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Nr. H.
Erstes Blatt.
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für den Monat September 1900 werden von allen kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen.
Amtlicher Theil.
In Gemäßheit der Vorschrift im § 44 des Kommunal- Abgabengesetzes vom 14. Juli 1893 (G. S. S. 152) ist der bei der Veranlägung der Gemeinde-Einkommensteuer von fiskalischen Domänen- und Forstgrundstürken für das laufende Steuerjahr der Gemeinden zu Grunde zu legende, aus diesen Grundstücken erzielte etatSmäßige Ueberschuh der Einnahmen über die Ausgaben unter Berücksichtigung der auf denselben ruhenden Verbindlichkeiten und Verwaltungskosten nach den Etats für das Rechnungsjahr 1900 in der Provinz Hessen-Nassau auf 98,9 °/0 des Grundsteuer-Reinertrages festgesetzt worden.
Ministerial-Erlaß vom 30. Juli 1900 in Nr. 181 des diesjährigen Deutschen Reichs- und Königlich Preußischen Anzeigers.
Cassel, den 13. August 1900.
Königliche Regierung, Abtheilung für direkte Steuern, Domänen und Forsten B.
Hersfeld, den 22. August 1900.
Die unter den Schweinebeständen in der Gemeinde Tann ausgebrochene Rothlaufseuche ist erloschen.
I- 4828. Der Königliche Landrath.
I. V.: Braun, Kreisdeputirter.
Nichtanrtlicher Theil.
Lhino.
Die Lage in China ist noch keineswegs so geklärt, wie die jetzt in verschiedenen Ländern zur Eröffnung von Friedens - Verhandlungen thätigen Chinesen - Freunde glauben machen wollen. In Peking dauert das Blutvergießen noch fort. Unmittelbare Meldungen der geretteten Gesandten an ihre Regierungen liegen nicht vor, was auf eine große Verwirrung in der nach wie vor von Kämpfen durchtobten Hauptstadt schließen läßt. Die neu eingerichtete Kurier-Verbindung von Peking nach Tsinansu mußte, da die Depeschenreiter den Weg nicht sret fanden, wieder ausgegeben werden. Und während die Nachricht, der chinestsche Widerstand sei endgiltig niedergeschlagen, noch immer auf stch warten läßt, treten allerlei hoffentlich unbegründete Gerüchte über feindselige Bewegungen der Chinesen im Rücken der nach Peking marschierten verbündeten Truppen aus.
Unter solchen Umständen kann von Friedens- Verhandlungen nicht die Rede sein. Li-Hung-Tschang hat sich denn auch bereits bei den Vereinigten Staaten von Amerika einen Korb geholt. Jetzt scheintder alte Ränkeschmied lerne Hoffnung auf Rußland zu setzen. Und allerdings wenn man bte Politik Rußlands in China nach den Aeußerungen der russischen Presse beurtheilen wollte so konnte Li-Hung-Tschangs Weizen blühen. Denn ' die "mischen Blätter verrathen deutlich genug, daß wenn die Mandschurei mit dem wichtigen Vertragshafen Nmtschwang und das rechte Ufer des Amurfluffes von
Somkil» den 25. UM
China dem Zarenreich zu dauerndem Besitz überlassen werde, in Petschili kein Schuß aus einer russischen Kanone mehr abgefeuert zu werden brauche. Es liegt aber auf der Hand, daß Rußland durch eine derartige Schwenkung seiner Politik sowohl das einhellige Zusammenwirken mit den anderen Mächten wie auch den Grundsatz von der Unverletzlichkeit des chinesischen Gebietes aufgeben würde.
