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SWWkilS Stil 4. Zaum

1902

Zweites Blatt

Sein Ideal.

Weihnachts-Novelle von L. Kaiser.

(Fortsetzung.)

Das kann eine hübsche Weihnachtsfeier werdenI" dachte Liessen, als er mit den andern Reisenden, die der Zug allerdings nur spärlich enthalten hatte, auf dem kleinen, schwachbeleuchteten Bahnhofsperron im wirbeln­den Schneesturm stand.Das kommt davon, wenn man sentimental wird und sich auf solche zwecklose Winter­reifen begiebt !"

Das Dorf war, wie er hörte, noch eine halbe Stunde vom Bahnhof entfernt, an ein Fuhrwerk dahin nicht zu denken! Er war der einzige Reisende zweiter Klasse des kleinen Lokalzuges gewesen, die andern hatten theils das Dorf als Ziel, theils hatten sie sich dahin aufgemacht, um im Dorfwirthshaus Unterkunft zu finden. Das Wirthshaus war aber nur höchst primitiv und garnicht auf Logiergäste eingerichtet, wie der Stationsvorsteher Steffen mittheilte, den er nach einer paffenden Unter­kunft fragte.Da thäte der Herr doch besser," hier die Nacht im Wartezimmer, das einen kleinen eisernen Ofen hat, zuzubringen!" meinte er. Er würde nochmals ein­heizen lassen, und für Beköstigung würde seine Frau schon sorge». Er würde den Herrn ja bitten, in seine Wohnung hinaufzukommen, aber sie hätten nur ein ein­ziges Zimmer, das heute abend für die Weihnachtsbe- fcherung der Kinder gebraucht werde.

Eben als Lieffen den freundlichen Mann darüber be­ruhigte, daß er durch ihn in feinen Familienfreuden nicht gestört werden solle, und noch zwischen dem Dorf­wirthshaus, das allerdings erst durch einen halbstündigen Marsch im Schneesturm zu erreichen war und dem un­gemütlichen Wartezimmer mit den harten, steiflehnigen Rohrstühlen schwankte, trat ein älterer, stattlicher Herr im verschneiten Pelzmantel an die Gruppe heran. Er stellte sich als Gutsbesitzer Halldorf aus Wolfshagen vor und forderte Lieffen liebenswürdig auf, mit ihm zu kommen und in seinem Hause, wo er doch wenigstens ein gemütliches Nachtlager finde, das Freiwerden des Geleises abzuwarten, das vor vierundzwanzig Stunden keinesfalls erfolgen werde.

Die Einladung wurde mit solch gewinnender Liebens­würdigkeit gestellt, anderseits war ein Nachtaufenthalt in dumpfiger Wirthsstube mit einem Dutzend Mitreisender oder in dem kalten, kleinen Wartezimmer des Stations­gebäudes so wenig verlockend, daß Lieffen ohne langes Besinnen die menschenfreundliche Einladung dankbar an- nahm.

Mein Wagen wartet hinter dem Stationsgebäude, Herr Assessor!" sagte Herr Halldorf.Bitte steigen Sie einstweilen auf und machen Sie es sich in dem großen Fußsack bequem! Ich werde gleich nachkommen, muß nur noch die Packete mitnehmen, die mit Ihrem Zuge gekommen sind, und die mich veranlaßten, heute abend noch selbst herzufahrenI"

Lieffen holte seinen kleinen Handkoffer und installierte sich mit seinen Siebensachen auf dem Wagen, vor dem der Kutscher die Pferde, denen das Stehen im Schnee­sturm nicht behagte, nur noch mit Mühe zügelte. Gleich darauf kam auch Herr Halldorf mit zwei Packeten auf dem Arm heran.

Auf eine schnelle Güterbeförderung kann man in der Weihnachtszeit nicht rechnen, da thäte man besser, früher zu bestellen," sagte er in Bezug aus die verspäteten Packete, während er ausstieg und sich in seine Reisedecke wickelte. , Aber es freut mich nun doch, daß ich auf diese Art Gelegenheit hatte, uns einen Gast für das Weihnachtsfest mitzubringen!" setzte er liebenswürdig hinzu.

