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1902.
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„Jllustrirtes Sonntagsblatt" -» „Jllnstrirte landivirthschaftl. Beilage" für die Monate November unv Dezember 1902 werden von allen kaiserlichen Postanstalten, Land- briefträgern und von der Expedition angenommen.
Amtlicher Theil.
Der Borfitzende
der Veranlagungs
kommission.
. III. 1777.
Hersfeld, den 28. Oktober 1902.
Die Vorstände der Landgemeinden haben d i e S t a a t s st e u e r h e b e b ü ch e r für 1902 sofort hierher zur Prüfung einzureichen.
Es wird erwartet, daß die b i s z u m 30. S ep - tember fälligen Sta atssteue rbeträge ordnungsmäßig verrechnet sind.
Freiherr von S ch l e i n i tz.
Nichtamtlicher Theil.
Ae zollPlitische Lage.
Im Reichstag wird die zweite Lesung der Zolltarif- Vorlage fortgesetzt, aber es ist kein rechter Zug in diesen Verhandlungen, die doch die Entscheidung über die wichtigsten wirthschastspolitischen Fragen der Gegenwart herbeiführen sollen. Die Abstimmungen über die ersten agrarischen Tarifpositionen haben ergeben, daß die verbündeten Regierungen und die Mehrheit des
Der Engel von ^eissfeld.
Von Adolf Reiter.
(Fortsetzung.)
Herr Schwartzkopf, ein schöner gewandter Mann im Alter von dreißig Jahren, war Buchhalter in einer bedeutenden sächsischen Fabrik gewesen und hatte später die einzige Tochter seines Chefs geheirathet. Der vermögenslose junge Mensch war von der Tochter des Fabrikbesitzers leidenschaftlich geliebt worden. Sie war nicht schön, aber sehr reich und hatte ihn durch die Ehe sofort in den Besitz eines bedeutenden Vermögens gesetzt.
Er war vor wenigen Monaten nach Paris gezogen; waren ja doch die Renten so bedeutend, daß der ehemalige Buchhalter zu arbeiten es jetzt nicht mehr nöthig hatte und er mit seiner Frau auch in der herrlichen Seinestadt ein angenehmes Leben führen konnte! —
Es war elf Uhr, an einem freundlichen Vormittage, als Fräulein Martha Klein mit einer Equipage der Marquise Dorbois an dem Hause des Herrn Schwartzkopf in der Rue de Versailles vorfuhr. Ein mit Silbertressen reich galonirter Diener eilte die Freitreppe herunter, führte Mademoiselle Klein in das Wartezimmer und ging, nachdem er ihr in deutscher Sprache noch gesagt hatte, daß er die Anmeldung sofort besorgen werde, durch die eine der vier Doppelthüren ab. Unmittelbar daraus erschien nun Frau Schwartzkopf in sehr eleganter Toilette. Sie war von hohem Wuchs und Hager. Die etwas gewöhnlichen und schmerzlichen Gesichtszüge
Reichstages in ihren Ueberzeugungen auseinandergehen. Die Majorität hat Kommissionsbeschlüssen ihre Zustimmung gegeben, welche seitens der Regierungen wiederholt als unannehmbar bezeichnet worden sind. Dadurch ist ein Zwiespalt entstanden, dessen Ausgleichung noch nicht erfolgt ist, aber erfolgen muß, wenn anders die ganze ungeheure Arbeit zur Herstellung eines neuen Zolltarifs nicht vergeblich gewesen sein soll. Diese Gefahr wird von allen Seiten anerkannt und in ihrer Tragweite gewürdigt, doch ist es bisher nicht gelungen, über die obwaltenden Differenzen eine Brücke zur Verständigung hinüberzuschlagen. Und dieser Zweifel, was aus der Vorlage schließlich werden wird, drückt den ReichStagsdebatten ein Gefühl der Unsicherheit auf.
