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Inzwischen hatte auc6 Melanie das Speisezimmer verlassen und in ihre eignen Gemächer, die im linken, neurenovierten Flü­gel des Schlosses lagen, sich begeben. Sie be­durfte der Ruhe und innern Sammlung, denn ihre Gemütsstimmung hatte unter den Aufregungen der letztvergangenen Zeit nur allzusehr gelitten. Melanie ersehnte die Stunde der Abreise herbei. Ihre seelischen Kräfte waren der Pein eines längeren Zu­sammenlebens mit Lady Ellinor nicht mehr gewachsen. Die Schwächeanwandlung, die sie vorhin beim Lunch überkommen, kehrte jetzt, wo sie sich allein befand, verstärkt zurück. So beängstigend kroch es zu ihrem Herzen herauf und raubte ihr das freie Atmen. Wie ein banges Todesahnen ging es durch ihre Seele. Gewaltsam suchte sie sich aufrecht zu erhalten. Nein, nein, sie konnte und durfte William nicht beängstigen, seine aufsteigende Sorgen nicht vermehren. Sie mußte ihm ein Antlitz voll lächelnder Ruhe und ungetrübter Heiterkeit zeigen, ihn über ihren seelischen und körperlich kranken Zustand hinwegzutäu- schen suchen, damit er im Verkehr mit seinen Brüdern das Gleichmaß seiner Gefühle, die Harmonie seiner Gedankenwelt nicht verlöre.

Wütendes Hundegebell, das von lauten, gellenden Schmerzensrufen untermischt wurde, schallte vom Schloßhof herauf. Bis in das innerste Mark erschauernd, im tödlichen Er­schrecken, eilte Melanie in den Schloßhof hinab, in dem ein Teil der Dienerschaft rat­los, im wirren Durcheinander umherlief.

Alle Vorsicht außer acht lassend, nur ihrer übermütigen Eingebung folgend, hatte Maud die Ponres zu immer schnellerem Lauf angefeuert. Wie rasend stürmten nun die kleinen, ungestümen Pferde durch den wei­ten Schloßhof und weder der schmeichelnde Zuruf Walters noch die heftigen Peitschen­hiebe Mauds brachten die Tiere zum Stehen und der Wagen lief Gefahr, jeden Augenblick mitsamt seinen Insassen an den zunächst stehenden Baum geschleudert zu werden. Walter wartete diese Gefahr nicht ab, son­dern sprang mitten unter der tollen Fahrt mit einem kühnen, behenden Ansatz aus dem Wagen und suchte nun seiner kleinen, halb­ohnmächtigen Base herauszuhelfen. Doch Cäsar, der Lieblingshund und stete wachsame Begleiter Mauds, der von niemand eine Be­rührung feiner Herrin duldete, hatte sich in seiner ganzen Länge zu deren Schutz aufpo­stiert und knurrte Walter, auf den längst eine eifersüchtige Regung in seiner Hundefeele er­wacht war, drohend an. Heftig erzürnt schlug dieser mit der Peitsche nach dem Hund und machte dadurch das Unglück vollends fer­tig. Mit wütendem Geheul stürzte der Hund aus dem Wagen und drang mit den scharfen Zähnen auf den wehrlosen Knaben ein. In­des nun der eine Teil der Dienerschaft das Gefährt auffing und sich um die halb be­wußtlose Maud bemühte, stürzten die andern zur Hilfe Walters herbei, der bereits aus einigen Bißwunden blutete. Gefahr und Rettung hatten auf einen kurzen Zeitraum sich zusammengedrängt und als Lady Ellinor in Begleitung der Herren und Ines bleich und verstört die Schloßtreppe herabkam, hatte Melanie bereits die erste thatkräftige Hilfe­leistung übernommen. Die Todesangst ver­lieh ihr doppelte Kräfte. Ungeachtet dessen, daß sie sich eigner Lebensgefahr aussetzte, riß sie den Hund von seinem Opfer hinweg und suchte den Knaben mit ihrem eignen Körper zu decken. Erst nachdem mit Beihilfe der Dienerschaft die Hauptgefahr beseitigt war, ein sicherer Schutz Lord Archibalds den Hund getötet hatte und Maud wohlbehalten in den Armen der Mutter lag, lietz die Spannkraft

