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Gratisbeilagen rIllnstrirter Ksnnragsblatt" «.3Huftrirte landwirthschaftliche Beilage".

«r. 107.

Siutieö Den 10. Sevtember

1898.

Erstes Blatt.

Amtlicher Theil.

Hersjeld, den 8. September 1898.

In letzter Zeit ist es häufig vorgekommen, daß Per­sonen den einen oder anderen Ort verlassen haben, ohne sich vorher an- bezw. abzumelden. Nach der Polizeiver­ordnung vom 18. November 1874, abgedruckt im Amts­blatt Königl. Regierung zu Cassel Nr. 49, sind alle die, welche ihre Wohnungen (auch innerhalb des Wohnortes) wechseln, verpflichtet, dies innerhalb 3 Tagen dem Ortsvorstande persönlich oder schriftlich zu melden. Ueber diese Meldung wird eine Bescheinigung ertheilt. Auch diejenigen, welche die betreffenden Personen als Miether, Dienstboten, Gesellen, Arbeiter oder in sonstiger Weise ausgenommen haben, sind innerhalb sechs Tagen, nach dem Ab-, An- oder Umzug verpflichtet, Meldung zu machen, falls dieses nicht bereits durch die aufge. nommenen Personen geschehen ist.

Zuwiderhandlungen gegen diese Polizeiverordnung unterliegen einer Geldstrafe bis zu 30 Mark, im Unver­mögensfall einer entsprechenden Haft.

Den Herrn Ortsvorständen bringe ich diese Polizei­verordnung in Erinnerung, mit der Weisung, alle Zu­widerhandlungen zur Bestrafung zu bringen.

III. 2486. Der Königliche Landrath

Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.

Nichtamtlicher Theil.

Die Kahnfahrt nach dem heiligen Lande.

3. Konstantinopel. II.

In ihrem Innern bietet die nicht mehr im byzantini­schen Geschmack geschmückte Stadt nicht viel Sehens­werthes. Der Verkehr in den Straßen verbietet sich von selbst. So benutzen denn die Fremden jeden Augenblick, um das unvergleichliche landschaftliche Bild zu genießen und sich auf das Wasser zu begeben. Dies geschieht meistens in Kaiks, Fahrzeugen, die Konstantinopel eigen­thümlich sind, ähnlich wie die Gondeln Venedigs, unge- mein schmal und laug gebaut, sodaß man mit der größten Vorsicht ein- und aussteigen muß; diese Kaiks werden mit trefflichen Ruderschlägen ungemein schnell vorange­trieben. Oder man nimmt einen der großen Lokaldampfer, die beständig von der Schiffsbrücke abgehen. Größere Ausflüge in die schöne Umgegend zn unternehmen, ist immer lohnend.

Hier auf der Schiffsbrücke gehen die Fremden spazieren. Man sieht hier viel Leben zu Wasser und zu Lande. Schrill pfeifende Dampfer kommen an und fahren ab, rasche Kaiks huschen wie Libellen über die blauen Wasser, Botschasterwagen mit goldverbrämten Kawassen (Gen­darmen) oder Ministerwagen mit berittener Eskorte poltern donnernd in eiliger Hast über die Planken der Schiffsbrücke, schwere mit Ochsen bespannte Lastwagen ächzen daher. Zerlumpte, malerische Bettler tasten ihre Wege durch die Menge zu den Mildthätigen; nur die Frauenwelt fehlt. Wohl sieht man hier und da ver­schleierte Frauen aus dem türkischen Volke oder modern g> kleidete Europäerinnen, aber sie verschwinden in der Menge. Die vornehmen Türkinnen bleiben zu Hause, oder fahren im geschlossenen Wagen. Der Turban ist in Konstantinopel die Ausnahme. Der schwarze Rock, der rothe Fez bilden die Regel in der türkischen Männer- begleidung und tragen nicht zur Mannigfaltigkeit bei. Man sieht belebte Straßen in Galata, die vom Wind­hauche bewegten Mohnfeldern gleichen, Fez neben Fez, wie rothe 8 hinten.

