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waisten Knaben waren nun gänzlich der [ Gnade ihres Großvaters preisgegeben, der ihnen gleichfalls wenig Zuneigung entgegen- brachte, und in ihnen nur die Kinder einer verhaßten Schwiegertochter sah. Wie wildes Unkraut am Feld wuchsen sie empor, und hätte .sich nicht hie und da ein Onkel mütterlicher­seits in das Mittel gelegt, wären beide ge­radezu verbauert. Der Sparsamkeitssinn, ein Friedheimscher Familienzug, der von Ge­neration zu Generation sich fortvererbt und ihren Reichtum auf der Höhe erhalten, steigerte sich bei ihm bis zum krankhaften, knauserigen Geiz. Um alle Ausgaben zu vermeiden, wurde der Biehstand nur auf das nötigste gesetzt, Landwirtschaft und Forstkulturen ganz ver­nachlässigt. Stets in der Furcht lebend, von aller Welt bestohlen und übervorteilt zu wer­den, sagte der früh gealterte, menschenfeind- liche Herr seine Untergebenen meist Knall und Fall davon. Zu dem Geiz hatte der alte Herr noch andre Schrullen, die ein Zusammenleben mit ihm sehr unerquicklich machten. Bon der absonderlichen Idee beherrscht, kein Schneider oder Schuster im ganzen Erdenrund sei je­mals im stande, patzende Kleidungsstücke oder Schuhe für ihn anzufertigen, machte er jahr­aus, jahrein Bestellungen. Aus aller Herren Länder trafen Waren ein, die niemals ge­braucht und deshalb in den entlegensten Räu­men des Schlosses untergebracht wurden. Die fieberhafte Sammelwut verleitete ihn zu den schreiendsten Ungerechtigkeiten gegen die Ge­schäftsleute, die meist statt der erhofften Be­zahlung, mit derben Redensarten vodliev nehmen mußten, oder auch erst nach langwie­rigen Prozessen zu ihrem Recht kamen. Unter solch widerlichen Eindrücken war Egbert drei­zehn, Oskar acht Jahre alt geworden und noch war nicht das geringste für eine bessere Aus­bildung geschehen.

Ihre" ganzen Kenntnisse beschränkten sich auf den gewöhnlichen Elementarun­terricht, den ihnen der Dorflehrer, ein Mann von sehr bescheidenem Wissen, mit den übrigen Dorfkindern zusammen erteilte. Erst als die Knaben immer größer und flegelhafter wur­den, dazu unziemliche Worte im Munde führ­ten, wurde auch der alte Herr stutzig. All­mählich begann es in ihm aufzudämmern, daß es um die Erziehung seiner beiden Enkel doch nicht so recht bestellt sei, und ihr Bildungs­grad den Anforderungen, welche die Neuzeit, die moderne Welt an die höheren Gesell­schaftsklassen zu machen pflegt, nicht genügen könne. Die weife Einsicht reifte den Ent-Z fchluß, einen Hauslehrer aufzunehmen. Ir­gend ein armer Kandidat mußte sich doch fin­den, der für das tägliche Brot (eine Bezah- । lung blieb ganz außer Frage) den Knaben die ; höhere Richtung mit der Haselnußgerte bei- ; brächte, nebenbei dem Gesinde gehörig den; Teri las und ihm die zeitlichen und ewigenI Strafen die, auf die Versündigung gegen das i vierte und siebente Gebot stehen, so recht zu L Herzen führte. Und es fand sich auch einer, ! und diesem einen folgten viele nach. So oft die | Monate im Jahre wechselten, so oft wechselte j man auf Schloß Friedheim mit den Haus­lehrern. Länger als vier Wochen hielt es kei­ner aus, und der Grund lag teils in den stör­rischen, gräflichen Sprößlingen, die sich gegen den geistigen Drill lebhaft zur Wehr setzten und in ihrer bäuerlichen Unwissenheit zu ver- , bleiben wünschten, teils in der Ünzuverlässig- I seit der Hauslehrer selbst, größtenteils aber, in dem schmutzigen Geiz des alten Herrn.

