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Gratirbeilagen rIUnftrirter Ssnntagrblatt" «.SUnftrirte lanSwirthschaftUche VeUage."

Sr. K. Sonntrjloo ^ta A. RLrz 1901.

Sie russischt MeilteilMvW«-.

Rußland zieht zwar, wie jetzt wieder sein Vertrag mit China über die Mandschurei bewiesen hat, die Kreise seiner Macht immer weiter, aber anderseits deuten manche Zeichen darauf hin, daß sich unter dem Boden des großen Reiches Minengänge befinden und der Bau nicht so feststeht, wie es auSsieht. Das Schweigen der russischen Presse allerdings könnte harmlose Gemüther zu der An­schauung verleiten, als herrsche eitel Friede und Glück­seligkeit in Väterchens weitem Gebiete, aber das Schweigen ist erzwungen, und darum spiegelt die Presse nicht das Leben Rußlands wieder. Man kann sich nur aus einzelnen Zeichen ein zusammenhängendes Bild schaffen.

Ein solches Zeichen sind die jüngsten Sludenten-Un- rnhen in Petersburg, Odessa, Kiew, Moskau und Charkow. Sie sind in der That geeignet, den Aberglauben zu zer­stören, als haben Gefängniß, Verbannung und Knute den Geist des Aufruhrs für immer vernichtet. Die Meldung, in Moskau seien Straßenbahn-Wagen umge- worfen, Barrikaden errichtet, zahlreiche Fenster im Palaste des General-Gouverneurs Großfürsten Sergius einge­worfen worden, sodaß dieser fünf Tage nicht imstande gewesen sei, seine Wohnung zu verlassen, bis es durch außerordentliches Aufgebot von Militär gelang, die Ruhe wiederherzustellen, sowie die Verhängung des Belagerungs­Zustandes über Odessa, Kiew und Charkow reden Bände. An der Universität bilden sich die künftigen Erzieher des Volkes, die einst als Verwaltungs-Beamte und Lehrer, als Richter und Advokaten rc. die Autorität des Staates verkörpern und im Verkehr mit dem Volke einen weit­gehenden Einfluß ausüben sollen. Dieselben jungen Leute, denen einst jene Ausgabe zufällt, hetzen jetzt die Arbeiter auf, machen mit den Umstürzlern gemeinsame Sache.

Die Studenten-Unruhen in Rußland sind also ernster auszufassen, als Reibereien an Universitäten anderer europäischen Länder, die meist nur in Kundgebungen gegen einen mißliebigen Professor bestehen. Die Er­fahrung lehrt, daß es sich in jenen Fällen um politische Demonstrationen gegen das bestehende Regiment handelt. Die Studenten-Unruhen in Rußland sind darum fast stets als Zeichen einer Gährung anzusehen. Die bisher bekannt gewordenen Ergebnisse der Untersuchung gegen Karpowitsch, den Mörder des Unterrichtsministers Bogo- lepow, können diesen Eindruck nur bestätigen.

Endlich gefunden.

Roman von Hedda von Schmid.

(Fortsetzung.)

Schaf," sagte Dora halblaut hinter ihm drein,den wären wir glücklich los, Nesthäkchen."

Dann schweifte ihr Auge nach jener Ecke des Saales, wo Erich neben feiner Tante Agnes saß.

Der Doktor selber war richtig nicht gekommen; Frau Agnes hatte es sich jedoch nicht nehmen lassen, sie kam sich zwar etwas verloren vor unter der Gesellschaft, welche eine gewisse Freimaurerei untereinander verband, die tausend Anknüpfungspunkte und Beziehungen mit­einander unterhielt. Die gute Dame drehte sich nun angenehm überrascht um, als neben ihr plötzlich eine Begrüßung erklang :Guten Abend, liebe Frau Doktorin, wie nett von Ihnen, daß Sie, trotzdem Ihr Man» Sie böswillig mit seiner Begleitung im Stich gelassen, ge­kommen sind."

Dora ließ sich von Erich, der aufgesprungen war, einen Sessel heranschieben und setzte sich mit einem liebens- würdigrn Lächeln.

Bitte, behalten Sie nur Ihren Platz, Herr Wald." Eine fast schüchterne Handbewegung lud Erich zum Da­bleiben ein.

