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wollte sie zurückhalten. Plötzlich erschien Doktor Lorm, verführerisch schön mit seinen dunklen Augen. Lucie blickte ihn an, wie damals auf dem unseligen Ball, er erfaßte ihre Hand und sie zog ihn mit sich in die schauerliche Tiefe!------
Doktor Lorm schritt geräuschlos durch die weiten Krankensäle seiner Station. Er trat an jedes Bett und wechselte mit jedem Leidenden einige Worte in seiner milden Freundlichkeit: Hier Anordnungen treffend, dort Trost spendend, überall zur Geduld ermahnend, wie ein segnender Heiland unter den Kranken und Elenden dieser sündigen Erde. Alle Augen sahen ihm dankbar nach, wenn seine hohe Gestalt weiterschreitend sich von ihnen entfernte. Es war ein anstrengender Morgen gewesen; eine schwierige Operation hatte er zwar glücklich ausgeführt, aber es lag die geistige Spannung oder vielmehr Abspannung drückend auf feiner Seele. Noch durfte er sich keine Ruhe gönnen, denn seine Patienten mußten alle besucht werden. Jetzt wendete er sich zu der letzten Lagerstätte in der Fremdenstation. Aus den weißen Kiffen schaute ein uraltes verschrumpstes Gesicht hervor.^ Die Haut war wie gelbes Pergament in tausend Falten über einen Totenkopf gezogen. Wirres Haar fiel über eine niedrige Stirn, unter der aber tiefschwarze Augen unruhig und fast in jugendlichem Glanz sich hin und her bewegten. Als der junge Arzt sich liebreich über sie beugte, faßte sie schnell mit ihren knöchernen Fingern seine herabhängende Hand und zog sie, ehe er es verhindern konnte, an ihre heißen welken Lippen.
„Segen über Sie, Herr," sagte sie in der weichen melancholischen Mundart ihres Stammes, denn sie war eine alte Zigeunerin, die schwerkrank vor einigen Tagen in das öffentliche Krankenhaus eingeliefert worden. „Segen über Sie,.denn Sie haben mir wohlgethan. Meine Schmerzen sind verschwunden und Sie sind freundlich zu mir gewesen, wie nie ein Mensch auf dieser stolzen Welt. Die alte Ilse hat nun bald ausgelebt; ich weiß es, sehr bald; aber sie möchte Ihnen dankbar sein für Ihre Gutheit!"
„Ich that nur meine Pflicht, Mütterchen," erwiderte der Dsktor freundlich. „Sie sind mir keinen Dank schuldig."
„O Herr!" rief die Alte eifrig, „das muß ich besser wissen. Sie sind ein Engel für mich gewesen und in meiner Todesstunde werde ich nur an Sie denken. Könnte ich Sie schützen vor einem bösen Verhängnis! Ich bin einst draußen in der Welt bekannt gewesen als eine berühmte Wahrsagerin und verstehe, in der Zukunft zu lesen!"
„Nicht doch, Mütterchen," sagte Lorm gütig, aber abweisend. „Ich glaube nicht daran und will nichts hören!"
„Nein, Herr, ich will auch nichts betraten, denn ich besitze nicht die Mittel, das kommende Geschick zu verhindern. Nur eine Bitte: Hütet Euch vor den Frauen, sie werden Euch Unheil bringen!"
„Ihr irrt Euch, Mütterchen!" rief plötzlich die Stimme eines Kollegen, der an der Seite des Doktor Lorm erschien. „Ihr hättet sagen müssen, Er bringt den Frauen Unheil, das sei Gott geklagt!"
„Ich weiß, Herr!" sagte die Zigeunerin ruhig und bestimmt, „die Menschen bringen einander immer eher Unglück als Glück; aber es ist ein ganz besonderes Verhängnis, was hier gemeint ist. Es ist des Lebens Ende, es ist der Tod, denn der Felsen ist hoch und die Schlucht ist tief." Doktor Lorm konnte sich eines gewissen unheimlichen Gefühls nicht erwehren, als die alte Frau mit ihren funkelnden Augen ihn starr und unverwandt ansah. Die alte Ilse war eine Sterbende,
das wußte er; sie konnte kaum den heutigen Tag überleben. Er zwang sich zu einem Lächeln:
„Mütterchen!" sagte er in seiner gewöhnlichen Milde und Ruhe, „Sie kennen mich nicht, sonst würden Sie dergleichen nicht fürchten. Mein Leben hängt nicht von Weiberaugen ab. — Verhalten Sie sich recht still, versuchen Sie zu schlafen, ich kehre heut abend noch einmal zu Ihnen zurück!"
