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1901

Beilag zum

Roman von Anna SeYssert-Klinger. 1

dith, Edith, wo bleibst Du nur? loh Der Wagen kann jeden Augen- blick von der Bahn zurückkommen! zWDvL Was soll Leo wohl denken, wenn Du ihn nicht empfängst!"

Da bin ich schon, Onkelchen! Glaubst Du wirklich, daß Deinem gelehrten Sohn soviel daran liegt, von meiner Wenigkeit be­grüßt zu werden? Wie gut, daß ich nicht eitel genug bin, um einer solchen Annahme auch nur vorübergehend Raum zu geben, sonst könnte ich mich auf schöne Enttäuschungen ge­faßt machen!"

Aber, Kind, solche Worte solltest Du nicht einmal im Scherz aussprechen, Du weißt, daß es mein sehnlichster, innigster Wunsch ist"

Warte mal, Onkelchen, ich muß schnell in der Vase dort diese herrlichen Rosen ordnen, die habe ich nach vielem Suchen noch im Gar­ten aufgetrieben! Aftern und Georginen sind genug zu haben! Aber Rosen weißt Du, daß die Rose Leos Lieblingsblume ist?"

Der alte Herr, welcher in seinen warmen Schuhen behaglich in der Stube auf- und ab- wanderte, that schmunzelnd ein paar mächtige Pge aus seiner Pfeife.

Er besaß nur diesen einen Sohn, und man konnte Heinz Tondorf keine größere Freude bereiten, als wenn man seinen Einzigen lobte, oder auch nur von ihm sprach. Edith wußte das. Deshalb fuhr sie, ohne eine Ant­wort abzuwarten, schnell fort:

Ich hielt Leo früher für einen schrecklich prosaischen Menschen, bis ich eines Tages dazu kam, als er die Rosen vor den Wein­spalieren mit liebevollster Aufmerksamkeit betrachtete, sich über sie neigte, in tiefen Zügen den süßen Duft einatmete, jedes einzelne der rosigen Blättchen mit den schwärmerischen Blicken eines Naturfreundes ansah, dann zurücktrat, um die Pracht der vollerblühten Rosen auch aus weiterer Entfernung auf sich einwirken zu lassen. Als ich ihn bei diesem stummen Kultus überraschte, sagte er mir, daß er die Blumenkönigin leidenschaftlich liebe und ihr Duft ihn geradezu berausche, bezaubere, seine Fantasie zu kühnem Fluge anrege! Siehst Du, Onkelchen, da erkannte ich, daß in Leo ein gutes L>tück von einer Künstlernatur steckt, und er erschien auch mir Wich als ein anderer!"

Der alte Herr nickte beifällig.Das freut wich, Edchen. Es ist entschieden ein gutes Zei­

chen, wenn man an dem Gegenstand seiner Liebe immer neue, verehrungswürdige Eigen­schaften entdeckt! Die meisten Menschen glau­ben, einen andern auszukennen, sobald sie Jahr und Tag mit ihm zusammen sind. Weit gefehlt! Man lernt einen Menschen überhaupt niemals auskennen! Für den feinen Beob­achter zeigt selbst der vertrauteste Freund immer neue Seiten seines Charakters, die aus dem Wechsel der Tage hervorgehen. Ich könnte Dir da ein Beispiel erzählen"

Ach ja, bitte, Onkelchen!" rief Edith leb­haft, welche froh zu sein schien, daß ein für sie höchst peinliches Thema einen Augenblick we­nigstens glücklich umschifft war.

Lina Morgenstern.

Sie war ein schlankes, hochgewachsenes Mädchen von jener Anmut, welche die erste Jugend verleiht. Wenn der Lenzeszauber von solch einem rosigen, lieben Gesicht, wie Edith es besaß, verflogen ist, so pflegt der Glanz der Augen sich zu vertiefen und jenen sanften Schimmer echter Herzensgüte über die Züge auszubreiten, der mehr fesselt und beglückt, als blendende Schönheit es je vermag.

Tondorf schien ganz bei der Sache zu sein.

Habe ich nicht schon öfter den Namen Eichler erwähnt?" fragte er, die Pfeife im Mund behaltend, immer auf und abwan­dernd, wie er es fo gern that.

Gewiß, Onkelchen, Du nanntest Lorenz Eichler Deinen Jugendfreund"

Hm so! Er war es, mein Kind, er war es, bis er sich eines schönen Tages in meinen ärgsten Feind, in einen Blutsauger verwandelte!" Er schüttelte den Kopf und

schien sinnend einen Geistesblick in die weitab­dämmernde Vergangenheit zu thun.Wie habe ich diesen Menschen geliebt, und wie lei­denschaftlich ihn später gehaßt, ohne ihn eigentlich verurteilen, ohne je das Rätsel die­ses Charakters lösen zu können.....Der Mensch übte eine dämonische, böse Macht auf mich aus, und er benutzte sie, weiß der Him­mel! Als ich mich jedoch bereits verloren gab, sogar mit Selbstmordgedanken trug, da ging er plötzlich, als sei er müde, ferner an meinen Qualen sich zu weiden, auf und davon, ließ nie wieder etwas von sich hören, befreite mich vollständig von ihm!"

Edith sah verstohlen, selbst unter dem Eindruck des Gehörten erschauernd, in das, noch in der Erinnerung erblassende Gesicht des gütigen, alten Mannes, welchen sie liebte, wie sie für ihren Vater empfunden haben würde, oder auch für die Mutter, welcher sie heimlich so manche Thräne nachweinte . . . Sie hatte ihre Eltern nie gekannt ....

Das war gewiß ein böser, tückischer Mensch, liebster Onkel, von dem Du da sprichst, und Dein Freund wird er nie ge­wesen sein! Deine Harmlosigkeit ließ Dich jedenfalls nur jahrelang schlimme Eigen­schaften übersehen, die immer vorhanden waren"

Heinz Tondorf lächelte seltsam in sich hinein.

Mein Herzenskind, aus Dir spricht die ; Jugend und das ist auch gut so! Brechen : wir ab von dem unleidigen Thema es scheint, das Alter macht geschwätzig, wie käme ich sonst dazu, den Teufel an die Wand zu malen hab's immer vermieden! .... Sprechen wir lieber von unserm Leo! Man soll zwar sein eigen Fleisch und Blut nicht loben aber ich kann's nun mal nicht lassen ist ein prächtiger, goldtreuer Mensch, mein Junge, welcher seine Frau einmal wahrhaft glücklich mgchen wird, davon bin ich felsenfest überzeugt!"

Um die Lippen des jungen Mädchens zuckte es wie verborgener Trotz. Sie schien mit der Ordnung der Rosen gar nicht fertig werden zu können. Nun wendete sie lächelnd das glühende Gesicht dem alten Herrn zu.

Sag' mal, Onkelchen, hast Du es schon jemals versucht, Leo in derselben Weise zu meinem Gunsten zu beeinflussen?"

Potz Kuckuck! Das sollte ich meinen! Aber siehst Du, Kleine, das ist auch so ein geheimnisvoller Punkt im Gemüt meines Sohnes so schlau ich's anstellte, es war dem Jungen bisher nicht beizukommen! Und ich habe es noch nicht ergründen können, ob