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Geatirbrilagen r^KuftrirUs Sonntagsblatt" «.Illnstelrte lanvwtrthschastllche Verlage".

$r. 131

SoiiMtad den 11. November

1899.

Zweites Blatt.

Gräfin Eessczynska.

Von Harrtet Sudle?.

(Fortsetzung.)

Bringst du schlechte Nachrichten?" fragte sie schüchtern. Einen Augenblick blitzte sein Auge freudig auf bei dem Klänge des trautenDu", das er noch nie von ihren Lippen gehört, und er drückte wie zum Dank ihre Hand, die er noch immer in der seinigen hielt; dann sagte er ruhig:

Ich hoffe, nein, es erfordert nur ein bißchen Mut. Aber wie geht es dir, Marie? Du bist blaß! Nein, jetzt bist du wieder purpurrot. Soll ich vielleicht wieder Madame sagen? Verletzt dich dasDu" aus dem Munde eines Russen?"

Du bist grausam, Wasil," flüsterte sie.

Und du krank!"

Nein, ich bin nicht krank."

Marie, du bist krank," wiederholte er mit Nachdruck, und mußt sofort zu Bette gehen. Hörst du? sofort!" Innerlich sagte er sich:Das Ungeheuer Baruschkin wird wohl ein Krankenzimmer respektieren."

Was thust du?" fragte sie, als er die Tischglocke in Bewegung setzte.

Ich läute deiner Kammerzofe, damit sie dir beim Auskleiden helfe. Wir haben nicht viel Zeit zum Fragen und Antworten. Du mußt krank sein, Marie, und in zehn Minuten im Bette liegen. Versteh' mich wohl es ist mehr als eine bloße Laune von mir.

Anna trat ein und er verließ ohne weitere Erklärung das Gemach. Zwanzig Minuten später saß er am Speisetisch vor dem eilig bereiteten Mahle. Er führte kaum den ersten Bissen zum Munde, als ein energisches Klingeln durch's Haus schallte.

Waneford ließ vor Schreck beinahe den Teller fallen, seine Zähne klapperten.

Dummkopf! herrfchte Wasil ihn an.Hast du denn ganz deinen Verstand verloren?"

Muß ich öffnen?" murmelte er.

Selbstverständlich! Mach' daß du hinauskommst, oder nein, trinke zuerst dieses Gläschen Tokaier, das wird dir Mut geben."

Waneford öffnete mit schlotternden Beinen. Er mißtraute seinem Herrn noch mehr, als es die Gräfin that. Er glaubte, daß der Oberst selbst den Ueberfall veranlaßt habe. Baruschkin war sehr erstaunt, Woron- zoff so häuslich in Ziedlin zu finden. Der Oberst be­grüßte seinen bittersten Feind mit gleichgiltigster Höflichkeit.

Haben Sie Ihren Weg so spät noch zu uns heraus- gesunden?" fragte er, seine Cigarre ansteckend.Oder . kommen Sie gar in dienstlicher Angelegenheit, weil Sie L ein so feierliches Gesicht machen?"

Es thut mir leid, dies bestätigen zu müssen, Herr Oberst. Ich habe einen vom Gouverneur unterzeichneten Hausdurchsuchungsbefehl, wollen Sie ihn sehen?"

Wozu denn? Treten Sie hier ein, vielleicht leisten Sie mir bei meinem Abendbrot Gesellschaft und halten "ut. Ich bin nämlich allein."

LDie Gräfin ist doch in Ziedlin?" fragte der Polizei­chef gespannt und ließ suchend seine Blicke in dem Speisezimmer umherschweifen, wo Waneford damit be­schäftigt war, ein zweites Gedeck aufzulegen.

Ja wohl, aber so leidend, daß sie ihr Zimmer hüten muß. Bitte, bedienen Sie sich Waneford, ein Glas I Bordeaux für den Herrn Polizeichef, rasch!"

Nicht doch, lieber Oberst bedenken Sie, was d mich hergebracht! Wir müssen mit so wenig Aufschub L als möglich auf die Suche gehen. Ich danke, ich kann wrrklich nicht einmal ein Glas Wein annehmen."

"®e wollen sich also nicht überreden lassen? Umso . Summer für mich, denn ich habe einen Wolfshunger. ^Aber ich kann warten."

I 3Mt doch," rief Baruschkin,ich bitte Sie, nicht

auf mich warten zu wollen. Ich werde das Schloß ver­lassen, sobald ich meine Pflicht erfüllt habe."

