fester des Doktors Hand. „Ich liebe diesen Ort vor allen; aber ich kann mich eines ge- wissen Grausens nicht erwehren. Mir ist stets, als ob gespenstische Arme mich umschlingen und mit sanfter Gewalt hinab in die jähe Tiefe ziehen wollen!"
„Welche Visionen, teuerste Frau! Das ist krankbaft und gefährlich!"
„Nein. Es ist ein angenehmes Grauen. Ein solches Ende hat nichts Erschreckendes für mich. Fürchten Sie den Tob?"
„Ich habe ihm oft in das Gesicht gesehen. Glauben Sie mir, es ist nicht so leicht, zu sterben!"
„Und doch wohl oft viel schwerer, zu leben! Aber es giebt ein Mittelding zwischen Leben und Tod, das ist doch das Schwerste, Entsetzlichste. Wissen Sie, was, das dort oben für ein Gebäude ist, das in all der großartigen Alpenwelt unter Schnee und Eis zwischen Gebirge und Fels vergraben liegt? Einsam und verlassen, mit seinen Bewohnern von aller Welt geschieden und gemieden?"
„Ja, gnädige Frau!" erwiderte der Arzt mit seltsam verschleierter Stimme, „ich hörte davon. Es-ist unter den Nervenärzten ein bekanntes Asyl für unheilbare Kranke!"
„Sprechen Sie es aus, Doktor!" rief die Marquise erregt, „es ist ein Irrenhaus, das Irrenhaus von St. Marien. Und wer an seine Mauern kommt, der kehrt nicht zurück, außer in jenes Land, wo die Menschen einander nicht mehr das Herz brechen können!"
„Kommen Sie, teuerste Frau, ich bitte Sie. Es ist nicht gut, solchen Gedanken nachzuhängen."
Die Dunkelheit brach herein. Sie wanderten Arm in Arm schweigend zurück. Ueber ihnen schauten durch gebrochene Wolken die mächtigen Koppen der Berge. Tiefe Schatten, weite Stille ringsum. Er beugte sich schnell herab und zog ihre Hände innig immer wieder und wieder an seine Lippen.
„Hören Sie mich, Doktor," sagte sie im Weitersck-reiten, „hier in dem geheiligten Tempel her Natur will ich Ihnen vertrauen, was ich beschlossen habe. Wie sie wissen, stehe ich allein in der Welt. Nach dem Tode meines Gemahls fiel der größte Teil des Vermögens, weil es ein Marquisat war, an einen entfernten jungen Verwandten. Dennoch blieben mir wertvolle Kunstschätze und ein ansehnliches Kavital, über das ich freie Verfügung habe. Im Falle meines Todes fliegt es in alle Winde."
„O, Sie sind jung, von blühender Gesundheit —"
„Mein Freund, Sie als Arzt gerade müßten am besten wissen, welch ein unsichres Gut das Leben ist. Heute rot, morgen tot. Ich hänge nicht am bloßen Dasein. Ohne Frieden könnte ich nicht leben!"
„Wer würde es wagen, den zu stören?"
„Das ist eine Frage der Zeit."
„Teuerste Frau, ich verstehe Sie heut nicht."
„Ja, es soll manchmal vorkommen, daß die besten Freunde einander nicht verstehen. Genug davon. Ich bin zu dem Entschluß gekommen, mein Testament zu machen und will Sie zu meinem alleinigen, unumschränkten Erben einsetzen!" —
„O mein Gott, teuerste Frau," rief der Doktor stehen bleibend. „Wie habe ich das verdient, was kann ich Ihnen dafür bieten. Ich, der nichts hat und nichts ist?" —-
„Ich verlange nichts, als daß Sie mir das bleiben, was Sie mir jetzt sind, voll und ganz, haben Sie mich verstanden? Nichts weiter, aber auch nichts weniger. Es soll Ihnen beweisen, wie viel ich von Ihnen halte
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und ich hoffe, Sie werden mich nicht vergessen!'^
„Vergessen, Sie vergehen?"