Es dauerte nicht lange, so waren die drei in einer zwanglosen Unterhaltung begriffen, Erich kam eS vor, als träume er. War dieses Mädchen, welches so herzlich zu plaudern verstand, das sich bei Tante Agnes nach

Das politische Ideal der aufsässigen Elemente ist nicht die Einführung eines Parlaments. Der Parla­mentarismus hat fürwahr keine Blüthen getrieben, nach deren Duft sich andere sehnen. Die Bewegung unter den russischen Studenten drängt nur nach einer recht­lichen Verwaltung, nach unabhängigen Gerichten, nach ordentlichen Schulen. Wenn Universitätslehrer deswegen disziplinirt werden, weil siean Parteidebalten Theil genommen und sogar in Zeitungen polemisirt haben", wenn ihnen verboten wird, an Erörterungen sozialer und litterarischer Fragen Theil zu nehmen, wenn ander­seits in einem amtlichen Lehrbuch der Universitäten der Satz aufgestellt wird:Das Achtungsgefühl wächst und nimmt im Verhältuiß zu den Einnahmen ab. Einer, der 3000 Rubel im Jahre hat, hat nothwendigerweise größere Achtung für den, der 15,000 Rubel einnimmt, und ein Mann, der mehr als 7 Millionen jährlicher Einkünfte hat, macht nothwendig den Eindruck einer kolossalen Größe", wenn in demselben Buche ohne jede Ironie versichert wird:Umgekehrt flößt die Armuth Gleichgiltigkeit und Geringschätzung ein", so ist es wahrlich kein Wunder, wenn unter der Intelligenz der russischen Jugend die Unzufriedenheit ein ständiger Gast bleibt.

Politische Nachrichten.

Berlin, den 19. März.

Se. Majestät der Kaiser empfing gestern Mittag um 12 Uhr den Landrichter Donandt. Zur Früh­stückstafel waren geladen: Reichskanzler Graf v. Bülow, Geheimer Kabinetsrath Dr. v. Lucanus und Gouverneur von Ost-Ofrika Graf v. Götzen. Nach der Frühstückstafel hörte Se. Majestät den Vortrag des Reichskanzlers.

Heute Vormittag hörte Se. Majestät die Vorträge des Chefs des Jugenieurkorps, des Chefs des Militär- kabinetS und des Chefs des Admiralstabes der Marine.

Die Forderung für die China-Expedition hat dem Kriegs minister von Goßler während der zweiten Lesung Anlaß gegeben, die Darlegungen des Reichskanzlers in höchst bedeutsamer und dankenSwerther Weise zu ergänzen. Der Kriegsminister ertheilte zunächst Antwort auf die Fragen, welche hinsichtlich der Entlassung der Truppen an die Reichsregierung gerichtet worden waren. Es ergiebt sich aus dieser Antwort, daß mit

ihren Enten und dem Gedeihen ihrer Stangenbohnen erkundigte, dieselbe unnahbare, von Standesdünkel be­fangene Dora Nordlingen, welche er vor wenigen Wochen gekannt und obgleich er sich's tausendmal sagte, daß es ein Wahnsinn sei mit allen Fibern seine« Herzens, mit aller Glut, deren er fähig war, liebte? Er würde Dora niemals sein nennen können, das ver­hehlte er sich keineswegs, aber diese köstlichen Minuten des Beisammenseins mit ihr, die er eben genoß, wollte er auskosten I

Der Ballsaal, die Gruppen der durcheinanderflutenden Gäste, alles versank für Erich er sah nur einen reizend geformten Kopf mit blondem, kurzverschnittenem Har und ein paar rosige, gar nicht mehr hochmüthig ge­schützte Lippen. Jugend, Liebe, blühendes Leben, drei wonnige Begriffe! Wohl denen, in welchen man sie ver­körpert findet.

Melitta hatte sich in einer Tanzpause mit Reginald in eine der Fensternischen zurückgezogen. Es ist zufällig dieselbe, in der sie damals mit Ewald gestanden, damals als sie Reginald eben ihr Jawort geschenkt hatte. Die junge Frau hat sich auf einen der Lehnstühle, welche in der Nische stehen, niedergelassen, sie sieht wunderbar schön aus, und Reginald betrachtet sie mit verzehrendem Blick: fast bereut er das Wort, welches er Ruth gegeben hat. Wie weich halte sich Melitta an ihn geschmiegt, als sie, von seinem Arm halb getragen, im Walzer mit ihm dur den Saal geschwebt war. Er möchte die bieg­same Gestalt an sich pressen und sie forttragen, weit,

