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Ihre Majestät Kaiserin Friedrich t-
Die Gemahlin Kaiser Friedrichs III., die Mutter unsers Kaisers, ist am Montag Abend in Kronberg sanft entschlafen. Es ist ein ergreifendes Scheiden, das sich im Taunus vollzogen hat; ergreifend durch die schmerzvolle Vergangenheit, die es heraufbeschwört, und ergreifend nicht minder durch das bittere Trennungsweh, das es in die Seele unsers regierenden kaiserlichen Herrn wirft. Es weiß ja jedermann im deutschen Volke, wie unser Kaiser an seiner Mutter Zeit ihres Lebens gehangen hat. Niemals hat Kaiser Wilhelm II. eine Gelegenheit versäumt, seiner pietätvollen Verehrung für seine erhabene Mutter Ausdruck zu geben, und stets ist das Verhältnis zwischen ihm und der Kaiserin Friedrich durch die innigste kindliche Zuneigung ausgezeichnet gewesen.
Die kritische Wendung in dem Befinden der Kaiserin- Mutter trat gerade in einer Zeit ein wo den Kaiser zahlreiche Repräsentations-Pflichten an die verschiedensten Plätze des Reiches riefen. Dennoch bedachte sich der Kaiser keinen Augenblick, sondern ließ auf der Stelle sein Erscheinen bei sämtlichen Festlichkeiten absagen, um seinen Sohnespflichten zu genügen. Es liegt etwas unendlich Sympathisches in dieser hingebenden kindlichen Gesinnung, die der Kaiser so recht mitten aus dem Herzen heraus bekundet. Es ist eine Bethätigung jenes ausgeprägten Familiensinnes, der einen wesentlichen Zug des germanischen National - Charakters bildet, und den gerade an der allerhöchsten Stelle so scharf vertreten zu finden alle deutschen Patrioten mit großer Befriedigung erfüllen muß. Kaiser Wilhelm II. darf versichert sein, daß das deutsche Volk mit ihm an der Bahre seiner kaiserlichen Mutter mit aufrichtiger Teilnahme steht und den sehnlichen Wunsch hat, dem Kaiser möge angesichts des Herzeleids, das ihn betroffen hat, das aus tiefster Seele quellende Mitgefühl seines getreuen Volkes Trost und Erleichterung gewähren.
Wir alle empfinden den Schmerz, der den Kaiser nieder- beugt, umso mehr mit, als die Kaiserin Friedrich immer ein ungewöhnlich reges Interesse gehabt hat für Wohlfahrts- Bestrebungen aller Art und für Kunst und Wissenschaft. Dreißig Jahre war sie ihrem durch die hervorragendsten Eigenschaften ausgezeichneten Gemahl eine treue ^Gattin, die zuverlässige und anfeuernde Beraterin, mit ihm war sie eins fast in allen gemeinnützigen, wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen. Als sich die Schatten des Todes auf das Haupt des gütigen Kaisers Friedrich gesenkt hatten, schien die Kraft der hohen Frau, die den teuern Mann bis zum letzten Atemzuge mit der Hingebung des liebenden Weibes und der geschulten Hand der Diakonisse gepflegt hatte, gebrochen. In dem furchtbaren Ringen mit der schleichenden Krankheit war sie nicht von seiner Seite gewichen; alle Speisen, die er nahm, jeder Dienst, dessen der Kranke bedurfte, kam aus ihrer Hand. „Wie werde ich dein /Mädchen für alles* je danken können!" schrieb der langsam Dahinsiechende auf einen Zettel, mit denen er die Umgebung über seine Wünsche zu unterrichten pflegte. Hütte die Kaiserin Friedrich nicht immer als eine ausgezeichnete Frau und Mutter gegolten, in jenen schweren Tagen hat sie diesen Ruhmestitel erworben.
