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Sr. 148.SümbM b 14. Iezemter 1901.
Drittes Statt
Hochflut.
Erzählung von A. von Lieliencron.
(Fortsetzung.)
Rot gefärbte Weinranken mischten sich in die grüne Epheuwand, die das alte Waldhaus mit den Hirschgeweihen umschloß, und nickten lustig in das offene Fenster hinein, in das eine klare Oktobersonne strahlte.
Auf dem Fensterbrett saß Hilde, einen Stoß Noten auf ihrem Schoß. Sie war nach jener Katastrophe bald nach Hause zurückgekehrt und hatte stch Hals über Kops in die Arbeit gestürzt. Mit Willibald war sie wenig zusammen gekommen. Die Erntezeit nahm ihn in An- sprach: und wenn er einmal einschaute, dann wußten die beiden sich weniger denn je miteinander zurecht zu finden und blieben einsilbig. Der alte warme Herzenston im Verkehr stellte sich nicht wieder ein. Hilde sollte dem Vater heute abend eines ihrer Lieder singen, sie hatte seit Wochen keine Note angerührt und blätterte zerstreut in ihren Schätzen. Da fielen ihr die Eulen- burgschen Lieder in die Hände, und wie sie das Buch ausschlug, das seit ihrer Berliner Reise ungeöffnet ge- legen hatte, sah sieh den Anfang des einen Liedes unterstrichen. An den Rand waren neben dem Text — „Mein Edelreis, mein' Waldesros'" — ein paar Worte mit Bleistift geschrieben. Ganz fein, aber leserlich stand da: „Das bist du!"
Vor Hildes innerm Auge tauchte jener Abend des vergangenen Winters auf, wo der Jugendgefährte so schmerzlich ihr Fortgehen empfand und sie gebeten hatte, noch einmal jenes Lied zu fingen.:
Sie entsann sich, daß er sehr bewegt gewesen war, und sie gesehen hatte, daß er nachher etwas in ihre Noten geschrieben. Doch die Erwartungen, die sie damals an die Berliner Reise knüpfte, und der Gedanke an den Siegfriedsheld, der ihr dort winkte, nahm sie an jenem Tage so völlig in Anspruch, daß sie nicht weiter daraus achtete.
Die HochflutStage, in denen die Waffer so viel nieder- geriffen, hatten ihr auch den Jugendfreund in einem andern Lichte gezeigt, und seitdem war ihr Auge für seine schlichte Größe geöffnet worden.
Die qualvollen Stunden, da sie für ihn die Leuchte in der sternenlosen Nacht hielt, halten ihr verraten, wie teuer er ihrem Herzen war, das sich geblendet in einen Traum verirrt hatte.
An all das dachte sie, während ihre Augen an den Anfangsbuchstaben des Liedes hingen.
„Mein Edelreiß, mein' Waldesros', das bist du, du nur allein!" klang es da hinter ihr, als hätten plötzlich die gedruckten Worte Leben bekommen.
Erschreckt fuhr sie auf, Willibald stand an ihrer Seite.
„Zürnst du mir, daß ich nicht mehr verschließe» konnte, was mir die ganze Seele erfüllt?" fragte er und beugte sich zu ihr.
Sie schüttelte den Kopf. Ihre Wangen glühten. Eine Antwort fand sie nicht.
Da nahm er ihre Hand und hielt sie sanft um- schlossen. „Kleine Hilde!" sprach er innig, doch mit verhaltenem Ungestüm. „Kein Wort von dem, was un- detrrt in meiner Brust lebt, habe ich in diesen Monaten iu dir gesprochen, weil ich dein wunde» Gemüt schonen sollte! Aber e» muß doch einmal heraus! Du mein Ein und Alles, kannst du dich mit dem bescheidenen Lose, das ich dir nur zu bieten vermag, begnügen? Willst du U"in werden, Hilde, die Sonne meines Hauses? Wie
dich liebe, brauche ich dir nicht zu sagen! Du weißt
Das junge Mädchen hatte den Kopf an die Fenster-
brüstnng gelehnt, rotes Weinlaub umspielte ihr blondes Haar. Sie sah unendlich lieblich aus und glühte wie eine Purpurrose, als sie mit gesenkten Augen dastand: „Du warst immer derselbe, Willibald aber mein Herz hatte sich einst ein anderes Ideal geschaffen, du weißt..."
