Die Wärterin wendete sich ab, Givette aber sagte befangen:
„Gnädigste Gräfin,--sie ist schwach, — — sehr schwach."
„Ich will zu ihr!"
„Verzeihung, — — aber ich fürchte ich
„Der Anblick bet Mutter wird sie nick erschrecken, ich will ungesäumt zu ihr!" drängte die Gräfin besorgt und unruhig.
. „Sie schläft und der Arzt . . ."
„So führen Sie mich zu meinem Schwie gersohn!"
Givette verneigte sich, öffnete die Thür, deß die Gräfin voranschreiten und sagte mit einem Seufzer der Erleichterung:
„Conte Agolini ist im kleinen Salon."
Wieder gingen sie mit unhörbaren Schritten über die weichen Teppiche. In der Mitte des Vorraumes lag die Thür zum kleinen Salon, die Givette leise öffnete; sie fchob die veilchenblauen Sanimetportieren zurück und meldete mit gedämpfter Stimme:
„Die gnädigste Frau Gräfin Mutter!" „Beppino!" rief die Gräfin.
Der junge Mann, der im düster verdunkelten Raum auf einer Ottomane saß, die Hände auf den Knien gefaltet, rührte sich nicht.
„Beppino!"
Das klang laut und bang; aber umsonst, der Mann blieb unbeweglich. Da ging ein Frösteln durch den Körper der Frau und wie Eis so kalt war die Hand, die sie auf des Mannes Schulter legte, indem sie bebend fragte:
„Was ist mit Helene? Um Gottes Barmherzigkeit willen, Beppino sprich!"
Laut lachte der Mann auf; ein Lachen so grausig und weh, daß die Gräfin entsetzt einige Schritte zurückwich. Tann ging das Lachen in ein Schluchzen über, und krampfhaft zuckte des Mannes Körper; plötzlich sprang er auf, und mit einem Blick voll Weh und Oual sah er die Mutter an, daß sie bis ins Herz erschauerte. Mit eisernem Griff ratzte er ihre Hand und führte sie durch kar- bol- und äthergeschwängerte Räume zum Schlafgemach; „das Glück war zu groß!" murmelte er.
Da sank die Gräfin gebrochen zusammen, Conte Agolini aber lachte wieder sein unheimliches, wirres Lachen.----
Das Schlafgemach war heute der hellste Raum in der Villa, aber wie schaurig war diese Helle! Läden, Rollen und Gardinen waren fest geschlofien, der hohe Pfeilerspiegel verhängt und rings um das weite Himmelbett brannten Wachskerzen mit flackerndem Schein; Wachskerzen an den Wänden und auf den Tischen. Ganze Büschel von Narzissen, Jasmin und Rosen standen umher und verbreiteten betäubenden Duft, Oleanderbäume und Palmen mit ernsten dunklen Wedeln standen in den Ecken, und in schwellender, weißer Spitzenflut lag, bleich wie eine Lilie, die stumme junge Mutter. In starren, glänzenden Falten floß ihr weißes Brautkleid an ihr nieder, im lichten Haar das Myrtenkrönlein, das sie vor Jahresfrist als glückliche Braut auf dem Locken scheitel trug. — — - —...... - —
In Monsumano bei Florenz liegt, von einem Olivenhain umschattet, das Stamm schloß der Agolini della Sesta. Vor Jahres, frist war der alte, massive Bau mit allem mobernen Komfort neu ausgestattet worden, renn der Letzte des alten Geschlechts hatte sich in Welschland bei einer Badereise mit der jugendlichen Tochter eines altlothrin-
'chen Grafenge schlechtes verlobt und tt
dachte mit seiner jungen Frau die Winter- monate in seiner südlichen Heimat zu verbringen, während die verwitwete Mutter der blondlockigen Braut, dem jungen Paar als Hochzeitsgabe eine schmucke Villa im Jugendstil, in der Stille eines laubigen Gartens in Metz hatte ausbauen lassen, wo die Sommermonate zugebracht werden sollten.
Welch glückliche Tage hatte dort Graf Beppino mit des zarten, lieblichen Gräfin verlebt und welch' fröhliches Lachen hatte durch die Laubgänge geschallt, wenn das sorglos-selige Paar durch die alten Parkwege wandelte! Alt und jung aus Monsumano wußte von der Güte und Lieblichkeit der jungen Frau zu erzählen, die stets eine offene Hand für die Bittenden, ein gutes Wort und ermunternden Trost für Kranke und Leidtragende gehabt hatte; aber am begeistertsten sang doch Juanita ihr Lob, die junge Gärtnersfrau, die wenige Wochen nach dem Schloßherrn geheiratet hatte, und die nun einen träftigen Burschen mit braunen Wangen und dunklen Glutaugen als Erstgebornen auf den Knien schaukelte. Aus Metz hatte ihr die junge Herrin die ganze zierliche Ausstattung für den Neugeborenen geschickt, und sie hatte allen Bekannten die niedlichen Sachen in stolzem, jungen Mutterglück gezeigt und leise ihren Vertrauten mitgeteilt, die Gräfin hätte ihr einen langen Brief geschrieben un^ in zwei Monaten würde sie ins fremde Land reisen, um Wärterin oder gar Amme'des jungen Grafenkindes zu sein, das die Herrschaft mit Sehnsucht erwarte.--—
,---lind nun ist das Schloß toieber bewohnt; Juanita ist nicht ins fremde Land ' gereist und der' junge Graf ist nicht wiedergekommen, den Winter mit seiner zarten, blonden Frau auf seinem Ahnensitz zu ver bringen. Er ist in Begleitung eines Arztes in ein nordisches Seebad gereist, wo er den Sommerrest trübsinnig und gedankenschwer verbracht hat, und jetzt lebt er wie ein Menschenfeind in der kleinen Metzer Villa; die Bäume im Garten neigen sich unter der schweren Last eines frühen Winters, der Springbrunnen ist eingefroren, grau liegt der Nebel über allem, und ihm paßt die trübe Naturstimmung, denn sie ist seinem Fühlen und Empfinden verwandt. Alle Tage wan- . dert er den Weg bom Römerthor nach dem großen Friedhof in Plantieres, wo all sein Glück begraben liegt und die weiße Marmorfigur eines trauernden Genius über dem Grabe seines Lieblings reißt alle Tage neu : die schmerzende Wunde auf, die der jähe Tod seines geliebten Weibes ihm geschlagen.
