Einzelbild herunterladen
 

x

Erscheint wöchentlich drei Mal Dienstag, Donnerstag und Sonnabend.

Abonnementspreis vierteljährlich 1 Mark 40 Pfg. exel. Postaufschlag.

Die Jnsertionsgebühren betragen für den Raum einer Spaltzeil« 10 Pfg-, im amtlichen Theile 15 Psg. Reklamen die Zeile 20 Psg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt.

^

s

*

Gratisbeilagen:3Uuftrirtes Senntagsblatt" «.Illustriere Landwirthschaftliche Beilage

$r. 91. IouerstW &tn 23. AWft 1900.

Amtlicher Theil.

IHR

M«

Hersfeld, den 20. August 1900.

Unter dem Namen des Hydra-, Gella-, Schneeball­oder Lawinensystems beginnt ein Geschäftsgebahren Ver­breitung zu finden, das geeignet ist, das Publikum in empfindlicher Weise zu schädigen. Das System besteht darin, daß dem Erwerber eines Hydra- (Gella- pp.) Gutscheines die Lieferung eines im Werthe erheblich über den Preis des Gutscheines hinausgehenden Gegenstandes, vornehmlich einer Uhr, neuerdings auch von Fahrrädern, Eßbestecken und anderen Gegenständen, in Aussicht ge­stellt wird, sobald er von der Firma eine bestimmte An­zahl von Gutscheinen käuflich erworben, diese an andere Personen abgesetzt und jede von diesen Personen wiederum

auf ihren Gutschein die gleiche Anzahl von Gutscheinen von der Firma bezogen hat. Ohne die Schwierigkeiten, die der Erfüllung dieser Bedingungen entgegenstehen, zu erkennen, werden leichtgläubige Personen durch die Aus­sicht aus den Erwerb eines anscheinend werthvollen Gegen­standes für einen unverhältnißmäßig niedrigen Betrag zum Ankauf von Gutscheinen verlockt und in der Mehr­zahl der Fälle geschädigt. Müssen beispielsweise jedesmal sechs Gutscheine nachgekauft werden, so erhält der erste Gutschein-Inhaber den zugesagten Gegenstand erst, nach­dem er sechs Käufer für die von ihm nachbezogenen Gut­scheine gefunden und jeder von diesen wiederum sechs Gutscheine bezogen hat, also erst nachdem auf fein Be­treiben die Firma insgesammt 42 Gutscheine abgesetzt hat. In vereinzelten Fällen mag es dem ersten Gut­schein-Inhaber gelingen, den in Aussicht gestellten Gegen­stand, der durch den Erlös für die sämmtlichen abgesetzten Gutscheine in der Regel weit über den wahren Werth bezahlt ist, zu erhalten; in den meisten Fällen aber werden die Gutschein-Inhaber sich vergeblich bemühe», die erforderliche Zahl von Abnehmer» für die nachge­kaufte« Scheine zu finden, so daß sie Geld, Zeit und Mühe ohne eigenen Nutzen lediglich zum Vortheil der vertreibenden Firma aufgewendet haben.

Die Anwendung dieses Systems muß mit Nothwendig­keit dahin führen, daß die weitaus größte Zahl der Gutscheine als werthlos verfällt und der Erlös daraus ohne Gegenleistung dem Gewerbetreibenden verbleibt, der mit dieser unausbleiblichen Folge des Systems offenbar rechnet, während der Käufer der Gutscheine leer ausgeht und sich getäuscht findet.

Es erscheint nicht sicher, ob diesem gemeingefährlichen Geschäftsgebahren auf dem Wege der Strafverfolgung mit Erfolg entgegengetreten werden kann. Die That- bestandsmerkmale mancher einschlägigen Strasbestim- mungen z. B. des Betrugs, dürften nicht vollständig er­füllt sein. Dagegen wird versucht werden können, die Bestrafung der in Betracht kommenden Unternehmer auf Grund des § 4 des Gesetzes zur Bekämpfung des un­lauteren Wettbewerbs vom 27. Mai 1896 (Reichs-Gesetz- Blatt Seite 145) herbeizuführen. Hierzu bedarf es nach § 12 a a. O. des Strafantrags der im § 1 Abs. 1 daselbst bezeichneten Gewerbetreibenden oder Verbände.

Das Publikum wird vor bem Erwerb der in Rede stehenden Gutscheine gewarnt.

Die Ortspolizeibehörden und die Gendarmerie des Kreises haben mir über etwa in gedachter Beziehung gemachte Wahrnehmungen zu berichten.

