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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
N betreffend die Außerkurssetzung der Vereinsthaler öfter« 1 reichischen Gepräges. Vom 8. November 1900.
Aus Grund des § 1 des Gesetzes, betreffend die Ver- einsthaler österreichischen Gepräges, vom 28. Februar 1892 (Reichsges.-Bl. S. 315) hat der Bundesrath die nachfolgenden Bestimmungen getroffen.
5 Die in Oesterreich bis zum Schlüsse des Jahres 1867 geprägten Vereinethaler und Vereinsdoppelthaler gellen vom 1. Januar 1901 ab nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel. Es ist von diesem Zeitpunkt ab außer 1 den mit der Einlösung beauftragten Kassen Niemand ver- pflichlet, diese Münzen in Zahlung zu nehmen.
§ 2.
Die Thaler der im § 1 dieser Bekanntmachung be- IU zeichneten Gattung werden bis zum 31. März 1901 bei den Reichs- und Landeskassen zu dem Werthverhältnisse von drei Mark gleich einem Thaler sowohl in Zahlung i als auch zur Umwechselung angenommen. | I | § 3.
je Die Verpflichtung zur Annahme und zum Umtausche h (§ 2) findet auf durchlöcherte und anders als durch den I gewöhnlichen Umlauf im Gewichte verringerte sowie auf verfälschte Münzstücke keine Anwendung.
Berlin, den 8. November 1900.
Der Reichskanzler.
I I- V.: gez. Freiherr von T h i e l m a n n.
Nichtamtlicher Theil.
Lhina.
Die Räumung der Provinz Tschili hängt von dem Ernste ab, mit dem die chinesische Regierung die Friedens-Bedingungen zu erfüllen sich bestrebt zeigt. Die chinesische Diplomatie hat sich nach der formellen Annahme der Friedens-Bedingungen durch ein kaiserliches Edikt so anzustellen gesucht, als ob nun schon die Voraussetzung zur Einstellung aller militärischen Expeditionen und zur allmählichen Entfernung der fremden Truppen gegeben sei. Die Vertreter der Mächte in Peking werden den chinesischen Unterhändlern bereits klar gemacht haben, daß sie sich nicht mit einem Alles versprechenden Stück Papier zufrieden geben können, sondern die Räumung von der Erfüllung gewisser Friedens-Bedingungen abhängig machen müssen. Dahin gehören vor allem der Strafvollzug gegen die Hauptförderer des Boxer-Auf- standes und bestimmte Garantien für die Leistung der zu zahlenden Entschädigungen. Mit der Räumungsfrage eng zusammen hängt die Frage der Auflösung des Oberkommandos der vereinigten Truppen. Wir würden es verstehen, wenn der Oberkommandierende, Feldmarschall Graf Waldersee, selbst den Wunsch hegen sollte, möglichst bald seiner in vielen Beziehungen schwierigen, heikelen und undankbaren Aufgabe entledigt zu werden, obgleich er sich ihrer bisher mit allgemein anerkanntem Takte und militärischem Erfolge unterzogen hat. Obgleich aber das OkkupationS-Gebiet von feindlichen Truppen und räuberischen Horden mehr und mehr gesäubert worden ist und somit vom rein' militärischen Standpunkte aus die Aufgabe des Oberkommandos in der Hauptsache als erfüllt erscheint, so muß doch auch der moralische Eindruck in Betracht gezogen werden, den die Rückberufung 1 des Grafen Waldersee im gegenwärtigen Zeitpunkte i hervorbringen müßte. Es ist zu befürchten, daß die Chinesen darin ein neues Zeichen von Schwäche und Um einigkeit unter den Mächten sehen und die Erfüllung der Friedens-Bedingungen erst recht zu verzögern suchen würden. Graf Waldersee wird daher selbstverständlich etwaige persönliche Wünsche seinem patriotischen Pflichtgefühl unterordnen. In Deutschland wünscht man, die chinesische Expedition möglichst bald beendigt zu sehen, aber natürlich auf ehrenvolle Weise. Haben wir Genugthuung für den Mord unsers Gesandten und Bürg-
schüften für die Zahlung der Kriegskosten und der Entschädigung deutscher Missionare und Kaufleute erlangt, so werden unsere Truppen ohne Zögern in die Heimath zurückkehren. Denn Hintergedanken hat die deutsche Politik nicht. Sie hat bisher mit ganz außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, und mit Genugthuung dürfen wir anerkennen, daß es der deutschen Diplomatie gelungen ist, wesentlich zur Einigkeit unter den Mächten beizutrage» und den Chinesen einzuschärfen, daß sie mit allen ihren Winkelzügen und Ausflüchten nicht darum herumkommen, volle Sühne zu leisten.
