegS- ministeriums entnommen haben. Von einer Amts- müdigkeit des Kriegsministers kann gar keine Rede sein; wer sein Auftreten in der Kommission wie im Plenum des Reichstages zu beobachten Gelegenheit hatte, wird bei ihm schwerlich Spuren einer solchen erkannt haben.
Der Gesamtwert der deklarierten Ausfuhr aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten von Amerika während des ersten Quartals von 1903 beziffert sich — laut Bericht der verschiedenen amerikanischen Konsulate — auf 118 408 708 Mk., was einer Zunahme von 18 507 112 Mk. oder 18,4 pCt. über die Ausfuhr des ersten Quartals von 1902 entspricht.
(DieüberseeischeAuswanderung 1902.) Wie das Kaiserliche Statistische Amt in dem Vierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reichs 1903 I mitteilt, sind im Jahre 1902 32 098 Deutsche über See ausgewandert; das sind 5,6 Auswanderer auf 10 000 der Gesamtbevölkerung. An sich erscheint diese Ziffer gering, doch im Vergleich nicht nur zum Vorjahr, wo nur 22 073 Auswanderer (3,9 auf 10 000 Einwohner) ermittelt wurden, sondern auch zu den weiteren Vorjahren bis 1896 zurück wesentlich höher. Von den 32 098 deutschen Auswanderern haben 23 530 ihren Weg über deutsche Häfen genommen. Zu diesen 23 530 kommen (fast das Zehnfache) 221 432 Fremde, so daß die Gesamtzahl der über deutsche Häfen beförderten Auswanderer im Jahre 1902 244 962 betrug. Gegen 1901 hat sowohl die deutsche wie fremde, über deutsche Häfen erfolgte Auswanderung erheblich zugenommen, nämlich um 7063 bezw. 54 806, also insgesamt um 61 869, wahrend in den vorausgegangenen Jahren nur bei den fremden, nicht auch bei den deutschen Auswanderern eine Zunahme zu bemerken war. Von den 244 962 Auswanderern des Jahrs 1902 gingen 143 329 über Bremen, 101 633 über Hamburg. Das Hauptziel der Auswanderung waren die Vereinigten Staaten von Amerika.
Die Leidenschaft der Masse hat sich in M a d r i d wieder in y», Grade erhitzt, daß man annehmen sollte, die völlige Auflösung aller staatlichen Ordnung stehe unmittelbar bevor. Vor allem leisteten die Studenten und Arbeiter das Menschenmöglichste in Tätlichkeiten gegen die Polizeimannschaften, die bis gestern Abend der Tumulte, bei denen auch Blut geflossen ist, nicht Herr werden konnten. Ein Telegramm des „B. L." schildert die Vorgänge wie folgt/: M a d r i d , , 4. April. Furchtbare Szenen spielen sich gegenwärtig hier ab. Den ganzen Vormittag fanden lärmende Kundgebungen beim Gemüse- markt statt. Zwei Gendarmen wurden von Händlerinnen angegriffen und mit Grünzeug bombardiert. Sie hieben darauf mit Säbeln-ein. Ihre Lage verschlimmerte sich, als die Studenten und Arbeiter heranrückten. Schutzleute kamen den Bedrängten zu Hülfe. Darauf entstand ein allgemeiner Kampf mit Revolvern, Messern, Stöcken und Steinen. Siebzig Schutzleute schössen unaufhaltsam. Von den Balkönen und Dächern herab wurden Balken, Ziegel, Möbelstücke und Geschirr geschleudert und heißes Wasser und Oel gegossen. Die meisten Läden sind geschlossen, viele Arbeiter schössen ebenfalls. Die Schutzleute wurden vielfach über den Haufen geworfen. Das Schießen dauerte über eine Stunde. Unter den Verwundeten soll
2. Kapitel.
Der Staatsanwalt näherte sich der unglücklichen Frau, auf deren Antlitz sich tiefer Schmerz ausprägte, und sagte mit einer Stimme voll Milde und Mitleid:
„Ein klein wenig ruhig, Madame; die Justiz geht vorsichtig vor . . . indessen dürfen Sie nicht verzweifeln . . . Sie sind eine Freundin oder Verwandte des Verblichenen?"
„Seine Frau, Herr . . ."
Der Staatsanwalt verneigte sich vor ihr und fuhr fort: „Was auch immer unsere Ueberzeugung sein könnte, unsere Pflicht ist, Sie zu hören."
