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1899.
3wcitcs Blatt.
Gemeinsam Sterben.
Eine wirklich erlebte Geschichte. Von M. V.
„Unter den Bäumen links liegen zwei Verstobene.
Wir bitten, uns hier zusammen zu beerdigen."
So hatte mit Bleistift in unregelmäßigen Zügen aus einem Notizbuchblatt gestanden, das an dem Stamm der alten Buche am Heideneck, einem vielbesuchten Aussichtspunkt in der Nähe der berühmten Fremdenstadt E., befestigt gewesen war. Eine Schaar junger Mädchen, die am Morgen jenes ersten Pfingstfeiertage» nach dortigem Brauch einen Gang „in den Maitau" unternommen hatte, um sich Gesicht und Hände von Sommersprossen und Leberflecken rein zu machen, war zuerst darauf auf« meiksam geworden. Am Boden unter den Bäumen hatte, offenbar schwer verletzt, aber noch lebend, ein Liebespaar gelegen. Entsetzt waren die Mädchen davongelaufen, um auf dem Polizeiamt Meldung zu erstatten.
So befand ich mich denn, damals noch Bürgermeister von E., in früher Morgenstund« mit meinem alten Freunde, dem bald 75jährigen SanitätSralh Dr. JonaS Siebert, Vorstand des Landkrankenhauses in E., sowie vier Krankenpflegern, die zwei Bahren trugen, auf dem durch herrlichen Hochwald nach jener Höhe führenden Wege. Der vorhergehende Abend war schwül gewesen; ferne Gewitter hatten aber die Luft abgekühlt, und nun zog ein jugendsrischer, leuchtender Maimorgen herauf. Auf dem dunkeln Grunde des Nadelwaldes schimmerte es von dem jungen Laub der eingesprengten Buchen, den hellen Trieben der Fichten, den braunroten Knospen der Kiefern in zauberhaftem Glänze. Der Tau tropfte ge- Heimnißvoll von Zweigen und Halmen, es war ein seltsames Regen und Knistern in den Dickichten. Aus der Tiefe stieg hier und da weißer, wallender Dampf, wie von unterirdischen Meilern auf. Berauschend mit kräftigem Harzgeruch, dem zarten Dust der Birken und des blühenden Waldmeisters wehte uns der Odem des Gebirges an. Das war die Werkstatt, in der die Natur die Heilkräfte bereitet, welche die Höhen E.'s umschließen und alljährlich taufenden von Alternden, Müden und Kranken die ihnen in dem Kampf um Stellung und Ver- nrögen, um Geltung und Glück geschlagenen Wunden kühlt und ihnen Stärke, Schlaf und Behagen zurückgiebt. Und als sollten alle unsere Sinne zugleich gefangen ge. rammen werden, drang aus Baumkronen, Hecken und Büschen, sich gegenseitig überbietend, der volle Schlag des Edelsinken, das schallende Locken des RotkelchenS und Schmähen und Zwitschern der Meisen und Zaunkönige, während der Kuckuck aus der Ferne in hartnäckigem Liebeswerben seinen eintönigen, um diese Zeit mit seltsam gurgelnden Nebenlauten gemischten Lockruf über die hochgewölbten Wipfel sendete.
i In dichten Schaaren war die waldfrohe Bevölkerung E.'s schon beim ersten Morgengrauen in den Forst hinaus- kezogen und wallte nun, Hüte und Schirme mit Farren« wedeln, Buchen und Eichenzweigen bekränzt, die wohl« pflegten Promenadenwege dahin: in den Chor der ^°gel mischten sich, bald da bald dort oufsteigend, ge, ^"gene Volksweisen und übermüthiges Jauchzen, und °°n einer nahen Waldkneipe trug der morgenfeuchte Wind abgerissene Sätze eines FrühkonzertS herüber, mit dem Der Wirth an jenem Morgen seinem Lokale eine besondere Anziehungskraft zu verleihen gesucht hatte.
. Inmitten all' dieser licktumflutheten, Jugend und Mische, Gesundheit und Lebenslust athmenden Früh- Ungsherrlichkeit aber, inmitten des leuchtenden Blüten- Reigens und der überquellenden Blälter-KaSkaden, lagen feuchler Heide und Farrenkraut fast verdeckt, mit wachsbleichen, schmerzverzogenen Gesichtern die beiden erwundeten. Er — ein junger Mann von etwa vier-
?™Qn81Q Jahren, mit braunem, krausem Haar, schwär- rischen, doch zugleich trotzigen Zügen, ein wenig um
gesügen, noch zu schlanken Gliedmaßen. Die edelgebildete Stirn war durch eine pulvergeschwärzte, blutige Schußwunde entstellt. Die Augen waren geschlossen, das Bewußtsein entschwunden.
