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HerWer Aeisblatt.

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1900.

[ Zweites Blatt.

Gemeinsam Sterben.

Eine wirklich erlebte Geschichte. Von M. V.

(Fortsetzung.)

Alles, was Harald besitzt, und wäre es das Edelste und Kostbarste, mißachtet und verwirft er, und was er nicht hat, erstrebt er mit immer steigender Leidenschaft-

k lichkeit. Und wenn er es dann wirklich einmal erreicht, " dann schrumpft es ihm sofort wieder in nichts zusammen, K dann steht er gleich die Theater-Dekoration von der B Rückseite: nur Holzleisten und Sackleinewand. Jede ” Lebenslage hält solch ein armer Narr für beneidenswerth, k außer derjenigen, in der er sich selbst gerade befindet.

In der Unthätigkeit seufzt er nach Arbeit, in der Arbeit k ächzt er wegen Ueberlastung. Ei» fortwährender Wechsel 3 der Bestrebungen und Wünsche, eine ganz besondere Ab- Neigung gegen alles Hergebrachte, Durchschnittliche, Mittel- M mäßige beherrscht ihn. Daher aber auch die chronische ^Langeweile, die solche junge Leute martert. Mit nichts sind sie zufrieden. Sie glauben, daß gerade ihnen ein

B ganz besonderes Glück beschieden sein müsse. Nur nicht werden und sein wie tausend andere sind. Entweder ■ alles, oder nichts, wobei sie freilich meist mit dem letzter« ” abschließen. Auch der junge Thorade hätte ja bereits Hmit Selbstvernichtung geendet, wenn er nicht an einen recht unsoliden Waffenhändler gerathen wäre."

h „Aber all das scheinen mir doch mehr Besonderheiten ■: des Charakters, mehr Anzeichen rein seelischer Stimmungen lind Verstimmungen, als einer körperlichen Erkrankung Mzu sein!"

„Wer vermag Seele und Körper in diesem Leben von ^einander zu unterscheiden? Daß wir es nicht nur mit P Charakterfehlern, mit einer besondern rein geistigen . Schwäche und Veranlassung zu thun haben, das ergicbl die große köiperliche Ermüdbarkeit solcher Kranken, bte erhöhte Reizbarkeit ihrer Nerven, die Schlaflosigkeit und 9 die häufigen Kopf- und Rückenschmerzen, die mit dem " Zustande einherzu^ehen pflegen."

► „Aber RenalenS-ganzes Wesen," warf ich ein, „scheint mir mit diesem Krankheitsbild nicht recht übereinzu- stimmen."

■ „Das Fräulein Krüger? Ja, die ist im Grunde das F gerade Gegentheil des jungen Thorade, von Noth und ► ^Arbeit abgehärtet, eher abgestumpft, als überschwänglich!" „Und doch hat sie alle die exaltierten Schritte Haralds k mitgethan!"

9 „Ja, sehen Sie, das ist das Merkwürdige an der " Krankheit, daß sie in hohem Maße ansteckend wirkt. ► Ganzen Volksschichten und Völkern theilt sie sich zuweilen, von einzelnen ausgehend, mit. Denken Sie z. B. nur k|an die Franzosen kurz vor und während des letzten Krieges. WMnd nun vollends die Uebertragung vom Mann auf die Frau!

„Ein Thor ist immer willig, Wenn eine Thörin will!"

schreibt Heinrich Heine. Aber noch viel häufiger verlieren sich Frauen in die überreizten Gedankengänge der Männer. Wie oft sind mir Ehepaare begegnet, von denen die Frau, ob zwar sonst ganz normal und vernünftig, von der fixen Idee des kranken Mannes vollständig mit ergriffen war!"

„Aber giebt »s denn für diese Krankheit kein Heil­mittel?" erkundigte ich mich weiter.

„O gewiß!" versicherte der alte Herr „Vor allen Dingen ein gründlicher Lustwechsel. Einmal ganz heraus aus den schädigenden Einflüssen, aus dem ganzen unge­sunden Dunstkreise. Platz für die brachliegenden, ver- stockenden Kräfte und Fähigkeiten. Neue Verhältnisse, eine vernünftig geregelte, im Anfang nicht zu harte, aber arbeitSvolle Lebensweise mit eigener Verantwortlichkeit Früh ausstehen, früh zu Bett. Reichliche Bewegung in irischer Luft, leichte Kost, viel Obst und Gemüse, Ein- schränkung der Fleischkost, keinerlei Stimulantien, keine Spiritusse«, kein Kaffee, Thee und Tabak. O, hätte

