Politische Nachrichten.
Berlin, 13. Januar.
Se. Majestät der Kaiser fuhr gestern Mittag beim Königlich sächsischen Gesandten Grafen von Hohenthal und Bergen vor. — Zur Mittagstafel waren keine Einladungen ergangen. — Um 2Vi Uhr besuchte Seine Majestät das Atelier des Bildhauers H. Magnussen, um dort das Modell zum Denkmal des Generals Grafen v. Roon zu besichtigen. Um 6^/i Uhr empfing Se. Majestät den Oberst-Kämmerer Grafen Solms-Baruth, der auch zur Abendtafel blieb, zu welcher ferner der Generalkonsul in Kairo Rücker-Jenisch geladen war. — Um 8 Uhr hörte Se. Majestät in der Singakademie den Vortrag des Proftffors Delitzsch. Nach demselben verweilten Aller» höchstderselbe längere Zeit in der Bibliothek, wozu Admiral Hollmann geladen war. — Heute Morgen unternahmen Beide Majestäten einen Spaziergang im Thiergarten. Se. Majestät der Kaiser sprach beim Reichskanzler Grafen v. Bülow vor und hörte dann im Königlichen Schloß die Verträge des Chefs des Admiralstabes und des Chefs des Marinekabinets.
Durch die Thronrede, mit der der Minister» Präsident, Graf Bülow, am Dienstage die letzte Tagung des preußischen Landtags in dieser Legislatur-Periode eröffnete, zieht sich wie ein rother Faden der Hinweis auf die schwierigeFinanzlage der Monarchie. Es wird besonders auf die mißliche Erscheinung hingewiesen, daß der Ertrag der Staatsbahnen hinter den Erwartungen und Voranschlägen beträchtlich zurückgeblieben ist. Bei aller Vorsicht und Sparsamkeit in der Bemessung der Ausgaben in den Zweigen der Staats» verwaltung hat der Staatskredit in Anspruch genommen werden müssen, um den S t a a t S h a u S h a l t für 1903 ins Gleichgewicht zu bringen, weil wegen der ungünstigen Lage der Landwirthschaft, des Handels und der Industrie mit einem weitern Rückgänge der Ueber» schliffe der Eisenbahnen gerechnet werden muß. Trotz dieser unerfreulichen Aussichten sind Ausgaben nicht zurückgestellt worden, die im politischen und wirthschost- lichen Jntereffe dringend geboten sind. So ist es aus nationalen Gründen mit Genugthuung zu begrüßen, daß die Staatsregierung unbeirrt daran festhält, ihr auf den Schutz des Deulschtums in den Ost- märten und deren wirthschaftliche Stärkung gerichtetes Programm durchzuführen. Für diese Zwecke sind bedeutende Mittel verfügbar gemacht. Von der konsequenten Energie, mit der Graf Bülow sich für die Fortsetzung einer kraftvollen, deutsch - nationalen Ostmarken-Politik persönlich eingesetzt hat, haben wir nichts anderes erwartet. Immerhin ist es erfreulich, daß schon die Ankündigung der Thronrede jeder Annahme eines Nach» lassens in diesen volksthümlichen Bestrebungen den Weg verlegt. Daß den mittlern und untern Beamten sowie den V o l kS s ch u l l e hr e r n in den vom Polentum umbrandeten Landestheilen die in Aussicht gestellte Zulage gewährt werden soll, wird hoffentlich ihre Freudigkeit erhöhen, aus exponiertem Posten sur die deutsche Sache zu wirken. Als sehr be- achtenswerth verdient noch hervorgehoben zu werden, daß auch bei dem gegenwärtigen Stande der Finanzen die Fürsorge der Staatsbehörden für die Arbeiter undUnterbeamten unverändert weiter geübt wird. Für die Verbesserung ihrer Wohnungen sollen wieder erhebliche Mittel ausgewendet werden. Ebenso kommt es den Arbeitern hauptsächlich zugute, daß in diesen schlechten Zeiten die betriebs» sichere Ausgestaltung der Eisenbahn- Anlagen und die Ergänzung des Fuhrparks nicht aufgeschoben wird. Mit Recht hebt die Thronrede hervor, daß die Regierung dadurch in den Stand gesetzt werde, die Arbeitsgelegenheit im Land p
