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$r. 28. I-iliitrftiiz it« 5, März 1888.
Nichtamtlicher Teil.
Zur Wchlieiuezuuz.
Die Vorbereitungen für die Reichstagswahlen kommen allmählich in lebhaftern Fluß. Aber das Bild, welches die Wahlbewegung bisher darbietet, ist in feiner Gesamtheit kein besonders erfreuliches. Vielmehr macht stch auf Seiten der bürgerlichen Parteien ein großer Wirrwarr und eine starke Zersplitterung der Kräfte bemerkbar. Der Gedanke, daß es in erster Linie auf ein geschlossenes Zusammenstehen gegenüber dem gemeinsamen Feinde, der Sozialdemokratie, ankommt, will stch noch nicht recht Bahn brechen. Umso freudiger müssen daher einige gegenteilige Erscheinungen begrüßt werden. Es stnd in dieser Hinsicht aus jüngster Zeit besonders zwei namhaft zu machen: das Wahlkartell in Sachsen und der Appell an die alten Soldaten, der kürzlich in dem Bundes- Organ der Kriegervereine, der „Parole", seine Stelle gefunden hat.
Das Königreich Sachsen ist bekanntlich in ganz besonders hohem Grade ein Herd der sozialdemokratischen Agitation. Die Hälfte aller Reichstagswahlkreise daselbst befindet sich bereits in sozialdemokratischen Händen. Es ist daher hohe Gefahr im Verzüge, und das Bewußtsein dieser Gefahr hat dann auch glücklicherweise zur Ueberzeugung von der Notwendigkeit eines Zusammenschlusses und zur praktischen Geltendmachung dieser Ueberzeugung geführt. Konservative, Nationalliberale, Antisemiten und der Bund der Landwirte im Königreich Sachsen haben ihre Partei-Differenzen zurückgestellt und sich die Hand zur gemeinsamen Bekämpfung des gemeinsamen Feindes gereicht. Das ist eine hochpatriotische Tat, die vollste Anerkennung verdient und zur Nachfolge nicht warm genug empfohlen werden kann. Wie unangenehm der Sozialdemokratie dieses Vorgehen ist, beweist das Wutgeschrei, mit dem die sozialdemokratische Preffe es ausgenommen hat. Hoffentlich ist die in diesem Geschrei sich äußernde Furcht begründet und dem sächsischen Wahlkartell ein möglichst durchschlagender Erfolg be- schieden.
Genau den gleichen unangenehmen Eindruck hat auch der Mahnruf der „Parole" in den Kreisen der Sozialdemokratie hervorgerufen. Es sind warme, aus treuem, begeistertem Soldatenherzen stammende Worte,
$o§ Mimik des Schleiers.
Roman von H. v. Benitzki, aus dem Ungarischen von C. Langsch.
(Fortsetzung.)
„Ich hätte nicht geglaubt, welche Kleinigkeiten unser Glück beeinträchtigen können. Dieses Kindergesicht mit den großen, offenen, hoffnungsvollen Augen, konnte einem Herzen, wie dem meinen, Qualen verursachen und doch spielte ihre unbedeutende Schönheit eine Rolle in meinem Leben."
Sie sagte dies geringschätzig, fast spöttisch, alsdann durchzuckte sie ein anderer Gedanke. Sie hatte Theodor nie an ihrer Seite gesehen, das war nicht das Betragen eines Bräutigams.
„Bei Theodor ist alles nur Laune."
Sabine betrachtete ihn flüchtig lächelnd. „Es ist der gewöhnliche Fehler der Männer."
„Der warmfühlende Mensch ist nicht launenhaft."
„Sie wollen damit sagen, daß Sie es nicht sind."
Unter Scherz und lebhaften Gesprächen vergingen die Stunden.
Weder die Gräfin noch Sigmund bemerkten, daß auf ihren Spaziergängen ein dunkler Schalten sie verfolgte und daß ihr Geplauder auf dem Balkon von einem brennenden Augenpaar neidvoll und verzweifelt beobachtet wurde.
Drei Tage waren vergangen, als eines Vormittags Graf Julius Balkanpi Einlaß bei der Gräfin begehrte.
in denen die Kriegervereine zur Bekämpfung der Sozialdemokratie aufgerufen werden. „Der Ruf an die Gewehre ! ist ertönt. Der deutsche Soldat ist da prompt zur Stelle." Sd schließt der Appell. Möge ihm eine weithin zündende, machtvolle Wirkung beschieden sein.
