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Gratisbeilagen r „Illuftrirtes Sonntagsblatt" n. „Iünftrirte landwirthschaftliche Beilage".
Rr. M.
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1898.
Erstes Blatt.
Amtlicher Theil.
Steckbrief.
Heute früh ist der unten näher beschriebene Zuchthausgefangene Anton Kühn von hier entwichen. Um Festnahme und Ablieferung hierher wird ersucht.
Ziegenhain, den 7. November 1898.
Königliche Strafanstalt.
Signalement: 1. Familien-Name Kühn, 2. Vorname Anton, 3 Geburtsort Großuuheim, 4. Religion kath, 5. Alter, geb. 2. 6. 1862, 6. Größe 1,76 m, 7. Stand oder Gewerbe Tagelöhner, 8. Haare dunkelblond, 9. Stirn hoch, gewölbt, 10. Augenbrauen dunkelblond, 11. Augen dunkelgrau, 12. Nase stumpf, 13. Mund gewöhnlich, 14. Zähne gut, 15. Kinn rund, 16. Gesichtsbildung rund, 17. Gesichtsfarbe gesund, 18. Statur schlank, 19. Sprache deutsch, 20. Besondere Kennzeichen; Schußwunde am linken Bein. Narben an beiden Beinen. Geht lahm, 21. Bekleidung: Sträflingsanzug, Bekleid« ungs-Nr. 351.
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Zu vorstehendem Steckbrief wird bemerkt, daß der Flüchtling muthmaßlich einen noch fast neuen schwarzen und grau formten Rock trägt, welchen er am 9. d. Mts. in Hilperhausen gestohlen hat, nebst einem darin steckenden Nasirmesser.
Hersseld, am 11. November 1898.
I. 6076. Der Königliche Landrath
. Freiherr von Schlei n i tz , Geheimer Regierungs-Rath.
Nichtamtlicher Theil.
$o§ Aiseriililir ini Nrient.
Das Festmahl, welches die Stadt Damaskus am Dienstag Abend in den Räumen des Stadthauses zu Ehren des Deutschen Kaiserpaares verunstaltete, nahm einen glänzenden Verlaus. Der Festsaal war mit kostbaren orientalischen Stoffen geschmückt, die Tische mit iverthvollen Tafelgeräthen geziert. Gegen Ende der Tafel erschien der geistliche Würdenträger (Alim) der Stadt Damaskus, Scheich A b - dullah Effendi, und pries in einer längeren Ansprache den Deutschen Kaiser und das Deutsche Reich. Durch seinen Besuch habe Kaiser Wilhelm sich nicht nur die Dankbarkeit der Ottomanen, sondern auch die begeisterte Liebe von 300 Millionen Muhammedanern erworben, welche zu dem Khalifen als zu ihrem geistlichen Oberhaupt emporblickten. Glücklich über den Besuch des Deutschen Kaisers, erflehe Damaskus den reichsten Segen des Himmels über den ruhmvollen Deutschen Kaiser, über das große Deutsche Reich und über alle Deutschen,
Seine Majestät der Kaiser erwiderte Folgendes :
„Angesichts der Huldigungen, die Uns hier zu Theil geworden sind, ist es Mir ein Bedürfniß, im Namen Ihrer Majestät der Kaiserin und in Meinem Namen für den Empfang zu danken, für Alles, was in allen Städten dieses Landes Uns entgegengetreten ist vor Allem zu danken für den herrlichen Empfang in der Stadt Damaskus Tief ergriffen von diesem überwältigenden Schauspiel, zu gleicher Zeit bewegt von bem Gedanken, an der Stelle zu stehen, wo einer der ritterlichsten Herrscher aller Zeiten, der große Sultan Saladin geweilt hat, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der oft seine Gegner die rechte Art des Ritterthums lehren . mußte, ergreife Ich mit Freuden die Gelegenheit, vor l alle» Dingen Sr. Majestät dem Sultan Abdul Hamid
zu danken für Seine Gastfreundschaft. Möge Se. Majestät der Sultan und mögen die 300 Millionen Muham- medaner, welche, auf der Erde zerstreut lebend, in ihm ihren Khalifen verehren, dessen versichert sein, daß zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird. Ich trinke auf das Wohl Sr. Majestät des Sultans Abdul Hamid."
