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Krankenbett vorüber und in diesen Wochen wurde Frau Edith eine ernste, geläuterte Frau. Der Todesengel hielt seine dunklen Fittiche über die Rosenvilla ausgebreitet und nur der aufopferndsten Pflege gelang es, ihm die Beute zu entreißen, das junge Leben zu er­halten. In diesen bangen Tagen und langen Nächten wurde Riedel ihre treueste Stütze, und sein Blick sagte ihr, ob sie hoffen oder fürchten sollte.

In diesen Wochen kamen sie sich einander näher als vordem in Jahren geschehen war. Gemeinsame Sorgen, gemeinsame Kämpfe sind ein fester Kitt, der dauernd bindet. Als die Gefahr vorüber, war und eine erfreuliche Wendung zum Besseren eintrat, erwachte in Frau Edith Reue und Trauer und warfen den ungerechten Haß über Bord. Wolfgang schlummerte zum erstenmal wieder in tiefer Ruhe und etwas von dieser wohlthuenden Ruhe war auf das Innenleben Frau Ediths übergegangen. Mit warmer Herzlichkeit bot sie dem Mann, den sie so oftmals gekränkt, die Hand zur Versöhnung dar.

„Wir haben uns lange fern gestanden, lie­ber Riedel," sagte sie in reuevollem Ton, der aus einem aufrichtigen Herzen kam, „dafür wollen wir jetzt desto bessere Freunde werden. Verzeihen und vergessen Sie, was ich im blin­den Vorurteil an Ihnen gesündigt und als ersten Beweis meines Vertrauens lege ich künftighin die Erziehung meines Sohnes allein in Ihre Hände. Wollen Sie Wolfgang zu, einem braven, tüchtigen Mann nach Ihrer Sinnesart heranbilden, so bleibe ich allezeit Ihre dankbare Schuldnerin."

Riedel hielt ihre kleine Hand mit festem Druck umspannt. Sein treuer, offener Blick gab ihr die Antwort. Die lange, ungerechte Fehde war beendet, der Friede für die fernere Lebenszeit geschlossen.--- —---:---

Die Lambert befand sich in rosigster Stimmung. Die Probe zur .„Timandra" war glänzend ausgefallen. Ihre Mandane war ein Meisterstück. Linde hatte sich selbst übertroffen und sein triumphierendes Lächeln ihr gesagt, daß er noch lange keine Luft zu einem Possenreißer habe und auch die andern Mitspielenden hatten ihre besten Kräfte ein­gesetzt. Sie fühlte sich in ihrem Fahrwasser, und das Blut prickelte feurig durch die Adern, das heiße, ungestüme „Künstlerblut". Sie freute sich auf die Aufführung, die wieder ein­mal eine Glanzleistung ersten Ranges werden sollte.

Graf Leßheim hatte ihr in übergroßer Dankbarkeit einen herrlichen Blumenaufsatz in die Wohnung geschickt, und ein zweites Ehrengeschenk war von Seiner Königlichen Hoheit eingetroffen, da dieselbe über Irene Lamberts 'zugesagte Mitwirkung sich ebenso erfreut zeigte, wie Graf Leßheim selbst.

Nur ein Gedanke quälte und beunruhigte sie über die Maßen, der Gedanke, wie Egbert diesen Wortbruch auffassen und aufnehmen werde.

Bah, vorläufig brauchte er ja gar nichts davon zu erfahren und späterhin würde er sich sicher mit der Thatsache abfinden, wenn man ihn nur zu einer geeigneten Zeit, sobald er in einer recht guten Stimmung sich befand, darüber verständigte. Andernfalls konnte sie sich ja auch mit den Wünschen Seiner Hoheit decken. Sie ersann vielerlei Gründe, ihr un­rechtes Thun zu beschönigen.

Ueberdies hatte sie Egbert in den letzten Tagen nur selten bei sich gesehen und auch bei diesen seltenen Besuchen war er zerstreut und langweilig gewesen. Oder war sie selbst ver- ändert? Irene liebte es nicht, sich vernach­lässigt zu sehen. Sie war gewohnt, überall wo sie erschien, durch ihre sieghafte Schönheit nutz glänzenden Geistesgaben gefeiert zu wer

den, der Mittelpunkt der Gesellschaft zu sein. Dennoch plagte sie nur allzuhäufig die Lange­weile und übertrug sich wie eine Krankheit auch auf andre, welche ihr nahestanden. Erst wenige Wochen waren vorüber, seitdem sie dem Bühnenleben Valet gesagt, und schon begann die Einförmigkeit ihrer zurückgezogenen Le­bensweise lähmend auf ihre Geistesfrische ein- zuwirken.