MelanicS nach. Zur Zeit des Unfalls der Kinder hatte sich Donalo mit seinem Bruder William in der Bibliothek aufgehalten. Beide waren emsig beschäftigt gewesen, der reich­haltigen Büchersammlung, die neuesten Werke astronomischer und geographischer Wissenschaft, die Kapitän Donald auf seinen Reisen erworben, einzureihen. Donald war dabei auf seine Reisen nach Indien und all die andern Tropenländer zu sprechen gekom­men und seine anregende Schilderung von Land und Leuten hatte ein so wechselreiches, farbenprächtiges Bild vor Williams geistigen Augen entrollt, daß beide Herren, ganz ver­tieft in ihre Gedankenwelt, die nächste Um­gebung vergaßen. Erst die angstvollen Hilfe­rufe seiner Gattin machten den Kapitän auf­merksam auf das Geschehnis, und als beide Herren zur Unglücksstätte hinabkamen, war Melanie eben dabei, die verletzte Hand Wal­ters der Handschuhe zu entledigen, um ihm die nötige Pflege angedeihen zu lassen.

Geisterbleich, mit verstörten Blicken starrte Melanie auf die schöne, schlanke Knabenhand hernieder, die außer einer tiefen, klaffenden Bißwunde dunkle, bläulich-schwarze Finger­nägel zeigte, jene untrüglichen Kennzeichen, welche die Natur den Nachkommen der Misch­lingsrasse zwischen farbigen und weißen Menschenkindern noch bis in die dritte und vierte Generation aufdrllckt. Wie ein Blitz des Erkenntnisses zuckte es durch Melanits Seele, und ein tiefes Erbarmen erfüllte ihr Herz. Also darin war der Grund zu suchen, weshalb in Ines Zügen sich hohe, seelische Pein ausprägte, sobald Ellinor die Sprache auf Mißheiraten oder auf die dunkle, ver­achtete Raste des Heimatlandes der Schwäge­rin brächte. Und nun mußte ein unglückseli­ger Zufall das wohlbehütete Geheimnis der Familie offenkundig werden lassen und Elli­nor, die jede Gelegenheit erfaßte, ihre tadel­lose Ahnenreihe zu betonen, vermochte auch auf die zweite Schwägerin, die den Stem­pel der farbigen Abkunft an den Händen trug, mit hochmütiger Verachtung herabzu- sehen. Nur ihr, ihr allein blieb der Triumph der vornebmen Geburt ungeschmälert. Nein, um jeden Preis mußte Melanie das Geheim­nis zu wahren suchen. Die schwer verletzte Hand des Knaben rasch mit einer Kompresse verdeckend, winkte ihr stiller Blick Donald herbei. Sie allein verstand, was dem ernst Besonnenen Mann in diesem Augenblick die ganze Sicherheit seines Wesens ' nahm, sie allein verstand die Qual, die aus feinen Augen sprach. Ihre Ruhe wirkte beruhigend auf ihn zurück.

„Ist die Verletzung schwer?" fragte er mit tonloser, angsterfüllter Stimme.

„Eine starke Bißwunde am Oberarm, eine weitere in den Fingern der rechten Hand," er­widerte Melanie schweratmend. „Es wird lange Zeit vergehen, bis der arme Walter die heutige Vergnügungsfahrt vergißt. Bissige Hunde sind gefährliche Gesellschafter für Kinder!"

Der strenge Vorwurf, der in diesen Wor­ten lag, reizte Ellinor zu heftigem Zorn.

„Cäsar ist vorzüglich dressiert und kei­neswegs bissiger Natur!" gab sie erregt zur Antwort. „Er glaubte seine Herrin durch Walter bedroht. Das Tier ist eine rohe Be­handlung nicht gewöhnt. Walter schlug mit der Peitsche nach ihm und hat sich deshalb den Unfall selbst zuzuschreiben. Es liegt in Ihrer Art und Weise, alle Dinge zu llber- treiben, meine Liebe, und so hoffe ich denn zu meiner Beruhigung, daß die Bißwunden nicht allzu gefährlich sind und Walter die Folgen seiner Uebereilung nicht allzu schmerzlich empfindet!"