Lieffens Bedenken, ob auch Herrn HalldorsS Gemahlin dieser Gast bei einem Familienfest willkommen sein würde,

wußte er auf freundliche Weise zu zerstreuen. Aber ein eigen Ding war es doch, so als gänzlich Fremder einer Familie an solchem Abend thatsächlich ins Haus zu .schneien', dachte der Assessor etwas unbehaglich. Unter­wegs stellte sich dann heraus, daß Herr Halldorf Lieffens Vater ganz gut gekannt hatte. Wenn auch die beiden Güter einander zu entfernt lagen, um einen nachbar­lichen Verkehr zu ermöglichen, so hatten sie einander doch öfter bei landwirthschaftlichen Versammlungen und dergleichen getroffen und hatten außerdem einmal ein paar Wochen in G. zusammen verlebt, wohin sie beide als Geschworene berufen waren. Das gab Lieffen nun wenigstens das Gefühl einer Beziehung zu dem liebens­würdigen Manne, der sich seiner so menschenfreundlich angenommen hatte.

Nach halbstündiger Fahrt trafen sie vor dem Portal eines stattlichen Landhauses ein, das in Ziegelrohbau aufgeführt und theilweise mit jetzt beschneitem Epheu berankt war, was einen hübschen Anblick gewährte. Im Hause schlug ein Hund an, die Hauthür wurde geöffnet, und ein sauberes Hausmädchen im weißen Hamburger Mützchen kam die Freitreppe herab an den Wagen, um Reisedecken, Fußsak und Packete in Empfang zu nehmen.

Die beiden Herren betraten nun einen geräumigen Vorraum, der durch eine Ampel erhellt wurde und mit Hirschgeweihen und Rehkronen geschmückt war; an den Wänden standen schöngeschnitzte Truhen, die dazu be­stimmt waren, Reisedecken, Fußsäcke und dergleichen zu bewahren.

Ich muß Sie bitten, fürs erste nur mit mir vorlieb zu nehmen!" sagte der Hausherr.Meine Frau und Tochter haben noch alle Hände voll für heute Abend zu thun, und mein Sohn ist noch auf einen kurzen Besuch zu Nachbarn gefahren.

Line", wandte er sich darauf an das Hausmädchen, sag' Mamsell, sie solle das blaue Fremdenzimmer heizen und Herrichten lassen und vor allem uns etwas- und Trinkbares in meine Stube schicken!"

Das Zimmer des Hausherrn, in dem Liessen sich ein paar Augenblicke später allein befand, während der Hausherr ihn verlassen hatte, um vermuthlich seine Frau von dem unerwarteten Besuch zu unterrichten, war ein hübscher Raum und wirkte nach dem Schneesturm draußen besonders behaglich. Eine große Lampe aus Hirsch­geweihen hing über dem runden Sofatisch, um den be­queme Lehnstühle gruppiert waren, und im großen alt­deutschen Kachelofen knisterte traulich das Holzfeuer und warf einen warmen Schein auf den blankgebohnten Fuß­boden. Hirschgeweihe und Rehgehörne an den Wänden, sowie Fuchsfelle, Rehdecken und Schwarten des Wild­schweines, die überall den Fußboden deckten, sprachen ebenso wie der große Gewehrschrank von der Jagdpassion des Hausherrn.

Lieffens Blicke hafteten gearde auf dem eichenen Schreibtisch, auf dem verschiedene Photographien standen, die sicherlich Herrn Halldorfs Frau und Kinder vor- stellten, die er aber von seinem Sitze aus nicht erkennen konnte, als plötzlich die Thür aufgerissen wurde und zwei kleine blonde Mädchen, von neun und elf Jahren etwa, hereinstürmten.Du, Papa, ist's war" riefen beide gleichzeitig, doch als sie den fremden Herrn sahen, stutzten sie, machten kehrt und liefen noch schneller wieder hinaus.Ilse, Ilse!" hörte er sie dann draußen auf dem Flur rufen.

Ein hübscher Name: Ilse!" dachte er. Bald da­rauf trat der Hausherr wieder ein und versicherte Liessen, wie sehr seine Frau sich freue, ihn nachher begrüßen zu können. Wenn er hier als lästiger Störenfried em- pfunden wurde, so zeigte man ihm dies in keiner Weise. Hinter dem Hausherrn war das Hausmädchen hereinge­kommen mit einem großen Servierbrett voll allerlei guter Dinge. Nun deckte sie ein weißes Tuch über den runden Sofatisch und servierte rasch und zierlich den Imbiß. Eine kleine brennende Spiritusmaschine mit summendem Theekessel daraus trug sehr zur Gemütlichkeit bei, und als erst der Hausherr einen guten Grogk gemischt hatte, fühlten sie sich nach der kalten Fahrt angenehm durch­

wärmt. Dann steckten sie sich ihre Cigarren an und plauderten behaglich.

