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Beilage zur Nr. 41 des Kreisblatts.

H e r s f e l d, den 4. April 1903.

Zie heilige» drei

Eine Militärhumoreöke aus dem bayerischen Oberland

von Franz BischhosShafen. (Fortsetzung.)

Nun fing Girgl an zu präludieren, was — zu seiner Ehre seis gesagt — garnicht so schlecht klang, und als dann Franzl mit einem langen Bogenstrich — von der Spitze bis zum Frosch — einen halben Ton tiefer ein- setzte, als verabredet worden war, da bemerkte die Tante mit einem Blick durch das Lorgnon, daß die tragische Musik auf die Gemüter ihrer Gesellschafterinnen die tiefe Wirkung nicht verfehlte, welche die klasstsche Mustk bei gemütvollen Menschen hervorzubringen pflegt.

Wohl eine Viertelstunde schwelgten die Musiker selbstvergessen in dem Reich der Töne, und welche An­strengung ihnen das völlige Aufgehen in das gestellte große Tema kostete, konnte man an dem auf ihrer Stirne perlenden Schweiß und an den schmerzverzerrten Gesichtszügen des Geigenkünstlers ersehen, der sich ver­geblich bemühte, sich um einen halben Ton höher in das Gebiet der göttlichen Harmonie hinaufzuschwingen.

Endlich aber schwiegen sie, aber auch die lieblichen rosigen Hände der jungen Mädchen rührten sich nicht, obgleich es die flammenden Blicke des Zitherkönigs be­fehligend erheischten ; aber sie erhielten eine Aufforderung von einer anderen Seite. Aus einem nahen Hollunder- busch heraus ertönte ein Klatschen, als wenn ein Holz- knecht ein Paar Holzschuhe mit der Unterseite zusammen» schlüge, und die Beifallsspenderin war keine andere, als die ehrliche Mamsell Köchin, die ihre „Dreimarkpratzen" zur endgiltigen Herbeiführung des wohlverdienten Triumphes des edlen Künstlertrios in Bewegung ge­

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setzt hatte.

Die drei jungen Mädchen nahmen die Taschentücher von den schönen Augen, hinter denen sie während des Vortrages die Thränen der Rührung verborgen hatten, und feucht schimmerte es in ihren Augen, als sie mit vor Aufregung zitternden Händen den „heiligen drei Königen" Beifall spendeten.

Die gute Tante konnte Angesichts der allgemeinen Ergriffenheit nicht anders, als mit dem parfümirten Taschentuch ebenfalls über die Augen zu fahren, dann drückte sie vorerst ihrer Nichte, dann den beiden anderen Damen, die Pensionsfreundinnen des Fräuleins waren, warm die Hand, als wollte sie sagen: „Ach Gott, der Otto, unser Leutnant, ist doch ein guter, aufopfernder, lieber Junge. Wie schön von ihm, daß er uns die gute Musik verschafft hat! Ja, ich sehS Euch an: Ihr seid gerührt — aber ich auch, wahrhaftig in Gott, ich auch!"

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Dieser riesige Kunsterfolg, um den Girgl jeder Hof­theaterintendant hätte beneiden können, wurde gekrönt durch die Ankunft des jungen Leutnants von Glaim, der mit seinem gleichaltrigen Kameraden aus der Kadetten­schule, Bruno Lieberding, ebenfalls Leutnant in unserem Regiment, säbelrraffelnd über den Kiesweg daherge- schritten kam.

_ Liebe Kameraden, wißt Ihr, was das heißt, „säbel- raffelnd" als junger Leutnant zum ersten mal sich in die Arme einer alten, einzigen, geliebten Erbtante und in die weichen Arme einer noch geliebteren, lieblichen Cousine stürzen zu können? Ich sage Euch, das ist ein Gefühl, um das selbst ein Jupiter, der doch zeitlebens sicherlich nur so in der Wonne herumplanschte, uns nachgeborene arme Erdenwürmer beneiden würde. Ihr könnt Euch den Empfang denken. Es war ein Anblick für Götter, der aber unsern Vizekönig Girgl durchaus nicht abhielt, neue Hoffnung für das Gelingen seiner Gewaltstournee zu schöpfen.