Das deutsche Bürgertum muß aus Gleichgültigkeit und optimistischer Vertrauensseligkeit zu kraftvoller Tal erwachen. Die Vorgänge im Reichstage anläßlich der Zolltarisdebatten haben doch wahrlich für jeden, der sehen will, keinen Zweifel über das eigentliche Wesen der Sozialdemokratie übrig gelassen. So kann sich nur eine Revolutionspartei von ausgesprochenstem Charakter benehmen, eine Partei, die im tiefsten Grunde alle Begriffe von Verfassung, Recht und Freiheit für nichts erachtet, und der es einzig und allein darauf ankommt, auf den Trümmern des Bestehenden ihre brutalen Macht- und Herrschaftsgelüste zu befriedigen. Sollen die Lehren von damals völlig in den Wind geschlagen werden, soll keine, aber auch reinweg keine Spur von Wirkung segensreicher Art sich an die Erkenntniß heften, die in den Tagen der sozialdemokratischen Obstruktion und der sozialdemokratischen Tumultszenen den staatserhaltenden Parteien aufgegangen ist. Wir vermögen das nicht zu glauben, hoffen vielmehr, daß die damalige Erkenntniß doch noch Früchte tragen und die Idee der Einigung sich siegend Bahn brechen wird. Aber Zeit ist es, denn schon marschiert die Sozialdemokratie in geschlossenen Reihen auf. Darum schnell gehandelt, ehe es zu spät ist. W.
Politische Nachrichten.
Berlin 3. März.
Ihre Kaiserlichen Majestäten unternahmen gestern Nachmittag eine Ausfahrt. Später empfingen Allerhöchstdieselben den Besuch der Königin- Witwe von Sachsen. Nach der Abendtafel begaben Ihre Majestäten Sich um 9 Uhr zu einer Soiree beim Oberstallmeister Grafen von Wedel. Um 11 Uhr 35 Min. reiste Se. Majestät der Kaiser vom Lehrter Bahnhof aus nach Wilhelmshaven ab. — Se. Majestät der Kaiser passirte heute Morgen 8 Uhr auf der Fahrt nach Oldenburg und Wilhelmshaven den Bahnhof in Bremen. Um 9 Uhr trafen Se. Majestät der Kaiser und Se. Königl. Hoheit Prinz Heinrich von Preußen
Bei Nennung des Namens erbleichte sie und zitternd hieß sie ihn eintreten. „Es ist meines Mannes bester Freund, was für eine Nachricht kann er bringen, was bedeutet sein plötzliches Erscheinen," dachte Sabine.
Balkanpi trat ein. Feierlich ernst begrüßte er die Gräfin.
„Ich bin der Bote einer traurigen, unerwarteten Nachricht. Verzeihen Sie dem Ueberbringer."
„Moritz?!"
„Ist tot I Die Wunden des Duells wurden verhängnisvoll für ihn. Den Grund desselben verschweige ich. Gönnen Sie dem Verstorbenen ein gutes Andenken."
Sabine war erschüttert. Wie oft hatte sie sich nach Freiheit gesehnt. Nun war sie ihr zu teil geworden, aber sie fühlte weder Freude noch Schmerz. Die Nachricht überraschte sie. Das Unerwartete machte sie schwindeln.
„Sie müssen nun nach Pest zurückkehren, um Ihre Geschäfte zu ordnen. Das Begräbnis fand bereits statt."
„Kann ich die Vermögensangelegenheiten nicht von hier au» besorgen? Ich verstehe nicht« davon und würde Ihnen ewig dankbar sein, wenn Sie meinen Anwalt verständigten."
„Ich will Sie in Ihrer Wittwentrauer nicht ver- lassen."