Oliva Ossana, Lavardens' Wittwe, schien nicht zu verstehen, was der Staatsanwalt ihr sagte. Eine jener heftigen Krisen, die selbst der energische Wille nicht Niederkämpfen kann, überkam sie, und sie stürzte neben dem Leichnam ihres Gatten auf die Kniee nieder und rief mit von Tränen erstickter Stimme:
„O mein armer Charles! Du, so gut, so vertrauensvoll! Der Elende ... er hat Dich getötet, und es ist nun vorbei, vorbei . . ."
In tiefer Bewegung bemühte sich der Staatsanwalt um die junge Frau.
„Madame," flüsterte er, „hier können Sie nicht bleiben . . . Kommen Sie, bitte!" Und als Oliva ihn verstörten Blickes ansah und sich heftig an des Gatten Körper anklammerte, fügte er hinzu: „Sie haben von Mord gesprochen, kommen Sie, Madame! Wir sind bereit, Sie anzuhören." Er wandle sich dem Untersuchungsrichter und dem Arzte zu. „Wir dürfen kein Mittel zurückweisen, um uns zu informiren und der Wahrheit nahe zu kommen, nicht wahr, meine Herren?"
Der Doktor zuckte die Achseln und knurrte skeptisch: „Die Wahrheit ... ein Unfall, weiß Gott, ein Selbstmord vielleicht . . ."
Frau Lavardens hörte die Worte. Zitternd erhob sie sich vor dem Arzte.
„O nein, nein! Das ist falsch! Dafür liebte er mich zu sehr, das heißt sein Andenken beschimpfen . ." Sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen, ein Seufzer entfuhr ihren Lippen, und indem sie ihren
sich der Sohn des Unterrichtsministers befinden. Die Erregung ist ungeheuer. Wenn sich heute Nacht die Tumulte erneuern, ist die Verhängung des Belagerungszustandes zu erwarten.
Aus Mazedonien liegt eine Meldung über einen abermaligen verbrecherischen Anschlag vor. Der Telegraph berichtet aus Konstantinopel vom 3. d. M.: „Eine heute Nacht hier eingetroffene Depesche meldet, daß auf der Eisenbahnstrecke Saloniki—Konstantinopel in der Nähe der Station Angista eine 30 Meter lange Brücke zerstört und nicht weit davon ein Tunnel beschädigt wurde. Die unteren Schichten des Widerlagers der Brücke wurden zum größten Teile zerstört. Die Telegraphendrähte sind vernichtet. Der Verkehr wird durch Umsteigen bei der Brücke morgen wieder ausgenommen werden. Der mutmaßliche Täter ist der bulgarische Bandenführer Alex Porojlue.
Aus Provinz null Allchtarzebiet.
* Beim Kurhessischen Jäger-Bataillon Nr. 11 zu Marburg werden noch Zweijährig-Freiwillige für Oktober dieses Jahres angenommen. Die Betreffenden haben sich möglichst bald unter Vorlage eines bis 31. März 1904 giltigen Meldescheins zum freiwilligen Eintritt dortselbst zur ärztlichen Untersuchung zu melden. Einer auswärtigen Untersuchung wird nicht Folge gegeben.
* Das Königliche Oberverwaltungsgericht hat in einem Erkenntnis ausgesprochen, daß, wenn die L u st b a r - keitssteuer-Ordnung einer Gemeinde das „Halten" eines Musikautomaten in einem Restaurationslokale mit einer Lustbarkeitssteuer belegt, gemäß § 15 des Kommunalabgabengesetzes vom 14. Juli 1893 der Wirt für eine bestimmte Zeitdauer wegen dieses „Haltens" nur unter der Voraussetzung zur Steuer herangezogen werden kann, daß das Instrument, gleichviel wie oft, während dieser Zeit tatsächlich benutzt worden ist.
* Ein Volksschullehrer, welcher zwei Jahre vom Militärdienst zurückgestellt, im dritten Militärpflichtjahre aber zur Aushebung vorgeschlagen wurde, suchte nachträglich die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst nach, wurde aber von allen Instanzen abgewiesen. Der Kultusminister hat aus diesem Anlaß die Seminardirektoren angewiesen, die Seminaristen darauf hinzuweisen, daß sie keine Aussicht auf Erlangung des Berechtigungsscheines haben, falls sie nicht von vornherein die Absicht kundgeben, als Einjahrig-Freiwillige zu dienen.