Pflichtschuldigst waren die Chevauxleger« beim Heran­nahen der jungen Offiziere aufgesprungen und hatten sich in Positur gestellt; ungemein gnädig hatten die Leutnants abgewinkt, und als Girgl sah, daß der Neffe die geliebte Erbtante umarmte und dabei über ihr Haupt hinweg nach dem tieferrötenden „Patscherl" schielte, welches sich dann auch mit offenbarer Hilflosigkeit ab- küffen ließ, da wurde ihm klar, daß er mit seiner .verfluchten Liebenswürdigkeit beinahe einen Bock ge­schossen hatte!

»Jetzt haltS Enk zsamma, Buam," so raunte er B ' nizeköniglichen Kollegen zu. „Jetzt werdn nur andler gespielt, die wir könna, und guat muaß , iatzt haben wir Oberwasser!„

r4 ^er, was seh ich, Tränen in den Augen der »?" schrie Leutnant von Glaim der Tante r,. als der Kamerad, Leutnant Lieberding vor- iwar.

sagte die gütige alte Dame, „Otto, die „hei- i Könige" spielen zu schön. Sie haben soeben agischeS Stück vorgetragen, das uns Alle zu gerührt hat. Ich danke dir, Otto, daß du mir Geburtstag so verschönt hast 1“

- *iese Anerkennung hob den jungen Erbneffen »a über den höchsten Gipfel des siegreichen Selbst- tseins.

J gnädig und leutselig, wie nur ein junger Leut- emd

nant in Gegenwart seiner geliebten Erbtante und noch geliebteren Cousine sein kann, trat er an den'Tisch des ihm mit vorschriftsmäßigem Honneur aufwartenden Trios.:

„Na, Leute," sagte er, „das ist schön von Euch, daß Ihr Euch so wacker haltet. Aber es kann ja nicht anders sein, Ihr werdet ja Eurer Kunst wegen überall gelobt. Doch, was sehe ich? Ihr, als brave Chevaux- legers, sitzt trocken hier und habt nichts zu trinken! Wartet nur, ich werde gleich Abhilfe schaffen! Habt Ihr sonst noch einen Wunsch?'*

„Zu Befehl, Herr Leutnant," sagte Girgl mit rührender Bescheidenheit. „Vorhin iS uns bei der be­rühmten Trauerarie meine Hauptsoaten gerissen. Er- laubens, daß wir iatzt nur leichtere Stück! spieln, denn zu den klassischen Sachen reicht das Material iatzt nimmer aus."

„Na freilich — spielt, was Ihr wollt," sagte der Leutnant mit der Miene eines Sachverständigen. „Ihr habt Proben höherer Kunst zur Genüge ge­geben. Ihr shabt die Damen zu Tränen gerührt — tragt vor, was Ihr wollt, wir werden schon zufrieden sein." —

Während die beiden Offiziere sich wieder zur Gesell­schaft der Damen zurückbegaben und die „Vizekönige" in ungezwungener Weise, so gut sie es vermochten, einen Ländler um den anderen vom Stapel ließen (die aber nur von der draußen unter dem Hollunderbusch pflichtgetreu „patschenden" Köchin pflichtgetreu beant­wortet wurden), trabte ein einzelner Reiter auf das Gut Dietfeld zu.

(Fortsetzung folgt.)

Verwischtes.

— Ein braver Soldat feierte gestern sein 50 jähriges Militärdienst-Jubiläum. Es ist dies Vizefeldwebel Wahl, der am 1. April 1853 bei dem Westfälischen Fuß-Artillerie-Regiment eintrat und ihm heute noch angehört. Herr Wahl, der ohne Unter­brechung seinem Truppenteil treugeblieben ist, dürste wohl zu den ältesten Unteroffizieren der Armee zählen. Er hat auch im Felde gestanden und an den Kriegen 1864 und 1870/71 teilgenommen.

— Münster i. W., 29. März. A n den Fol­gen eines Hundebisses gestorben ist auf Gut Surenburg in Westfalen der Professor Dr. Grote- meyer, der bei dem kürzlich Heimgegangenen Abgeordneten Freiherrn v. Heereman die Funktionen eines Haus­geistlichen ausübte. Der 78jährige Greis war vor einiger Zeit von einem Schoßhündchen in das Bein ge- biffen worden; die ursprünglich unbedeutende Wunde verursachte schon nach wenigen Tagen unter starker Anschwellung des getroffenen Körperteils eine Blut­vergiftung, welcher der Bedauernswerte jetzt erlegen ist.

