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Die Marine-Vorlage.
Die See-Interessen des deutschen Reiches sind im letzten Jahrzehnt erheblich gewachsen, der überseeische Handel und die Schifffahrt haben wesentlich zugenommen. 3m großen Umfange sind deutsche Kapitalien im Auslande angelegt; durch die Zunahme der Bevölkerung, welche zu ihrer Ernährung des Erwerbes bedarf, ist Deutschland auf einen starken Import von Rohmaterial und Export der aus diesen verarbeiteten Gegenstände angewiesen. Nicht nur die Industrie, sondern auch die Landwirthschaft hat ein großes Interesse am Seehandel. Etwa 15 Prozent unserer Ausfuhr, die über See geht, sind landwirthschaftlicher Herkunft. Für unsere Land- wirthschaft werden außerdem eine Reihe wichtiger Gegenwände wie Chilisalpeter, Leinsaat, Mais und dergleichen über See eingeführt. Die in der Landwirthschaft thätige Bevölkerung braucht ferner auch eine Anzahl wichtiger Gegenstände, die über See ins Land kommen, wie Baum- wUe, Kaffee, Thee, Gewürze u. dergl. Die Landwirthichast hat daher ebenfalls ein großes Jntereffe an einer starken Flotte. Die Einsuhr von Weizen, Roggen, Gerste and Hafer kommt dagegen zum größten Theil aus Ländern, die auch zu Lande erreicht werden können.
Aus der erheblichen Zunahme der See-Jntereffen folgt ohne Weiteres die Möglichkeit ernster Konflikte und damit die Nothwendigkeit einer Verstärkung der deutschen Flotte, damit sie dem Schutze dieser Interessen gewachsen bleibt. Diese Nothwendigkeit ergiebt sich um so mehr, als andere Seemächte ihre Flotten inzwischen oerslärkt haben; auch Länder in Asien und Amerika, welche bis dahin zu den eigentlichen Seemächten nicht
gezählt wurden, fangen energisch an, moderne Flotten zu bauen.
Der von den verbündeten Regierungen beabsichtigte Ausbau unserer Flotte verlangt vor allem eine sichere Grundlage. Es muß feststehen, welche Stärke die deutsche Flotte haben und in welcher Zeit die Stärke erreicht werden soll. Dieses ist die Hauptsache bei der Marine- Vorlage. Mit einer Denkschrift, welche der Reichstag lediglich zur Kenntniß nimmt, bleibt alles unsicher. Bei einer solchen wird in jedem Jahre über die Daseinsberechtigung, den Zweck und den Umfang der Marine gestritten, es wird viel Geld ausgegeben und nie etwas Ordentliches erreicht. Jetzt soll der deutsche Reichstag, als einer der gesetzgebenden Faktoren des Reiches, durch die Vorlage der Regierungen veranlaßt werden, einen bestimmten Beschluß zu fassen; um einen solchen herbeizuführen, war es nothwendig, die Form eines Gesetzentwurfs zu wählen. —
Die verbündeten Regierungen halten eine verwendvngs- 1 bereite Flotte von 17 Linienschiffen, 8 Küstenpanzer- schiffen, 9 großen und 26 kleinen Kreuzern für unerläßlich geboten, zu welchen Schiffen noch eine Material- Reserve von 2 Linienschiffen, 3 großen und 4 kleinen Kreuzern hinzutreten soll. Um das vorhandene Material im Kriegsfalle auch verwende» zu können, ist es nothwendig, daß das Personal im Frieden dauernd in Uebung gehalten wird. Geschieht dies nicht, kommt das Personal vielmehr erst bei Ausbruch des Krieges auf die Schiffe, so werden schwere Unglücksfälle in der eigenen Flotte mit Sicherheit eintreten. Eine Vermehrung der Jndienst- Haltungen und demgemäß des Personals ist daher unerläßlich.
