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Rr. H. Smiilikii» -tl 15. gebruar 1902.
Erstes Blatt.
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Politischer Wochenbericht.
Die Ausführungen der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" hinsichtlich des Zolltarifs haben alsbald ihre Ergänzung und Bekräftigung gefunden durch eine Rede, welche der Reichskanzler Graf von Bülow beim Festmahle des deutschen LandwirthschaftSratheS hielt. Der Reichskanzler betonte in dieser Rede mit Nachdruck, daß die Zollsätze für landwirthschaftliche Erzeugnisse im Tarif-Entwurf das Höchstmaß dessen bezeichnen, was sich zur Zeit erreichen ließe, ohne einerseits die nothwendige Rücksicht auf die übrigen produktiven Stände zu verletzen und andererseits den Abschluß von Handelsverträgen zu gefährden. Es ist dringend zu wünschen, daß die Vertreter der Landwirthschaft dieser Erklärung die gebührende Beachtung schenken und sich entschließen, das Wünschenswerthe zu Gunsten des Erreichbaren zurücktreten zu lassen. Sie würden damit ohne Frage dem von ihnen vertretenen Erwerbszweige den besten und wirksamsten Dienst erweisen.
Zu einer vernichtenden Niederlage für die Sozial- demokratie und ihre Helfer aus der freisinnigen Volkspartei gestaltete sich die Debatte, die bei der Berathung des Marine-Etats über den durch Diebstahl in den Besitz des „Vorwärts" gelangten und von diesem veröffentlichten Erlaß des Staatssekretärs des Reichs- marineamtes stattfand. In ruhiger, sachlicher Weise legte Staatssekretär Tirpitz den absolut unverfänglichen Inhalt des Erlaffes dar und wies überzeugend nach, wie völlig unbegründet es fei, hier von einer versuchten Täuschung der Volksvertretung reden zu wollen. Die Redner sämmtlicher Parteien, mit Ausnahme der Sozial- demokratie und freisinnigen Volksparlei, traten dem Staatssekretär bei. Zugleich wurde von fast allen Rednern die schändliche Hehlerarbeit der Sozialdemo- kratie aufs treffendste und derbste gebrandmarkt. Bei dem sittlichen Tiefstande, der das Treiben der Sozial- demokratie kennzeichnet, ist freilich nicht anzunehmen, daß diese Züchtigung auf die „Umsturzleute" einen bessernden Einfluß ausüben wird, um so höher aber ist sicherlich die heilsame Wirkung in allen nichtsozialdemokratischen Kreisen zu veranschlagen.
Unter den auswärtigen Ereignissen dürste die Nachricht von einem Vertrage zwischen England und Japan an erster Stelle zu vermerken sein. Der Vertrag ist nach der offiziellen Interpretation der englischen Regierung als das Ergebniß der Ereignisse der letzten zwei Jahre im fernen Osten anzusehen. Aus dem häufigen Meinungs - Austausche zwischen den beiden Regierungen und aus der Entdeckung, daß ihre Interessen im fernen Osten identisch seien, habe sich auf beiden Seiten der Wunsch ergeben, daß die gemeinsame Politik
? Ausdruck in einem Vertrage von bindender Kraft finden möge. Für den Fall, daß einer der Vertragschließenden in einen Krieg mit einer andern Macht verwickelt wird, ist strenge Neutra- lrtät des andern Vertragschließenden vorgesehen. Sollte sich aber eine zweite Macht den Feindseligkeiten gegen den Verbündeten anschließen, so ist die andere Partei
verpflichtet, ihm zur Hilfe zu eilen. Ein Theil der englischen Presse bemüht sich, den Vertrag möglichst jeder direkten Spitze zu entkleiden. So sagt die „Times": „Dies ist eine Politik, welche niemand bedroht und welche in der That Grundsätze verkörpert, zu welchem alle Großmächte sich feierlich verpflichtet haben. Das deutschenglische Abkommen beruht, obgleich es von beschränkterem Wirkungsbereich ist, auf denselben Grundprinzipien."
In Südafrika ist Dewet den Engländern abermals entkommen. Ein großes Kesseltreiben wurde gegen ihn veranstaltet, und nicht weniger als 23 britische Kolonnen waren dazu aufgeboten worden. Alles aber vergeblich. Der überlegenen Taktik des genialen Burenführers ist die englische Kriegskunst nicht gewachsen. So schreitet denn das blutige Bölkermorden fort, und ein Ende ist heute so wenig wie vordem abzusehen.