Doktor Lorm nickte freundlich mit dem Kopf als Gruß und schritt weiter, aber er hörte noch die leisen, geheimnisvollen Worte der sterbenden Zigeunerin, die sie flüsternd wiederholte: „Der geifert ist hoch und die Schlucht ist tief!"--------
Manon de Beau wandelte prüfend durch die Reihe ihrer reizenden Gemächer. Die Kronleuchter waren bereits angezündet, ein leichtes Feuer brannte auf dem Kamin, die Gegenstände alle mit flüssigem Schimmer vergoldend. Wie behaglich, wie vornehm und doch anheimelnd war es in der ganzen Wohnung der schönen Frau. Anders allerdings wie im allgemeinen, wie die Besitzerin dieser antiken Möbel einer Rokokozeit auch anders war in ihrem Leben, Treiben und Ansichten wie die vornehmen Damen der modernen Aristokratie. Sie selbst nannte ihre Häuslichkeit ihr kleines Museum und hatte nicht unrecht darin. Nur alles echte Alte hatte Wert für sie; sie wendete Unsummen daran, irgend eine Antike sich zu verschaffen, sei es nun ein Stück Möbel, Silber, Porzellan^ oder eine Büste, Armleuchter, Truhen, geschnitzte Figuren aus Holz und Elfenbein oder Marmor; sie mußte es erlangen und wußte es zu plazieren mit einem Geschmack, der jedes kritische Künstlerauge befriedigte.
Alles war malerisch geordnet, keine Ueber- ladung; in aller Verschiedenheit doch eine angenehme Harmonie, Die alten venetianischen Spiegel warfen das Bild der Hausfrau treu zurück, die augenblicklich in sinnender Haltung in der Mitte des Empfangszimmers stehen blieb. Sie erwartete die beiden jungen Aerzte früher als ihre andern Gäste. Sie wollte sie zuerst allein empfangen.
„Ich muß gestehen, mich reizt einigermaßen dieser fremde Mann, das heißt, wie mich überhaupt etwas zu reizen imstande ist." Sie überblickte ihr Spiegelbild mit wohlgefälligem, überlegenen Lächeln. „Seine Nichtachtung der Frauen im allgemeinen gefällt mir; er rühmt sich dessen, er spielt mit ihnen. Wohl, sie verdienen nichts Besseres; ich gönne dergleichen meinen schönen Mit- schwestern. Falsch wie ihr Haar und ihre blühende Farbe ist meist auch ihr Herz; alles nichtige Koketterien. Er zahlt es ihnen heim. Vortrefflich — aber die Versuchung, ihn dafür zu strafen, liegt allzu nah." — Hell und silbern klang ihr spöttisches Lachen in der weiten sie umgebenden Stille und Einsamkeit. „Nur das hat Wert, was unerreichbar erscheint. Ah, was ist unerreichbar für eine kluge schöne Frau! Nehmen wir den Kampf auf. Diese zerbrechliche Hülle birgt Nerven von Stahl, einen starren, trotzigen Willen und ein unergründliches Herz!" —
Sie hörte das Anschlagen der Hausglocke; Stimmen im Korridor und im nächsten Augenblick standen die beiden Aerzte in ihrer kleidsamen Uniform vor der ihnen einen Schritt entgegengehenden Frau des Hauses.
„Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich Ihnen meinen Freund und Kollegen Herrn Doktor Lorm vorstelle!"
Manon neigte grüßend den kleinen Kopf und reichte den beiden Männern freundlich die Hand, die sie ehrfurchtsvoll an ihre Lippen zogen.
„Seien Sie mir beide herzlich willkom
men und lassen Sie es sich ein wenig gefallen in meiner kleinen Häuslichkeit!"