Ganz recht," entgegnete Woronzoff,aber es ist meine Pflicht, anwesend zu sein, während Sie die Ihrige erfüllen."

Bitte, nehmen Sie in Ruhe Ihr Abendbrot ein. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, Oberst, möchte ich die Haussuchung lieber ohne Sie vornehmen."

Sie scheinen zu vergessen, daß ich der Herr dieses Schlosses bin und außerdem auch ein Offizier seiner Majestät des Zars," sagte Woronzoff, sich zu seiner ganzen Höhe aufrichtend.Was Sie in diesem Hause finden, geht auch mich an, ich habe meine Ehre zu ver­teidigen ! Sind Sie bereit Herr Polizeichef?"

Ja wohl, Herr Oberst," brummte der Polizeichef. Es ist ja doch nur Formsache; in diesem Hause kann es ja nur Formsache sein."

Ganz richtig," bemerkte Woronzoff spöttisch lächelnd, und da meine Frau nicht wohl ist und die Geschichte unter den Hausleuten Aufsehen erregt, wollen wir sie je eher je lieber erledigen.

Er wartete gar nicht die Antwort ab, sondern gab Waneford ein Zeichen, die Thüren zu öffnen und führte den Polizeichef und dessen Trabanten durch eine Flucht von Empfangszimmern. Zwei ewig lange Stunden suchten Baruschkin und seine Häscher vergebens nach Ladislaus und nach verdächtigen Schriften. Woronzoff beobachtete ihr Gebühren mit höhnischem Lächeln, be­gleitete sie von den Dachkammern bis zu den Keller­räumen, in Ställe und Wirthschaftsgebäude, wo sie keinen Winkel undurchstöbert ließen, rauchte gemächlich seine Cigarre, während sie Wolken von Staub und Schmutz aufwirbelten und, mit Spinnweben bedeckt, aus den unglaublichsten Winkeln krochen.

Nach einer gründlichen Durchsuchung der Dienst­botenzimmer kehrten sie in die große Halle zurück, wo eine Schildwache auf und abmarschierte. Hier blieb Baruschkin stehen, blickte dem Oberst scharf ins Gesicht, nahm seine Brille ab, putzte sie, setzte sie umständlich wieder auf, räusperte und schnäuzte sich, ehe er sehr höflich sagte:

Diese Thüre ist noch nicht geöffnet worden!"

Nur ein scharfer Beobachter hätte bemerken können, wie Wasil unter seinem dichten Schnurrbart erregt mit der Lippe zuckte. Ohne ein Wort zu entgegnen, riß er die Thüre auf und streifte seinen Erbfeind mit einem Blick der tiefsten Geringschätzung. Sie traten in Maries Boudoir. Baruschkin übelflog das Gemach mit einem raschen Blick. Sein gutes Auge belehrte ihn sofort, daß sich zwischen diesen zierlichen chinesischen Schränkchen, dem Meißner Porzellan in Maries Heiligtum, kein Ver­steck finden ließ, aber in einer Ecke des Gemaches ent­deckte er eine geschlossene Thüre und auf diese schritt er zu. Mit einem Satze sprang Woronzoff wie ein ge­reizter Löwe hin und deckte sie mit seinem Leibe.

Ich weiß, dies ist das Schlafgemach der Gräfin, aber meine Pflicht erfordert es, einen Blick hineinzu- werfen. Es ist nur um der Form zu genügen!" meinte der Polizeichef liebenswüdig.

Der Graf rührte sich nicht von der Stelle:Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß meine Frau zu Bette ist, sie leidet an heftiger Migräne!"

Das thut mir leid, Oberst, aber es ist unbedingt nothwendig, daß ich einen Blick hineinwerfe. Ich hoffe, daß Sie mich an meiner Pflichterfüllung nicht hindern werdenI" schloß es hämisch.

Ist das Ihre Pflicht, Herr Polizeichef?" Die beiden Männer musterten sich von Kopf bis Fuß.

Woronzoff lächelte noch immer, aber in seinen Augen blitzte es unheimlich. Auch Baruschkin lächelte im Vor­gefühl seines Triumphes.

Sie erlauben mir wohl einzutreten?" fragte er höflich. Als Antwort griff der andere nach dem Knauf seines Säbels und zog ihn aus der Scheide.

Sie werden dieses Zimmer nicht betreten I" ent­gegnete er fest.

