Roman von Constantin Harro.
^^®in führerloses Gespann sagte in der
UM
Hauptstraße des polnisch-russischen Städtchens Zoltschewno dahin.
Im rasenden Galopp stürmten
die scheuen Pferde an flüchtenden Menschen worüber. Es war Jahrmarktstag, und die
Menge der Bauern, die sich in der frühen Abendstunde vor den Buden geschäftig drängte, unch entsetzt nach allen Seiten aus. Der Wagen neigte sich und schwankte. Die einzige Jn- Wssin desselben rief laut um Hilfe.
I Doch die scheuen Tiere wurden vollends wild gemacht durch das Weibergekreisch, das Weschrei und Fluchen, welches in ihre gespitzten Mich klang. Jeden Augenblick konnte ein Menschenleben unter den Rosseshufen zu Munde gehen. Daß es noch nicht geschehen, Mr fast ein Wunder zu nennen. Denn auch ■mutige, kleine Kinder spielten auf der stau- Mgen Straße.
Ein großer, schlanker Mann mit blitzenden, . bunflen Augen stand an einem der wenigen Laternenpfähle gelehnt und erwartete ruhig Heranbrausen der Pferde. ' Jetzt waren ihm greifbar nahe.
s Er packte mit eiserner Faust die Kinnkette r sich bäumenden Tiere. Er beugte den illen der rasenden Tiere nicht nur mit der 'oft seiner Muskeln, sondern auch durch die acht seines Blickes. Er blieb sich in diesem lgenblick der Todesgefahr, in welcher er webte, wohl bewußt, ließ seine Kraft nach, j geriet er unter die Hufe der wütenden
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Es Wild schlugen sie aus und sprangen hoch Mf, ois sie den Meister in ihm erkannten und M-rnd zur Seite bogen. Er aber hielt sie Sie konnten seine Faust nicht von sich ■totfein.
■ Ermattet von der eigenen Wildheit stan- M die Rosse jetzt still. Blutiger Schaum »hte ihnen über Brust und Flanken, keuchend ihr Atem. Das Blut rann ihnen vom pul herab, ein bebendes Zucken überlief fort pb fort ihre dampfenden Glieder. Der staun, der diese Wildheit gebändigt, stand ^ch wie ein riesiger Baum im Sturm. In inem schönen, hochmütigen Gesicht lag unver- üstlicher Gleichmut. Nur um den feinen, tgeschlossenen Mund zeigte sich ein Zug des chmerzes, der sich von Sekunde zu Sekunde erklich vertiefte. Der Retter war oer- st worden. Die anrückenden Pferde hatten wen Arm an den Laternenpfahl gepreßt.
Eine starke Quetschung war die Folge gewesen.
Kaum sahen die Menschen ringsum vor Unheil sich behütet, so bezeigten sie dem Fremden in einer lärmvollen, aufdringlichen Weise ihre Bewunderung für fein Bravourstückchen.
Er verstand die Leute nicht, denn sie sprachen polnisch. Er suchte aber vergebens durch Flucht dem andringenden Volke sich zu entziehen. Auch machte niemand Miene, ihm die Sorge für die zitternden Pferde abzunehmen. Der Kutscher des Gefährtes ließ sich nickt blicken.
Präsident Paul Kriiaer.
Aber ihm wurde jetzt ein Dank, der seine strengen Züge hätte aufhellen müssen. Aus dem geöffneten Fenster der Kutsche neigte sich ihm ein bezauberndes Frauenantlitz zu. — Kleine,, weiße Hände verlangten nach seinen Händen, die heiß und aufgeschwollen von mühevollster Arbeit noch am Zaumzeug der Pferde hafteten.
„Gnädige Frau," sagte er französisch mit einer metallischen Stimme, während er sich von den Tieren frei machte, die jetzt wie die Lämmer standen.
„Gnädige.Frau," wiederholte er, den Hut artig lüftend, indem er näher an den Wagenschlag herantrat, „ich sehe, daß Sie ohne Kutscher sind. Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, wohin ich Sie führen soll? Ich möchte denn doch die rebellischen Tiere lieber noch einige Minuten- in meiner Gewalt behalten."
„Und Sie wollen meinen Dank nicht?" rief die Dame mit leiser, weicher, wunderbar süßer Stimme und blickte verwundert zu ihm auf. „Sie haben mir das Leben gerettet."
Sie sprach deutsch mit ihm.
„Pah! Jeder hätte dasselbe gethan," meinte der Fremde in derselben Sprache nachlässig. „Bitte, darf ich nun aufsteigen? Wo ist Ihr Kutscher geblieben?"
„Ich weiß es nicht!" sagte sie, fast gede- mütigt durch seine Unnahbarkeit. „Vermutlich sprang der furchtsame Mensch ab. Aber dort steht mein Diener. Lassen Sie ihn aufspringen. Er wird Ihnen den Weg weisen. Sie haben nur geradeaus zu fahren. Und in zehn Minuten halten wir am „Waldschloß".
„Das ist mir lieb," sagte er durch die zusammengebissenen Zähne hindurch. Sein Arm fing an, unerträglich zu schmerzen.
Er verbeugte sich nochmals und schwang sich behende auf den Bock. Der geängstigte Diener, den ein Augenwink von ihm herangelockt hatte, nahm scheu neben ihm Platz. — Schon hatte der unbekannte Retter Zügel , und Peitsche ergriffen und ließ einen grausamen Hieb auf den Rücken der ungehorsamen Tiere nicdersausen. Sie schäumten in die Ketten und flogen pfeilschnell dahin, zitternd unter der gewaltigen Macht ihres Bändigers.
Der Wagen rollte schon nach einigen Minuten nicht mehr auf dem holperigen Pflaster des elenden Städtchens, sondern in dem weichen Sande eines Waldweges. Fichten und Kiefern standen zu beiden Seiten und zogen sich eine mäßig hohe Bergkuppe hinan.
Die Pferde durften jetzt im Schritt gehen. Sie kannten den Weg. Es war inzwischen ganz dunkel geworden.
Als der Wagen nach kaum zehn Minuten vor dem erleuchteten Portal des Waldschlosses hielt, sprangen einige Diener die Stufen der Freitreppe hinab, um der Herrin beim Aussteigen behilflich zu sein.
Doch ehe sie den Kutschenschlag öffnen konnten,hatte schon der Fremde seinen hohen Sitz verlassen und bot der schönen Dame seine Ritterdienste , an. —
. An schöner Hand betrat sie das Vestibül. Hier
aber blieb der herrische Mann abschiednehmend stehen.
Frau Krüger.