Lorm wurde eigentümlich berührtem dem sympathischen Klang dieser etwas Am Frauenstimme. Er blickte um sich in dirsm eigenartigen Gemächern und auf die aufen gewöhnliche Erscheinung der vor ihm stehende« - Frauengestalt. Er glaubte sich in ein Wichen seiner Kindheit versetzt und ließ den unbekannten Zauber willenlos auf sich einwirle«, Er fand keine Worte der Erwiderung und verbeugte sich nur tief.
„Interessieren Sie sich für Altertümer, für Gemälde, Statuen und sonstige Äntikm, so erlauben Sie mir, Ihnen meine Raritäten zu zeigen," sagte die schöne Frau mit einem leichten Neigen des Kopfes in die Nk- bengemächer voranschreitend.
Doktor Lorm folgte wie ein TräumeM der reizenden Cicerone, von Bild zu Bild, von einer Statue zur andern, aus einem Zimmer in das andre. Von jedem Gegenstand wußte sie in ihrer fesselnden Weise zu tr- zählen, wo sie ihn entdeckt, wie sie ihn endlich erlangt. Ueberall war sie selbst gewesen, hatte die höchsten Berge bestiegen, die tiefsten Schluchten durchforscht, aller Herren Länder durchschritten, so daß Lorm sich ernstlich fra- . gen mußte, ob er es hier mit einem würdigen alten Professor oder mit einer jugendlich frönen Frau zu thun habe, die in anmutiger, graziöser.Weise durch diese vornehmen Räume neben ihm einherschritt. Andre Besucher, die jetzt erschienen, machten dieser eigenartigen Promenade ein ungewünschtes Ende. Die Wirtin war gezwungen, sich ihren übrigen Gästen zu widmen. Sie hatte für jeden ein freundliches Wort zur Begrüßung. Eine bunte, hochinteressante Gesellschaft füllte bald die weiten Räume. Künstler und Gelehrte, Musiker, Maler, Offiziere, einige namhafte Koryphäen der Bühne, Juristen und Staats- ; männer, jung und alt, hübsch und häßlich von Gestalt, alles bewegte sich wie leuchtende Sterne um eine einzige strahlende Sonne. 1
Manon de Beau war der Mittelpunkt dieses illustren Kreises, die ihren Glanz über alles verbreitete, sich in jede Unterhaltung vertiefte, über alles zu sprechen wußte und zwar mit einer Anmut und einer Leichtigkeit und doch mit einer ernsten Tiefe, die überall M- wunderung und hohe Verehrung hervorrief Ihre Gäste waren ohne Ausnahme nur Vertreter des starken Geschlechts, nie verirrte M j eine Dame in diese heiligen Hallen der KM 1 und Wissenschaft, die mit reichen Teppichr» belegten Parkettfußböden ladeten nicht ^ Tanz und Kokettieren ein und Tändelei war verbannt mit unnachsichtiger Strenge. Und dennoch schwanden die Stunden hin mit unglaublicher Schnelligkeit. Musik und Gesang wechselten mit allen nur erdenklichen Tagesgesprächen. Man wußte hier alles und Horn vieles, was der Welt außerhalb dieses Kreises oft noch lange ein Geheimnis mit fünf Sie geln war. Animierende, geistsprühende Reden wurden gehalten, feiner Witz flog lächelnd vBj Mund zu Mund und fröhlich angeregt ver ließ ein jeder das gastliche Haus der schon»' Marquise.
Lorm folgte berauscht seinem ältern Ko> legen. Noch tönte in seinem Ohr die herzliche Einladung der seltenen Frau, ihr ferner mit seinem Besuch zu erfreuen. hatte die kleine weiße Hand geküßt und >w in die unergründlichen Augen gesehen un sich gefragt, worin denn eigentlich der Zn"?^ lag, den sie über alle verbreitete, die im nahten. Er war eine nüchterne, ruhige Natur und seine leichten Tändeleien in [seinem genehmen den Frauen gegenüber paaren i>c>j ganz oberflächlich gewesen. Auf einmal trat ihm hier ein weibliches Wesen gegenüber, da-