I. 4776. Der Königliche Landrath.

I. V.: Braun, Kreisdeputirter.

Hersseld, den 18. August 1900.

Auf Sonnabend, den 8. September d. Js., Vormittags 10 Uhr ist eine Kreistagssitzung in den Saal des hiesigen Rathhauses anberaumt worden.

A. 2560. Der Königliche Landrath

I. V: Braun, Kreisdeputirter.

Tagesordnung:

1. Ausstellung des Vextheilungsplanes für die Kreis­tagsabgeordneten auf die Jahre 1901 bis 1913 und Feststellung der Wahlbezirke der Landgemeinden.

2. Vertheilung der nicht ausscheidenden Abgeordneten der Landgemeinden auf die neuen Wahlbezirke.

3. Ergänzung des Beschlusses vom 13. November 1899 betr. die Uebernahme der Grundentschädigung für den Bau der Bahn Hersfeld-Treysa.

4. Prüfung und Feststellung der von dem Kreisaus- schuffe revidierten und von der seitens des Kreis­tags in besten Sitzung am 24. März 1900 beauf­tragten Kommission geprüften Kreiskommunalkassen- Rechnung für 1899/1900. (§ 87 der Kreisordnung vom 7. Juni 1885.)

5. Beschlußfassung über die Uebernahme des dritten Theiles der durch die Unterhaltung der . Ver­pflegungsstation in der Stadt Hersfeld während des Winterhalbjahres 1900/1901 entstehenden Kosten auf den Kreis.

6. Begutachtung des landespolizeilich genehmigten Projekts zu der von der Gewerkschaft Wintershall beabsichtigten Verlegung desLandwegsWölfershausen- Widdershausen in der Gemarkung Heringen und Beschlußfassung über die Aufnahme der neuen Wegestrecke in den Landwegebauverband und Aus­scheidung der abfälligwerdendenStreckeauSdemselben.

7. Beschlußfassung über die von der Stadt HerSfeld gestellte Anfrage wegen Bereitwilligkeit des Kreises Hersfeld zur Leistung eines Beitrags zu den Kosten der Versetzung des hiesigen Kreis-Krieger-Denkmal» mit einem Adler aus Bronceguß in Höhe von 200 Mark.

8. Wahl von Sachverständigen und Sellvertretern zur Abschätzung der Kriegsleistungen im Falle einer Mobilmachung gemäß § 33 des Reichsgesetzes vom 13. Juni 1873 (für die Kalenderjahre 1901, 1902 und 1903.)

9. Wahl der Körungs-Commission (Polizei-Verordnung vom 17. Januar 1879, Amtsblatt Seite 40) für die Jahre 1901, 1902 und 1903.

10. Wahl von Schiedsmännern und deren Stellvertretern für die aus mehreren Gemeinden zusammengesetzten Schiedsmannsbezirke (§ 3 Abs. 2 unb § 11 der Schiedsmannsordnung vom 29. März 1879) nach vorgängiger Beschlußfassung über die etwa vorzuneh- mende anderweite Abgrenzung der SchiedrmannS- bezirke (§ 1 Ziffer 2 der Schiedsmannsordnung) für die Jahre 1901, 1902 und 1903.

11. Wahl von Mitgliedern und Stellvertretern der Veranlagungs-Commission auf Grund des § 34 de» Einkommensteuer-Gesetzes vom 24. Juni 1891 infolge Ausscheidung solcher.

Nichtaintlicher Theil.

Lhina.

Auch wenn die nächsten Stunden eingehend« Nach­richten über die Befreiung der Fremden in Peking und über den Verbleib der Kaiserin-Wittwe und ihrer Rath­geber bringen sollten, müssen noch Wochen vergehen, ehe die Regierungen durch ausführliche schriftliche Berichte der geretteten Gesandtschaften völlige Klarheit darüber erhalten, wie es zu der völkerrechtlich unerhörten Ein­schließung und Bombardierung des diplomatischen Gorps

Ein deutsches Mädchen.

Roman von K. Deutsch.

(Fortsetzung.)

In diesem Augenblicke ertönte vor der Thür draußen Lärm, lachende Kinderstimmen und die sanfte, zurecht- i weisende Stimme der Datka ließen sich hören.

ttt

3.

Das sind meine Enkel," sagte die Gräfin,sie pflegen sich immer so stürmisch anzumelden, das heißt, nur der Tisza, die Irma ist ein stilles, ruhiges Kind."