„Es bleibt ein tiefes Geheimnis unter uns. Wenn wir zurückkehren in die Residenz, bekommen sie die versiegelte Abschrift. Nun bitte, Ihren Arm. Es wird spät, wenn wir daheim anlangen und morgen müssen Sie bei Zeiten aufbrechen, sonst haben Sie keinen Bahnanschluß!"------ ---
Noch lag tiefe Morgendämmerung über die weiten Gründe der Wälder, über die stillen Seegewässer und die frostigen weißen Spitzen der Berge ausgebreitet, als Doktor Lorm von feinem Führer geweckt, das gastliche Häuschen der Marquise verließ. Alles schlummerte noch. Er hatte bereits gestern Abschied von seiner liebenswürdigen Wirtin genommen. Nur auf einige Wochen sollte die Trennung sein. Wie hatte er sich an das Beisammensein mit dieser geistreichen Frau gewöhnt, von der er ganz genau wußte, wie teuer er ihr geworden. Wie unsäglich viele Beweise davon hatte er schon in Händen und nun wollte sie ihn und die Seinigen sorgenlos stellen fürs ganze Leben. Welch eine Fülle von selbstloser Liebe lag in dieser Handlung. Ein Gefühl unaussprechlicher Befriedigung beschlich ihn, ein zufriedenes Lächeln glitt über sein schönes Gesicht. „Sie giebt mir alles und ich verpflichte mich zu Nichts; ich interessiere mich lebhaft, unendlich lebhaft für sie, das ist wohl wahr. Ich werde ihr stets meine Dankbarkeit beweisen. Habe ich erst in Händen, was sie versvrach, bin ich jedenfalls für alle Fälle gesichert. Das habe ich doch nicht erwartet. Unbegreiflich ist doch das Herz einer Frau!"
Jetzt brach durch die Dämmerung die aufsteigende Sonne. Ein sanfter, blasser Schein durchdrang die Wolkenschicht und bestrahlte die alten, hohen Mauern des gespenstisch daliegenden Irrenhauses von St. Marien. Der junge Führer neigte das Haupt zum Gebet, auch Lorm blieb stehen, von der Feierlichkeit des Augenblicks hingerissen, in unwillkürlicher Andacht.
„Wir beten stets für den Frieden der ar- men Irren und ihre baldige Erlösung," sagte der junge Alpenbewohner einfach, indem er weiterschreitend sich sein Hütchen wieder aufsetzte.
„Haben Sie Verkehr mit den Leuten da oben?" fragte der Doktor, noch einen Blick rückwärts sendend auf das einsame Gemäuer, welches hinter die Berge zurllckzutre- ten schien und von dem man bald nur noch die emporsteigende äußerste Spitze benierkte, die jetzt vom vollen Tagesschein beleuchtet wurde.
„Nur wenn wir die Lebensmittel hinaufschaffen, die der Hausmeister täglich bestellt, oder einer der Aerzte oder die frommen Schwestern zu uns hinabsteigen. Wir beten für sie alle, aber wir meiden die Bewohner von St. Marien. Es bringt uns kein Glück, wenn wir mit ihnen reden."
„Welch weltvergessenes Dasein! Wer möchte ein solches Leben führen," dachte der Doktor bedauernd. Wie anders brächte er seine Tage zu. Abwechslung und anmutige Tändelei im Salon ließen ihn die ernsten Stunden im Krankenhause vergessen. Seitdem er den anregenden Verkehr im Hause der Marquise pflegte, war seine Zeit bis auf die Minuten besetzt und auf das beste verwertet. Wie hold lachte ihm das Glück in jeder Gestalt.