* (Vorsicht beim Benutzen von Bleistiften.) Zur Vorsicht beim Benutzen von Bleistiften muß man immer wieder mahnen. Es wird nämlich die größte Vorsicht beim Anspitzen der Bleistifte empfohlen, sowie vor dem Anfeuchten mit den Lippen gewarnt. Als abschreckende Beispiele seien folgende Fälle angeführt: Vor einiger Zeit starb im Augustahospitale in Berlin der achtzehn Jahre alte Kunstschlosser N. A. Er hatte sich beim Anspitzen des Bleistiftes in den Finger geschnitten und achtete die Wunde, in welche Graphit geraten war, nicht weiter. Am nächsten Tage stellte sich eine schmerzhafte Entzündung des verletzten Fingers ein, die Hand, ja der Arm schwollen bedeutend an. Erst als die Entzündung auf die linke Brust und Schulter übergegangen war, wurde ärztliche Hülfe in Anspruch ge-
Nerven und ihrer Schwäche gebot, rief sie: Ich folge Ihnen, meine Herren ... ich muß gleich Ihnen eine Pflicht erfüllen ... Ich will, daß mein vielgeliebter Charles gerächt werde."
In das Bureau, das der gefällige Bahnhofsvorsteher zur Verfügung stellte, eingetreten — von den Beamten, dem Arzt und dem Gerichtsschreiber gefolgt — bat der Staatsanwalt die junge Frau, sich zu setzen. „Wir wollen Sie anhören, Madame. Rechtfertigen Sie, bitte, die Verdachtsgründe, die Sie vorhin ausgesprochen haben."
„Und Sie, Jaquier, schreiben Sie die Aussage nieder," befahl der Richter dem Gerichtsschreiber. Dieser setzte sich an den Schreibtisch des Vorstehers, ebenso der Kommissar, der seinen Bericht aussetzte.
Frau Lavardens trocknete die tränenfeuchten Augen und begann:
„Mein Gatte war der Sohn kleiner Kauflente in der Provinz und wurde von seinen Eltern für die große Handelscarrisre bestimmt. Sie wollten aus ihm einen Schiffsrheder machen, einen jener Großkaufleute, die ihre Lager in allen fünf Weltteilen haben. Zu diesem Zwecke hatte man ihn, nachdem er das Gymnasium verlassen, nach London zur Erlernung der englischen Sprache geschickt, damit er dort zugleich sich mit den britischen Handelsgewohnheiien vertraut mache, die, wie man sagt, praktischer sind als die unseren.
In London traf er in einem französischen Hause mit einem Menschen zusammen, dessen Dasein ein wahrer Roman ist . . . Dieser Mann, dessen ungewöhnliches Leben von allen Zeitungen erzählt wurde, hieß Gaston Rozen . . ."
Bei Nennung dieses Namens sprangen der Untersuchungsrichter und der Staatsanwalt plötzlich auf und wechselten einen verständnisvollen Blick.
„Sie haben von ihm reden gehört, nicht wahr?"
„Ja, gewiß, Madame; aber wollen Sie, bitte, fortfahren."
„Gaston Rozen war von seiner Familie in einer besonderen Erziehungsanstalt untergebracht worden. Er fand seinen bürgerlichen Namen nicht vornehm genug
nommen — aber zu spät. In einem andern Falle konstatierte der Arzt als Ursache eines langwierigen, chronisch gewordenen Darmkartarrhs bei einem jungen Manne die Gewohnheit, den Bleistift vor dem Gebrauche mit dem Mund anzufeuchten.
△ Hersfeld, 4. April. Folgende gewerbliche Fortbildungsschüler, die sich durch Fleiß und gutes Betragen ausgezeichnet hatten, erhielten am Schlüsse des Schuljahrs eine Prämie: Julius Werner, Karl Wolff, Konrad Münster, August Bätz (aus Hersfeld) Daniel Möller, Karl Held, Konrad Wagner, Adam Germeroth, Heinrich Fink, Paul Horn, Adam H ollst ein und Johannes Schüler. Die Prämien bestanden in nützlichen Büchern. Außerdem bekam der Schneiderlehrling H ellwi g von hier - ein Sparkassenbuch mit einer Einlage von 8 Mk. von dem Vermögen der Schneiderinnung, die früher hier be- ■ standen hat. Zu dieser kleinen Feier war auch der Herr | Bürgermeister Strauß erschienen. Der Leiter bet . Schule, Herr Hallenberger, hielt zunächst eine kleine Ansprache, in der er die Schüler zu weiterem Fleiß, Bescheidenheil und kameradschaftlicher Gesinnung ermähnte. Herr Bürgermeister Strauß ergriff sodann das Wort zu einer längeren Ansprache. Er ermähnte in packenden Worten die jungen Leute,! doch immer zu' 1 bedenken, daß sie nicht für die Schule, sondern für das D Leben lernte», daß sie ihre Kenntnisse bei der heutigen | Konkurrenz hoch nötig hätten. Hierauf wurden die Schüler, die das Ziel der Schule erreicht hatten, feierlich entlassen. Herr Hallenberger dankte zum Schluß dem Herrn Bürgermeister für sein Erscheinen und bat ihn, sein warmes Interesse auch ferner der Anstalt bewahren zu wollen.
