Nichtamtlicher Theil.
Zum Todtenfest.
Seitdem wir im vorigen Jahre das Todtenfest begangen haben, — wie viele sind dahingegangen, die wir lieb hatten! Alte und Junge, Lebensmatte und Lebensfrische, Große in der Gemeinde und unscheinbare Geringe, schwache Greise und liebliche Kinder, Jünglinge und Jungfrauen, Ehegatten und Väter und Mütter! Wie oft hat uns das Herz gebebt, wenn wir an frischen Gräbern standen! Wie schmerzlich sind unsere Thränen geflossen bei unersetzlichem Verluste!
Uns hat Gottes Gnade wunderbar erhalten bis hierher. Wir haben uns an Krankenbetten gehärmt in Sorge und Kummer, und Gott hat unser Gebet erhört; — wir durften ihn preisen für wunderbare Heilung. Wir find selber krank und gebrechlich gewesen, und unser gnädiger Gott hat uns noch in seiner Geduld und Lang- muth weiter erhalten und uns die Gnadenfrist verlängert. O daß wir erkennten zu dieser unserer Zeit, was zu unserm Frieden dient! Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, ruft der Psalmist, auf daß wir klug werden! Es ist den Menschen gesetzt einmal zu sterben, darnach aber das Gericht, spricht der Apostel. Es würde bester um unser Leben stehen, wenn wir die Vergänglichkeit des Irdischen stets im Auge behielten, und sie durch den Hinblick auf die selige Ewigkeit zu verklären, für die wir berufen sind.
Wir trauern um unsere Lieben, die vor uns dahingegangen sind, aber wir trauern nicht wie die, die keine Hoffnung haben. Die Menschen draußen richten sich die Welt ein, als wenn sie für immer in ihr bleiben sollten, und betreiben ihre irdischen Geschäfte, als gäbe es kein höheres Ziel, als die Güter dieser Welt zu erringen und zu erraffen. Tritt dann der Tod in ihren Kreis, so erscheint er ihnen als etwas unerwartet Fremdartiges, ein surchtbares, ungeheueres Geschick, mit dem nicht gerechnet worden ist und das die Ahnungslosen tückisch und hinterrücks überfällt. Für Christen geht das freudigste Lebensgefühl mit dem stets gegenwärtigen Sterbegedanken Hand in Hand. Die Erkenntniß von der Vergänglichkeit alles Irdischen ist geradezu die Grundbedingung dafür, daß wir unser Herz von dem Dienste der Eitelkeit losmachen und uns nach dem Himmelreiche sehnen.
Wir wandeln auf Gräbern. Wie wir älter werden, wie vieles müssen wir dahingeben, woran unser Herz gehangen hat! Solch ein Sarg mit der Leibeshülle eines geliebten Menschen, selbst ein thränenbenetztes Grab ist an sich schon eine gewaltige Predigt und führt eine erschütternde Sprache für jeden, der sich nicht ganz verhärtet in der Jagd nach mancherlei Dingen von äußerlicher Art, die doch wahren Frieden nicht zu geben vermögen. Wie bitter ist das Sterben für den, der nicht zuvor schon der Welt gestorben ist! Wer thöricht sein Hoffen und Streben an die äußern Güter verschwendet, wer immer nur bauet und sammelt, bis er einen großen Vorrath aus viele Jahre hat, dem wird gerade dann, wenn er sich zum Genusse mit gutem Muthe anschickt, der Schreckensruf ans Ohr dringen: „Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern!" Aber wer den guten Kampf des Glaubens kämpft und das ewige Leben schon hier ergreift, zu dem wir berufen sind, dem ist auch der Tod ein Engel des Friedens, der ihn hinübergeleitet in die seligen Gefilde, wo die treuen Kämpfer auSruhen von den Trübsalen der Erde in den Armen der Liebe. Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes; so laffet uns nun Fleiß thun, einzukommen in diese Ruhe. *
Fallende Blätter.
Wir sind den fallenden Blättern gleich,
Heute roth und morgen bleich;
Heute voll Kraft und Schöne, Morgen weht ein böser Wind, Fragt nach den Blättern, wo sie sind, Sie decken den Grund der Erde.
Wir sind den fallenden Blättern gleich, Heute an Geist und Gaben reich, Morgen schon stumpf und blöde; Gelb und roth sind die Blätter gemischt, Aber ach! der Regen verwischt Morgen die leuchtenden Farben.
Wir sind den fallenden Blättern gleich, Heute die Seele empfänglich und weich, Morgen das Ohr wie verschlossen; Schmiegsam und biegsam ist heute das Blatt, Fällt es morgen vom Baume, so hat Schmiegen und biegen ein Ende.