In diesem vollen Glücksbewußtsein wanderte und kletterte er seinem Führer nach durch alle die Schluchten und Thäler, alle
die Schönheiten der großartigen Alpenwelt. Er sang fröhlich halbvergessene Studenter- lieder, die das Echo tausendfältig wiedrr- gab, übermütig, heiter und sorgenlos lagen die kommenden Tage vor ihm. Das schi» Wetter begünstigte ihn. Immer Sonm- schein und klare Luft, genoß er der schönst« Fernsicht. So verfloß der kurze Urlaub Gestärkt an Leib und Seele kehrte er frisch end munter in die Residenz zurück. Mutter und Schwester daheim erkannten den Sohn und Bruder kaum wieder aus feinen glücklichen Briefen.
Jeder Mensch steht einmal auf der Höh seines Geschickes; selten erhält er sich lange darauf, er müßte denn den richtigen W ment sicher erfassen. Verfehlt er ihn abn, dann ists um ihn geschehen und es geht schnell abwärts wie der Sturz einer Lawine.
Manon de Veau hatte Wort gehalten. Kaum aus der Sommerfrische zurückgekehrt,, ließ sie ihren Rechtsbeistand kommen nw verfügte in aller Form über ihre Habe. Keiner ihrer näheren Bekannten hatte eine Ahnung davon. Die einzige, die darm wußte, war Margot, der die Marquise auch ein ansehnliches Legat ausgesetzt. Sie war ihrer gütigen Herrin unendlich zugethan und wollte sich nicht trösten lassen über dieses Vorhaben.
„Du thörichtes Mädchen," lachte Manon heiter, „wie kannst Du darüber weinen Ich bin jung und gesund und werde vielleicht Euch alle beide überleben. Es ist nur aus alle Fälle."
Margot trocknete ihre Thränen und begleitete den Rechtsanwalt zur Thür hinauf
„Ist es unumstößlich, Herr Doktor?" fragte sie ihn ängstlich.
„So lange die Marquise lebt, nicht; ist dieselbe aber tot, ist nichts daran zu ändern, denn es ist rechtskräftig verfaßt!" - .
Er- zog seinen Hut und empfahl M
Margot ging schluchzend in ihr Zimmer Sie war eine kleine, muntere Französin, die ihre Herrin abgöttisch liebte. Sie war am guter Familie, hatte eine vorzügliche Erziehung genossen durch die Güte des verstorbenen Marquis, der sich der kleinen Waise des verarmten Kaufmanns Humbert auf dm freundlichste annahm. Bei seiner Verhei ratung blieb das junge Mädchen, das nur ein Jahr jünger war als Manon, als ihre Dienerin, Gesellschafterin, fast Freundin M dem vornehmen Hause. Sie hatte alle W Reifen der Herrschaft mitgemacht und all rhe Denken und Fühlen hing eng mit der M milie zusammen, an welche sie bie innigm Dankbarkeit knüpfte. Nach des edlen, Marquis Tod wachte sie über ihre einsam dastehende Herrin mit fast mütterlicher W! falt und Zärtlichkeit. Jedes erneue Gma hatte sie bis jetzt entschieden zurückgewiestn- sie lebte nur für die Marquise und wollte sich nicht von ihr trennen. In Paris hatte sie vor Jahren einen intelligenten jungen Kaufmann kennen gelernt, der bald ein led hafteres Interesse für das Hübsche gewand« Mädchen empfand. Auch Margot gefiel der liebenswürdige Mann. -
Da die Marquise ebenfalls ihr großes 4°} wollen über die Sache äußerte und sich der juM Pringott um ihre Fürsprache beworben HP wurde die Verlobung gefeiert. Margot gPI aber nur unter der Bedingung auf drei | Vereinigung ein, vorläufig noch, an i'11 Heirat zu denken und jedenfalls immer M der Nähe der Marquise bleiben zu durst« So war nun auch Henry Pnngoll semL Braut nach Deutschland gefolgt, und, wenn auch in einer entfernten Stadt, hostte e>