Sein Kind, die kleine Alexandrina, die in der Taufe den Namen der Großmutter erhielt, hat er nie sehen wollen, ihm krampst sich das .Herz zusammen, wenn er daran denkt, daß ihre Geburt seines Weibes Tod . verschuldet und fast herrisch hat er verlangt, daß sie im Stammschloß seiner Familie aufwachsen soll. Die tiefgebeugte Großmutter ! hat sich gefügt. Sie hat ja keinen andern Lebenszweck mehr, als dieses zarte, rosige Kind, das die Augen und die Züge seiner toten Mutter trägt und sie hat mit zuckendem Herzen Abschied von der Heimat und dem grünen Hügel genommen, der über ihre ; Helene sich wölbte, um das weite, große Schloß zu beziehn, wo vor Jahresfrist ein i lachendes Paar in sorglosem Glück seine Flitterwochen verlebte.
Die Gräfin Hunoleberg hat ihren Landsitz in Lothringen verkauft, sie hat alle Brücken hinter ' sich abgebrochen und hat nur ihre bewährten Diener mitgenommen in die neue
nersfrau hat ihr erzählt, die habe er ch der Mutter geerbt; sie habe eine SE gehabt, wie ein silbernes Glöcklein und sie in der Kirche gesungen hätte, baust w; die Augen der Lauscher feucht getop1 vom Vater habe er die andre Kunst und es fei ein Jammer, daß sie nM r Mittel hätten, den talentierten Bursche" Heimat: auch Cdiüette hat sie begleitet, die einem großen Meister zu geben. AM
’'eine "(fern auf den Armen, und nun singt
die dunkeläugige Janita Tosti die fltinr, rosige Erbin in Schlaf, denn sie versieht d« Stelle der Amme bei Alexa, wie sie es ^ Mutter in ihrem Dankbrief damals besprochen hat, als das reiche sinnige Gesch,« für den kleinen Marko an^ekommen ist. .
Aber noch eine andre Stimme singt füg schmeichelnde Weisen, wenn Alexa nD schlummern will. Das ist Juan, der Eiiti nersleüte Pflegesohn, den sie an Kindessta! angenommen haben, als dem Mutiertest auch noch der Vater starb, der ein Brud« Tostis war.
Er hat eine Stimme so hell' und ffe wie der Ruf des Pirols und krauses schiW zes Lockenhaar umrahmt sein VunkelgetM- Gesicht, aus dem die weißen Zähne so M hervorschimmern wie die Perlmutterkette, ü Juanita an Festtagen um ihren bra« Nacken schlingt.
Die Gräfin Mutier ist um Jahre geak in den kurzen Wochen, seit sie das Teleam' an das Totenbett ihres einzigen Kindes rit schneeweiß sind ihre Haare geworden, k Haltung ist gebeugt, ihr Gang schlepM und ihren Augen fehlt der frische Gle»; den nur das Glück zu verleihen vermag. $ ganzes Welen geht in der Pflege Alexas» und Juanita ist zärtlicher mit dem M-
Nährkind, als mit dem eignen Sohn. — -
Jahre vergehen. In den Schattengst gen des Parkes, in den Blumenbeeten K Gartens und in den weiten Säulenhalle
Schlosses schallt frohes Kinderlach- kleine Marco ist ein scheuer Knabe, d
des der an die
den Rockschößen der Mutter hängt w Schwelle des Gärtnerhauses, die Hä des Gemüsegartens selten üverschreuei, A
Juan ist der treue Gefährte Aleras gefe ben. Er jagt und tollt mit'ihr durch die M ten Kieswege, er sucht ihr schillernde schein am Rand des kleinen Sees, und n
zählt ihr die wunderlichsten Märchen w= goldenen Fischlein, die in Hellen Nächten c das Ufer schwimmen und Perlen an W Strand tragen, und von den seltsamen Linien auf der Freitreppe des Schlosses, I alle hundert Jahre nur einmal fchneewt j Blüten treiben, aus denen ein Englein W sliegt, um den Duft in den Himmel zu i» gen
Alexa lauscht mit großen Augen wie vi- zückt, aber am glückseligsten jauchzt sie fü wenn er singt:
„Sul mare Lucia
L’astro d’argeitte — —“ 's
Die Großmutter sieht lächelnd dem ^, dclnden Spiel der Kinder zu und ihr ist, I lebte die alte Zeit wieder auf. Ganz so * Alexa war die blonde, zarte Helene, nur tz» sie — einsam aufgewachsen .— nicht so lachen gelernt wie ihr Enkelkind mit ^-' heitern Juan. Die südliche Sonne bräB des Mädchens Wangen leicht, das giebt » ein so frisches, kräftiges Aussehen, und W® ihr Spielgefährte sie schmeichelnd Dr» nennt, dann färbt eine Blutwelle ihre W^ gen so rot wie die Granitblüten an der Hwk'^ wand der Altane!
Wenn Juan singt, lauscht auch die mutier; ein Schmelz liegt in den TifÜf der das Herz erbeben macht, und die Ä"-