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„Ich glaube Dir und darum bin ich ru­hig!"

Sie schwieg einige Minuten, wie um Kräfte zu sammeln, dann fuhr sie mit ruhi­ger, klarer Stimme fort:

„Draußen ist es Mnter. Hörst Du, wie der Wind heult! Kein Blümchen blüht draußen und die Erde ist hart und kalt. — Ich liebe den Frühling so sehr, so unaus­sprechlich, aber ich werde ihn nicht mehr erleben."

„Lucie!" —

„O, unterbrich mich nicht!" bat sie fle­hend.

Edgar legte die Hand über die Augen und, hörte still und geduldig, was der Abgott seines Herzens, seine einzige, heiße Jugend­liebe, ihm mit klaren Worten der Ueberzeu­gung ruhig verkündete. Jedes Wort drang in seine Seele mit brennendem Schmerz und er wußte, daß es die Wahrheit war und daß die Sonne der wachsenden Natur nicht mehr auf die reizende, süße Gestalt an seiner Seite scheinen würde. Niemals mehr!

„Und nun, mein Edgar," fuhr Lucie lei­ser fort und neigte sich tiefer, um ihm in das Gesicht sehen zu können, „nun komme ich zu meiner Bitte. Ich weiß. Du wirst mich nie vergessen, denn Du liebst mich, und was man geliebt mit ganzer Seele, das kann man niemals vergessen, in alle Ewigkeit nicht. Aber ich bin Dir so wenig gewesen. Ein langes Leben liegt vor Dir. Du bist jung und thatkräftig. Mein Freund, denke daran, daß Du nicht einsam bleibst mit Dei­nem weichen Herzen. Wenn ich Dich ver­lassen habe, nach Jahresfrist, wenn die frische Wunde nach und nach verheilt, gedenke, daß es ein Wesen giebt, dem Du das bist, was ich Dir war, bie ich geliebt, die mir eine teure, opferwillige Schwester gewesen; die mit Dir trauern wird und mein Andenken heilig halten wird. Gieb meinen Eltern eine Tochter wieder, die ihr Alter Pflegt, Edgar — hörst Du? —"

. Der junge Mann war unfähig zu ant­worten; er kniete vor der geliebten, jetzt schon verklärten Frau nieder und legte sein kummervolles Haupt in ihren Schoß.

Lucie aber wußte, daß ihr Wunsch ihm heilig sein würde und sah in weiter Ferne milden Frieden für alle die, die sie so zärt­lich geliebt und denen sie nur tiefes Weh be­reitet hatte. Nach einigen Augenblicken tie­fen Schweigens erhob sich der gebeugte Mann und schloß sein geliebtes Weib mit einer hei­ligen Zärtlichkeit in seine Arme, küßte ihr Stirn und Wangen und blickte ihr gefaßt in die glänzenden Augen.

Die bleiche Wintersonne neigte sich tie­fer und tiefer.

„Rufe Schwester Maria!" bat sie leise, „aber verlasse mich nicht!"

Edgar berührte den Knopf der Klingel, die er ohne sich zu erheben, erreichen konnte. Ein Diener trat herein und empfing ben Befehl, die barmherzige Schwester herbeizu- holen.

Nach wenigen Minuten erschien Maria und ging mit ihren leisen, unhörbaren Trit­ten durch das Zimmer. Sie blieb vor den beiden Gatten stehen.

Lucie schlug die Augen auf und sagte leise und mit Anstrengung:

„Ich fühle, Schwester Maria, daß ich Sie und alles, was ich liebe, verlassen muß. Ich sterbe gern, denn ich bin versöhnt mit der Welt.' Sollten Sie einst den Doktor Lorm krmitteln können, so sagen Sie ihm, ich hätte ihm vergeben, was er einst vielleicht unbe­wußt, jedenfalls unüberlegt an dem unschul­

digen Kind verbrochen. Sagen Sie ihm, daß ich in den Armen des einzigen Mannes ge­storben sei, der meiner Achtung und meiner Liebe wert gewesen. Versöhnt mit Gott und —"

Der letzte Sonnenstrahl huschte durch das weite Gemach und über das friedlich stille Antlitz der jungen Frau, die schmerzlos in die Ewigkeit hinübergeschlummert.

Allen aber erschien das kurze Dasein Lu- cies fast wie ein Traum, gedachten sie der reizenden Gestalt. Maria war kurz nach dem Begräbnis ihres schönen Schützlings, ihrer Freundin, die sie unaussprechlich lieb gewonnen, sofort wieder nach St. Marien zurückgekehrt.

Bald nach ihrer Zurückkunft ließ sie sich bei dem Oberarzt melden, um ihm den Gruß der sterbenden Lucie zu überbringen.

Er hörte sie schweigend, tief ergriffen an. Er hatte kein Wort zur Erwiderung und nickte nur stumm seinen Dank.

Seitdem hatte sie ihren Vetter nie mehr allein gesehen. Sie vermied es, mit ihm in Verkehr zu treten. Ruhig und fremd schritten die beiden nahen Verwandten ne­beneinander her. Jeder treu seiner Pflicht und dem schweren Amt, das Gott ihnen verliehen.

So zogen fast unvermerkt Wochen und Monate vorüber. Jahreszeit an Jahreszeit reihte sich mit gleicher Monotonie. Kaum ein Laut von der Welt da draußen hinter den hohen, schweigenden Eisbergen drang in die tiefe Einsamkeit von St. Marien.

Der Oberarzt hatte sich zum Abgott der ganzen Gegend emporgeschwungen. Wo im­mer nur ein Kranker weilte, der Hilfe und Trost bedurfte, der scheute nicht den weiten, gefährlichen Weg, um den verehrten Arzt um Rat zu fragen.

