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Amtlicher Theil.
Hersfeld, den 16. Oktober 1901.
Diejenigen Herren Ortsvorstände, welche meine Verfügung Dom 7. Juni b. Js. I. 3166, Kreisblatt Nr. 68, Rücksendung des ausgefüllten Erhebungsblattes über im Laufe dieses Sommers vorgekommene Hagelwetter und Wasserschäden betreffend, bis heute nicht erledigt haben, werden mit Frist b i s zum 20. d. M t s. hieran erinnert.
I- 3166. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.
Hersfeld, den 11. Oktober 1901.
Nach Mittheilung der Königlichen Staatsanwaltschaft zu Cassel sind die Herren Ortsvorstände zu
Allendorf, Eichhof, Eitra, Heddersdorf, Heringen, Hilmes, KathuS, Kleinensee, LengerS, Meckbach, Mecklar, Meisebach, Oberrode, Röhrigshöse, Roß- bach, Sorga, Widdershausen und Wilhelmshof mit Einsendung der Anzeige über das Ableben bestrafter Personen für das I. Kalenderhalbjahr 1901 im Rück- ftanbe, und werden dieselben deshalb hierdurch an die
Herzenskiimpfe.
Roman von Hedba von Schmid.
(Fortsetzung.)
Die elegante Standuhr auf der geschnitzten Wandkonsole verkündete die achte Abendstunde.
Walter speiste heute bei Bekannten, im besten Fall wurde er um zehn Uhr heimkehren.
Thea umschritt in weitem Bogen den Sessel, auf welchem Walters schöne Freundin augenscheinlich auf den Säumigen gewartet, und setzte sich in die dunkelste Ecke des Gemachs.
Die Minuten verrannen der Harrenden mit bleierner Langsamkeit.
Endlich schlug die Uhr neun. Die beiden Schreiber nebenan klappten die Bücher zu und rüsteten sich zum Fortgehen.
Thea hörte, wie die Thür sich hinter ihnen schloß. Würde Walter denn nicht endlich kommen?
Ihr gespannt lauschendes Ohr vernahm, wie ein hosliger Schritt die Treppe herauskam, wie ein Schlüssel °>stg im Schloß herumgedreht wurde . . .
Im nächsten Augenblick stand Walter der sich langsam aus dem Sessel im Hintergründe des Zimmers ausrichtenden Gestalt gegenüber.
»Ah," sagte er, unangenehm überrascht, in dem wotlischen Ton, den er sich in letzter Zeit gegen Thea "laubte, „was verschafft mir diese seltene Ehre, wenn fragen darf?"
als baldige Erledigung der diesseitigen Verfügung, vom 24. September 1890 Nr. 8876, Kreisblatt Nr. 114 erinnert, mit Frist bis zum 21. d. Mts. bei Meidung von 3 Mark Strafe. Die erfolgte Einsendung der fraglichen Anzeige ist mir berichtlich an« zuzeigen.
I. 5729. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.
Nichtamtlicher Theil.
Zum 18. Oktober.
Der 18. Oktober ist ein nationaler Gedenktag von besondrer Bedeutung. Er führt uns im Geiste zurück in die Tage tiefster Erniedrigung Deutschlands und wiederum hinaus auf die sonnigen Höhen der Erhebung.
Am 18. Oktober des Schmerzens- und Siegesjahres 1813 wurde auf Leipzigs weiten Planen der Fremdherrschaft, unter der die getrennten Völker Deutschlands volle sieben Jahre geschmachtet hatten, ein Ende gemacht. Den Zeitgenossen erscheint es wie ein Traum, daß das heute so mächtige Reich von einem fremden Eroberer niedergeworfen und zerstückelt werden konnte; aber noch leben viele unter uns, die aus den Erlebnissen der Eltern erfahren haben, mit welchem Uebermut ein zertretenes Volk mißhandelt, ausgesogen und entehrt wurde. Unsere Väter leisteten sich damals den Schwur, lieber unterzugehen, als solches Sklavenjoch länger zu tragen, und sie haben Wort gehalten. Auf den Gefilden von Leipzig wurde die Weltmacht des ersten Korsen zertrümmert. Die deutschen Stämme besannen sich damals auf sich selbst. Viele von ihnen hatten sich Napoleon dienstbar gemacht und aus seinen Händen eine Erweiterung ihrer Macht entgegengenommen. Aber den Stunden der Ver- irrung folgten die Tage der Selbsterkenntnis, und so wurde schon auf dem Schlachtfelds von Leipzig mit dem Siege über den französischen Emporkömmling die deutsche Eintracht wieder angebahnt.
Zwar sollten noch lange, bange Zeiten vergehen, ehe aus diesem Grunde weiter gebaut werden konnte, zwar schien es manchmal, als ob jener Tag vergessen sei; aber die Zeit kam doch, wo der Traum von Leipzig zur glänzenden Wahrheit wurde. 18 Jahre nach jenem
„Ich habe mit dir zu sprechen!"
Sie trat jetzt in den Lichtkreis, und es fiel Walter auf, daß sie furchtbar bleich aussah.
Ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn.
„Mach' es kurz! Ich habe keine Zeit!"