Die Thür wurde ausgerissen, und herein stürmte ein Knabe, etwas langsamer folgte ein kleines Mäochen; bie Datka stand an der Thür, und ihr altes, treues Gesicht schien zu sagen, ich kann nicht dafür, daß er wieder so wild ist.

war

rief eine helle

Großmutter, Bacsikam, das wa ein Schneemann so groß wie ich! Knabenstimme. Die schwarzen Augen, das lachende Gesicht, Ausdruck und Bewegung, alles war Leben und Feuer bei dem Kinde. Er trug einen rothbraunen Samtanzug mit silbernen Treffen und Schnüren, was dem schwarzen Kranskops vorzüglich stand.

Wo ist die fremde Kisaszon? Die Datka sagte .. . ach, da ist sie jaI" unterbrach er sich, und jetzt stand er vor der hohen Mädchengestalt, und er sah scheu zu ihr aus. Sie nahm seine Hand und sprach ihm freund sich zu, und bald gelang es ihr, die Befangenheit zu verscheuchen und ihn vertraut und gesprächig zu machen.

Wenn du meine Tante sein willst," sagte er in

ein Vergnügen,

schlechtem, gebrochenen Deutsch,so werde ich dir das Pferd zeigen, das mir der Bacsi mitgebracht hat. Es hat einen großen Kopf, aber keine Augen, und wenn ich ihmhott, holt!" zurufe und ihm mit der Peitsche drohe, will es sich nicht von der Stelle rühren. Da sind mir die Pferde im Stalle lieber, die fressen mir sogar aus der Hand. Auch ein Bilderbuch hat mir der Bacsi mit- gebrachl, da ist eine Frau mit Flügeln und die hat grad' solches Haar wie du. Bacsikam, sieh dir einmal die Kisaszony an, sieht sie nicht grad' aus, wie das Bild im Buche?" und schon war der lebhafte Knabe bei dem Grasen und ergriff dessen Hand, als wollte er ihn zur näheren Besichtigung zu Elisabeth führen.

Eine dunkle Gluth schoß in das bärtige Gesicht des Rittmeisters, und um diese zu verbergen, faste er TiSza und schwang ihn einigemal« hoch über seinen Kopf^dann setzte er ihn nieder und ging in das nahe, anstoßende Kabinett, dessen Thüre er aber halb offen ließ.

Hast du auch Spielzeug?" fragte Elisabeth und beugte sich zu der Kleinen, die ein stilles, verschüchtertes Kind zu sein schien.

Ich habe eine Puppe, eine schöne, liebe Puppe." sagte das Kind und erhob seine Augen, die einen selt­samen,- traurigen Blick hatten,aber Tisza hat sie ge­schlagen und in die kalte Kammer gesperrt."

Und warum dies?"

Er hat sie reiten lassen wollen, und sie ist von bem braunen Pferde gefallen, das ihm der Bacsie gebracht hat. Da hat er sie geschlagen und in die kalte Kammer

gesperrt, o, meine arme Puppe!" Thränen standen in den Augen des sanften Kindes.

So wollen wir hinaufgehen und sie wieder befreien. Wir legen sie in ihr Bettchen, dann wird sie wieder warm," sagte Elisabeth und fuhr liebkosend über den glänzenden Scheitel des Kindes.

Und es war seltsam, wie weich ihre Stimme wurde, und wie seelenvoll, wie kindlich warm das in seiner reinen, keuschen Ruhe fast ernste Antlitz. Sie fühlte sich mächtig angezogen von der stillen, traurigen Art des Kindes.

Erlauben Sie, Exzellenz, daß ich mit den Kindern gehe?" wandte sie sich an die Gräfin.

Diese verneinte. Es fei vier Uhr und die Zeit, wo man sich zur Mittagstafel verfüge. Sie befahl der Datka, mit den Kindern vorauszugehen.

Ich wollte Ihnen noch etwas sagen, Fräulein Werner, sprach die Gräfin sich erhebend.Ihre Art, mit Kindern umzugehen, gefällt mir; aber auf eines möchte ich Sie aufmerksam machen. Ich will gleich in der ersten Stunde das Verhalten geregelt und geordnet wissen . . . Im gräflichen Schlosse Cfillagi werden die Kinder mitSie" angesprochen."

Elisabeth stand einen Augenblick still mit gesenkten Wimpern, dann erhob sie ihr Auge groß und ruhig zu dem Antlitze der stolzen Frau, und ebenso fest und klar wie ihre Stimme, als sie sagte:So werde ich Sie bitten, Frau Gräfin, mich von diesem Gesetze auszu- schließen. Das Kind, das ich bilden und erziehen soll,