Aus der Vorlage ergiebt sich eine Steigerung der fortlaufenden Ausgaben von jährlich etwa 4 Millionen; dieselbe ist im Vergleich zu den Vorjahren gering, da sie während dieser Zeit durchschnittlich etwa 3 Millionen betragen hat. Im ganzen sind für Schiffsbauten 410 Millionen erforderlich, von denselben sind aber nur 162,2 Millionen für Neubauten bestimmt. Der Nest ist für Ersatzbauten erforderlich, welche sowieso gebaut werden müssen, wenn unsere .Flotte nicht noch mehr in ihrer Leistungsfähigkeit zurückgehen soll. Die ganze Summe von 410 Millionen vertheilt sich auf die 7 Rechnungsjahre 1898—1904, sodaß durchschnittlich in jedem Jahre 581 /, Millionen für Schiffbauten ausgegeben werden sollen. Diese jährliche Summe mag im Vergleich mit
denen früherer Jahre verhältnißmäßig hoch erscheinen; man darf aber nicht vergessen, daß in den letzten Jahren der Ausbau unserer Wehrkraft zur See erheblich zurückgeblieben ist, und es gilt daher, Versäumtes nachzuholen.
Im Verhältniß zu der Zunahme unserer See-Jn- teressen ist die Zunahme der Aufwendungen für die Flotte noch gering zu nennen. An sich betrachtet ist sie immerhin bedeutend; dies kommt aber hauptsächlich daher, daß die Schiffe theurer geworden sind. Wenn jemand, wie dies thatsächlich geschehen ist, behauptet, von den theuern Schiffen wären weniger erforderlich, so wird man diese Behauptung am besten dadurch widerlegen, daß man auf die Verhältnisse des Heeres hinweist. Wenn wir ein kostspieliges Geschütz einführen, wird sicherlich Niemand behaupten, nun könne man die Zahl der Batterien vermindern. Genau so ist es bei der Flotte.
Vor gut einem Menschenalter wurde unter dem damaligen Könige von Preußen das Rüstzeug geschmiedet, 1 mit welchem Preußen für sich und für Deutschland den ihm gebührenden Platz in Europa errang. Jetzt hat Deutschland auf friedlichem Wege seine Interessen über die ganze Erde ausgedehnt, und es gilt nun, auf fester Grundlage ein Rüstzeug zu schaffen, welches diese Interessen in Kriegs- und Friedenszeiten und wo es auch immer sei, zu schützen im flande ist.
Politische Nachrichten.
Inland.
Berlin, 27. November.
S e. Majestät der Kaiser ist heute Abend 10 Uhr 20 Minuten mittels Sonderzuges hier wieder ein- getroffen.
Französische Blätter hatten behauptet, der deutsche Kaiser hätte vor der Verurtheilung des frühern H a u p t m a n n s D r e y f u s an den ehemaligen Präsidenten der französischen Republik Casimir geriet ein Schreiben gerichtet, worin er Fürsprache für DreyfuS einlegte. Die Nachricht ist völlig unwahr. Unser Kaiser hat in der Dreysus-Angelegenheit keinen Schritt gethan und zu thun Anlaß gehabt.
Der B u n d e s r a t h hat in seiner heutigen Sitzung die EtatSentwürse des Auswärtigen Amts und der Reichs- schuld zum ReichshaushaltSetat für 1898/99, sowie folgende Gesetzentwürfe genehmigt: betr. die Feststellung des
Millers Leni.
Erzählung von E m a n u e l Hirsch.
(Fortsetzung.)
Löwen war bis jetzt stillschweigender Zuschauer geblieben. Nun mischte auch er sich ins Gespräch, und was er sagte, klang nicht ermuthigend. „Ja, es ist besser, Sie leugnen nicht länger und geben der Wahrheit die Ehre; es ist zu Ihrem Nutzen. Ich werde Sie nicht verlassen. Ich werde mich mit einem Gnadengesuche an den Landesherrn wenden, und dadurch dürfte es möglich sein, daß man in Rücksicht auf meine Person einen bedeutenden Strasnachlaß für den Vater und für Sie er- wöglichte."
„Für beide?" fragte sie ganz trostlos. „Auch ich sonnte gestraft werden, die ich ja gänzlich unschuldig bin I
„Aber Helene," fiel ihr Scharff inS Wort, „was ficht Sie an? Unschuldig, wo doch die Thatsachen so laut gegen Sie sprechen'" .
Sie rang verzweiflungsvoll die Hände: „Gott mein Zeuge, daß ich nichts von aliebern weiß, was gegen mich vorgebracht wird. Aber wenn ich meinem Vater dadurch nützen kann, will ich als schuldig gelten!