-e- Hersfeld, 6. April. („B ei fremden Leuten.") Am Sonntage sind die Konfirmanden eingesegnet worden. Ein großer Teil der konfirmierten Jünglinge wird nun das Elternhaus verlassen. Viele von ihnen werden als Lehrling in irgend ein Geschäft eintreten. Diesen möchten wir die beherzigenswerten Worte mit auf den Weg geben, die einst der berühmte Philipp Jacob Spener seinem Sohne Reinhard, welcher bei einem Apotheker in die Lehre getreten war, schrieb, nachdem er acht Tage „bei fremden Leuten" geweilt hatte. Nachdem Dich unumehr, so lautete der Brief, der himmlische Vater aus Deiner Eltern Hause zu einem andern Herrn geführt hat, so gedenke, daß Du solchem Deinem Herrn und dessen Frau alle diejenige Pflicht auch schuldig seiest, welche Du Deinen Eltern schuldig bist. Du hast sie von Grund Deiner Seele zu lieben, und nicht nur aus Furcht vor Strafe, sondern von Herzen ihnen zu gehorchen. Du sollst Dich in Worten und Geberden gegen sie demütig und ehrerbietig bezeigen und ja nichts mit Willen und Unvorsichtigkeit versäumen, was zu ihrem Dienst gehört; welches viel sorgfältiger tun wirst, wenn Du allezeit gedenkst, was Du ihnen zu Liebe oder zu Leide tust, werde alles : von Gott angenommen, als ob's ihm selbst geschehe, i Wo Du Dich dahin gewöhnen wirst, Deiner Herrschaft also zu dienen, als Christo selbst und von Grund der Seele, so wird Dir Dein Dienst so viel leichter ankommen. Um solcher Ursache willen hast Du auch für Deine Herrschaft wie für Deine Eltern andächtig zu beten und ihre Wohlfahrt als Deine eigene anzusehen. Was die Gesellen anlangt, von denen Du auch zu lernen
und ließ sich ,be Rozen' nennen. Er führte ein Leben auf großem Fuße, verkehrte bei reichen Leuten, oder sogenannten reichen, und spielte den Lebemann. Charles wurde nicht gerade sein Freund, die Verschiedenheit in ihrer Lebensweise war zu groß. Doch sah er ihn als Landsmann häufig, und seine Gesichtszüge blieben ihm - in der Erinnerung.
Mit zwanzig Jahren verließ Lavardens England. In Biarritz, wo ich als Modistin arbeitete, lernten wir uns kennen . . . und wir liebten uns. Doch seine damals schon verwittwete Mutter hielt ihn für zu jung und meinen Stand für zu bescheiden, und sie verweigerte ihre Einwilligung zur Heirat. Er trat in das dritte Marine-Jnfanterie-Regiment ein und wurde nach Guyana in Garnison gesandt. Dort erfuhr Lavardens sehr verspätet die romantischen Abenteuer seines ehemaligen Londoner Bekannten, die mit einer Verurteilung zut.M^ Zwangsarbeit geendet. Die Zeitungen kündigten feine* ■ baldige Ankunft im Bagno an. Ein Restchen Sympathie ließ ihn seine Ankunft erwarten, er erkannte ihn wieder, folgte ihm und bemühte sich, soweit es die strengen Vor-A^ schriften erlaubten, seine Gefangenschaft zu mildern!« Rozen schien sehr dankbar dafür. Aber wer konnte i wissen, was in dieser lasterhaften Seele vorging?
Die vier Dienstjahre meines Verlobten waren vor- ß über. Ins Civilleben zurückgekehrt, gelang es Charles < Lavardens, den mütterlichen Widerstand zu besiegen. | Wir verheirateten uns, und dank der i» Guyana ge- | machten Bekanntschaften reiste mein Gatte als Bevoll- ; mächtigter einer Kautschukfabrik nach Venezuela, wo er ein Komptoir gründete. Man war von seinen Diensten sehr befriedigt und beschloß, daß er in Frankreich in ähnlicher Weise weiter tätig sein sollte. Auf einer | seiner Geschäftsreisen erfuhr er von der Flucht Rozens." ’
„Verzeihung, Madame," unterbrach der Unter- : fuchungsrichter, „ich glaube Sie dahin zu verstehen, daß Sie Rozen den Tod Ihres Gatten zuschieben?"
„Ja, mein Herr," rief die Wittwe, „und ich werde Ihnen sagen, warum!"
(Fortsetzung folgt.)