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ersselkr Kreisblatt.
(Gratisbeilagen: „SUnftrirtes Senntagsblatt" n. „^llaitrirte lan-wrrthschaftttche Verlage".
Rr. 95.
Smün) Sei IX Aiigiist
1898.
(Erstes Watt.
Amtlicher Theil.
In der Zeit vom 5. bis 7. b. MtS. sind dahier mittelst Einsteigens und NachschließenS einer verschlossenen Kommode nachverzeichnete Gegenstände entwendet worden. 1. eine flache goldene Damen-Cylinderuhr mit Schlüssel- auszug und gravirten Rückdeckel, 2. drei goldene ovale Brochen (zwei größere und eine kleinere) Eine derselben stellt ein Medaillon mit blauer Emailleverzierung dar, in welch letzterer 2 kleine Schlipse eingebrannt sind und 3. ein silbernes und ein duple Armband von reis- aitiger Form mit Charnierverschluß. Die gestohlenen Werthgegenstände haben einen Gesammlwerth von 135 Mark und fehlt von dem oder den Thäter bis jetzt jede Spur.
Um Nachforschung und evtl. Nachricht wird eisncht. Hanau, den 8. August 1898.
Königliche Polizei-Direktion.
Warimugsruf an junge Mädchen und alleinstehende Frauen.
Großen Gefahren sind alle diejenigen Mädchen und Frauen ausgesetzt, welche ohne sorgfältigste Prüfung eine Stellung im Auslande, insbesondere in überseeischen Ländern annehmen; statt des ehrbaren Unterkommens, das sie suchen, wird nur allzu oft elende Gefangenschaft in schlechten Häusern, Schande, Jammer und Elend ihr Loos!
Mit teuflischer List suchen schändliche Mädchenhändler überall Opfer zu erlangen, die sie dann elend in den Häusern der Schande zu Grunde gehen lassen. Vor allem ist keiner auch noch so unauffälligen Anzeige, in der eine gute Stellung im Auslande angeboten wird, auch keiner Heirathsannonce nach dem Auslande zu trauen, selbst wenn sie von den besten und meistgelesenen öffentlichen Blättern gebracht werden. Denn gerade die Anbietung solcher guten Stellen ist einer der häufigsten Kunstgriffe, welche die an vielen Orten Deutschlands vorhandenen Agenten ausländischer wohlorganisi'ter Kupplerbanden anwenden, um junge Mädchen und einzeln
Die ^ternwirthin.
Erzählung für das Volk von A. v. Hahn.
(Fortsetzung.)
Eine schwere Beklemmung legte sich auf sein Herz Es war ihm, als wenn ein Todter die Hand aus dem Grabe herausstreckte, denn in seinem Herzen hatte er den Sohn begraben und niemals mehr von ihm zu hören erwartet. Endlich las er das Schreiben, das folgenden Inhalt hatte:
„Liebe Mutter!
Ich lebe und bin wieder soweit gesund, daß ich mit des lieben Herrgotts Hilfe auf eine vollständige Wiederherstellung rechnen kann. Viel kann ich noch nicht schreiben, denn mein Kopf war arg zerschlagen und ich kann das Nachdenken noch nicht gut aushalten. Ich konnte Dir nicht Nachricht geben, mein liebes Mutterle weil ich acht Wochen ohne Besinnung gelegen habe und Herr Wilson, der mich wie einen Sohn gepflegt und behütet hat, meinen Namen nicht kannte. Was geschehen ist, will er selbst ausschreiben, er weiß es besser wie ich, denn mir ist alles wie ein Traum. Meist liebes Mutterle, hoffentlich hast Dich nicht krank um mich gegrämt. Jetzt aber kannst' ganz beruhigt sein, denn ich bin wieder heil. Und denk nur, liebes Mutterle,, der liebe Herr will mir gar einen großen Haufen Geld geben, daß ich mit einen eigenen Hof gut und gern dafür kaufen kann. Wenn der liebe Viter mir aber jetzt meinen Herzenswunsch erfüllen und die Lenet als Schwieg rein aufnehmn will, dann
stehende Frauen zur Auswanderung zu verführen. Sie, scheuen sich sogar nicht, sich mit ihren Opfern zu verloben, ja selbst sie zu heirathen, wenn sie nicht auf andere Weise Gewalt über sie erlangen können. Sind aber erst solche Unglücklichen in dem ausländischen Hafen angelangt, dann ist es allermeist für Hülfe zu spät; nach kurzer Zeit gelangen sie an Leib und Seele vergiftet, vorzeitig gealtert, siech und hülflos in die Spitäler, wo sie unterdrückt, verfolgt, verlassen, verachtet, ohne Familie, ohne Freunde, ohne Liebe und ohne Tröstungen aus Gottes Wort im Elende dahinsterben.