Wir sind den fallenden Blättern gleich, Wir fallen nicht auf einen Stteich; Durch eines Windes Wehen; Erst mancher Stoß, bald leicht, bald schwer, Erst mancher Sturmwind um nn§ her, Eh' wir zu Boden sinken.
Sind wir den fallenden Blättern gleich? Die Blätter liegen farblos, bleich, Bis sie verdorren, verderben; Wir aber erheben uns aus dem Staub, Wir bleiben nicht des Todes Raub, Wir leben, ob wir gleich stürben! E. Fischer.
Politische Nachrichten.
Inland.
Berlin, 18. November.
Se. Majestät der Kaiser hörte im Neuen Palais am Dienstag Nachmittag um 6 Uhr den Vortrag des Chefs des Militärkabinets, Generaladjutanten Generals der Infanterie v. Hahnke, und nahm um 7 Uhr an dem Diner beim Offizierkorps des Regiments Gardes du Corps Theil. Gestern Vormittag wohnten beide Majestäten dem Gottesdienst in der Friedenskirche zu Potsdam bei. Um 12 Uhr empfing Se. Majestät den Geh. Legationsrath Raffauf und darauf den katholischen Bischof Amer.
In Potsdam fand am Dienstage die Vereidigung der Rekruten der Potsdamer Garnison in Gegenwart des Kaiserpaares und mehrerer andern Fürstlichkeiten, der Generalität und der fremdherrlichen Offiziere statt. Nach der Vereidigung hielt der Kaiser eine Ansprache an die Rekruten, worin er diese darauf hinwies, daß sie christliche Soldaten sein sollten; sie hätten den Vorzug, der Garde anzugehören, und sollten dem Rock Ehre machen, den sie trügen, und die heiligste Pflicht erfüllen, das Vaterland zu vertheidigen, es aber auch nach Innen schirmen und auf Ordnung und gute Sitte halten. Am Donnerstage wurden die Rekruten der Berliner Garnison vereidigt.
Der B u n d e s r a t h hat in seiner heutigen Sitzung dem Gesetzentwurf über die Entschädigung der im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochenen Personen die Zustimmung ertheilt.
Eine am Dienstag zu P l a u e n i. Vogtland abgehaltene, äußerst zahlreich besuchte öffentliche Versammlung sprach sich nach einem Vortrage des Korvetten- kapitains Grafen v. Bernstoff einstimmig dahin aus, daß die Vermehrung der Reichsflotte zur Aufrechterhaltung der Machtstellung des Deutschen Reiches, zum Schutze des deutschen Welthandels und der Deutschen im Auslande, sowie im Interesse der Entwicklung der deutschen Kolonien dringend nothwendig sei, und beschloß die Ab- sendung gleichlautender Eingaben an den Reichskanzler und den Staatssekretär des Reichs-Marineamts.
In dem Gesetzentwurf über die Abänderung der Civilprozeßordnung^ welche demnächst dem Reichstage vorgelegt werden soll, dürften auch einige Abänderungen der Vorschriften über die Eidesleistung vorgesehen sein. Nach der jetzigen Fassung ist, wenn der Schwurpflichtige in dem zur Eidesleistung bestimmten Termin nicht erscheint, auf Antrag der Eid als verweigert anzusehen und zur Hauptsache zu verhandeln. Späterhin soll aber der Schwurpflichtige die Folge der Versäumung des zur Eidesleistung bestimmten Termins dadurch beseitigen können, daß er nachträglich bei dem Gerichte die Abnahme des Eides beantragt.
Die Operationen der deutschen Marine in der Bucht von Kiaotschau begannen am Montag Morgen unter Leitung des Kontreadmirals Diederichs, der sich an Bord des „Kaiser" befand. Die drei Forts waren von 1500 chinesischen Truppen besetzt und beherrschten die Flotte. Der Admiral stellte seine Schiffe, „Kaiser", „Irene", „Prinzeß Wilhelm" und „Arcona" gegenüber den Forts schußbereit auf und sandte dem chinesischen Kommandanten das Ultimatum, Kiaotschau binnen drei Stunden zu räumen. Nach Verlauf dieser Frist landeten in Schiffsbooten 600 Mann mit sechs Kanonen und traten vom Gestade an den Marsch gegen die Forts an. Die Chinesen zögerten einige Augenblicke; als sie sahen, daß die Deutschen stetig vorrückten, nahmen alle Truppen reißaus über die Hügel hinter den Forts. Dann rückten die Deutschen ein, nahmen Besitz von den Forts, zogen die chinesische Flagge nieder und hißten die deutsche Flagge unter Salutschüssen der deutschen Kriegsschiffe. Der chinesische Kommandant, der nicht geflüchtet war, beanspruchte deutschen Schutz für sich und seine Familie, der ihm sofort gewährt wurde. Britische und amerikanische Kriegsschiffe sind noch zur Beobachtung nach Kiaotschau unterwegs.