Ruhig und freundlich ernst, mit ange­borener Würde, schritt die hohe Gestalt des Doktor Lorm unter die Leidenden und Elen­den.

Martin Lorm besaß Mittel genug, um sorgenlos in der Welt leben zu können. Aber diese Welt hatte keinen Reiz mehr für ihn. Er unterschätzte die Macht der Vergangenheit nicht. Mutter und Schwester waren geborgen. Zärtlich wie immer beobachtete und sorgte er für sie.

Er aber konnte nicht Vergessenheit fin­den; nicht einig mit seinem Herzen werden.

Mit selbstauälerischer Pein suchte er die Stellen auf, die er vor Jahren an der Seite seiner schönen, großmütigen Freundin durchwandert. Sommer und Winter durch­kreuzte er die unwirtbaren Gebirgspässe, er­klomm die höchsten Spitzen der Eisberge und blickte schwindelfrei hinab in die tiefen Schluchten.

So war es wieder einmal Herbst gewor­den. Wieder begannen die Blätter der Wäl­der sich bunt und bunter zu färben. Der Wind hatte sich aufgemacht und fang seine unheimlichen Weisen. Die Strahlen der untergehenden Sonne fielen in schräger Rich­tung durch die hohen unverhüllten Fenster in das Helle Gemach Doktor Lorms. Er wandelte, in tiefen Gedanken versunken, durch den schweigenden Raum. Draußen in den Zweigen sangen die Vögel ihr Abend­lied.

Warum mußte er heute ganz unvermit­telt auf einmal an die alte Zigeunerin den­ken, die einst vor Jahren im öffentlichen Krankenhaus gestorben und ihm warnend zu­gerufen:

„Der Fels ist hoch und die Schlucht ist tief!"

Warum trieb es ihn heut mit ganz be­sonderer Unruhe hinaus in das wilde Ge­birge? —

Er begab sich in das Konferenzzimmer, erteilte noch verschiedene Anordnungen und da keine Ursache vorhanden, bte seine An­wesenheit erforderte, nahm er sein leichtes Hütchen und seinen Gebirgsstock und verließ schnell das alte Gemäuer des Irrenhauses.

Rüstig stieg der Doktor die Höhen hinan; rastlos seinen Gedanken nach. Bald langte er in der Felsregion an, wo ihn von allen Seiten finstere Abgründe und gewaltige Steinfelsen umgaben. Immer höher und höher führte fein Weg. Von weiter, weiter Ferne, vom Windstoß getrieben, hörte er die sanften Klänge der Abendglocke heraufschal­len.

Beschwerlicher wurde der felsige Pfad; der Nebel begann sich zu verdichten und ein­zelne Schneeflocken jagten ihm ins Gesicht. Er merkte es nicht und schritt unaufhaltsam seinen Gedanken nach.

Jetzt war der Nebel so dicht und undurch­dringlich geworden, daß weder Wälder, Ab­hänge noch Berge zu unterscheiden waren. Alles weit umher nur eine einzige Fläche, ein großes, unabsehbares Nebelmeer.

Martin Lorm erwachte aus seinen Träu­men der Vergangenheit und blickte um sich. Er wußte, wie gefährlich es war, in dieser Jahreszeit sich von der Nacht hier oben über­raschen zu lassen. Er faßte seinen Bergstock kräftiger und versuchte hinabzusteigen, aber ein scharfer Wind und heftiges Schneetrei­ben ließen ihn nur langsam vorwärts kom­men. Nach stundenlangem Umherirren fühlte er feine Kräfte erlahmen. Die schneidende Kälte der Bergluft erstarrte seine Glieder, eine Ohnmacht umfing seine Sinne und in bewußtlosem Zustand sank er nieder in eine tiefe Spalte, die in dem Gletscher gähnte, aus welchem er gestanden. —---— —

Die Essensglocke hatte längst getönt in St. Marien und der Direktor und die Aerzte waren versammelt und warteten ihres Ober­arztes.

Aber Stunde auf Stunde verrann und er, der pünktlich auf die Minute, nie die Zeit versäumte, war noch immer nicht erschienen.

Das Unwetter brach herein und man fürchtete mit Recht, daß dem verehrten Kolle­gen ein Unglück zugestoßen.

Man versuchte, Boten auszusenden. Die ganze Nacht wurde die Nähe von St. Marien abgesucht. Alle Führer und Jäger der Um­gegend aufgeboten, mit Windlicbtern die Felsspalten ^u durchforschen. Alles vergeb­lich ; von Martin Lorm wurde keine Spur entdeckt.

Tiefe, aufrichtige Trauer herrschte in der ganzen Gegend, als die Nachricht sich ver­breitete, daß der geliebte Oberarzt von St. Marien auf einem Aufstieg verunglückt sei.

Wochen vergingen, als zufällig ein kühner Jäger die Leiche eines Mannes tief in einem Gletscherspalt entdeckte, in der man an seinem Stock und einigen andern Gegenständen den vermißten Arzt erkannte.

Mühevoll wurde die Leiche zu Tage ge­fördert und mit allen nur erdenklichen Ehren und Liebesbeweisen auf dem kleinen Kloster friedhof beigesetzt. Dankbarkeit schmückt den niederen Hügel mit frischen Gebirge blumen und Laub- und Tannengewinden. Unvergessen lebt,der geliebte schöne Arzt noch im Munde und Gedächtnis aller schlichten Gebirgsbewohner und sie erzählen gern von dem segensreichen Wirken und der milden, frommen Freundlichkeit des Oberarztes von St. Marien.