Auch abgesehen von den vertragsmäßigen Rechten, die in Niutschwang andere Staaten geltend machen können, würde gerade gegenwärtig jede Losreißung chinesischen Besitzes durch Rußland im Norden bald im Süden bei England und Frankreich Nachahmung finden. Damit aber wäre die Behandlung der chinesischen Wirren in die bisher dank den Bemühungen der deutschen Politik glücklich vermiedene Bahn eines rücksichtslosen Drauf- gehens für Sonder-Jnteressen gelenkt. Hoffentlich wird der Anstoß zu einem so gefährlichen Spiel nicht gerade von Rußland gegeben. Die nächsten Tage werden wohl Aufklärung darüber bringen, inwieweit die amtliche St. Petersburger Politik mit den Preßstimmen in Einklang steht, die so ungestüm eine rein egoistische Politik Rußlands außerhalb des Konzerts der Mächte fordern.
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Tokio, 22. August. Aus Tschifu wird gemeldet: Die japanischen Truppen besetzten den kaiserlichen Palast in Peking am 16. August. Etwa 4 Tage vor der Besetzung von Peking sind die Kaiserin-Wittwe, der Kaiser und die Minister von Peking unter der Eskorte von 3000 Tungfusian-Truppen abgegangen. Weil in Peking große Wirren herrschen, wurde die Stadt in verschiedene Sektionen eingetheilt und die eine Hälfte der Tartaren- stadt auf der nördlichen Seite unter die Aufsicht der japanischen Truppen gestellt. Von den betreffenden Truppen wurden verschiedene Komitees ernannt, welche die Ruhe in der Stadt aufrecht erhalten sollen. Diese Komitees wurden von Japan, Rußland, England, Amerika und Frankreich gestellt. Der japanischen Abtheilung ist es gelungen, innerhalb des Kaiserpalastes gefangene fremde Missionare und chinesische Christen zu befreien' Die Japaner verloren an Todten und Verwundeten 200 Mann. Der Verlust des Feindes bezifferte sich auf 600 Todte.
London, 22. August. Nach einer Meldung aus Schanghai legten die Verbündeten schließlich eine Bresche in die Umwallung der „Heiligen Stadt" und erstürmten dieselbe. 4000 wohlbewaffnete chinesische Christen leisteten den Verbündeten wesentlichen Beistand, namentlich kam den letzteren deren Kenntniß der Stadt zu gute. Jetzt flatterten die Fahnen der Verbündeten auf dem kaiserlichen Paläste. Der Kamps in den Straßen dauert noch fort, die Chinesen leisten noch immer hartnäckigen Widerstand.
Da auch Admiral Bruce diese Meldung bringt, so leitet sie keinen Zweifel mehr. Ebenso erscheint es jetzt wohl sicher, daß die Kaiserin nicht in Peking ist; sonst hätte man ja bestimmt schon Nachricht über ihre Gefangennahme. Ueber ihre Flucht wird noch berichtet, sie habe 50 Mill. Taels mitgenommen.
Die Deutschen sollen nach amtlicher Mittheilung z. T. auch schon in Peking sein.
Berlin, 22. August. Der zweite Admiral des Kreuzergeschwaders meldet ab Taku den 19. d. Mts. : Starke Regengüsse haben Vormarsch von Kapitän Pohl aufgehalten, so daß er erst am 16. von Matow vorgegangen ist. Aus unverbürgter Quelle in Tientsin höre ich, daß Pohl am 17. abends in Peking eingetroffen ist. Generalmajor Höpfner hat gemeldet, daß er am 17. das 1. Bataillon und einige Reiter voranschicken und am 18. mit dem 2. Bataillon folgen wird.
Yantsun wird noch jetzt für bedroht angesehen durch chinesische Truppen am Kaiserkanal.
Was den letzten Satz betrifft, so meldete eine De- pesche, daß 5000 Mann chinesischer Truppen von Sungliuching nach Peitsang aufgebrochen seien; weitere 5000 rückten gegen Tung-tschou vor. Alle diese Truppen seien aus der Provinz Hunan gekommen. Und die
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M.
„Times" meldet aus Honkong von gestern: Der Schwarz- flaggen-Häuptling Lanyi ist mit 3500 Mann auf dem Marsche nach Peking. Auf dem ganzen Wege werden drohende Plakate angeschlagen und das Eigenthum der Missionen von den Soldaten und den Eingeborenen zerstört.