In den Verhandlungen über die Weizen und Roggen- zölle hat es an Rathgebern nicht gefehlt, die der Reichs- regierung einen empfehlenswerthen Ausweg aus den Schwierigkeiten glaubten nachweisen zu können. Ihre Rathschläge waren aber weder zweckmäßig, noch den Verhältnissen angemessen. Diese Stimmen suchten nämlich dem Reichskanzler vorzureden, daß ihm jetzt nichts anderes übrig bleibe, als der Sache schleunigst ein Ende zu machen, sei es indem er den Reichstag auflöste, sei es, in dem er die Vorlage zurückzog. Graf Bülow hat diesen mit verdächtigem Eifer empfohlenen Wünschen sein Ohr verschlossen. So lange noch eine Hoffnung besteht, daß die Tarif-Vorlage schließlich dennoch im Reichstage zur Erledigung kommt, wird die Arbeit am großen nationalen Tarifwerke fortgesetzt werden. Die Aussicht aber, daß aus den gährenden Meinungen die Grundzüge für eine Verständigung sich noch entwickeln könnten, ist keineswegs so ungünstig, wie im allgemeinen angenommen wird. Industrie und Landwirthschast, die verbündeten Regierungen wie die rechtsstehenden Parteien des Reichstags haben das größte Interesse daran, daß die Tarif-Vorlage nicht scheitert.
Die Industriellen wissen sehr wohl, daß mit dem bisherigen Tarif ihre Erwerbs-Interessen nur unvollkommen sich vertreten lassen. Ihnen muß daher dringend daran gelegen sein, nicht nur daß ein neuer Zolltarif den alten ablöst, sondern daß auch solches möglichst bald geschieht, weil das Hinausziehen der unumgänglichen Neuordnung eine Unsicherheit erzeugt, welche Handel und Verkehr schwer schädigt. Nicht minder ist es für die Landwirthschaft von der allergrößten Wichtigkeit, daß dem Hangen und Bangen endlich ein Ziel gesetzt
verriethen beim Sprechen große Nervosität, aber besonders waren es die langgeschlitzten, kleinen Augen und deren scheeler Blick, welche auf Martha einen nicht gerade Vertrauen erweckenden Eindruck machten.
Frau Schwartzkopf war sichtlich bemüht, die neue Gesellschafterin freundlich zu empfangen.
„Seien Sie mir herzlich willkommen, Fräulein Klein! Ich bin glücklich, von nun an mich der Gesellschaft einer deutschen Dame erfreuen zu können, indem ich Ihnen gleichzeitig die Zusicherung gebe, daß ich auch Ihnen das Leben angenehm machen werde. Mein Mann ist fast stets von Hause abwesend und da ich mich nach nunmehr dreijähriger Ehe auch keiner Kinder erfreue, so werden Sie es sich selbst sagen können, wie sehr ich mich auf eine Freundin angewiesen sehe."
Die nun noch folgende kurze Unterredung bezog sich auf die Hausordnung.
Martha war ersrent, nur mußte sie aus allem ent« nehmen, daß das eheliche Leben des Herrn Schwartzkopf und seiner Frau kein sehr glückliches sein konnte, und diese Annahme sollte sich leider auch bald nur zu fest bestätigen.
Das Kammermädchen der Frau Schwartzkopf erhielt den Auftrag, Fräulein Klein auf das für die Gesellschafterin bestimmte Zimmer zu sühren und, hier angelangt, begann Grethe — so hieß die Vertrauensperson der Hausfrau — auch sogleich, ihre Herrin und deren Gemahl in der gewöhnlichen Manier der „Kaffeeschwestern" zu charakterisiren, wobei sie sich ganz besonders über Frau Schwartzkopf belustigen zu wollen schien.