Erst nach verschiedenen mißglückten Ver­suchen und vielen schlimmen Erfahrungen ge­lang es einen der Herren, dauernd auf Fried­heim festzuhalten. Es war dies ein armer Student der Rechtswissenschaft, dem die Geldmittel zu ei»em weitere» Studium aus­

gegangen waren und dem es durchaus nicht gelingen wollte, eine zusagende Stellung zu finden. Obwohl ein vielseitig gebildeter und befähigter Mann, hatte Riedel es dennoch in keinem Fach zu etwas Vollkommenem gebracht, einmal, weil er seine Kräfte nach verschiedenen Richtungen zersplittert hatte, anderseits, weil er, trotz seines Talents, nicht streng und ge­wissenhaft genug gegen sich selbst gewesen war. Desto strenger aber und gewissenhafter nahm er es bei der Erziehung der ihm anvertrauten Zöglinge. Mit aller Entschiedenheit trat er ihren bäuerlichen Unarten entgegen. Ebenso steuerte er dem alten Schlendrian des süßen Nichtsthuns und hielt die Knaben zu einer ge­regelten^ Thätigkeit und Zeiteinteilung an. Durch sein freies, offenes, mit einer herzge­winnenden Freundlichkeit verbundenes Wesen, eroberte er sich die Herzen seiner Schützlinge im Sturm. Wie Kletten hingen sie ihm an, umsomehr als sich sein Wissen nicht nur auf trockene Lehrgegenstände beschränkte, sondern er auch eine ausgesprochene Vorliebe für Mu­sik und Malerei an den Tag legte und das In­teresse und Verständnis hierfür anzuregen ver­stand. Wenn er, seine Schüler an der Seite, Wald und Fluren durchstreifte und sie auf das Leben und Treiben in der Tierwelt, auf das Werden und Vergehen in der Natur auf­merksam machte, oder ihnen eine der schönen Dichtungen unsrer heimischen Poeten vortrug und erklärte, und bei ihnen dankbares Gehör fand, dann fühlte er sich innerlich gehoben, upd dieAufgabe, die beiden jungen, verlassenen Menschenkinder zu tüchtigen, brauchbaren Mitgliedern der höchsten Gesellschaftsklassen heranzubilden, befriedigte ihn und söhnte ihn mit der Härte des Geschicks aus. Auch der alte Herr freute sich über die Fortschritte sei­ner Enkel, doch durfte die wohlwollende Ge­sinnung für den Lehrer, ihm keine großen Geldkosten verursachen. Erst nach Verlauf eines zweiten Jahres, und nachdem Riedel sich verpflichtet, wöchentlich drei Betstunden ab- zuhalten und hie und da auch in der Oeko- nomie praktisch mit thätig zu sein, erhielt er außer einigen kleinen Begünstigungen für sein leibliches Wohl auch noch ein festes Jahresge­halt von fünfzig Thalern zugestanden.

Die Zeit verfloß, und je mehr sich der alte Herr von seiner Umgebung abschlotz und in seine wunderlichen Eigenarten sich hineinlebte, desto fester und inniger gestaltete sich das Ver­hältnis zwischen Lehrer und Zöglingen.

Als Egbert das zwanzigste Lebensjahr zurückgelegt, brächte ihn sein hervorragendes Zeichentalent und eine glühende Begeisterung für die Kunst, auf den Gedanken, eine Aka­demie zu besuchen und sich für immer der Ma­lerei zu widmen. Allerdings waren bei einer Verwirklichung seiner Idee heftige Kämpfe mit seinem Großvater, dem jegliches Ver­ständnis für »einen derartigen Lebensberuf fehlte, und der die Kunst nur als eine unnütze, zeitraubende Spielerei, die Künstler als Müßiggänger und Drohnen der Menschheit bezeichnete, vorauszusehen.