„Kind unterbrach er sie lächelnd, „kenne ich denn nicht jeden Gedanken deiner Seele, jede Regung deiner Brust I Nichts brauchst du mir zu gestehen! Nur das eine sollst du mir sagen — hast du mich lieb — willst du mein sein?"
Da schlug sie die blauen Augen zu ihm auf, und nun hätte er keiner Antwort mehr bedurft, er las sie aus ihrem Blick, und doch sagten ihm ihre Lippen noch mehr, wie er sie sprechen hörte: „Ich habe dich lieb — tief und innig, und glaube, in deiner Liebe könnte ich ruhen, wie in einem sichern Hafen!"
Ausjubelnd wollte er sie an sich ziehen, aber sie mehrte ihm sanft. „Du solltest es wissen, daß du deine thörichte Hilde ganz bezwungen und gewonnen hast! Doch ich bin verständiger geworden und weiß, was das Leben fordert. Dein Arbeiten und Ringen habe ich erst jetzt begreifen lernen und weiß nun, wie recht die Eltern haben, wenn sie meinten, du könntest und dürftest kein mittelloses Mädchen heirathen!"
„Genügt dir nicht ein einfaches Leben, wen» treue Liebe alle Arbeit mit dir theilt und bereit ist, das Schwerste für sich zu nehmen!" schob er ungestüm dazwischen.
„Ja, so wär's !" nickte sie. „Du würdest dich quälen bis auf das äußerste, um mir die Steine aus dem Wege zu räumen! Wie könnte ich das aber zugeben, wenn ich dich doch so lieb habe!" meinte sie mit ihrem bestrickenden Lächeln, während ihre Augen feucht schimmerten. „Nach Glanz und Reichtum sehne ich mich nicht! Das Glück hängt nicht daran, das baut sich auch im schlichtesten Neste auf, und Arbeit ist nur Freude! Doch in so schwerer Zeit, wie sie jetzt für den Landwirth ist, gehört mehr dazu, um den angestammten Besitz zu erhalten, als ein paar schaffende Hände!"
„So gebe ich das Gut hin, um den Preis deines Besitzes! Ich werde Pächter — Inspektor oder diene weiter! Alles wird mich beglücken, sobald ich dich zur Seite habe!"
„Willibald!" Es war ein Ruf freudigen Schreckens der Hilden entfuhr. „Das wolltest du ? — Dein ererbtes Gut, dein geliebtes Sternfelde, das dir so teuer ifi, mit dem du so verwachsen bist!"
„Ich lasse es fahren, wenn ich dich haben kann!" unterbrach er sie zwischen Lachen und Weinen. „Kannst du denn überhaupt darnach noch fragen?"
„So lieb hast du mich — so lieb?" wiederholte sie mit strahlenden Augen. „Sieh nur, jetzt muß ich mir wieder Gemalt anthun, daß ich nicht ebenso thöricht werde, wie du! Es könnte sonst am Ende mich übet» wältigen, und ich würde dir dann glückselig sagen, — nimm mich nur hin, so wie ich geh und steh, ich will dein eigen sein in Lieb und Leid, in Freude und Arbeit ! Aber die Eltern würden eü nimmer zugeben, und es kann auch nicht sein! Du darfst nicht im Jubelrausch alles über Bord werfen! Denn wenn du es nachher bereutest, das ertrüge ich nicht. Wir sind jung und können warten! Du mußt es dir noch viele, viele Jahre überlegen, was du behalten willst — das Gut oder die Hilde!"
Ueber ihre Züge huschte die alte Schelmerei, und heiter lachte auch er: „Als ob das je in Frage kommen könnte I"
Da schob sich ein Korb in das Fenster, und zugleich erschien der Blondkopf der Schwester. „Fasse zu, Hilde!" kommandierte sie. „Es wird Frost geben! Ich habe den Wein abgenommen, du kannst mir helfen, die Trauben aufzuhängen!"--
Am Abend, als die Geschwister zu Bett waren, erschien Hilde im Arbeitszimmer des Vaters. Die Mutter, die sich zu ihm gesetzt hatte, war bei ihrem Stopfkorbe eingenickt, er selbst aber hob den Kopf von seinen Rechenbüchern und nickte seinem Töchterchen freundlich zu.
„Darf ich dich ein Viertelstündchen stören?" fragte sie mit einer gewissen Zurückhaltung.