„Du hast niemals Zeit für mich, daran zweifle ich auch heute nicht. Und doch mußt du mich anhören, ich kann es dir nicht ersparen. Daß du mich seit Wochen, seit Monaten immer mehr und mehr in einer unverantwortlichen Weise vernachlässigt hast, habe ich schweigend erduldet. Aber nun ist das Maß voll — nun frage ich dich: Ist es rvahr, daß du so schamlos bist, mir deine Geliebte, eine Person, mit der du schon vor unserer Heirat ein Verhältnis hattest, als Gesellschafterin zuführen zu wollen?"
„Ah, wie kannst du da« wissen — in welcher Art hast du spioniert?" fuhr Walter auf.
Auch er war erbleicht.
„Ich habe nicht spioniert — ich war ahnungslos bis heute abend — ich vertraute dir in meiner Blindheit. Da führte mir der Zufall diese — diese Person in den Weg. Und nun sage mir: Ist alles, was hier in diesem Brief steht, erlogen?"
Er riß da« zerknitterte Briefblatt heftig an sich.
„Mit welchem Recht öffnest du meine Korrespondenzen?" fuhr er auf.
„Mit dem Recht einer schmählich Hintergangenen Frau!"
An Thea Heranlretend, legte Walter begütigend die Hand auf ihre Schulter. '
18. Oktober, heute vor 70 Jahren, wurde ein Fürst geboren, der mit zu den Vorkämpfern der deutschen Einheit gehört: der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, der nachherige Kaiser Friedrich III. Schon in den ersten Mannesjahren wurde er der Sammler vieler Lorbeern und Ehren für sich und sein Vaterland.
So reichen sich am 18. Oktober gewissermaßen zwei weltgeschichtliche Epochen die Hand, die Zeit der bangen Vorbereitung und die der herrlichen Erfüllung. Deshalb ist der heutige Tag wie kaum ein andrer geeignet, ein nationaler Fest- und Gedenktag zu sein. Aber nur eine kurze Zeit nach dem Jahre 1813 wurde er in einigen Theilen Deutschlands gefeiert, dann schien er vergessen zu sein. Es würde auch heute vergebliche Mühe sein, ihn wieder in sein altes Recht einsetzen zu wollen. Das aber darf gefordert werden, daß sich an solchem Tage das Volk auf die Pflichten besinnt, die eine große Vergangenheit ihm auferlegt. Was damals bei Leipzig den Sieg an die deutschen Fahnen heftete, was den am 18. Oktober 1831 Geborenen zum Liebling des Volkes machte, das war die freudige und tiefe Begeisterung für Deutschlands Einheit und Größe, das war der schlichte fromme Sinn, der es verstand, ohne Klage zu leiden. Solche Begeisterung, solcher fromme Ernst thut unserer Zeit der entgeisterten Nüchternheit, des gespreizten Unglaubens doppelt not.
Politische Nachrichten.
Berlin, 15. Oktober.
Se. Majestät der Kaiser nahm am Sonnabend im Jagdschlösse Hubertusstock den Vortrag des Chefs des Militärkabinets, Generalmajors Grafen o.Hülsen-Haeseler entgegen. — Gestern nahm Se. Majestät der Kaiser vor dem Diner beim Elisabeth-Regiment militärische Meldungen entgegen und traf um 4 Uhr im Neuen Palais ein. — Heute Morgen unternahm Se. Majestät einen Spazierritt über Bornstedt und den Ruinenberg und empfing um 9 Uhr den Chef des Militärkabinets, Generalmajor Grafen v. Hülsen-Haeseler zum Vortrag.
An diesem Donnerstage ist ein Jahr verflossen, seit Graf B ü l o w zum Reichskanzler ernannt wurde. Am 17. Oktober vollzog der Kaiser in Homburg v. d. Höhe seine Ernennung anstelle des Fürsten Hohenlohe. Die Organe der konservativen und der nationalliberalen
Sie aber schüttelte voller Abscheu seine Berührung ab.
Ein Bild der tiefsten menschlichen Verzweiflung kauerte sie sich auf einen der niedrigen Polstersitze, welche den Schreibtisch in der Mitte des Zimmers umstanden:
„Thea, weine doch nicht so! Ich leugne es nicht, daß ich zu Leonie noch bis vorgestern in Beziehungen stand — was sie ahnt, ist Wahrheit: ich bin ihrer überdrüssig ! Die Idee, sie zu deiner Gesellschafterin zu machen, ist unmöglich, das gebe ich zu. Zu meiner Rechtfertigung sei es gesagt: sie entsprang einer Weinlaune. Thea, so höre doch auf zu meinen I Ich verspreche es dir, ich will mit der Person brechen, endgillig brechen, ich schwöre es dir!"
Die junge Frau achtete nicht darauf. Wie gehetzt floh sie aus dem Gemach.
Walter blickte ihr verstört nach.
Dann überflog er flüchtig Leonies Brief und zerriß ihn wütend in kleine Fetzen.
Doch bald wurde er ruhiger.
„Ein Gutes hat die fatale Sache," sprach er zu sich selber. „Da Thea nun sowieso alles erfahren hat, kann ich mein Verhältnis zu Leonie rücksichtslos lösen. Sie wird mir zu kostspielig, ihre Ansprüche an meine Kasse wachsen täglich. Außerdem ist nichts unbequemer als eine eifersüchtige Geliebte. Morgen setze ich mich mit ihr schriftlich auseinander und gebe dem Portier Befehl, sie nie wieder hier vorzulassen."
Nachdem Walter diese tödlichen Vorsätze gefaßt, entnahm er einem Fach seines Schreibtisches eine Summe Geldes und kleidete sich dann in aller Gemächlichkeit um,