Aufs dringendste warnen wir deshalb die Frauenwelt, irgend eine Stellung im Auslande anzunehmen, ohne zuvor sorgfältig und gewissenhaft Erkundigungen eingezogen zu haben.
Da private Empfehlungen, Zeugnisse und ähnliche Papiere nicht selten gefälscht sinn, so wende man sich an eine der untenstehend angegebenen Adressen, in jedem Falle aber auch an eine der deutschen evangelischen Auswanderermissionen, deren Adressen sind: in Bremen, Pastor Cuntz, Rolandstraße 1 und in Hamburg, Pastor Müller, Amsinkstraße 15.
So dankbar es anzuerkenven ist, daß die deutsche Reichsregierung stets ein wachsames Auge hat auf den Handel mit deutschen Mädchen Lad Frauen und demselben überall, wo er sich zeigt, rücksichtslos entgegentritt, so gilt es doch vor allem vorbeugend sich selbst zu schützen. Ist es in der Heimath unterlassen worden rechtzeitig Erkundigung einzuziehen, so darf als letzte Vorsichtsmaßregel nicht versäumt werden, daß man sich nach Landung in den nachbenannten Hafenorten zuerst und sofort an die bezeichnete Adresse wendet, um erst von da aus nach Empfang günstiger Auskunft die Stelle anzutreten.
Habt al'o Ächt, ihr Mädchen und Frauen unseres Volks, und höret auf die warnenve Stimme derer, die es mit Euch wohl meinen.
Berlin, im Juni 1898.
Der Central-Ausschuß für die Innere Mission.
Amsterdam. Weesperzijde 67. (Pastor Bähr.) — Antwerpen. Rue Bex (Pastor Meyer.) — Baltimore. Female Christian Home, 416 N. green Street. — Boston Mass. Young Womens Christian Association Home. 68 Warrenton Str. — Bremen. Anstalt Marthasheim. Neustadt. Osterstr. 21. (Pastor Cents.) — Buenos Ayres Home. Calle Victoria 1238. — Deutsche Kirche: Esmeralda 166. — Chicago. Passavant Memorial Hospital. 192 East Superior Str. — Constantinopel, Pfarrhaus der
kehre ich gern als Ener getreuer Sohn zv.llck und will Euch lieben und dienen, so lange uns der liebe Herrgott beisammen läßt. Schreib' nur bald liebe Mutter, denn es kann noch lange dauern, ehe ich auf die Beine komme und wieder fort kann. Ich schließe jetzt, weil ich noch an mein Lenei schreiben will. Grüß den lieben Vater und leg ein gutes Wort bei ihm ein für Deinen lieben und getreuen Sohn
Benedikt Wurzer."
Schweigend drehte der Bauer das Schreiben um und las, was auf der andern Seite stand.
Ein Herr Wilson theilte darin mit, wie der Benedikt am siebzehnte» Juni, das war gerade der Beerdigungstag der Wurzerin, sein Lebensretter geworden sei. Indem er grade des Weges daherkam, als das wildgewordene Pferd, das Herrn Wilson einen schmalen Bergpfad hinauftrug, seinen Reiter dicht am Rande eines Ab- grundes abwerfen wollte. Benedikt sei wie ein lebendiger Engel Gottes dazu gekommen, dem Thier in die Zügel gefallen und habe es so lange festzuhalten vermocht, daß der Reiter absteigen konnte. Er, der arme Benedikt, sei aber von dem rasenden Thier in den Abgrund ge schleudert worden. Die Führer hätten ihn nach Stunden für todt herausgetragen. Da sich nach vielen Bemühungen doch noch Lebensspuren in ihm regten, hätten sie ihn vorsichtig aus einer Tragbahre znr Eisenbahnstation ge tragen und er habe ihn dann weiter in die Klinik ge bracht. Dort sei es nun gelungen, den Benedikt durch sorgfältigste Behandlung wiederherzustellen. Die Eltern möchten sich nun nicht mehr grämen, ihr Sohn sei ge
deutschen evangelischen Gemeinde. (Pastor Suhle.) — Genua. Via Milano 26 int. 5. (Missionar Kämmerer) — Hamburg: Heim für junge Mädchen. Bleichenbrücke 12 — Mädchenheim Bahnstrasse 6. — Lissabon. Largo do Rilvas 10. äs Neces- sidades. Deutsche evangelische Kirche. — Liverpool. 62 Hus- kisson Street. Deutsches Pfarrhaus. — Milwaukee Wisc. Mil- waukee Hospital. Corner 22nd und Cedar und State Streets. — Minneapolis. Norwegian Luth. Deaconess Institute 1417 23nd Str. Corner 15th Avenue South. — Montreal Canada. Womens's National Emigration Home. Osborne Street. — New-York. Home. 7. East 15th Str. Y. W. C. A Norwegian Lutherian Deaconess Home. Corner 46th Str. und 4th Avenue. Brooklyn-New-York. — New Orleans. La. Christian Womans Exchange. Corner South und Camp Streets. — Philadelphia. Drexel Home. 2100 South College Avenue. — Pittsburghs Pa. Passavant Memorial Hospit;,! Corner Reed und Robert Sireets. -- Rio de Janeiro. 5a Thereza, ma do Curvella 4. (Dr. C. M. Gruel, Pastor.) — Rotterdam. Maastraat 16, Eckardthaus. — San Francisco. Home. 1221 OTarell Street. Y. W. C. A. — Shanghai. 22 Whangpoo-Road (Pastor Hack- mann. — Valparaiso. Casilla 379. (Missionar Kipp.)