zu vermehren. Wir knüpfen hieran nur den einen Wunsch, es möchten die betheiligten Kreise diese Fürsorge der Staatsregierung mit der Einsicht und der Anerkennung belohnen, daß auch hier von einer monarchischen Regierung aus eigenem pflichtgemäßen Antrieb mehr für das Wohl der breiten Schichten geleistet wird, als durch alle Phraseologie der sozial- demokratischen Agitatoren. Von den übrigen Arbeiten, die den Landtag beschäftigen werden, nennt die Thronrede einen Gesetzentwurf, um das Reichsgesetz über die Bekämpfung gemeingefährlicherKrank- heiten in Preußen auszuführen, ferner einen Gesetzentwurf über die Bildung kirchlicher HülfS » fonds für katholische Pfarrgemeinden. Auch der im vorigen Jahre nicht verabschiedete Gesetzentwurf über die Befähigung für den höhern Verwaltungsdienst soll dem Landtage in etwas veränderter Gestalt wieder vorgelegt werden. Wir wollen mit dem Wunsche der Thronrede schließen, daß alle diese wichtigen Arbeiten dem Vaterlande zum Segen gereichen. **
Der Reichstag begann seine erste Sitzung im neuen Jahre am Dienstag bei Anwesenheit von etwa 120 Mitgliedern. Präsident Graf Ballestrem eröffnete die Sitzung mit einem herzlichen Glückwunsch für das neue Jahr, der von den Mitgliedern der Mehrheit mit Beifall beantwortet wurde. Auf der sehr umfangreichen Tagesordnung standen an erster Stelle die zu dem er» ledigten Zolltarif-Gesetz vorliegenden Resolutionen. Die erste der von der Kommission vorgeschlagenen Resolutionen verlangt eine Vereinfachung der Bestimmungen zum Tabackssteuergesetz mit Rücksicht auf die kleinen Tabacksbauern.
Im Reichstag ist, wie verlautet, der Beginn der ersten Etatsberathung für Montag nächster Woche in Aussicht genommen.
Die „Schweizerische Depeschenagentur" meldet unter dem Gestrigen aus Genf: Mehrere Blätter berichten von einer Verstimmung zwischen der Kronprinzessin von Sachsen und G iron. Giron wurde aber von dem Advokaten Lachenal aus höheren Rücksichten ersucht, während der Vorbereitung der Ehescheidung nicht mehr im Hotel d'Angleterre zu wohnen, kann jedoch beliebig oft dorthin zurückkehren. Die Prinzessin hat nicht die Absicht, sich von Giron zu trennen, und hält einfach das Scheidungsbegehren aufrecht. Die Verhandlungen zwifcheü den Anwalten der Parteien in Genf dauern fort und werden baldigst erledigt sein. Da es sich um eine rein private und nicht dynastische Angelegenheit handelt, werden die Ergebnisse der Verhandlungen dem Kronprinzen von Sachsen direkt mitgetheilt. Dr. Zehme-Leipzig, der Anwalt der Kronprinzessin vor dem Dresdener Gericht, ist am Dienstag in Genf eingetroffen und,, durch den Advokaten Lachenal der Kronprinzessin vorgestellt worden. Dr. Zehme wird an den Verhandlungen zwischen Justizrath Dr. Körner-Dresden, dem Anwalt des Kronprinzen, und Lachenal theilnehmen.
Der preußische Handelsminister Möller ist zur Eröffnungsfeier der Meisterkurse für Handwerker der Rheinprovinz in Köln eingetroffen. Er führte bei dieser Gelegenheit aus, die Regierung lege jener Einrichtung große Bedeutung bei, die gegenwärtigen Etatsverhältnisse seien aber zu einer allgemeinen Einführung solcher Kurse in ganz Deutschland nicht angethan.
Eine Kügler-Stiftung für erkrankte Volks» schullehrer will die preußische Lehrerschaft zur bleibenden Erinnerung an den verstorbenen Ministerialdirektor Kügler gründen. Die Mittel sollen durch den Vertrieb eines Kunstblattes, das den Verewigten in Lebensgröße im Bilde darstellt, aufgebracht werden.
Die „Zeit" und die „Oesterreichische Volkszeitung" wollten erfahren haben, daß zwischen dem Grafen und der Gräfin Lonyay ernste Differenzen bestehen und daß
Graf Lonyay Südfrankreich, wo er sich seit einiger Zeit mit seiner Gemahlin aufhielt, ohne Angabe des Reiseziels verlassen habe. Aus Kap San Martin an Wiener Blätter eingegangene Nachrichten bezeichnen diese Gerüchte als erfunden.