Die Rede Sr. Majestät wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Der Beifall pflanzte sich auf den Platz vor dem Rathhause fort, auf dem die Bevölkerung der Stadt auf- und niederwogte. Abends war Damaskus prachtvoll illuminirt.
Am Mittwoch Vormittag unternahmen Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin einen Ausritt nach einem Aussichtspunkt in den Bergen, woselbst Erfrischungen eingenommen wurden. Se. Majestät der Kaiser ritt am Nachmittag noch einmal nach dem Aussichtspunkt, während Ihre Majestät die Kaiserin eine Fahrt durch die Bazare und um die Mauern der Zitadelle unternahm. Ihre Majestäten gedenken heute nach Baalbek zu reisen.
Die „Karlsruher Zeitung" schreibt: „Se. königliche Hoheit der Großherzog von Baden erhielt am Sonntag ein Telegramm Sr. Majestät des Kaisers aus Beirut über die am Samstag daselbst erfolgte glückliche Ankunft. Am Montag Abend spät traf ein weiteres Telegramm aus Damaskus ein, worin Se. Majestät hochbefriedigt von dem Ueberschreiten des Libanon sich äußert und Damaskus als eine der schönsten Städte schildert, wo Ihren Majestäten ein begeisterter Empfang von der aus weitem Umkreis zugeströmten muselmännischen Bevölkerung zu Theil ward. Die Reise war von herrlichem Wetter begünstigt."
Politische Nachrichten.
Berlin, den 10. November.
Inland.
Prinzessin Heinrich hat Kiel verlassen, um von Italien aus die NUse nach Ostasien an Bord des deutschen Postdampfers „Prinz Heinrich" anzutreten.
Ob dem Reichstage außer der Vorlage zum bessern Schutz der arbeitswilligen Arbeiter noch weitere Vorschläge gegen Sozialismus und Anarchismus zugehen werden, erscheint noch fraglich. Voraussichtlich werde zunächst der Verlauf und der Ausgang der internationalen Anarchisten-Konferenz abgewartet werden.
Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das Verzeichniß von etwa 300 Damen und Herren, denen die am Geburtstage der Kaiserin gestiftete Rothe Kreuz- Medaille vom Kaiser verliehen worden ist.
Eine Konferenz von Ober-Post-Direktoren findet in der zweiten Hälfte dieses Monats im Reichspostamt statt. Die Konferenz dürfte sich in erster Linie mit den verschiedenen Fragen der Personalreform im Reichspostdienst beschäftigen.
Es dürfte, wie die „Nordd. Allg. Ztg." bemerkt, nicht ausgeschlossen sein, das die Zeit für gekommen erachtet wird, ein Staatsgesetz vorzulegen, wodurch die Gemeinden gezwungen wären, -eine höhere Gewerbesteuer für Warenhäuser zu erheben. Ein diesbezüglicher Entwurf ist bisher noch nicht fertig, es finden indessen über diese Angelegenheit zwischen den Ministerien der Finanzen, des Innern und des Handels Konferenzen statt.
Mit Rücksicht auf die Thatsache, daß die vielen Tausende von Elsässern und Lothringern, die in Frankreich leben, einig in der Verwerfung des Frankfurter Friedens sind und ihre D e u t s ch f e i n d - lichkeit bei jeher passenden Gelegenheit, wie bei dem auf der Höhe des Eifelthurmes am 23. Oktober zur Er- ; innernng an den vor 250 Jahren abgeschlossenen Frieden zu Ryswyck abgehaltenen Festesten der elsässischen Vereine, an den Tag legen, richtet ein süddeutsches Blatt folgende ernste Warnung an unsere Nachbarn im Westen: Es ist gut, wenn wir in Deutschland nicht vergessen,
daß in Frankreich noch viele Tausende von Männern vorhanden sind, die immer von neuem wieder zum Kriege hetzen und die in thörichter Verblendung auch heute noch den Frankfurter Frieden nicht onerkennen wollen. Diesen Unversöhnlichen jenseits der Vogesen sei in das Gedächtniß zurückgerufen, daß im westfälischen Frieden auch die Städte Toul, Verdun, Nancy an Frankreich kamen und daß ein neuer Krieg vielleicht auch die Folge haben könnte, daß Frankreich alsdann auch diese Landstriche noch verlieren dürfte. Gerade diese offenkundigen Umtriebe der elsaß-lothringischen Vereine und der wieder auflebenden Patriotenliga werden aber als erste Folge wohl dazu führen, daß Deutschland auch in nächster Zeit sein Pulver trocken hält und sich diejenige Rüstung anlegt, deren es im Kriege bedarf.