Statt aller Antwort zog er einen niedrigen Schemel — Hildes Platz aus ihrer Kinderzeit — an seine Seite.
„Du störst mich nie! Rück' nur heraus mit der Sprache! — Was liegt dir auf dem Herzen?"
Ohne alle Umschweife, wie es ihre Art war, ging Hilde zur Sache über. „Es ist nun doch gekommen, wie Ihr es vor Jahren schon dachtet, Vater! Willibald und ich, wir sind uns gut I"
Sie hatte die Hände um die Kniee gefaltet und wartete, ohne aufzublicken, die Entgegnung ab.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
— Von einer alten Unsitte wird aus Göt - tingen berichtet: Vier Wochen vor Weihn achtenertönt allabendlich das „Catharinenläuten". Nach alter Sitte oder vielmehr Unsitte bildet das erste Glockenzeichen das Signal zu einer Art Volksjustiz, indem sich große Menschenmengen in den Straßen sammeln und in den Ruf einstimmen: „Hie hebbet.se 'nen, hie schrubbet se 'nen!" Auf die Frage: „Wen denn?" wird dann der Name einer Person, die sich durch irgend eine Rede oder Handlung in der letzten Zeit mißliebig gemacht hat, aus- gerusen. Dies Schreien wiederholt sich allabendlich, geht auch wohl zu Thätlichkeiten über, so daß die Polizei ihre Last hat, Ordnung zu schaffen. In diesem Jahre war der Senator Wentzler das Opfer des „Schrubbens", und der Senat wie die Stadtverordneten haben eine öffentliche Erklärung erlassen, in der sie ihrer Entrüstung über diese That Ausdruck geben.
— Am Abend des 10 Dezember wurde zuLeipzig in dem Grundstück Kleine Fleischergasse 11 die 43 Jahre alte ledige Emilie Bertha Lory, die dort ein Trödelgeschäft betrieb und allein dort anwesend war, mit schweren Kopfwunden hinter dem Ladentisch in einer Blutlache liegend bewußtlos aufgefunden. Alsbald in das Krankenhaus geschafft, ist sie kurz darauf, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, verstorben. Die Kopfwunden, die eine Zertrümmerung der Schädeldecks zur Folge gehabt haben, rühren anscheinend von einem schweren stumpfen Instrument her. Der oder die Thäter hat es zweifellos auf eine Beraubung der Lory abgesehen gehabt, denn es fehlen, so weit sich bis jetzt feststellen läßt, von den Waarenbeständen eine goldene Anker» Savonnetteuhr, 15 bis 20 silberne Remontoiruhren, zum Theil mit Goldrand, und ein Geldbetrag, dessen Höhe. nicht näher angegeben werden kann. In dringenden Verdacht kommen zwei Unbekannte, die zwischen */, und 3/48 Uhr Abends im Loryschen Geschäft gesehen worden sind und sich Uhren und Schuhwerk von der Lory zum Kauf haben vorlegen lassen. Auf die Ermittlung des oder der Thäter ist eine Belohnung von 300 Mk. ausgesetzt.
— Hamburg, 9. Dezbr. Der Buchhändler Liebe» nau-Glückstandt erschoß sich bei Ankunft der Kieler Zuges auf dem Altonaer Hauptbahnhofe.
— Ein heftiges Ä o l d f i e b e r grassirt gegenwärtig in F i n l a n d. Vor einiger Zeit fand ein Finländer Namens Kerkell im Norden des Uleaborger Gouvernements Spuren von Alluvialgold, und auf Grund dieser etwas räthselhasten Entdeckung — Kerkell ist kein Fachmann — constituirte sich sofort in Helsingfor» eine Aktiengesellschaft, deren Aktien von 100 Mark nominal inzwischen aus 15 000 Mark gestiegen sind! Somit nicht genug, zeigt sich, wiederum auf die Kerkell'sche Entdeckung hin, seit einigen Wochen eine wahre Völkerwanderung nach dem Uleaborger Norden, ohne daß die Goldsucher auch nur eine Ahnung davon hätten, in welchen Gegenden sich da» vermeintliche Edelmetall befände. Die finische Regierung gedenkt demnächst eine öffentliche Warnung zu erlassen, was um so zeitgemäßer wäre, als dieses Goldfieber auch schon die Landbevölkerung des Petersburger Gouvernements wanderlustig zu machen beginnt.