— Straubing, 28. März. Zu dem hier vor­genommenen Aushebungsgeschäfte sind aus der hiesigen Strafanstalt nicht weniger als gegen achtzig Sträf­linge als wehrpflichtig vorgeführt worden. Die in mehreren Abteilungen vorgeführten „Rekruten" erregten berechtigtes Aufsehen, umsomehr, als sich unter den stark bewachten Kolonnen mehrere Büßer befanden, bei denen das Symbol des Schwerverbrechens und der Gefährlichkeit, die eisernen Ketten, sichtbar war.

— Naumburg a. S., 29. März. Der Buch­bindermeister Flöffel vergiftete sich und seine zwei blühenden noch schulpflichtigen Kinder heute durch Gas. Man fand den Mann im Laden auf einem Stuhle sitzend, den Kopf über das geöffnete Gasrohr gebeugt, tot vor, desgleichen die im offenstehenden Nebenzimmer im Bett liegenden Kinder, Knabe und Mädchen. Es wird angenommen, daß zerrüttete Familienverhältniffe, des feit Weihnachten verwitweten Mannes die Motive der grausigen Tat find.

— (Schneesturm auf dem Gotthard) Wie aus Zürich mitgeteilt wird, liegen seit gestern auf der Paßhöhe des Gotthard gewaltige Schneemaffen. Es herrscht ein heftiger Nordsturm. Die innerhalb der letzten 24 Stunden gefallene Schneeschicht mißt 55 Centi- meter, die Höhe der lagernden Schneemaffen beträgt jetzt fünf Meter. Dazu ist eine ungewöhnliche Kälte eingetreten, denn das Thermometer zeigt elf Grad unter Null. Im Hospiz hat der Sturm großen Schaden angerichtet. Die mächtigen Balken des Schutzdaches wurden wie Streichhölzer geknickt, emporgewirbelt und durch die Lüfte fortgetragen.

— (Unwetter in U n t e r i t a l i e n.) In der fruchtbaren Ebene von C a s e r t a wütete ein schrecklicher Orkan. Besonders schwer wurde die Gemeinde Grazzanise betroffen. Dort fanden bei dem Unwetter drei Personen den Tod, mehrere andere erlitten Verletzungen.

— Der reichste Schlächtermeister der Welt, Gustave Franklin Swift, Chef des Chicagoer Welthauses Swift u. Co., ist dort an den Folgen einer am 22. März vorgenommenen Operation gestorben. Swift war der Begründer des Systems, frisches Fleisch in Kühlwagen zu versenden. Er begann in Chicago

als kleiner Metzger. 1877 legte er seinen Plan, Fleisch auf obige Weise zu versenden, den Eisenbahnen vor. Er wurde ausgelacht, und es dauerte Jahre, ehe er die Leiter der Eisenbahngesellschaften von der Ausführbarkeit des Projekts überzeugen konnte. Heute besitzen Swift u. Co. 97,067 Eisenbahnwagen, sie schlachteten im vorigen Jahre im ganzen 19,339,732 Stück Vieh, ihr Umsatz belief sich auf 200 Millionen Dollar, und sie beschäftigten mehr als 22,000 Menschen. Ihre Geschäftsbeziehungen erstrecken sich über die ganze Erde. Swift hinterläßt ein Vermögen, das auf eine stattliche Reihe von Millionen Dollar geschätzt wird.

— (E i n Diner zu Pferde.) Zur Eröffnung eines Stalles, der für 800 000 Mk. in Neuyork gebaut worden ist, wird der Chicagoer Millionär C. K. G. Billings ein neuartiges Diner geben, das zu Pferde serviert und gegessen werden soll. DaS Diner wird für jedes Kuvert 400 Mk. kosten. Die 36 Gäste werden gestiefelt und gespornt sein und Reitbekleidung tragen. In der Mitte des offenen Hofes wird ein Rosenbeet angelegt werden, und ein breiter Streifen von grünem Rasen wird das Rosenbeet einfaffen. Um den Rasen werden 36 Pferde, die besten aus Mr. Billings Stall, aufgestellt. Weißseidene Schabraken mit dem Mono­gramm des Reitklubs liegen auf den Pferden, und dar­über besonders gepolsterte Sättel. Die Geschirre und Zügel werden aus schwerer Goldschnur sein. Tische von zwei Quadratfuß Größe werden für jeden Gast vorn an die Sättel befestigt. Neben jedem Pferd wird ein Gromm stehen, der das Tier an gute Tafelmanieren zu erinnern hat. Während des Diners wird noch dazu eine Vaudevillevorstellung die Gäste unterhalten, und auch an Tischreden soll es nicht fehlen. . . .