Recht betrübende Vorgänge spielen sich gegenwärtig auch in Belgien ab. Hier hat die Frage der Einführung des allgemeinen Stimmrechtes den Sozialisten Anlaß zu bedrohlichen Putschen gegeben, und einer der sozialistischen Führer wagte es, öffentlich die Revolution anzukündigen. Für alle Regierungen liegt hierin die Mahnung, gegenüber der anschwellenden sozialdemokratischen Gefahr die Zügel der staatlichen Macht fest in Händen zu halten und sich insbesondere in einem starken Heere die wirksamste und unbedingt zuverlässige Stütze der Ordnung zu sichern.
Politische Nachrichten.
Berlin, 13. Februar.
Se. Majestät der K a i s e r besuchte gestern Nachmittag den Prinzen Georg von Preußen anläßlich dessen Geburtstages und nahm Abends an einem Kapitel des Weißen Hirschen und darauffolgendem Diner im Palais des Fürsten Pleß Theil. — Heute Vormittag promenirte Se. Majestät im Thiergarten, besuchte den Reichskanzler und hörte im Königlichen Schloß die Vorträge des Chefs des Militärkabinets, des Chefs des Generalstabes der Armee, des Kriegsministers und des Chefs des Ingenieur- wesens. Um 12 Uhr empfing Se. Majestät den Bildhauer Boese, welcher ein Modell zu der für den Weißen Saal bestimmten Statue König Friedrichs I. vorstellte. Um 4 Uhr gedachte Se. Majestät den Thee bei Graf und Gräfin Göitz zu nehmen.
Se. Majestät der Kaiser hat an Se. Königliche Hoheit den Prinz-Regenten von Bayern nachstehendes Dankschreiben gerichtet:
Durchlauchtigster Fürst, freundlich lieber Vetter und Bruder!
Euere Königliche Hoheit haben Mich durch die überaus herzlichen Glückwünsche, welche Dieselben zugleich im Namen der Königlich bayerischen Armee aus Anlaß des Tages an Mich richteten an dem Ich vor 25 Jahren jum Dienst in die Armee eintrat, von ganzem Herzen erfreut. Mein eifriges Streben, die Armee auf der Höhe ihrer Aufgabe zu erhalten, findet durch die Worte Euerer Königlichen Hoheit eine Mich wahrhaft beglückende Anerkennung. Ich bin Mir aber wohl bewußt, welche wirksame Unterstützung und Förderung Ich hierbei jeder Zeit durch die hingebende, verständnißinnige Mitarbeit der deutschen Fürsten gesunden habe. Es ist Mir daher ein aufrichtig empfundene» Bedürfniß, Euerer Königlichen Hoheit dies mit Meinem vom Herzen kommenden Dank für den neuen Beweis aufrichtiger Freundschaft und treuer Waffenbrüderschaft zum Ausdruck zu bringen. Das treue Zusammenstehen der deutschen Fürsten und das auf ruhmreichen Schlachtfeldern gemeinsam vergossene Blut hat unseres theueren Vaterlandes Einigkeit begründet, und hierin darf Ich auch in Zukunft die festeste Bürgschaft für seinen Glanz und seine Sicherheit erblicken. Ich verbleibe mit der Versicherung der vorzüglichen Hoch- achtung und freundschaftlichen Gesinnung Euerer Königlichen Hoheit freundwilliger Vetter und Bruder
Wilhelm, I. R.
Potsdam, Stadtschloß, 9. Februar 1902.
Der „Weser-Zeitung" zufolge, wird Se. Königliche
Hoheit Prinz Heinrich am Sonnabend, den 15. Februar, gegen 1 Uhr Mittags, von Kiel kommend, in Bremen eintreffen und nach der Ankunft des Gefolges aus Berlin gegen 2 Uhr Nachmittags mittels Sonder- zuges nach Bremerhaven weiterfahren. Dort begiebt sich Prinz Heinrich sofort an Bord des Schnelldampfers «Kronprinz Wilhelm", der gegen 4 Uhr die Rede verläßt.