Sie — mochte etwa achtundzwanzig Jahre zählen,
hatte bräunliche Augen und dunkelblonde Haare, beides von jener unbestimmtern, aber doch eines gewissen Reizes nicht entbehrenden Mischung, wie sie bei uns das reine Brünett und das reine Blond immer mehr zu verdrängen scheint. Ihre zwar sehr ebenmäßige, aber etwas zarte und kindliche Körperbildung und ihre bloße Gesichtsfarbe machten sie einer späten Rose vergleichbar, die die kürzern Tage und kühlern Nächte des Herbstes nicht mehr zu voller Entfaltung haben kommen lassen. Der aus billigem, unsolidem Stoff, aber anscheinend mit einem großen Aufwand von Ueberlegung und Mühe zusammengestellte dunkle Reise-Anzug ließ ihre zierlichen Formen leicht hervortreten. Unter dem Rock, dem sie trotz ihrer Verwundung und obgleich sich ihrer Meinung nach schon die Schatten de» Tode« über sie breiteten, doch noch gewohnheitsmäßig sorgsam umgeschlagen hatte, um ihn vor der Feuchtigkeit des Bodens zu schützen, sahen zierliche, gelbe Schuhe und hellbraune Strümpfe hervor. Sie hatte sich halb aufgerichtet und hielt, während sie sich mit der einen Hand stützte, mit der ändert) ejn von.Blut ganz durchnäßtes Taschentuch an die Prust gedrückt, aus der immer noch rotes Gerinnsel hervorzUquellen schien. Bei unserm Nahen nahm sie mit sichtlicher Anstrengung einen Kranz aus Edeltannenreis vom Haupte, den sie sich nach Art eines Brautkranzes in das Haar geflochten hatte. Statt der Orangenblüten waren rote Bergnelken darin eingebunden. Als wir hinzutraten, wendete sie sich schamhaft ab, unsere Fragen erst nicht, dann nur widerwillig und mit leiser, fast bloß flüsternder Stimme beantwortend. Der junge Mann sei der Sohn eines Handelsherrn in L. und heiße Thorade; sie selbst sei eine arme Putzmacherin und heiße Renate Krüger; seine Eltern hätten ihre Verheirathung nicht zulassen wollen, so sei er mit ihr entflohen, und hier hätten sie gemeinsam in den Tod gehen wollen; sie sei zweimal in die Bust, er in den Kops geschossen; ?S sei hoffentlich bald mit ihnen beiden zu Ende.
„Wieder einmal die alte Geschichte," bemerkte Herr Jonas Siebert, indem er die Arme in die Seite stemmte und die mancherlei ähnlichen Fälle in seiner Erinnerung vorüberziehen ließ, die er in seiner nun fast fünfzigjährigen Praxis schon erlebt hatte. Dann schlug er sorgsam die Aermel seines weißen Sommer-Anzugs um, löste mit sicherer, leichter Hand das Kleid Neuntens und beugte sein gerötetes, von kurzgeschnittenen, grauen Haaren gekröntes Haupt aufmerksam auf die zarte, weiße Brust, in der dicht nebeneinander zwei kleine Schußkanäle sichtbar wurden.
„Ein schwerer Fall, aber nicht unbedingt lebensgefährlich!" sagte er auf lateinisch, nachdem er die Wunde sondiert und, so gut es ging, verbunden hatte.
Darauf wendete er sich zu dem jungen Manne, untersuchte genau dessen Stirnwunde und versuchte ihn durch Besprengen mit dem kühlen Naß betauter Zweige in das Bewußtsein zurückzurusen.
„Wohl nur eine Gehirn-Erschütterung I" meinte er. „Der Schädelknochen ist nicht durchschlagen. Die Kugel scheint sich darauf platt gedrückt zu haben. — Vorsicht beim Tragen!" rief er den Krankenpflegern zu, die nun mit ihren Tragbahren herankamen.
Inzwischen hatte ich den frisch abgeschoffenen Revolver, der zwischen die beiden Verwundeten in die nasse Haide gefallen war, aufgehoben.
„Immer wieder der unsinnige Taschenpuffer!" brummte mein alter Freund, indem er die drei noch geladenen Patronenlager vorsichtig entlud. „Immer wieder diese lottrige Schundwaare mit den ausgehöhlten Geschossen, mit denen man keinen Spatzen todtschieß.m kann."