Konstantinopel eignet sich wenig zu tätigerm Aufent­halt. Der gesellige Verkehr beschränkt sich auf die Bot­

schafter-Hotels und die Häuser der europäischen Kolonien. Es giebt kein Lokal, um den Abend zu verkürzen, keinen Korso, keinen Ort, an welchem sich die elegante Welt zu Wagen oder zu Fuß bewegen könnte, es sei denn, daß man diesüßen Wasser von Europa" in den Sommer­monaten dazu zählt. So nämlich nennt in Konstanti­nopel der Volksmund ein von Wasser durchzogenes Wiesen- thal am obern Ende des goldenen Horns, wo sich am Freitag Nachmittag ein gutes Stück türkischen Volkslebens abspielt, und wo bei Skutari an den süßen Wassern Asiens zwei kleine Füsse münden, nachdem sie sich vorher vereinigt haben, die süßes Wasser enthalten, während das im goldenen Horn salzig ist. Die Flüßchen durch­stießen das Thal Kiathanö und hierher in dieses Thal, welches mit hübschen Baumgruppen und saftigen Wiesen geschmückt ist, wo zahlreiche Kaffeehäuser und Brücken sich finden, pilgern an jedem Freitage, dem türkischen Wochenfeiertage, viele Tausende. türkischer Frauen zu Fuß, zu Wagen, auf Eseln und Pferden, per Dampfer und im schnellen Kaik, um die Einförmigkeit ihres Daseins für einen Tag in der Woche zu vergessen.

Hier kann man das türkische Volksleben betrachten: Kinder in phantastischen Kostümen machen den Eindruck einer Maskerade, die auf dem Boden ausgebreiteten Teppiche und Strohmatten am Rande des Wassers, die fliegenden Kaffeeschänken, welche hin und her Kaffee, Eis, Früchte und Gebäck anbieten . die fideinden Zigeuner, die bulgarischen Hirten, welche die Sackpfeife mißhandeln, die bunten Staatskarossen der Vornehmen, die jungen, auf der Fahrstraße galoppierenden Reiter, das alles ist unter dem Zusammenklingen der Flöten, Geigen, Schal­meien, Pauken, Dudelsäcke und Tambourins für den Fremden ein farbenreiches und interessantes Bild.

Sehenswürdigkeiten Konstantinopels, an denen kein Fremder vorbeigehen kann, sind die Aja Sofia, der Selamlik und der Bazar. An jedem Freitag besucht der Sultan eine Moschee von seinem Palast Mdiz Kiosk aus unter dem Aufmarsch der Truppen, die Spalier bilden in festlicher Auffahrt. Der Zweck dieses sich wöchentlich wiederholenden Schauspiels ist der, den Sultan als treueil Anhänger des Propheten, als Kalifen Beherrscher aller Gläubigen seiner Hauptstadt und seinen Truppen zu zeigen. Freilich, in dem gebeugten Manne mit dem sorgenschweren Antlitz, der heute auf dem Thron der Kalifen sitzt, dürfte auch der treueste Ottomane den geistigen Nachfolger Muhammeds II., des Eroberers von Byzanz kaum erblicken.

Man zeigt den Fremden auch das Serail, einen großen mit Festungsmauern und Thürmen umgebenen Garten, in dem eine Anzahl von Gebäuden stehen, die einst dem Sultan zur Residenz dienten; jetzt sind Ministerien darin und Wohnungen der verwitweten Sultaninnen. Die mit Divanen, Teppichen und Kronleuchtern möblierten Kiosks und Empfangssäle, die dicke Plantane der Janitscharen, die Nägel, an denen die Köpfe der enthaupteten Paschas einst bei Bab Humaium ausgehängt, das Loch in der Mauer, durch welches die schuldigen Sultaninnen in einem Sack in den Bosporus geschleudert wurden, die Waffen in der Kirche der heiligen Irene, welche ein Arsenal geworden, hatten nur ein untergeordnetes Interesse.

Der Franzose Pierre Loti durfte die Schatzkammer des alten Serails, des Schlosses des Kalifen bei Kon­stantinopel, besichtigen, was sonst nur wenigen vergönnt ist. Er schildert den Eindruck, den dieser Besuch auf ihn gemacht, und erklärt, daß die in dem alten Gebäude enthaltenen Reichthümer von wahrhaft unschätzbarem Werthe sind. Seit acht Jahrhunderten werden dort die kostbarsten und seltensten Edelsteine, die prachtvollsten Wunderwerke der Kunst angesammelt, silberne und goldene Waffen, die mit großen Diamanten verziert sind, große Thronsessel, die mit Rubinen, Perlen und Brillanten ausgelegt sind, Theetassen und Kistchen aus einem ein­zigen Smaragd gearbeitet. Millionen und Millionen sind in den großen finstern Sälen aufgehäust, wo man die kostbaren Metalle und die Perlen in tausend phan­tastischen Farben leuchten sieht. In einem Saale stehen an den Wänden viele mit unerhörter Pracht gekleidete