Der Bundesrath versammelte sich heute zu einer Plenarsitzung. Vorher beriethen die vereinigten Ausschüsse für Rechnungswesen und für das Landheer und die Festungen sowie die vereinigten Ausschüsse für Rechnungswesen und für Justizmesen.
Ausland.
Nach telegraphisch eingezogenen Erkundigungen ist der Gesundheits-Zustand der deutschen Marinetruppen in K i a u t s ch 0 u , der allerdings vor einiger Zeit zu wünschen übrig ließ, wieder normal geworden. An der Errichtung von zweckmäßigen Wohngebäuden für die Truppen wird eifrig gearbeitet. Todesfälle sind seit dem Eintreffen der Besatzungs-Truppen bis heute im ganzen 8 vorgekommen, von denen einer infolge eines Unglücksfalls eintrat. Da die gesamte Besatzung Kiautschous rund 1500 Köpfe zählt, so belauft sich die Prozentzahl der Todesfälle infolge von Krankheiten auf 0,47 für die Zeit von 10 Monaten, während z. B. der letzte Jahres- Durchschnitt der deutschen Marine 0,3 Proz. betrug. Es ist sonach kein Grund zur Beunruhigung wegen der gesundheitlichen Verhältnisse in Kiautschou vorhanden.
Die Mttfolirt nach dem heiligen funk 30» Damaskus. II.
D i e Häuser.
Jeder Laden ist nur so breit, daß er mit einer einzigen, etwa 5—6 Fuß breiten Thür geschlossen werden kann. Dieselbe besteht aus einer obern und einer untern Klappe, die letztere wird auf einen Boden von 3 Fuß Breite und 18ZollHöhe, der von Lehm und Holz gefertigt sich vor dem Laden befindet, aufgeklappt, bann legt der Kaufmann einen Teppich darüber und setzt sich, seine Nargi- leh rauchend und Käufer erwartend, denen er die Ware auf dem Teppich ausbreitet. Die obere Klappe schlägt nach oben auf und wird dort befestigt. So dehnen sich die Bazare endlos nebeneinander aus unb zwar so, daß ein Handwerk eine ober mehrere Straßen einnimmt; hierdurch wird dem Kaufenden die Auswahl ermöglicht, welche in den kleinen Boutiquen der einzelnen Kaufleute natürlich sehr beschränkt ist. Außer diesen Bontiquen giebt es aber noch die sogenannten Khans, das sind große Höfe mit Marmor gepflastert und mit einer Kuppel überwölbt, in denen Springbrunnen rauschen unb um die sich in mehreren Stockwerken im maurischen Stile erbaute Lagerräume und Läden der größeren Kaufleute reihen. In einem dieser Khans, wo wir Einkäufe machten, sollen 2000 Kameele und ebenso viele Menschen Raum haben.
So trist und ärmlich nun die Umgebung der Boutiquen und Khans und die Straßen Damaskus aussehe«, so reich und glänzend ist das Innere der Häuser und Höfe. Man tritt durch eine schmale Thür in der Regel in einen engen und winkligen Gang, der in den Hof des Hauses führt. Hier beginnt plötzlich die Pracht. Der meist viereckige größere oder kleinere Hof ist mit Steinplatten von Basalt, Lava, Kalkstein ober Marmor gepflastert, Palmen, Orangen und Olivenbäume geben ihm Schatten, schöne Erpressen zieren ihn. In der Mitte ist ein großes Marmorbecken, welches durch einen fortwährend Wasser gebenden Krähn gefüllt gehalten wird. In den reichsten Häusern befinden sich auch Springbrunnen