Herr Siebert war früher Militärarzt gewesen und verabscheute wie überhaupt alle unsolide Fabrrkarbeit, so namentlich schlecht gearbeitete Waffen.
„Und dabei pressen diese unerfahrenen verliebten
Fante meist auch noch die Mündung so fest auf Stirn und Brust, daß die Kugel beim besten Willen aus dem Laus , nicht heraus kann. Autsch, mein Bein!" schloß er seine Betrachtung, indem er mit der flachen Hand über sein rechtes Schienbein fuhr, das er sich vor langer Zeit einmal durch einen Sturz beschädigt hatte, und das sich nun von Zeit zu Zeit durch einen stechenden Schmerz in Erinnerung brächte.
Während des Aufnehmens der Verletzten fand sich ein Waldhüter ein, der angab, daß er bte beiden Personen in der Abenddämmerung eng umschlungen eine lange Zeit hindurch auf den Haideneck habe auf und ab= gehen sehen und daß er später kurz nach ernander drei Schüsse habe fallen hören. Er habe dann auch in der Gegend nachgesucht, aber wegen der Dunkelheit nichts gefunden. Eben erst sei er durch Spaziergänger von dem Geschehenen in Kenntniß gesetzt worden. Als ich die Unglücksstätte nochmals umging, fiel mir ein Brief in die Augen, der, mit einen Faden an den Zweig eines wilden Rosenbuschss gebunden, vom Morgenwinde leise bewegt wurde. In der Aufschrift, die ein Fräulein Margarete NielS in L., Fischergrube Nr. 23, als Adres- satin bezeichnete, war der Finder gebeten, den Brief in den nächsten Briefkasten zu stecken.
Der Umschlag war rtuvsrschlosseu.
(Fortsetzung folgt.)
— (Belohnte Jugendsünden) Geheimrath Dr. von Pettenkofer, der berühmte Münchener Hy- gieniker, erzählte dieser Tage, wie die „M. N. N." mittheilen, ein reizendes Geschichtchen, wie er die erste königliche Ansprache „erlitt". „Als ich, ein simpler Bub vom Lande," so ungefähr erzählte der greife Gelehrte, „vom Donaumoos nach München kam, in die königliche Residenz, zu meinem Onkel, dem Hofapolheker, da zeigte er mir alle die hohen Herrschaften, die da aus- unb entgingen, ritten und fuhren, ermähnte mich, hübsch artig zu fein, und schärfte mir vor allem ein, bei Begegnungen mit solchen Herrschaften mit der Mütze in der Hand stehen zu bleiben, bis sie vorüber seien, und ja nicht weiter zu gehen." Der Onkel war ein strenger Herr und der Pettenkofer that treulich, was der Onkel gebot. Da wollte er eines Tages eine in der Nähe der Resioenz befindliche Brücke überschreiten, als von der anderen Seite König Ludwig I. zu Pferde daher kam. [ Der König stieg vor der Brücke ab — er war nie ein großer Reiter vor dem Herrn. Drüben stand Pettenkofer, wie es ibm der Onkel eingeschärft hatte, um den König vorbeizulassen. Der halle allerlei au feinem Gaul zu ordnen und zu richten, und es dauerte diverse Minnten, bis er wieder im Sattel saß; Pettenkofer stand pflichtschuldigst noch immer an seinem Posten. „Ma ul a sf', gehst noch riet weiter!" war die unerwartete Quittung dafür aus dem Munde des Königs. Pettenkofer schlich geknickt nach Hause und meinte dann bei seinem Onkel, den hohen Herrn scheine an dem Stehenbleiben doch nicht gar so viel gelegen zu sein. Der Onkel ließ das natürlich nicht gelten und
sagte: „Das macht nix!" Später hat dieser lustige Vorfall Pettenkofer noch Gnade eingetragen. Denn Anno 1863 gestattete der König gegen seine sonstige Gewohnheit, und erst nachdem ihm Pettenkofer erzählt halte, was einstens an der Brücke passiert sei, daß dieser ein damals im Besitz des Königs befindliches, heute in der Pinakothek hängendes Bilo von Quaglio für sich photographire. Dem König hat die Reminiszenz viel Vergnügen bereitet. „So sieht man," schloß Pettenkofer, „daß Jugendsünden oft später belohnt werden."
— Berlin, 8. Bauführer I ü r gens mittags feine Geliebte, sich selbst
Darüber. Der verheirathete aus Hamburg erschoß Nach- die Crseleursgatlin Köpke, und