In bleierner Trägheit verflossen die Stunden, die sie vormals zu verdoppeln ge­wünscht. Ihre Bühnenthätigkeit hatte nicht nur Anregungen und Zerstreuungen'in Fülle gebracht, sondern zudem hohe Anforderungen an ihr Geistesleben gestellt. Da gab es vor allem wichtige Besprechungen mit Autoren, Kunstkritikern, Regisseuren und Bühnenkolle- gen zu pflegen, da gab es neue, hervorragende -Partien einzustudieren, Proben beizuwohnen, Toilettenfragen zu bestimmen und noch so vie­les, was Mühe und Arbeit verursachte und ihr dennoch von ihrem Leben unzertrennlich, un= löslich schien.

Wohin, wohin waren diese Zeiten ihrer großartigen Wirksamkeit geschwunden, sollten sie für immer, immer in das Reich der Ver­gessenheit versinken? Einige Tage hatte ihr die Ruhe wohlgethan. Egbert war viel bei ihr gewesen, hatte ihr vorgelesen, Reise- und Trauungsangelegenheiten erörtert und an ihrer Seite verschiedene Einkäufe gemacht. Nun brächte er einen großen Teil seiner Zeit in der Rosenvilla bei seinem schwererkrank­ten Neffen zu und fühlte sich beleidigt, daß sie nicht das gleich, warme Interesse wie er sAbst-für Kinder hegte. Gewiß hatte auch sie die Kinder soweit recht lieb, nur durften keiner­lei Lasten damit verbunden sein. Für Kinder­erziehung und Krankenpflege hatte sie genau so viel Verständnis und Vorliebe, wie Frau Edith auch. Zu was hält man sich denn be­zahlte Leute, doch nur dazu, damit sie alle Lasten und Beschwerden, die eine Kinderstube mit sich bringt, auf sich nehmen. Auch ihrem Verlobten gegenüber hatte sie durchaus keinen Hehl aus ihren Ansichten über diesen Punkt gemacht und sofort auf Frau Ediths Seite sich gestellt, als er ihr einige Mitteilungen aus den Familienereigniffen in der Rosenvilla gemacht, ja sie würde sogar eine Abreise Frau Ediths nicht mißbilligt haben, sofern die Gräfin nur Kir eine gute Pflege ihres Kindes gesorgt. An dem tiefverfinsterten, erschreckten Blick, der sie aus Egberts Augen getroffen, hatte sie er­kannt, . welch einen peinlichen Eindruck ihre Worte auf ihn gemacht und sie bereute, ihm ihre Denkungsweise über diesen Punkt nicht länger verschwiegen zu haben. Doch wozu einander belügen! Eine gegenseitige, offene Aussprache würde manche Enttäuschung für später verhüten.

Man kann doch nicht alles in einem sein und der gesamten Frauenwelt die gleichen Le­bensbedingungen auserlegen. Eine Künstlerin von ihrer Bedeutung und eine Gesellschafts­dame von Frau Ediths Lebensstellung konn­ten doch unmöglich in bürgerlich hausbackner, engbeschränkter Pflichterfüllung aufgehen.

Egberts Auffassung von mancherlei Din­gen, die sie leicht nahm, war und blieb ihr äußerst unverständlich und geradezu befremd­lich. Allzu ernst dachte er über Pflichter­füllung. Einerseits von einer glühenden Kunstliebe und hochfliegenden, ihn weit über Alltagsmenschen erhebenden Phantasie getra­gen, konnte er andrerseits mit den einfachsten Lebensfragen sich beschäftigen, Lebensfragen, die ganz außerhalb ihres Gesichtskreises und Gedankenganges lagen und mehr dem geistigen Horizont seiner sicher sehr beschränkten Schwägerin Felicia entsprachen. Irene fand jetzt Muße, über so vieles nachzudenten, was sie seither gar nie in Betracht gezogen und da

fand sich denn auch so manche Wunde,»

freuliche Stelle aus der Gegenwart, M füt und Vergangenheit. Die Vergangenheit: ihrem unsteten Wanderleben und ben fc W inbegriffenen widerlichen Eindrücken aus

Kinder- und allerersten Jugendzeit sollte je L unverhofft in greifbar lebendiger Gestalt i ■ sie hintreten.