Und es kam so, wie es Egbert befürchtete. Der alte Herr schäumte vor Zorn, als ihn sein Enkel mit diesen Berufsfragen vertraut machte. Ein für allemal verbat er sich vor seinen Ohren je wieder solch abenteuerliche Ge­lüste zur Aussprache zu bringen und befahl ihm hingegen, sein ganzes Interesse auf die Landwirtschaft zu übertragen, damit er seine heimische Scholle bebauen könne. Ein Träger des Namens Friedheim unter den Farben- rlecksern, die um das tägliche Brot arbeiteten, der Gedanke schon brächte dem alten, ahnen- sto.lzen Herrn schlaflose Nächte.

Der heftige Widerstand reizte den ling zum Trotz. Nur mit knappen M» teln versehen, entfloh er heimlich, dem seiner Ahnen und ging nach Rom, wo« den Schülern eines der bedeutendsten tu schaftsmaler der deutschen Nation ein»! ließ. Allein der Gedanke an sein lahmte seine Kraft und raubte ihm bit $ zur Arbeit, so daß er nur sehr geringes, schritte machte. Dazu zeigte seine M gar bald eine bedenkliche Leere, und da, allerorts, hauptsächlich aber im gefean» Land Jtalia, ohne das wichtigste allntz kehrsmittel „Geld" genannt, nicht forttonun kann, ihm zudem auch das freie, unwäe Leben seiner Mitschüler nicht zusagte schloß er sich, seinen Aufenthalt abzust. und feine Studien in der Heimat fort»; Innerlich bereuend und zur Umkehr «1 schrieb er einen herzlichen Brief an seine Großvater, in welchem er um Verzeih«. 5 seine unüberlegte Handlungsweise UH das nötige Reisegeld zur Heimkehr Er erhielt keine Antwort und auch PM zweites und drittes Schreiben blieb unW sichtigt. Erst als seine Notlage den M Höhepunkt erreicht, und er eben in M zog, ob er zu Fuß über die Alpen zurück!^ oder die Gesandtschaft seines Vaterlaiid!!- Anspruch nehmen solle, kam die beißt# Hilfe. Riedel, sein treuer Freund unb# war selbst gekommen, den Flüchtling h« holen.

Nach einem harten, erbitterten K« hatte er durch die Androhung, Schloß U heim auf der Stelle und für immer Detlef zu wollen, die Härte des grilligen, aller#! besiegt und ihm das nötige Reisegeld ei zwungen.

Noch einige frohe, genußreiche Tage fe Egbert in Riedels und Dornaus GeW in Rom zugebracht, dann schloffen Pforten des Paradieses und sein Jiinglst traum von Kunst, Ruhm und Lorbeer i vorerst beendet. Sein Großvater empfing frostig und bedeutete ihm, sich sofort für Eintritt in eine der ersten landwirtschaftlit Schulen bereit zu machen.

Allen unliebsamen Erörterungen über! Vorhergegangene blieben ihm erspart, i verbat sich der alte Herr fernerhin alle 86 schreitungen und jede Zuwiderhandlung M seinen Willen, sowie auch jeden bliest Gedankenaustausch und persönlichen $tj während der Dauer von Egberts Studd Obgleich ohne Liebe, studierte Egbert miü lem Eifer und Fleiß. Einerseits spornte der Gedanke, die erlangte Verzeihung sich verdienen, andrerseits beabsichtigte er, teil Großvater den Befähigungsnachweis s schuldig zu bleiben.

Nach einem nahezu dreijährigen, er»! arbeitsvollen Leben wurde er plötzlich hi gerufen. Er kam an das Sterbebett sei Großvaters. Ein versöhnlicher Handedr ein gütiges Segenswort waren der Lohn nes Strebens geworden.

Die eine Schranke, der Wille seines Vaters, der ihn von seinem Künstlertiauni schieden, war gefallen, dafür aber traten« Ereignisse ein. Ereignisse, die ihm Geleg heit gaben, seine ganze Thatkraft einzig und die erlangten Kenntnisse zu verwert»

In den Wirtschaftsbüchern herrschte f heillose Unordnung. Der Geiz des « Herrn war der wunde Punkt gewesen, der nahe zum Ruin geführt. Beim ordnen < Nachlasses fielen Egbert die unbezahlten Z nungen stoßweise in die Hände und noch" mer liefen neue Forderungen ein. Die * hatten vurch die schlechte Bewirtschaftung"'