_ Seit sie den Witwenschleier trug, hatte sich die Kaiserin Friedrich in die Einsamkeit zurückgezogen. Es duldete sie nicht mehr an dem Orte, swo sie ihr Liebstes hatte sterben sehen müssen. Als strahlende Braut hatte die englische Prinzessin einst unter dem Jubel des Volkes am 6. Februar 1858 ihren Einzug in die Havel - Residenz an der Seite des ritterlichen Prinzen von Preußen gehalten, und jetzt verließ schmerzersüllt die Kaiserin Friedrich im Witwen- Werer die Stätten, wo sie all das Glück und Unheil ihres Lebens erfahren hatte. Nur aus kurze Zeit kehrte sie dann
regelmäßig jährlich nach Berlin zurück, um alte Beziehungen zu erneuern, bis ihre Krankheit den Reisen ein Ziel setzte. In dem neu erworbenen Besitze im Taunus bei Cronberg, aus dem sie sich ein prachtvolles Schloß hat errichten lassen und das sie mit reichen Kunstschätzen, den schönen Früchten einer langjährigen, kunstverständigen Sammlerthätigkeit, ausgestattet hat, brächte sie die große Mehrheit ihrer Tage zu. Selten trat sie an die Oesient- lichkeit, sie lebte der Erinnerung an ihren tapfern Helden und unterstützte auch in seinem Geiste mit unermüdlicher Thatkraft alle gemeinnützigen Unternehmungen und Bestrebungen, die sie einst als deutsche Kronprinzessin,ins Leben gerufen hatte. Bis zuletzt lag ihr vor allem die Förderung der weiblichen Erwerbsthätigkeit, die Einrichtung von Heilanstalten für unbemittelte kranke Kinder, die Ausbildung von Kranken - Wärterinnen, die Pflege von Kunst und Kunsthandwerk am Herzen; sie war unermüdlich, immer neue Anregungen zu geben und neue Freunde für die von ihr gegründeten Anstalten zu gewinnen.
So wird man denn in Deutschland in der Kaiserin Friedrich die Erinnerung an eine edle Frau festhalten, die mit großen Vorzügen des Geistes und des Charakters ausgestattet, das wärmste Herz hatte für ihre Familie für ihr Geschlecht und für ihr Volk.
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Viktoria Adelaide Marie Luise Kaiserin und Königin Friedrich war geboren am 21. November 1840imBuckingham- Palast in London, hat also das erste Jahr des siebenten Jahrzehnts nicht mehr vollendet. Sie war das älteste Kind der erst vor einigen Monaten ihr im Tode vorangegangenen Königin Victoria, hatte aber in dem Prinz-Gemahl Albert von Sachsen - Coburg und Gotha einen deutschen Vater. Im Herbst 1855 verlobte sie sich in Balmoral mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm. Die Königin Victoria schrieb damals in ihr Tagebuch: „Heute hat sich unsere geliebte Victoria mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, der seit dem 14. bei uns ist, verlobt. Schon am 20. hat er uns sein Anliegen mitgeteilt, aber um ihrer großen Jugend willen waren wir zweifelhaft, ob er jetzt mit ihr reden oder bis zu seiner Wiederkehr warten sollte, entschlossen uns aber doch zu ersterm. Als wir nun heute Nachmittag ausritten, brach er einen Zweig weißer Haide- blumen (der Glück bedeutet), gab ihr ihn und knüpfte daran auf dem Heimwege Andeutungen seiner Hoffnungen und Wünsche, die dann alsbald glücklich in Erfüllung gingen."