Wachspuppen gleichförmig aufgereiht. Bis zum Beginn dieses Jahrhunderts wurde jedesmal, wenn ein Sultan starb, in dieses geheime Zimmer eine lebensgroße Wachs­figur gebracht, welcher man die Galakleider des verstor­benen Monarchen anlegte. Man gab ihr wundervolle Waffen, bedeckte sie mit Edelsteinen von unermeßlichem Werthe, und so blieb sie stehen, überschüttet mit Reich­thümern, die für immer verloren sind. Die langen und üppigen Gewänder sind eigenartige Brokatstoffe mit gro­ßen, geheimnißvollen Mustern, deren Farben allmählich verfchossen sind. Die herrlichen Dolche, deren Knöpfe aus einem einzigen Edelsteine gemacht sind, werden mit "der Zeit vom Rost verzehrt. Die 28 türkischen Herrscher, die von der Eroberung Konstantinopels bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts regiert haben, stehen dort als Puppen in dem dunkeln Raume, stumme Zeugen ver­flossener Größe und Pracht.

Die zur Aufnahme unseres Kaisers und seines Ge­folges vom Sultan angeordneten Umbauten und Neu- eiinichtuilgen sind nahezu vollendet. Die für den Kaiser bestimmten Wohnräume liegen im sogenannten Tsit Kiosk, dem als Neubau eine große und prunkvoll aus­gestattete Empfangshalle angefügt wurde. Die Gesamt­kost ru der vorgenommenen Umbauten werden ausschließ­lich der innern Ausstattung auf eine Million Mark berechnet.

Politische Nachrichten.

Inland.

Berlin, 8. September.

Se. Majestät der K a i s e r hat am Dienstage bei der Galatasel der Provinz Westfalen zu Oeynhausen in einem Trinkspruch eine Erklärung abgegeben, die sich ihrem Inhalt nach an seine vorjährige Ankündigung in Bielefeld betreffend den Schutz der Arbeitswilligen an» schließt. Der Kaiser theilte mit: das Gesetz gehe seiner Vollendung entgegen, durch welchesjeder, er möge sein, wer er will, und heißen, wie er will, der einen deutschen Arbeiter, der willig wäre, seine Arbeit zu vollführen, daran zu hindern versucht oder gar zu einem Ausstande an reizt, mitZuchthau« bestraft werden soll " Er, der Kaiser hoffe, daß das Volk in seiner Vertretung zu ihm stehen werde, um un­sere nationale Arbeit nach Kräften zu schützen.Recht und Gesetz müssen und sollen geschützt werden, und so­mit werde ich dafür sorgen, daß sie aufrecht erhalten werden."

Aus Minden, 8. September, wird gemeldet: Se. Maj der Kaiser pflegte gestern Nacht nur einige Stunden der Ruhe und begab sich dann nach Lohde, wohin gestern das Commaudo des 10. Armeekorps verlegt worden war. Auf Pontonbrücken, welche bei Petershagen und Dieters­heim von Pionieren geschlagen waren, wurde in der Nacht der Uebergang des Korps über die Weser bewerk­stelligt. Heute früh drang das 10. Korps unter dem Oberbefehl des Kaisers auf daö Westkorps ein und zwang dasselbe zum Rückzug.

Ihre Majestät die Kaiserin ist aus O. yn- Hausen heute Nachmittag gegen 1'/, Uhr in Wildpark eingetroffen.

Zu der Sensations-Meldung über Verhandlungen zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren wegen Bosniens und der Herzegowina wird dem Ber­liner Korrespondenten derFrankst. Ztg." von maßge­bender Seite in bestimmter Weise versichert, daß solche oder ähnliche Verhandlungen niemals stattgefunden haben, weder zwischen den Regierungen Deutschlands und Ruß­lands, noch zwischen den Monarchen beider Reiche.

Der Kaiser beabsichtigt, dem Altreichskanzler Fürsten B i s m a r ck im neuen Berliner Dom ein Ehren-Denk- mal zu setzen, und hit einen Auftrag dem Professor Vegas ertheilt. Das Monument bildet einen Sarkophag, aus dem sich die Figur des Fürsten in natürlicher Größe erhebt, von symbolischen Gestalten umgeben. Das Ma­terial ist weißer Marmor.