S. M. Yacht „H o h e n z o l l e r n" ist Mittwoch Nachmittag 21/, Uhr im Hobokener Dock eingetroffen. Ungünstiges Wetter hat das Schiff gehindert, Bermuda anzulaufen. Auch in den südlichen Gewässern war stellenweise schweres Wetter zu bestehen, im Allgemeinen war die Ueberfahrt aber glatt. Die Docks und die Schiffe des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika Linie hatten Flaggenparade angelegt. Die Schiffskapellen begrüßten die „Hohenzollern". Die übrigen im Hafen liegenden Schiffe salutirten. Der Kommandant der Yacht, Graf Baudissin, wurde von einem Ausschuß der Bürgerschaft, einem Vertreter des Mayors und einem Marineoffizier begrüßt. Graf Baudissin sprach seinen Dank für den herzlichen Empfang aus.
Eine Uebersicht über die Zahl der vorhandenen Kriegsinvaliden, unterschieden nach Dienstgrad und Lebensalter, sowie nach dem Grade der Invalidität bei Unteroffizieren und Gemeinen, ist im Reichstage erschienen. Nach einer Zusammenstellung der „Neuest. Nachr." beträgt die Zahl der vorhandenen kriegsinvaliden Offiziere in Preußen aus dem Kriege 1870/71 1534 (durchschnittliches Lebensalter 60 Jahre), aus den Kriegen vor 1870 271 (durchschnittliches Lebensalter 65 Jahre), aus der vormals schleswig-holsteinischen Armee 1881 (durchschnittliches Lebensalter 62 Jahre). Die Zahl der kriegsinvaliden Unteroffiziere und Gemeinen belauft sich in Preußen aus dem Kriege 1870/71 auf 30338 (durchschnittliches Lebensalter 56 Jahre), aus den Kriegen wor 1870 7011 (durchschnittliches Lebensalter 59 Jahre), aus der vormals schleswig-holsteinischen Armee 476 (durchschnittliches Lebensalter 75 Jahre). Demnach belauft sich die Zahl der kriegsinvaliden Offiziere in Preußen auf insgesammt 1881, der Unteroffiziere und Mannschaften auf 37 825. Bei Ersteren beträgt das durchschnittliche Lebensalter 62 Jahre, bei Letzteren 57 Jahre. Für das ganze Deutsche Heer stellen sich die Zahlen wie folgt dar: 2552 Offiziere (Durchschnittsalter 61 Jahre), 46 448 Unteroffiziere und Gemeine (Durchschnittsalter 57 Jahre). Die Kaiserliche Marine weist an kriegsinvaliden Offizieren und Deckoffizieren 4 auf (1 Korvettenkapitän, 1 Leutnant, 2 Deckoffiziere) bei einem Durchschnittsalter von 64 Jahren aus dem Kriege von 1870/71, an Unteroffizieren und Gemeinen 17 (Durchschnittsalter 59 aus dem Kriege von 1870/71 und aus dem Kriege von 1864.
Die Budgetkommission des Re i ch S ta ge s bewilligte in einem besonderen Titel P/2 Million für die Befestigung des Oberrheins. Es handelt sich um die Be festigung des Jdsteiner Klotzes. Es soll dadurch ein- Vorstoß der französischen Armee aus den Vogesenpässen unmöglich gemacht werden: es wird der Schutz des Ober- rheins herbeigeführt dadurch, daß die Flußübergänge durch die Batterien der badischen Höhe unter Feuer genommen werden können. Abgeordneter Bassermann (natl.) wies auf die starke Beunruhigung des badischen Oberlandes hin. Heute liegt das badische Oberland schutzlos französischen Vorstößen preiSgegeben. Seit 30 Jahren hat die Bevölkerung auf fortifikatorischen Schutz gewartet; die jetzt eintretende Erfüllung wird mit Freuden begrüßt werden. Die Annahme erfolgte gegen die sozialdemokratischen Stimmen.
Im Monat Dezember sind auf deutschen Eisenbahnen — ausschließlich der bayerischen — 8 Entgleisungen auf freier Bahn (davon 5 bei Personen- zügen), 20 Entgleisungen in Stationen (davon 4 bei Personenzügen), 4 Zusammenstöße auf freier Bahn (davon 2 bei Personenzügen), 24 Zusammenstöße in Stationen (davon 7 bei Personenzügen) vorgekommen. Dabei wurden 11 Reisende und ein Bahnbediensteter