den im letzten Dienstjahr befindlichen Mannschaften ebenso wie mit den Einjährig-Freiwilligen des stehenden Heeres Kapilulations-Verträge für ein weiteres Jahr abgeschlossen worden sind. Die Mannschaften des Beurlaubtenstandes aber haben sich ihrem Anwerbe-Vertrage zufolge auf mindestens zwei Jahre verpflichtet. Bei den Einjährigen der Seebataillone war dagegen ein Vertrag nicht noth­wendig, da es sich für die Seebataillone um eine Mobil­machung handelt; indessen wird im Herbste eine Ablösung erfolgen. Es geht aus diesen Mittheilungen des Kriegs­ministers mit vollkommener Klarheit hervor, daß von der Ausübung irgend eines Zwanges auf die China-Mann­schaften auch nicht im mindesten die Rede sein kann. Einen weitern Gegenstand der Ausführungen des Kriegs­ministers bildeten die Leistungen des Oberkommandos und der deutschen Truppen. Die ungeheure Schwierig­keit der Kriegsführung in China wurde an den gewaltigen räumlichen Verhältnissen des Kriegsschauplatzes zahlen­mäßig dargelegt. Trotzdem sei es gelungen, eine Ope- rationS-Basis zu sichern, das ganze in Betracht kommende Gebiet von Feinden zu säubern und eine geregelte Ver­waltung durchzuführen. Die noch immer andauernden Expeditionen aber fänden zumeist auf Anrufen der fried­fertigen chinesischen Bevölkerung zur Unterdrückung des Räuber-Unwesens statt. Die deutschen Truppen hätten allen Ansprüchen genügt und sich unter den schwierigsten Verhältnissen ausgezeichnet. Im Anschluß hieran machte der Minister sodann noch einige Mittheilungen über den Gesundheitsstand unserer China-Kämpfer, die diesen als im großen und ganzen durchaus günstig darthun und allen entgegengesetzten Gerüchten den Boden entziehen. Sehr bemerkenswerth waren endlich noch die Aeußerungen des Kriegsministers über die sogenannten Hunnenbriefe. Graf Waldersee hat über diese Angelegenheit an den Minister eine Depesche gerichtet, die letzterer im Reichs­tage zur Verlesung brächte. ES geht daraus hervor, daß die Hunnenbriefe größtentheils nicht Selbsterlebtes, sondern zum Theil direkt Erfundenes, zum Theil wenigstens phantasievolleUebertreibungen enthalten. Nach der Ver­sicherung des Grafen Waldersee haben standrechtliche Erschießungen außer von Boxern und Räubern überhaupt nicht stattgefunden. Einzelne Ausschreitungen deutscher Soldaten aber sind aufs schwerste bestraft worden. Das Gegentheil der sogenannten Hunnenbriefe ist vielmehr Wahrheit; denn aus zahlreichen einwandsfreien Zeug­nissen von Offizieren und ältern, erfahrenen Soldaten

weit in ein Wunderland der Liebe. Er ist wieder zum Schwärmer, zum Träumer geworden.

Melitta betrachtet ihn etwa so wie ein Kätzchen eine erbeutete Maus. Sie ist ihrer Sache ganz sicher und schiebt den Umstand, daß Reginald sich ihrer noch immer nicht erklärt hat, auf die fast knabenhafte Schüchternheit, welche dem gereiften, Willensstärken Mann in Sachen des Gefühls eigen ist.

Reginald sitzt stumm da, mit übervollem Herzen frei­lich, und spielt mit Melittas geschnitztem Fächer, den sie ihm bereitwilligst überlassen hat.

Wer ist die junge Dame dort, die in Weiß, mit den rosa Blüten an der Brust," fragt er plötzlich, ge­spannt in den Saal hineinschauend.

Das ist ja Nesthäkchen," lacht Melitta mit ihrem girrenden Lachen,die Kleine ist heute wirklich nicht zu erkennen,Kleider machen Leute," sagt ja auch das Sprüchwort."

Reginald verschärft seinen Blick. Ist das Nesthäkchen, dieses reizende Geschöpf voll keuscher Schönheit, daneben Rudolf Jlsenkron, der mit seiner schlenkrigen Figur und seinem sommersprossigen Schafsgesicht Dora pflegte sein Aeußere« gelegentlich so zu analysieren so gut als Hintergrund dient?

Auf dem Schiffsstege in Hapsal war Reginald bei DagmarS Anblick bereits betroffen gewesen, dann hatte er sie nicht weiter beachtet, weil Melitta sein einziger Ge­danke war, nun schnellte er vor Erstaunen fast von seinem Sitze empor beim Anschauen dieser liebreizenden Mädchen­erscheinung. Eine Rührung, die Erinnerung an seine