Irene kehrte soeben von der Theateist &§ zurück, der außer dem Regisseur und denk- M

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wirkenden auch noch Generalintendant, tOtr Leßheim, beigewohnt und ihr überreihM! Weihrauch gestreut hatte. Ganz toiber ■ warten hatte sich auch Stella Gerbers Unlust sein plötzlich gehoben und sie bei der WrieM, eingefunden. Neid und Zorngefühl hatm'M nicht-ruhen lassen und hätten ihre Blick S Kraft von scharfen Dolchspitzen besessen, würde ihre große Gegnerin auf den Zu der Welt am längsten ihres Daseins Wa K freut haben. Irene sah den Haß, der ihm: W verhüllt aus den Augen der Kollegin entgej® E leuchtete, jedoch war sie zu stolz, darauf W-

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gehen und begrüßte Stella mit zuvorlyMMe der Höflichkeit, weil sie hoffte, damit jeder V Ex teren'Auseinandersetzung zu entgehen. M

Irene unterschätzte ' die Niedrigkeit ^ wi Bosheit, die in einer unedlen Fraucnseck: sie

Stella erwiderte den Gruß mit steifer §M ve

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Nach beendeter Probe wendete sie sich M kollegialer Herzlichkeit an Linde und sagte K halblauten Ton: „Sie haben sich heute Dl übertroffen, lieber Freund, und sich selbst,W ben unsrer königlichen Mandane vortressW zu h^haupten gewußt. Fräulein LaMx wird "allmählich zu der Ueberzeugung li® j men, daß ein Künstler von Ihrer ®rofje m®« lange zu keinem Possenreißer herabsinkt," an Irene sich wendend, fügte sie in verletz»:! Weise hinzu: „Nach Ihrer neulichen, brM! Verabschiedung zu urteilen, hätten wir Ei lich nicht geglaubt, unsre liebenswürdige roinc so bald wieder in unsrer Mitte beglich-! I zu können. Ja, ja, der Kunstlorbeer löst: r I mand ruhen und wiegt selbst eine GreD I kröne auf." 8 1

Nicht allein Irene, auch Graf fühlte von der Rücksichtslosigkeit dieser M sich verletzt. Trotz seines vorgerückten war er ein großer Damenfreund und sehr ritterlich gesinnt, weshalb er allen E ren Feindseligkeiten durch die Macht je» | Persönlichkeit entgegen zu treten suchte. , I

In seinem Beisein durfte es zu E öffentlichen Damenkrieg kommen. ,. . ....

„Nur auf meine und Seiner p'öw'1'' Hoheit dringliches Bitten hin hat SW Lambert in der übergroßen Güte ihres 0 zcns, von dem Wunsch geleitet, mir au-.tz f tödlichen Verlegenheit zu helfen, eW®' n. die Rolle der Mandane zu übernehme«- H er in einem sehr kühlen, abweisenden^^, der erregten Gerber. „Ihre Kräfte st«- einmal großen, heroischen Aufgaben nick ■. wachsen, mein Fräulein, und wem die E Begabung zu einer Größe fehlt, der I wenigstens vornehm denkend genug M deutenden Künstlern den wohlverdn . Ruhm nicht zu schmälern und durch llc>> ! Bosheiten das Leben zu verbittern, ‘ mir leid, Ihnen diese Lehre nicht erfpe* können!"

Stelln Gerber that, was in diesemss" gebotenste war, sie brach in Thränen aE h

Graf Leßheim wendete ihr achseU' t den Rücken. Jetzt hielt Linde es für raten, sich für die ihm vor dem Jn»n " zugefügte Beschämung durch die Erw > des Possenreißers an der Gerber, • , durch ihr herausforderndes Betrogen n ; , sMnpathischer war, als die Lame -

rächen.

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