man mir nnr alle die Hamlets, Tassos, Carlos, Romeos,! und wie sie sonst heißen mögen, rechtzeitig in die Kur । gegeben! Die Welt wäre zwar um einige Trauerspiele ■ ärmer, aber an gesunden Menschen reicher geworden! Ich erwarte den besten Erfolg von dem Plane des Herrn Thorade, seinen Sohn über das Wasser zu senden und sich dort selbst eine Lebensstellung erobern zu lassen, Schon die Seefahrt wird von günstigster Wirkung sein. Bis dahin gilt es zu verhüten, daß Schritte geschehen, die so leicht nicht wieder rückgängig gemacht werden können!"

„Ja, aber was läßt sich in der Sache thun?"

„Vor allen Dingen muß der junge Mann aus der Anstalt entlasten werden. Seine Wunde ist jetzt ausgs- heilt, um seinetwillen brauchen wir ihn nicht mehr zurück- zuhalten."

„Aber der Zustand Renatens ist ja wohl immer noch nicht unbedenklich?"

„Das Fräulein Krüger, nun ja, ist freilich noch recht schwach und hinfällig. Aber über die gefährliche Zeit ist sie jetzt hinaus. Ein tödtlicher Ausgang ist nicht mehr wahrscheinlich. Also auch aus diesem Grunde ist eine längere Zurückhaltung Haralds nicht angezeigt."

„Haben Sie aber kein Mitleid mit dem armen Mäd» eben, dessen ganze Hoffnung Sie kalten Blutes zerstören wollen?"

„Gerade in ihrem Interesse ist es, wenn nichts aus der Sache wird! Die Gefährtin eines Heruntergekom­menen, in der er stündlich den Grund seines Unglücks vor Augen hat, zieht nie ein beneidenswerthes LooS."

„Wenn sich nun aber Harald, wie ich von ihm glaube, noch durchringen und es doch noch zu etwas bringen sollte?'

„Dann wird Renate immer der Klotz an feinem Beine sein. Glauben Sie mir, es ist das Beste für sie, wenn sie wieder in ihre alten, zwar etwas beengten, aber im Grunde immer sorglosen und ruhigen Verhältnisse zurück- kehrt."

Wir verhandelten noch lange das Für und Wider der Frage, indes der Sonnenball, lange Strahlen durch die staubige Lust entsendend, glulig hinter den flacher» Höhen im Westen niederging, in dem dichten Blätlerdach über uns die Heimchen und in den Ritzen und Lücken der alten Gartenmauer die Unten ihren eintönigen, auf und abwogenden Gesang a »stimmten und der allmählich in Dämmerung versinkende altmodische Garten sich mit jenem starken, fast berauschenden Wohlgeruch füllte, den an windstillen Sommer-Abenden die Flieder- und Jasmin- Büsche, die Lilien-, Heliotrob- und Nelken-Beete zugleich mit der Hitze des Tages ausströmen.

Als wir uns trennten, waren wir noch nicht ganz derselben Meinung.

Das war an einem Sonntag gewesen. Am Dienstag darauf erhielt ich endlich aus L. die schon längst er­wartete Ermächtigung zur Vornahme der Eheschließung. Sobald ich konnte, suchte ich damit Harald auf, um ihm Nachricht zu geben und das Weitere mit ihm zu bereden. Aber Harald hatte mir zunächst selbst eine Mittheilung zu machen, die ihn ganz erfüllte und erregte. Mit freudig bewegter Miene kam er mir aus der zu meiner Ver­wunderung weit geöffneten Thüre seiner Zelle entgegen. Auf dem Bett und aus den Stühlen lagen seine Kleidungs­stücke, auf dem Tisch und am Boden seine Bücher und sonstigen Habseligkeiten, bereit, in einen kleinen Koffer und mehrere eiligst herbeigeschaffte Kisten verpackt zu werden. Der Hausmann Petersilie, der aus der Rolle des gestrenge» Wächters und zugeknöpften Vertreters der staatlichen Auloinät sogleich in die ihm ungleich besser liegende des dienstbeflissenen, zuthnnlichen und trinkgeld freundlichen AnftaltSfaklotum« übergegangen war, legte dabei eifrig mit Hand an.

„Denken Sie sich nur, Herr Bürgermeister," rief Harald aus, „der Herr SanilätSrath hat mir soeben er» öffnet, daß ich entlassen fei und gehen könne, wohin ich wolle!"