„Ich bin nicht allein," sagte sie besangen. „Sie würden mir einen größeren Dienst erweisen, wenn Sie meine Interessen dort, wo es nötig ist, vertreten. Fast entsetze ich mich nach Pest zu reisen," fuhr sie zögernd fort, „denn es wurde mir wenig Freude in dem Palast,
in Oldenburg ein und begaben Sich, vom Großherzog und der Großherzogin am Bahnhof empfangen, zum Schlosse, wo das Frühstück eingenommen wurde, Nach Besichtigung des Kunstgewerbemuseums reisten der Kaiser und Prinz Heinrich um 3A 11 Uhr nach Wilhelmshaven weiter, trafen gegen 12 Uhr Mittags in Wilhelmshaven ein und begaben Sich unter lebhaften Hurrarufen der spalierbildenden Truppen und Schulkinder nach dem Exerzierhause. Am Bahnhöfe hatten sich der Chef der Marinestation der Nordsee Admiral Thomsen und der Staatssekretär des Reichsmarineamts Vizeadmiral von Tirpitz bei Sr. Majestät dem Kaiser gemeldet.
Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz und Prinz Eitel-Friedrich sind gestern abend 9 Uhr in Mailand eingetroffen und von dem deutschen Generalkonsul Freiherr von Herff und einigen Mitgliedern der dortigen deutschen Kolonie empfangen worden. Die Weiterfahrt nach Brindisi sollte heute erfolgen.
Im preußischen Abgeordnetenh ause wurde am Montage die nationalliberale Interpellation verhandelt, die das Auftreten des Bischofs Korum gegen die paritätische Töchterschule und das Lehrerinnen» Seminar in Trier zum Angriffspunkte hatte. Die Interpellation wäre wohl geeignet gewesen, die Gemüter in heftigere Wallung zu versetzen, wenn das Eingreifen des Grafen Bülow nicht von vornherein die beruhigende Sicherheit geschaffen hätte, daß der im äußersten Westen unsers Staates ausgebrochene Brand lokalisiert bleiben und gelöscht werden wird. Der Minister-Präsident, der mehrmals das Wort nahm, hat klar und deutlich ausgesprochen, daß die Auflehnung des Bischofs Korum gegen die staatliche Ordnung ein tiefbedauerlicher Akt gewesen ist und daß er es als unerläßliche Aufgabe betrachtet, eine Rücknahme des den konfessionellen Frieden bedrohenden bischöflichen Erlasses herbeizuführen. Graf Bülow hat sich zum Ausgleich der bestehenden Differenzen an die Kurie gewandt. Er ist Staatsmann und weiß, daß der Vatikan und der preußische Staat das gleich große Interesse haben, das gute Einvernehmen zu bewahren; er ist ein so geschulter Diplomat und namentlich auch mit den römischen Verhältnissen derart vertraut, daß er mit Fug und Recht die Erwartung aussprechen durste, es werde ihm gelingen, den Trierer Zwischenfall auf gütlichem Wege ohne weitere für die Beziehungen zwischen Staat und Kirche schädliche Folgen
welchen ich kaum für den meinen betrachte, zu Teil und nach den Vorgängen der letzten Jahre würde es mich nicht wundern, wenn er nach dem Tode meines Mannes in andern Besitz überginge."
„Moritz war sehr leichtsinnig, aber einer solchen Niedrigkeit war er doch nicht fähig."
„Sie mögen recht haben, doch kehre ich nicht eher zurück, bis ich das Testament, wenn eins existirt, kenne. Es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie persönlich erschienen, um mir sofort die traurige Nachricht zu bringen, aber noch freundlicher wäre es, wenn Sie zurückkehrten und mir über meine Geschäfte Auskunft erteilten."
„Diese Auskunft giebt Ihnen das Gesetz."
Sabine sah, daß der Graf sie nicht verlassen wollte und dies beunruhigte sie einigermaßen.
„Den Bericht werde ich bekommen, aber was dann?"
„Dann müssen Sie persönlich erscheinen."
„Und wenn dies unmöglich, wenn ich krank wäre?"
„So würde sich die Angelegenheit verzögern, doch zuletzt müßten Sie kommen, um das Testament zu unterschreiben."
„Läßt sich das nicht umgehen?"
„Fragen Sie einen Rechtsanwalt."
„Einen Rechtsanwalt," sagte Sabine erschrocken, sie dachte an Theodor. „Nun, wenn es so ist, wie Sie sagen, ist es besser, ich reise sofort, um so schnell als möglich alles zu besorgen."
„Gott sei dank, daß Sie sich endlich entschieden haben. Und nun werde ich mich empfehlen. Gestatten Sie, daß