wird, umsomehr, als die Zukunft ihren Wünschen zweifellos keine breitere Befriedigung gewähren wird, als wie sie gegenwärtig ihnen dargeboten wird. Weder von einem neuen Reichstag, noch von Vertragsverhandlungen ohne die starke Rückendeckung eines vom Reichstags genehmigten Zolltarifs können sie sich die Erfüllung von Forderungen versprechen, die über den Rahmen des vorliegenden Tarifentwurfs der Regierungen hinausreichen. Graf Bülow ist der nationalen Landwirthschaft soweit entgegengekommen, wie die Rücksichten auf die anderen Ecwerbsstände und auf das Ausland gestatten. Er hat in seinen Kundgebungen immer wieder bekundet, daß er den agrarischen Nöthen offenen Auges gsgenübsr- steht. Wenn er trotzdem an der Mittellinie festhält, so sind es gebieterische Erwägungen, die seinem Verhalten die Richtschnur geben.
Man darf aber gewiß überzeugt sein, daß der Bundesrath in nicht geringerm Maße wie die MehcheitSparteien des Reichtstages davon durchdrungen ist, daß alles aufgewendet werden muß, um die bisherigen Schwierigkeiten zu überwinden und die Vorlage glücklich in den Hafen zu steuern. Der alte Spruch, nach welchem, wo ein Wille ist, auch der Weg sich zeigt, wird hoffentlich sich auch in diesem Falle bewahrheiten. Noth thäte das uns allen, die wir unserer Wirthschaftspolitik eine fc^ und bessere Unterlage für ihre weitere Entwicklung gewähren möchten.
Politische Nachrichten.
Berlin, 29. Oktober.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt unterm 27. d.: Seine Königliche Hoheit Kronprinz Friedrich von Dänemark trifft heute als Gast unseres Kaiserpaares in Potsdam ein. Die Nachricht von diesem willkommenen Besuch des dänischen Thronfolgers wird als ein Zeichen vortrefflicher Beziehungen zwischen unserem Kaiserhause und der dänischen Königsfamilie um so mehr allseitig mit Genugthuung begrüßt werden, als es bekannt ist, daß Seine Majestät der Kaiser für König Christian Gesinnung aufrichtiger Verehrung hegt. Das Deutsche Reich, das seinem innersten Wesen nach auf der Achtung der Rechte aller darin vereinigten Staaten beruht, ist auch für die an seine Grenzen reichenden fremden Staaten ein sicherer und getreuer
„Ach bitte, unterlassen Sie bei mir dergleichen Mit- i theilungen," unterbrach sie Martha. „Sie haben ebensowenig ein Recht, über ihre Herrschaft in solcher Weise zu reden, wie ich daran Interesse finde, hinter den Rücken Anderer häßliche Geschichten von diesen zu hören."
Martha sprach solches mit Entrüstung ; sich selbst mußte sie aber doch sagen, daß hier nicht Alles in Ordnung wäre.
Beschämt über die erhaltene Zurechtweisung, schlich Grethe davon, und Martha hatte soeben ihre Toilette zum Diner gemacht, als es an die Thür klopfte; es war der Diener, welcher Fräulein Klein ersuchte, sich zum Miltagßlische zu begeben.
Martha schritt hinter ihm die Treppe hinunter und trat in den Speisesalon, wo ein Tisch mit drei Couverts gedeckt war. Unmittelbar darauf kam auch Frau Schwartzkopf herein; der Gemahl folgte ihr. Fräulein Klein wurde Herrn Schwartzkopf durch seine Frau vorgestellt und die Drei nahmen Platz.
Die nur hauptsächlich von Frau Schwartzkopf gefühlte Unterhaltung war förmlich und steif. Der Hausherr war sehr wortkarg, kühl gegen seine Gattin wie auch sehr gemessen der fremden Dame gegenüber. Nach und nach erst wurde er gesprächiger, hatte aber bald mehr Worte für die Gesellschafterin als für seine Frau, was Martha peinlich berührte.
„Was wollen wir am heutigen Nachmittage beginnen, lieber Mann?" sagte Frau Schwartzkopf bei Aufhebung der kleinen Tafel. Sie blickte ihn hierbei so ver-