„Was das nun wieder heißen soll?" rief ödiarff unmuthig. „Sie sind schuldig. Damit genug. Alles andere wird das Verhör ergeben. Kommen <sie!
Da trat Löwen rasch an ihre Seite und flüsterte ujr zu: „Muth und Vertrauen I Ich verlasse Sie mcht, wenn ich mich auch momentan anders stelle» muß!
Er bot ihr den Arm und führte sie auf den Gang
hinaus. Sie gingen nur wenige Schritte, dann öffneten sie eine Thür. Vor ihnen stand der Müller. Aber nicht in Ketten und Banden, wie Leni gefürchtet hatte, sondern frei und unbelastet. Sie stieß keinen Schrei des Entzückens aus, er fiel ihr nicht um den Hals. Stumm und wortlos bot er ihr die Hand; stumm und in Thränen führte Leni sie an ihre Lippen. Aber dann sank sie doch an seine Brust, und als der Vater die Thränen seines Kindes fühlte, da weinte auch er, und ausgelöscht war, wenigstens für den Augenblick, was er etwa noch an Zorn gegen sie hegte. Selbst die beiden harten und selbstsüchtigen Männer, Scharff und Löwen, fühlten etwas wie Rührung und Weihe des Augenblickes. Freilich nur einen Augenblick, denn der Präsident setzte sich an einen Tisch, rückte Feder und Papier zurecht, und das Verhör begann. Dem Verhörenden brachten die Aussagen nichts Neue-, wohl aber dem Müller, der daraus entnahm, daß sein Kind eher den Tod als das Leben an der Seite des ungeliebten Mannes gewollt, daß sie Hannes über alles geliebt habe und seinen Besitz höher als alles Geld und Gut schätzte, und daß sie jetzt freiwillig durch ihre Verlobung mit dem Grafen das Geschick des Vaters erleichtern wollte. Im Herzen des Müllers begann ein wenig Reue zu keimen, darüber, daß er so hart gegen sein Kind gewesen war.
Als Leni mit ihrer Erzählung fertig war, sagte der Präsident: „Es sind aber noch Lücken in Ihrem Berichte, Helene Beer. Oben in St. Antony gestanden Sie selbst zu, einen Fremden gesehen zu haben, der der Beschreibung des Verbrechers entsprach. Dieses Indivi
duum flohen Sie so ängstlich, als es sich zuin zweiten Male zeigte. Er war in unserer Gewalt. Warum flohen Sie vor ihm, wenn es nicht Furcht vor Entdeckung war?"
Leni sagte nun wohl, warum sie sich vor dem Hiesl eigentlich gefürchtet habe, daß er sie nämlich ihrem Vater verrathen werde. Sie fügte hinzu, daß sie sich wundere, den Hiesl nicht hier zu sehen, der den Wagen führte. Auch der Müller wunderte sich nicht wenig, daß Hiesl jener gefährliche Nihilist sein solle, mit dem er hochver- rätherische Umtriebe gehabt; allein er wurde belehrt, daß gerade seine frühere Bekanntschaft mit des Müllers Familie dafür zeuge; er habe auch nur gezwungener Weise den Kutscher abgegeben.
Scharff schloß das Protokoll. Vater und Tochter unterschrieben es, dann sagte der angebliche Präsident: „In kürzester Zeit kommt Ihr Fall vor die Assiffen. Seien Sie vernünftig und sprechen Sie die Wahrheit, so wird sich etwas für Sie thun laffen, wenn aber nicht —"
Er zuckte vielbedeutend die Achseln. Dann führte Löwen Leni, nachdem diese ihrem Vater ein herzliches „Gute Nacht" gewünscht hatte, wieder in ihr Zimmerchen den Müller sich selbst und seinen traurigen Gedanken überlaffend.
Als die beiden Männer wieder in ihrer Wohnung saßen, schlug Scharf eine dröhnende Lache auf- Bin ich nicht zum Präsidenten geboren ? Hab' ich die'Ge- schichte gut eingesädelt? Morgen kommt die Kautions'- geschlcht an die Reihe — dann wird der Verbrecher eingefangen — dann gehl's in die weile Welt' Morgen