Politische Nachrichten.
Berlin, 27. Januar.
Aus Cowes wird vom 27. Januar gemeldet: Seine Majestät Kaiser Wilhelm nahm heute zunächst die Glückwünsche der Mitglieder der deutschen Botschaft und anderer Standespersonen entgegen. Schon bald nach 8 Uhr früh begaben sich die drei Sekretäre der deutschen Botschaft, Frhr. v. Eckardstein, Graf Herman von Hatz- seid und Freiherr von Mirbach, ferner Fürst zu Lyaar, die Militär- und Marine-Attachss Graf von Bredow und Kapitän Cörper, die kommerziellen und technischen Beiräthe, sowie der deutsche General-Konsul und der Vice- Consul in London nach Osborne. Bei ihrer Ankunft wurden sie in das Empfangszimmer geführt, wo sich auch die Offiziere der vor CoweS liegenden deutschen und englischen Geschwader versammelt hatten. Alsbald erschien Se. Majestät der Kaiser in Begleitung des Kronprinzen und nahm die Glückwünsche der Herren entgegen. Es wurden keine offiziellen Ansprachen gehalten. Seine Majestät Kaiser Wilhelm zog sich später mit dem Legationsrath Freiherr» von Eckardstein zu einer längeren Unter- redung zurück.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt unterm 27. b. M.: Stiller als sonst feiert heute Deutschland den Gebnrtrtag Sr. Majestät des Kaisers und Königs. Denn tiefe Trauer ist in unser Kaiserliches und Königliches Haus eingekehrt. Die greife Herrscherin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland ruht auf der Todtenbahre; und unser Kaiser weilt mit dem Kronprinzen in England, um seiner entschlafenen Großmutter die letzte Ehre zu erweisen. Auch erweckt das Befinden der erlauchten Mutter Sr. Majestät, der Kaiserin und Königin Friedrich, das die Todesnachricht aus England hoffentlich
Endlich gefunden.
Roman von Hedda von Schmid.
(Fortsetzung.)
Ein Ausdruck unendlicher Sehnsucht lag in diesem Blick. „Ob ich es weiß?" wiederholte sie flüsternd, wie zu sich selbst sprechend, und Ruth überkam ein Gefühl H unendlichen Mitleids mit diesem jungen Geschöpf, welches inmitten der Seinen ausgewachsen, im Schoße einer zahlreichen Familie dennoch weder Verständniß noch Liebe
War Dagmar Nordlingen nicht etwa liebenswerth? Sie war wie ein im Verborgenen blühendes Veilchen, li; schüchtern, bescheiden, aber trotzdem lag für denjenigen, tot, sie aufmerksam beobachtete, ein 'gewisses Etwas in ihrem Blick, ein Ausdruck, welcher darauf hindeutete, daß Dagmar, falls die Umstände es erheischten, auch im stande wäre, energisch zu handeln.
| Aus dem häßlichen, schmalschulterigen Kinde war ein überraschend hübsches Mädchen geworden. Niemanden in Treuenhoff fiel es^ jedoch auf. In den einfachen, meist schlechtsitzenden Kleidern, welche Dagmar fast immer trug, kam ihre tadellose, ebenmäßige Figur nicht zur Geltung.