Am 25. Januar 1858 fand im Londoner St. Jamespalast die Vermählung statt. Nahezu dreißig Jahre hat die Kaiserin Friedrich Freude und Leid mit ihrem Gemahl geteilt. Dr. Hiuzpeter entwarf bei der silbernen Hochzeit des Paares folgende anmutige Schilderung von dessen Leben während der ersten Ehejahre: „Glücklichere Leute gab es im ganzen Lande wohl kaum. Unter sehr günstigen Bedingungen begannen sie sich in einander einzuleben. Voll inniger Sympathie für einander und begeistert für alles, was des Menschen Herz erhebt, genossen sie zusammen mit Enthusiasmus die poetischen Meisterwerke aller Zeiten und Völker, während ihr eigenes noch fast mühe- und sorgenloses Leben in den kleinen Turmzimmern von Babelsberg oder in einer Ecke des großen Berliner Schlosses selbst des poetischen Reizes nicht' entbehrte. Ihre Pflichten waren noch leicht und die Hindernisse zu ihrer vollen Befriedigung noch so gering, daß es ihnen als ein wichtiger Sieg gelten konnte, wenn etwa der jungen Mutter ihr brennender Wunsch, ihren Erstgeborenen selbst zu nähren, nach einigem Zögern gewährt wurde . . . Auch politische Gedanken
und Träume waren für diese jungen Leute nicht lange ab- zuweisen; und es hat gleich anfangs auf diesen wichtigen Gebieten der Verschmelzungsprozeß begonnen, der zwischen diesen beiden allmählich eine Harmonie des Denkens und Fühlens in Bezug auf die wichtigsten Seiten des Lebens hervorgebracht hat, wie sie selten selbst zwischen so eng verbunden sich bilden." Seit dem 15. Juni 1888 war die Kaiserin Friedrich Witwe. Von den acht Kindern der Entschlafenen — die Prinzen Waldemar und Sigismuud wurden schon im zarten Alter den Eltern entrissen — trauern neben dem Kaiser und dem Prinzen Heinrich die Gemahlinnen des Erbprinzen von Meiningen, des Prinzen Adolf von Schaumburg, des Kronprinzen von Griechenland und des Landgrafen Friedrich Karl von Hessen um die Mutter.
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In einer Sonderausgabe der „Nordd. Allg. Ztg." heißt es: Eine Fürstin von seltener Bedeutung wird uns durch beu Tod der Kaiserin Friedrich entrissen. Die mütterliche Fürsorge für die Erziehung ihrer Kinder, ihr unermüdliches Wirken in allen Kreisen der Wohlthätigkeit, ihr reges Interesse für Kunst und Wissenschaft vollenden das Bild der Frau, die wie durch Rang und Geburt auch durch Geist auf der Höhe des Kulturlebens stand. In der Seelengröße, womit sie ihr unheilbares Leiden ertrug, erwies sie sich als echte Gefährtin des deutschen Helden, der durch Dulden und Thaten im Herzen des Volkes immer im Gedächtniß bleibt. Ihr Name wird fortleben unter den großen Fürstinnen, die den Hohenzollernthron geziert haben.
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Aus Cronberg wird noch gemeldet; Der Kaiser führte kurz nach acht Uhr das gefammte Hauspersonal an das Sterbebett der entschlafenen Kaiserin. Um 9 Uhr begaben sich der Kaiser und die Kaiserin, der Kronprinz, sowie das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen nach Homburg, während die übrigen Mitglieder der kaiserlichen Familie hier verbleiben.
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München, 6. August. Prinzregent Luitpold sandte an Se. Majestät den Kaiser das folgende Beleidstelegramm: Schmerzlich ergriffen durch die Nachricht von dem Ableben Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich, Deiner unvergeßlichen Mutter, drängt es mich, Dir meine innigste und aufrich- tigste Teilnahme allszusprechen. Das Andenken an die Verblichene, der ich von Herzen ergeben war, wird ein gesegnetes bleiben. Luitpold.
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H o in b urg, 6. August. Dem Vernehmen nach findet Sonntag Vormittag ein Trauergottesdienst in Cronberg, am Dienstag die Beisetzung in Potsdam statt.
Bestimmungen über die Landestraucr.
Berlin, 6. August. Der „Staatsanzciger" meldet: Nach dem Trauerreglement vom 7. Oktober 1797 sind in sämtlichen Kirchen des Landes die Glocken vierzehn Tage lang mittags von 12—1 Uhr zu läuten.
Der „Staatsanzeiger" veröffentlicht einen Königlichen Erlaß betreffend die Landestrauer. Während der ersten vier Wochen tragen die höheren Zivilbeamten zur Uniform beflorte Achselstücke, bezw. Epauletten, Agraffen und Cordons, beflortes Portepee, Flor um den linken Oberarm, dunkle Beinkleider und schwarze Handschuhe, in den letzten zwei Wochen Flor um den linken Oberarm, dunkle Beinkleider und weiße Handschuhe. Bei offiziellen Veranlassungen, wo