Nichtamtlicher Theil.
Win) in Sdnntung.
Herr Curzon, der parlamentarische Unterstaatssekretär
Lord Salisburys für die auswärtige Politik, hat in der Dienstagssitzung des englischen Unterhauses Angaben übe/ ein „Memorandum" gemacht, worin von unserm Staatssekretär v. Bülow nochmals die Grundzüge des deutschen Vorgehens in Ostasien deutlich ausgesprochen worden sind. Veranlaßt wurde diese Mittheilung der deutschen Regierung durch einen Protest, den das Londoner Kabinet in Berlin und Peking gegen gewisse wohl absichtlich mißverstandene Schritte unserer Diplomatie einzulegen für gut befunden hatte. Es handelt sich auch hier um eine Eisenbahn-Konzession, — ein Punkt, in dem die Engländer besonders empfindlich zu sein scheinen. Der deutsche Gesandte in China sollte, und zwar unter Drohungen, erklärt haben, Deutschland verlange, daß in der Provinz Schantung keine Eisenbahn ohne seine Erlaubniß gebaut werde. Dagegen wollte die englische Regierung Verwahrung einlegen.
Herr v. Bülow antwortete auf diese Beschwerde, daß sie gegenstandlos sei, weil Deutschland ein derartiges Oberaufsichts-Recht über sämmtliche in der chinesischen Provinz Schantung etwa auszuführende Eisenbahn-Bauten niemals beansprucht habe. Allerdings aber sei unser
rettet und er, für den er sein Leben eingesetzt, wolle es ihm lohnen, soweit sich solche That vergelten lasse. Er sei mit Glücksgütern reich gesegnet und wolle den Bene- dikt so hinstellen, daß er für sein Leben versorgt sei. Am liebsten würde er ihn ganz an sich fesseln und dauernd bei sich behalten, denn er habe den Benedikt als eine so herzensgute Seele kennen und lieben gelernt, daß es ihm ein wirklicher Schmerz sei, ihn wieder von sich geben zu müssen, sobald er hergestellt fei. Den Benedikt zöge es aber so mächtig nach der Heimath, daß er nicht länger, als unbedingt nöthig, zurückgehalten werde. Die Eltern möchten nur bald Nachricht geben und was an ihnen läge, mit Sorge tragen, daß Bene- dikts Braut, nach der er in so großer Sehnsucht ve.- lange, ungesäumt zu ihm komme.
Als der Wurzer das Schreiben zu Ende gelesen, legte er es kopfschüttelnd und schwer aufathmend aus der Hand und versank in ein langes Nachdenken.
Es war ihm ganz wirr um den Kopf geworden. Was sollte er von der Sache halten? Konnte es anderes als eine Finte sein, die ihn von seinem Verdacht abbringen und ihn glauben machen sollte, wenn Benedikt mit goldstrotzenden Taschen heimkehrte, das Geld stamme von dem abenteuerlichen Freunde her, der in Wirklichkeit gar nicht vorhanden war.
So mufete es sein, und davon würde er so lange überzeugt bleiben, als die Thatsache bestand, daß er be- stohlen war und er den Benedikt in jener Nacht bei seinem fluchtartigen Rückzug ertappt halte.
Als er soweit mit seinen Gedanken gekommen war,