Die amtliche chinesische Verlogenheit wird jetzt mit neuen Dokumenten belegt: das Blatt „The Chinese Reformer" ist in den Besitz der Abschrift eines Schriftwechsels zwischen Aung-lu und dem Befehlshaber der Kansu-Truppen Tung-su-hsiang gekommen. Dung-lu, der angeblich so eifrige Fremdenfreund, bittet darin Tung- su-hsiang um seinen Beistand zur Vernichtung der Fremden, deren einzige Stärke in ihren Kriegsschiffen und Geschützen bestände! Chinq habe vollauf genügend Geschütze und ausgebildete Truppen. Ferner liegt ein Bericht des Times-Vertreters Morrison aus Peking vor, in dem es heißt, daß „die Regierung" mit „teuflischer Unmenschlichkeit" die Aushungerung der Gesandtschaften versucht habe.
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Die Einnahme von Peking hat doch mehr Blut gekostet als bisher bekannt würde:
P e t e r s b u r g , 23. August. In der Nacht vom 13. auf den 14. August 2 Uhr erstürmten unsere Soldaten das östliche Thor am Kanal, drangen als die ersten in die Stadt ein und hißten die ersten russischen Flaggen auf der Stadtmauer. Die Beschießung des Thores halte 14 Stunden gedauert. Der Kommandant der Vorhut Generalmajor Wasilewski und der Regimentskommandeur des Schützenregiments Oberst Modl erstiegen die Mauer an der Spitze ihrer Leute, setzten sich dort fest und hißten die russische Flagge. Die Chinesen hielten aber noch immer das Observatorium und andere Thürme besetzt und unterhielten ein starke» Kreuzfeuer auf unsere Truppen, bis unsere Infanterie und Artillerie sie aus ihren letzten Stellungen verdrängte. Leider wurden General Wasilewski, Oberst Modl sowie fünf Offiziere und 102 Mann verwundet. Gefallen sind Oberst Antiukoff und 20 Mann. Inzwischen hatten die verbündeten Truppen die übrige Thore Pekings erstürmt und waren in die Stadt eingedrungen. Die Mitglieder der chinesischen Regierung waren bereits auf der Flucht.
Ueber die deutschen Truppen werden soeben folgende amtlichen Nachrichten ausgegeben:
Berlin, 23. August. Der zweite Admiral des Kreuzergeschwaders meldet ab Taku den 20. August:
„Der Führer der deutschen Schutzwache in Peking, Soden, telegraphiert: Peking am 15. entsetzt. Gefallen: Matchies, Kolissen, Pölle, Hentschel, Köhnke, Gölitz, Strauß, Ebel, Reinhard, Rentmeister, Gugel; schwer- verwundet : Berger. Die übrigen 15 Verwundeten auf dem Wege der Besserung. Deutsches Landungskorps ist »och nicht eingetroffen".
Bei Tientsin haben die Verbündeten den Boxern wieder ein Gefecht liefern müssen:
Washington, 23. August. Ein Kabeltelegramm des Admirals Remey aus Taku vom 20. August besagt: Das sechste amerikanische Kavallerie-Regiment und ungefähr 400 Briten und Japaner trieben gestern Morgen acht Meilen von Tientsin tausend Boxer auseinander, 100 Chinesen wurden getödtet.
Politische Nachrichten.
Berlin, 23. August.
Se. Majestät der Kaiser hatte gestern nach der Tafel mit dem Prinzen von Wales eine Spazier- fahrt im Park unternommen und machte nach der Abreise des Prinzen eine Fahrt durch das Druselthal im Automobil. — Zur Abendtafel waren keine besonderen Einladungen ergangen. — Heute früh unternahm Se. Majestät der Kaiser einen Spazierritt und nahm die Vorträge des Kriegsministers Generals v. Goßler, des Chefs des Generalstabss Generals v. Schlieffen und des Chefs des Militärkabinets Generals von Hahnke entgegen.
Der Kultusminister hat gegenüber einer Ab-