Währenddessen sann Liessen darüber nach, wem das sympathische Gesicht Halldorfs ähnlich sähe. Er kannte zwar so viele Menschen, aber ihm war doch als hätte er es erst kürzlich gesehen, und auch die Augen, besonders wenn Halldorf lächelte, kamen ihm vertraut vor. Er grübelte noch darüber nach, als das Rollen eines Wagens die Rückkehr des Sohnes verkündigte und Herr Halldorf aufsprang, nun noch mit seiner Frau die letzte Hand an den Ausbau im Weihnachtszimmer zu legen, denn die Ungeduld der Kinder wäre sicher nur noch schwer zu zügeln, meinte er.

Liessen machte sich Vorwürfe, den Hausherrn durch seine Gegenwart von seinen Vaterpflichten zurückgehalten zu haben, was derselbe mit der Versicherung abwehrte, daß die verlorene Zeit wieder eingeholt würde, wenn Liessen ihm nachher beim Anzünden der Christbaumlichter helfen wolle.

So kam es denn, daß Liessen eine halbe Stunde später in dem großen Saal stand, in dem die Weihnachts­bescherung stattfinden sollte, und mit einem an langem Stab befestigten Lichtchen die Weihnachttzkerzen des Tannenbaumes auf Wolfshagen anzündete.

Es war ein prachtvoller, edelgewachsener Baum, der von der Erde fast bis zur Decke des Zimmers reichte, und nicht überladen, sondern geschmackvoll aufgeputzt war mit allerlei süßen und glänzenden Herrlichkeiten. Eine weißgedeckte Tafel, die die Geschenke für das weib­liche Gesinde trug, zog sich an der einen LängSwand des großen Raumes hin. Männliches Gesinde hatte Halldorf nicht im Hause, die Knechte waren sämmtlich ver­heiratete Leute, ebenso der Vogt, Rademacher, Kutscher und Gärtner, die im sogenanntenDorf" wohnten, das aus dem Gut zugehörigen Wohnungen bestand. Die Tische für den Inspektor und die Mamsel bildeten den Uebergang zu den Tischen für die Familienmitglieder, die die andere LängSwand des Saale» einnahmen.

Liessen fand Zeit zu bemerken, wie geschmackvoll und sinnreich alle Geschenke aufgebaut waren. 'Ueber einen der Tische hing, an der Wand drapiert, ein zartes, rosiges Gewebe, ein Ballkleid offenbar, wie daran be­festigte Sträuschen von halberblühten Moosrosenknospen und ein daran lehnender, aufgespannter weißer Spitzen- fächer zeigte.

Halldorf legte noch ein schmales, goldenes Armband neben den Fächer und sagte, auf das Kleid deutend, mit Lächeln zu Lieffen:Ihr Erstes! Sie wird Augen machen, unsere Ilse!"

Ein schöner Name und ein schönes Kleid!" dachte Lieffen.Ob die Besitzerin solch schöner Ding denselben wohl ein wenig ähnlich sieht?"

Endlich erstrahlte der Baum, der inmitten des Saales stand, in voller, blendender Pracht. Die Gold- und Silberfäden, die ihn zart umspannen, zitterten und funkelten in dem auf sie fallenden Lichtscheins, und der kleine Wachsengel, der hoch oben an der Spitze des Baumes schwebte, schien Leben zu bekommen.

(Fortsetzung folgt.)

P e r w i s ch t e s.

Eine tragikomische Szene spielte sich, demBromb. Tagebl." zufolge, am 26. Dezember bei einem Zahntechniker in B riefen ab. Ein junger Mann, welchem ein Zahn gezogen wurde, fiel darüber in Ohnmacht. Ein dabei sitzendes Mädchen, welches dieselbe Operation an sich vollziehen lassen wollte, schrie entsetzt:Nein, sterben will ich nicht!" und lief sporn­streichs davon. Der ihr nacheilende Zahntechniker, welcher ihr gütlich zureden wollte, erreichte damit nur, daß das MädchenHülfe, Hülfe!" schrie und sich noch eiliger aus dem Staube machte.

(Aus demLeben.) Gattin (zankend):Gegen ein Dienstmädchen bist du viel nachsichtiger als gegen mich!" Gatte:Man bekommt heutzutage auch leichter eine Frau als ein Dienstmädchen!"