Zwischen der türkischen Militär-Verwaltung und dem Vertreter der Deutschen Waffen- und MunitionS'Fabriken ist in Konstantinopel ein Vertrag über Lieferung von 200 000 Mausergewehren abgeschlossen worden.
Eine in Madrid ausgegebene offiziöse Note erklärt in der Marokko-Frage, Niemand denke an eine Intervention oder an eine Theilung des Gebietes. Spanien werde seine Positionen behalten und seine Streitkräfte vermehren. Ueber die neuesten Vorgänge in Marokko berichtet ein Telegramm aus Tanger vom 12. b. MtS.: Nach den neuesten Nachrichten aus Fez vom 8. Januar war der Sultan im Begriff, mit 15 000 bis 20 000 Mann, denen sich verschiedene Verstärkungen anschlossen, die erst vor Kurzem aus dem Süden eingetroffen waren, gegen den Prätendenten zu Felde zu ziehen. Die Mittheilung, betreffend die Abreise der fremden Konsuln, ist unrichtig, wenigstens soweit der englische Konsul in Betracht kommt. Wie es heißt, befindet sich der Prätendent 30—40 Meilen von der Hauptstadt im Vormarsch mit nur kleinem Gefolge, was ein Beweis dafür ist, daß er entweder nicht in der Lage ist, seine Anhänger über den jetzt von ihnen besetzten Bezirk hinauszubringen, oder daß er den Sultan zum Angriff locken will, Die französische militärische Mission ist auf dem Wege nach Fez."
Chamberlain und die führenden Persönlichkeiten der Minenindustrie gelangten in Johannesburg zu einem Uebereinkommen bezüglich der Regelung der finanziellen Angelegenheiten. Der Beitrag Transvaals zu den Kriegskosten soll 30 Millionen Pfund betragen, außerdem soll Garantie für eine Reichsanleihe von 30 Millionen Pfund zur Verwendung für reproduktive öffentliche Arbeiten in Transvaal und der Oranje-Kolonie gegeben werden. Eine Verständigung wurde auch bezüglich der Arbeiterfrage erzielt.
As Pminz ob NaHUgebiet.
* (Postverkehr mit den Besatzungen
S. M. Schiffe in den westindischen Gewässern.) Für die Dauer der Blockade gegen Venezuela werden folgende Postsendungen a n und von Personen der Besatzungen S. M. Schiffe in den westindischen Gewässern, sofern sie zwischen dem Marine- Postbureau in Berlin und den Marine-Schiffsposten jener Schiffe zum Austausche kommen, als Gegenstände der Feldpost portofrei befördert: Gewöhnliche Briefe und Drucksachen bis zum Gewichte von -öO^v einschließlich, sowie Postkarten. Ferner werden portofrei befördert alle Postanweisungen von Personen der Schiffsbesatzungen. Für Postanweisungen bis zum Betrage von 100 Mk. einschließlich a n die Schiffsbesatzungen kommt eine Gebühr von 10 Pf. zur Erhebung. Die Briefe und Drucksachen müssen in der Aufschrist mit dem Vermerke „Feldpostbrief" versehen sein. Bei Postkarten und Postanweisungen ist die Bezeichnung „Postkarte" und „Postanweisung" in „Feld- Postkarte" und „Feld-Postanweisung" abzuändern. Im übrigen bleiben im Postverkehre mit den Besatzungen der bezeichneten Schiffe, sowohl bezüglich der zur Be. förderung zugelassenen Sendungen als auch hinsichtlich der Taxen und sonstigen Versendungsbedingungen, die bisherigen Vorschriften in Kraft. Pakete nach und von den Schiffen werden durch die Post nicht befördert.
* Hersfeld, 14. Januar. Mit der heutigen Nummer erhalten unsere Abonnenten ein Märkte» V e r z e i ch n i ß für das Jahr 1903.
Lisbeths Schwester, die Studentin, war's. Einen erstaunten, streng forschenden Blick auf die fremde Italienerin werfend, strich sie der kleinen Schwester hastig die blonden Haarringeln aus der Stirn und schüttelte tadelnd den Kopf.
„Wie heiß du bist, wie erregt, Lisbeth, Schon den ganzen Abend haben wir dich gesucht. Warum verkriechst du dich denn hier in der abgelegenen Ecke? Hast du denn von den Aufführungen nichts gesehen?"