„Hat er damit aber nicht seine Befugnisse über­schritten ?" fragte ich.

„Nein, nein!" Er hat vorgestern an die StaatSan waltichaft in G. berichtet, daß ich wieder ganz gesund und Renate auf dem Wege der Besserung sei, und darauf­hin hat er heute die Anweisung erhalten, mich alsbald auf freien Fuß zu setzen. Auch Ihnen wird noch ein amtliches Schreiben darüber zugehen. Nun ist also doch noch der Tag gekommen, an dessen Erscheinen ich fast schier verzweifelte!"

„Unb was gedenken Sie nun zu thun?"

„Ich muß nun erst einmal hinaus in die so lange entbehrte freie Luft, in den Sonnenschein, in den Wald und in die Berge!"

„Unb dann?"

„Ja, dann — mein Vater wird wohl verlangen, daß ich unverzüglich nach L. abreise!"

„Unb wollen Sie diesem Verlangen nachgeben?"

„Nein, ich gedenke zunächst in den Gasthof zu ziehen, in dem meine Mutter wohnte, um womöglich Renaten« Genesung abzuwarten."

„Halten Sie an der Absicht fest, mit ihr noch hier den förmlichen Ehebund zu schließen?"

„Es scheint ja, daß sich das sobald nicht ermöglichen läßt."

„Doch, doch, Herr Thorade!,Jch habe alle Papiere, die dazu nöthig sind. Der Akt könnte noch heute voll­zogen werden."

Der junge Mann schrak zusammen. Ich hielt ihm die Papiere hin, die er mit einem seltsam unentschlossenen Ausdruck durchblätterte.

„Muß nun nicht erst noch das öffentliche Aufgebot erfolgen ?"

„Das ist schon erfolgt."

„Wie, das öffentliche Aufgebot?"

„Ja, das Aufgebot ist zwei Wochen lang im Rath­haus zu L. ausgehängt gewesen."

„Im Raihhaus zu L. ? Und es hat wohl auch in der Zeitung gestanden, fodaß es jedermann hat lesen können?"

„Das letztere w eiß ich nicht." (Schluß folgt.)

$ t r ni i f d t c §.

— Berlin, 10. Januar. Die That einer Rabenmutter beschäftigte gestern den Unter chung«' richter des Landgerichts II. Zu Lichtenberg wohnte eine 42 Jahre alle Cigarrenarbeiterin Antonie Eckard mit einem Kinde, einem jetzt vier Jahre alten Mädchen. Sie war früher Schauspielerin, kam aber herunter und ergab sich immer mehr dem Alkohol. Sie unterhalt ein Liedesver­hältniß mit einem ebenfalls heruntergekommenen Menschen, den sie von Zeit zu Zeit bei sich aufnimmt. Da« Kind mußte für die Beiden betteln gehen, oder die Nächte hindurch mit Streichhölzchen handeln. Ob nun das Kind der E. oder ihrem Geliebten lästig wurde, oder was sonst die Veranlassung zu ihrem Vorgehen war, steht noch nicht fest. Am 30. v. M. ging die E. mit dem Kind nach dem Wege, der von Lichtenberg nach der Irrenanstalt Herzberge führt. Hinter einem Bretterzaum sucht« sie ein Loch auf, legte das Kind, nachdem sie ihm die Beine zusammengeschnürt hatte, hinein, würgte es an der Kthle und bedeckte es dann mit Sand und Schnee. In dem Glauben, daß das Kind unter der Decke bald erstarren und sterben werde, ging sie dann nach Hause. Ein Schmied der Pserdebahugesellschaft kam jedoch zufällig bald darauf an der Strecke vorbei, hörte ein Wimmern unter dem Schnee, fand das Mädchen und nahm es mit nach Hause Das Kind war bereits halb erstickt, erholte sich aber. Die Ortsbehöide, der der Schmied Anzeige machte, leitete Nachforschungen ein. Mehrere Pserdebahaschaffner und Kutscher halten die Mutter mit dem Kinde gehen sehen. Ihre Mittheilungen führten zur Ermittelung der Eckard, die dann verhaftet und dem UnlersuchunäSrichter-»geführt wurde. Die Festgenommene best reitet, daß das Manchen ihr eigenes Kind fei, und behauptet, es von einer unbe­kannten Frau angenommen zu haben. Daß sie das Kind habe tobten wollen, stellt sie ebenfalls in Abrede. Sie habe es nur hingesetzt, um unterdessen „die Kleider der Kleinen zu trocknen".