Um die Wunden des Knaben bester zu besichtigen, trat sie näher an ihn heran. Walter machte eine ängstlich abwehrende Be­wegung mit der Hand, dabei löste sich die Kompresse und die klaffende Bißwunde, die ihm die starken Vorderzähne des Hundes ge­schlagen, die bronzedunkle Hautfärbung zu den bläulich schwarzen Fingernägeln kamen zum Vorschein und lagen offen vor Lady Ellinor Augen. Ihr Blick bohrte sich an der entstellten, verschwollenen Hand fest. Ein böses, unheimliches Funkeln trat in die nachtschwarzen, glimmenden Augen und ihre Züge drückten abwechselnd Grauen, Abscheu und Entsetzen aus. In ein wildes, zügel­loses Hohngelächter ausbrechend, raffte sie ihre Kleider wie zum Schutze vor etwas Ent­setzlichem an sich und stürzte mit allen Zei­chen des Abscheus an der tödlich erschreckt«! Ines vorüber, zur Schloßtreppe hinauf.

Alle Lebensfarbe war aus dem gesunden, bräunlichen Antlitz Donalds entflohen, es war erdfahl geworden, nur seine Augen sprühten im herben Spottgefühl, seine Lip­pen aber lächelten seiner Gattin und seinen Kindern liebevoll beruhigend zu.

Das unerwartete Borkommnis zerstörte ihm schöne, gediegene Lebenspläne, nun es aber eingetreten, ertrug er es mit der Würde eines Mannes, der sich der Konsequenzen sei­ner Handlungen bewußt ist. Eine entschie­dene Handbewegung wies alle Hilfeleistungen der Dienerschaft zurück. Mit starken Armen hob er seinen Sohn empor, preßte den fie­bernden Knaben fest an seine Brust und trug ihn auf fein Zimmer. Oben angekommen, reinigte und verband er sodann die Wunde mit der Umsicht und Geschicklichkeit eines Wundarztes. Nachdem er Walter noch ein fieberstillendes Getränk eingeflößt, fiel der Knabe in einen ruhigen Schlaf.

„Mehr als es Familienbonde zu thun vermögen, verbindet uns diese Stunde ge­meinsamer Sorgen und Schmerzen, Me­lanie," sagte Donald in überquellendem Dankbarkeitsgefühl, die Hand der Schwäge­rin an feine "Sippen führend. „Die Wun­den, die hier," er deutete auf seinen Sohn, „ein bissiger Köter schlug, sie werden in ab­sehbarer Zeit verheilen, doch jene Wunde, die uns ein ränkevolles, in grossem Hochmut und Selbstsucht erstarrtes Weib zugefügt, sie wer­den immerdar schmerzend in unsrer Seele fortleben. Wie heiter und sonnenklar gestal­tete sich in meinem Geist dieses Zusammen­leben mit meinen Brüdern und Schwägerin­nen und nun nahm es ein jähes, mißtönen­des Ende. Wie schlug mein Herz diesem Wiedersehen entgegen, wie wünschte ich Euch allen ein Freund und Bruder zu werden, ver­geblich! Nicht meine Schuld ist es, daß der giftige Same der Zwietracht unter uns aus­gestreut wurde. Nicht länger soll es Ellinor gestattet sein, die Gastfreiheit auf das Schmählichste zu mißbrauchen. Ich werde Archibald zu einer sofortigen Abreise bestim­men und den Geist des Unfriedens von der Schwelle bannen!"

Er lächelte bitterschmerzlich vor sich hin.

„In thunlichster Kürze wird die Welt um eine große Neuigkeit bereichert werden und erfahren, daß die Gattin und Söhne des Kapitäns Donald Douglas farbiger Ab­stammung sind, folglich einige Tropfen schwarzes Blut in ihren Adern tragen." Verächtlich lächelte er vor sich hin. William, der seine Schwester Ines, die die aufregende Scene furchtbar angegriffen hatte, unter die Obhut ihrer Kammerfrau zurückgeöracht und der nun hereinkam, um sich über den Zu­stand seines Neffen zu vergewissern, stieß bei den vertraulichen Eröffnungen seines Bru-