I Dagmar stand nach wie vor im Schatten, während ihre Geschwister die Lichtseiten des Lebens für sich in Anspruch nahmen — jeder seiner eigensten Individualität
gemäß.
Die Junisonne taucht die Wellen der Ostsee in flimmerndes Licht. Malerisch liegt das kleine Hapsal im leuchtenden Grün seiner Gärten da, hoch ragen die Ruinen des alten Schlosses empor, sagenumwebt überdauern sie Menschen und Zeiten, und die See rauscht ihnen unermüdlich ihr altes Wogenlied zu.
Starr und stumm stehen die Mauern und Türme da, — wenn ihnen Sprache verliehen wäre, wieviel wüßten sie zu berichten. In alten Chroniken lesen wir so gern, was sich einst zugetragen hat, mit einer Art von ehrfürchtigem Schauer betreten wir die zerklüfteten RuinSn, in deren Zinnen Dohlen Hausen; wer eine lebhafte Phantasie besitzt, versetzt sich gegenwärtig um Jahrhunderte zurück, und sieht Bild auf Bild aufsteigen aus den Ruinen Hapsals — er schreckt empor, seltsam verwirrt, denn an sein Ohr klingt plötzlich die Quadrille aus der „Fledermaus" — vorübergehuscht ist der Traum, zerronnen wie alle Träume — von der Promenade her, dem Lieblingsausenthalte der Hapsalschen Badegäste, locken die Klänge, und die Wellen der Bucht murmeln zornig drein: „Was soll das Flöten und Geigen? Unser Sang ist doch tausendmal schöner, ist er nicht ur- ewig, unverklingbar, sollte nicht jedes Menschenohr nur ihm lauschen, nicht jeder Menschenherz sich immer und immer wieder staunend beugen vor der Allmacht der Natur
Nicht jeder Menschenherz versteht diese Sprache und allen redet sie auch nicht in derselbe» Zunge.
„Wie eingeengt, wie in Fesseln geschlagen erscheint I
mir die Bucht," sagte Dora zu Dagmar, an deren Sette sie die Promenade entlang schritt. „So unschädlich wie ein Waschbecken — da lob ich mir die See in Zornesgrollen. Wenn die Wellen tosen und sich bäumen, vom Sturmwind gepeitscht, wenn alle Elemente sich zu einem tollen Ganzen einen, dann dehnt sich meine Brust, dann jauchzt alles in mir, und anstatt, daß mich die Größe der Naturgewalten niederdrückt, in das Bewußtsein, ein staubgeborenes Nichts zu sein, trägt mich ein stolzer Gedanke hoch empor: Ich bin ein Mensch, ich lebe, denke, atme, fühle, und aus dessen entfesselten Elementen redet Gott zu mir, der allmächtige Schöpfer." Dora hatte mit Begeisterung gesprochen, unwillkürlich war sie stehen geblieben, hart am Rande des Kais, und ihre blauen Augen schauten mit leuchtendem Blick auf die schimmernde Wasserfläche.
„Woran denkst du," Dagmar ?" wandte sie sich plötzlich, in einen ganz andern gleichgilligeren Tonfall übergehend, an ihre jüngere Schwester.
Dagmar sah erstaunt empor und zögerte mit ihrer Antwort. Es war ihr so ungewohnt, von der Schwester über den Inhalt ihrer Gedanken befragt zu werden, un« gewohnt, daß sich Dora um sie, das unbeachtete Nesthäkchen, kümmerte.
„Woran ich eben gedacht — an ein altes Lied, das ich irgendwo einmal in einem Buche gelesen. Es kam mir in den Sinn bei deinen Worten, es klingt ebenso glühend, so begeistert, wie das, was du sagtest, und —" Dagmar stockte einen Augenblick — „es fand einen