Lisbeth nickte.
„Ja, so ein bissel, weißt du. Aber das genügte uns vollständig."
Ihr Blick wanderte verlegen von Willi zu dem Torero.
„Meine Schwester Klara, Fräülein Erna Rödler," stellte sie vor.
Der spanische Jüngling neigte flüchtig das kurz geschorene Haupt.
Willi, der gerade seine tiefste Verbeugung machen wollte, wurde glücklicherweise durch die ungewohnte Röcke daran verhindert und nickte gleichfalls.
„Meine Kopfschmerzen haben sich wieder gemeldet," meinte Klara seufzend. „Und morgen früh die Vorlesung in der Universität, — du mußt dich schon fügen, Kleine, und mit mir nach Hause fahren. Die Hauptsache ist ja auch schon vorüber und das Tanzen unter den Weibern lächerlich," setzte sie mit überlegenem Achselzucken hinzu.
Lisbeth machte betrübte Augen.
„Es ist doch gerade so schön, Klara!"
Willi lächelte bei diesen Worten. Und doch drängte eine innere Stimme auch ihn zum Aufbruch. Er wäre
wirklich nicht mehr lange im stände gewesen, seine Mädchenrolle durchzuführen.
„Wenn die Damen gestatten, begleite ich Sie nach Hause," sagte er galant.
Der Stierkämpfer streifte ihn mit einem stolzen Blick.
„Ein sonderbares Anerbieten von einer Dame," meinte er spöttisch.
Willi ärgerte sich über die Art und Weise, in der Diese Studentin zu ihm sprach. Kurz wendete er sich ab.
Lisbeth, die der Schwester herrische Manier kannte, schob diese zur Seite und hängte sich in Mignons Arm.
„Natürlich gehen wir zusammen. Wir haben ja denselben Weg und können in einer Droschke fahren. Fräulein Rodler wohnt uns gerade gegenüber, Klara," setzte sie erläuternd, gegen die Schwester gewendet, hinzu.
Diese nickte gnädig und schritt voran. In der Garderobe zog sie die Schwester bei Seite.
„Du mußt nicht mit jeder ersten besten Freundschaft schließen, Lisbeth. Die Fremde hat etwas recht Unroeib» liebes an sich, fast möchte ich sagen, Gewöhnliches."
Lisbeth machte sich entrüstet los.
„Es giebt ein Sprichwort vom Splitter und Balken, Kläre, das merke dir in deiner häßlichen Manier, über andere herzuziehen."
Und um irgend ein Unrecht rasch wieder gut zu machen, half sie der völlig verwirrten Italienerin beim Umlegen des Abendmantels und Kopftuches und schritt mit hocherhobenem Haupte neben ihr die Treppen hinunter.
Klara langsamer, ein spöttisches Lächeln um die Lippen, hinterher.
„Mußt mich aber auch recht bald besuchen," bat Lisbeth hastig. „Oder soll ich jetzt ,Sie' sagen?"
„Du," betonte Willi dringend.
„Ja, wenn bloß die dumme Reise morgen nicht wäre! Großmama in Dresden will mich durchaus ein paar Wochen um sich haben. Sie ist kränklich und erwartet mich morgen. Aber dann, gleich, wenn ich zurück- gekehrt bin, mußt du kommen. Ich schreibe dir wenn ich mal ganz allein zu Hause bin. Dann ists am gemüthlichsten."
Willi nickte mit heißem Kopf und wäre beinahe in dem ungewohnten langen Mantel die Treppe hinunter- kt gefallen. Erst in der Droschke sprach er ein paar I Worte mit den Schwestern und log in seiner Herzensangst das Blaue vom Himmel herunter.
In der Kurfürstenstraße vor des Direktors Hause stieg er gleichfalls aus, und wollte sich gerade, während Fräulein Klara die Thür aufschloß mit flüchtigem Händedruck auch von Lisbeth empfehlen, als feine Finger festgehalten wurden.
„Wir bleiben gute Freundinnen, nicht wahr?"
Er wußte es selber nicht, wie es kam, daß er nach diesen bittenden Worten das geliebte Mädchen am
„Süße, kleine Lisbeth," flüsterte er hastig, sie auf W den willig dargebotenen Mund küssend.
Als die Schwestern neben einander die Treppe hin» aufstiegen, schalt Klara.
(Fortsetzung folgt.)