Herr Oberst, Sie führen eine seltsame Sprache für

einen Offizier des Zars!" bemerkte Baruschkin noch höflicher, dabei einen Blick auf seine Trabanten zurück­werfend, um sich zu vergewissern, ob sie da seien und bereit, einzuschreiten, falls es notwendig werden sollte.

Ich fordere Sie im Namen des Zars auf, mich eintreten zu lassen!"

Nein, das werden Sie nicht!" lautete Woronzoffs bestimmte Antwort.Herr Polizeichef, wir waren Rivalen. Sie haben es bereits gewagt, meine Frau mit Ihren Schnüffeleien zu belästigen, und heute kommen Sie wieder mit einer neuen Erfindung hierher, um sie weiter zu belästigen. Hier handelt es sich nicht um den Gehorsam, den ich meinem Zar schulde, sondern es handelt sich um eine Angelegenheit, die ich mit dem zurückgewiesenen Freier meiner Frau auszufechten habe!"

Sie beleidigen mich, mein Herr!"

Vielleicht, aber ich unterwerfe mich gerne dem Ur­teil jedes anständigen Kameraden. Wenn Sie mir Einen nennen können, der eine solche Beleidigung er­tragen würde, wie Sie sie mir zugefügt, will ich Ihnen jede beliebige Genugthuung leisten. Ich wiederhole es noch einmal, daß dahinnein der Weg nur über meine Leiche führt1"

Baruschkin wurde ganz grün vor Wuth, denn er fühlte sich dem Oberst nicht gewachsen. Die Möglichkeit, daß Woronzoff den eifersüchtigen Gatten spielen werde, hatte er nicht vorausgesehen; er schielte nach der Thüre hin und überlegte, was er thun solle.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

Rothenburg, O.-L-, 5. November. Der Häusler Kruhl aus Ullersdorf O.-L., ging in den dortigen Wildpark, um Hirsche zu füttern. Als er sich wieder entfernen wollte, wurde er von einem starken Hirsche angefallen und entsetzlich zugerichtet. Das Gesicht wurde ihm zerfleischt, die ganze rechte Seite des Körpers arg verletzt und die Kleider zerrissen. Nur mit äußerster Anstrengung und in der Todesangst vermochte sich der schon bejahrte Mann, auf Händen und Füßen kriecheend bis zu einem Fußwege zu schleppen, wo er liegen blieb und erst drei Stunden nachher aufgefunden wurde. Man schaffte ihn alsbald nach seiner Wohnung und rief einen Arzt herbei, der zahlreiche Rippenbrüche und schwere innere Verletzungen feststellte. Am Donnerstag Abend starb Kruhl, ein Veteran von 1866.

Berlin, 8. November. Von einem auf dem Jerusalemer Kirchhof beschäftigten Arbeiter Bollmann wurden gestern auf dem Kirchhof 4000 Mark in Gold gefunden. Bollmann bewahrte das Gold in einem Koffer auf. An demselben Nachmittag erschien in Abwesenheit Bollmann's in der Wohnung ein Mann, gab sich als Kriminalbeamter aus, sprengte mit einem Beil den Koffer und entnahm daraus das in einem Beutel befindliche Gold. Man vermuthet, der Unbekannte sei der flüchtige Kaffenbote Leisdorf, welcher unlängst 15 000 Mark unter­schlagen hat.

(M ittel gegen Spione.) Der General v. C. . . ., 1881 Gouverneur von Verdun, hatte, so erzählt das PariserJournal", die Gewohnheit, sich jede Woche nach Metz zu begeben, um sich dort die von den Deutschen auSgeführten Forts- und Kasernenbauten anzu- sehen. Er wurde bald erkannt. Von seiner zweiten Reise an empfingen ihn zwei Sicherheitsbeamte am Bahnhof«, begleiteten ihn auf allen seinen Spaziergängen und verließen ihn erst wieder, wenn er den Zug zur Rückkehr nach Verdun bestieg. Bei seiner dritten An­wesenheit in Metz grüßten ihn alle Generale und höheren Offiziere, obgleich er in Zivil war und keinen Orden trug. Noch schlimmer erging es ihm bei seinem vierten Ausfluge nach Metz. AIs er nämlich vor dem bayrischen Jnfanterieposten an derPorte Serpenoise" vorbeiging, trat die ganze Wache ins Gewehr und erwies ihm mit dem Leutnant an der Spitze die militärischen Ehren­bezeugungen. General v. C . . . verstand diesen zarten Wink und ließ sich fortan nicht mehr in Metz sehen.