— (Gold in kupfernen Cent-Stücken.) Seit einigen Wochen ging ein seltsames Gerücht durch weite Gebiete der Vereinigten Staaten, deffen Ursprung vielleicht bloß in dem Kopf eines Witzboldes zu suchen ist, das aber bald hier, bald dort wahre Epidemien er­zeugt. Es heißt nämlich, bei der vorjährigen Prägung der kupfernen Cent-Stücke sei aus Versehen Gold in die Legierung geraten, die Regierung habe das erst jetzt gemerkt und suche nun möglichst still und geräuschlos das Geld einzuziehen und umzuprägen. Natürlich be­gann bald eine wilde Jagd nach dem letzten Jahrgang „Pennies", wie sie auch in den Vereinigten Staaten gewöhnlich heißen. Das Unterschatzamt in New-Aork wurde mit Anfragen bestürmt, zu welchen Preisen die Kupfermünzen eingelöst würden, die Spekulanten be- mächtigten sich der Sache, und schließlich versprach ein Washingtoner Kleiderhaus in seinen Geschäftsanpreisungen in ländlichen Blättern, es werde am 7. März „1902 Pennies" zu 18 Cents einlösen. In ganz Nord- und Südkarolina zogen daraufhin die Preise der Kupfer­münzen mächtig an, ein Bankhaus in Alexandria taufte sie für 15 Cents und an dem genannten Tage sollten 6000 Kupfermünzen in dem Washingtoner Kleiderhaus abgegeben werden. In der Zwischenzeit muß sich aber das Geschäft von seinem Irrtum überzeugt haben, denn als die Geldverkäufer anlangten, behalf sich das Geschäft mit der windigen Ausrede, es habe nur versprochen, 1902 einzelne Cents für zusammen 18 Cents, nicht aber alle Cents des Jahres 1902 zu 18 Cents das Stück zu kaufen. In die kleinern Landorte dringt das Gerücht von dem Goldwert des Kupfergeldes erst all­mählich und so wiederholt sich dort jetzt der Taumel, der früher die größeren Ortschaften ergriffen hatte.

— New Park, 28. März. Als erste der durch die Mississippi-Anschwellung drohenden Verheerungen brachen heule Nachmittag die Dämme bei Greenville, elf Leichen wurden bisher geborgen. Die Einwohner des Gebiets sind in großer Gefahr.

— Budapest, 2. April. Heute Morgen wurde das Luftschiff „Turul" der ungarischen Aerogesellschaft bei den Leopoldstadter Gaswerken gefüllt, um einen Aufstieg zu unternehmen. Bevor aber die Füllung be­endet war, glitt einem der Arbeiter, die den Ballon hielten, das Tau aus den Händen, der Ballon neigte sich zur Seite, riß sich auch von den anderen Haltseilen los und stieg in die Höhe. In der Gondel befanden sich Oberleutnant Kral, Abgeordneter Kubik, der frühere Abgeordnete Ordody und der Direktor des Meteorolo­gischen Institutes, Kapitän Ludwig Tolnay. Der Ballon stieß beim Aufsteigen an das Dach des großen Gaso­meters und schwebte weiter zu der Fabrik „Vulkan", wo er einen Teil der Brandmauer wegriß. Hier stürzte infolge des heftigen Anpralls Ordody aus dem Korbe und fiel auf ein niedriger gelegenes Dach, wo er lebens­gefährlich verletzt liegen blieb; Arbeiter der Fabrik holten ihn herab und trugen ihn in ein Krankenhaus. Das Luftschiff bewegte sich inzwischen weiter Über freies Terrain, und Oberleutnant Kral zog die Reißleine, um den Ballon zum Fallen zu bringen. Der Ballon ging mit großer Vehemenz nieder, und beim Aufprall auf den Boden wurden Kral und Kubik schwer verletzt. Tolnay kam mit geringen Kontusionen davon.