Unter der Ueberschrift „Die bayerischen Partikularisten und die bayerische Armee" spricht die französische Militärzeitschrift „L'Avenir Militaire" vom 2. Novbr. folgendes Urtheil über die bekannten Verhandlungen der bayerischen Abgeordnetenkammer aus : „Ein so frivoler Angriff gegen die Einheit der deutschen Armee und ihre Vertheidigung des Vaterlandes verdiene die allgemeine Verachtung. Es wäre zu wünschen, daß die Armee ebenso wie alle Vaterlandsfreunde ihre Verachtung nicht verbergen würden. Die bayerische Armee könne sich mit einem Gefühle berechtigten Stolzes des großen Unterschiedes bewußt sein, der zwischen ihrem heutigen Werthe als Kriegsinstrument und demjenigen bestehe, den sie während der kläglichen Zeit des Bundes hatte. Während der Manöver des Jahres 1897 waren die den Kriegsanforderungen möglichst genäherten Anstrengungen für manche Truppen außerordentlich ; aber sie alle seien stolz, unter der Leitung des Kaisers geübt zu haben. Frankreich glaube nicht mehr an einen Mangel in der soliden Verbindung der deutschen Kontingente, denn Frankreichs Nachbarn im Osten der Vogesen kennen nur noch eine geeinigte deutsche Armee, und die Kaisermanöver der letzten Jahre, insbesondere jene im Jahre 1897, hätten nur diese Ansicht verstärken können."
Das Schicksal der Arbeitergroschen zeigt wieder einmal folgende Meldung Berliner Blätter: Wegen Unterschlagung einkassirter Gelder zum Nachtheile der Organisation wurde der Steinsetzer Wilhelm Lade,
Kassirer der Berliner Filiale, aus dem Verbände ^ Steinsetzer und Berufsgenossen ausgeschloffen.
Ausland. b
Der bisherige türkische Botschafter in Berlin, Ghaijj ! Bey, hat seinen Posten ohne Erlaubniß seiner Regiern verlassen, weil diese ihm seit Jahresfrist seinen fö^it vor enthalten hatte. Von türkischer Seite sucht M, 'E die Weigerung der Pforte, ihrem Botschafter sein @(; | Halt zu zahlen, jetzt als beabsichtigte Strafe für GhG ’ Bey hinzustellen.
Eine an amtlicher Stelle in Berlin ein gegangene f Meldung aus Rio de Janeiro bestätigt, daß der Reichs- w angehörige Lehrer Roth in Palhoga in Brasilien Don n Eingeborenen schwer gemißhandelt worden ist, Kaiserliche Konsul in Desterro (Florianopolis) hat wegen 5 dieses Vorkommnisses sofort beim Gouverneur des Staates « Santa Katharina Beschwerde geführt und eine Unter- suchung des Falles, sowie die Bestrafung der Schuldigen tr verlangt. Beides ist von dem Gouverneur zugesichert » worden.
Aus Prodlilz unö NiorotikT ;
* Ueber die Zähl weise der apostrophier- « t e n T e l e g r a m m w ö r t e r hat das Reichsposiamt verfügt: „Die Einfügung des Apostrophs begründet keine ji Aenderung in der Zählung der Telegrammwörter. Ein- i fache Wörter, welche ohne den Apostroph nur ein Tax- t wort bilden würden, find also künftig auch mit dem i Apostroph nur als e i n Taxwort anzusehen, z. B. „Höh'n" d (statt „Höhen"), „Afrika's" (statt Afrikas"); dagegen 8 sind Doppelwörter, deren eins apostrophiert ist, z. B. ( „geht's" (statt „geht es"), „wird's" (statt „wird es") o als zwei Taxwörter zu zählen." M
* (Berliner Getreidemarkt-Bericht.) Die anhaltende Trockenheit der jüngst vergangenen Zeit » und die damit Hand in Hand gehende Abkühlung, welche « namentlich des Nachts sich recht fühlbar machte, hat die k Tendenz im allgemeinen nicht nur gefestigt, sondern auch w fest erhalten. Die Kauflust war anfänglich denn auch i recht lebhaft. An deutschen Märkten war hauptsächlich in den Elbgegenden der Verkehr rege, während die Um- k sätze am Rhein und in Mitteldeutschland nachgelassen f haben. Nichtsdestoweniger konnten sich die Preise überall " behaupten. Der Berliner Markt setzte seine Vermittlungs- 6 thätigkeit in Weizen und Roggen nach Oesterreich fort und hatte auch nach der Lausitz und nach der Elbe an- 1 fänglich recht guten Absatz von Brotgetreide. Besonders s fest lag Hafer, welcher in guten Qualitäten gefragt £ blieb und zu höhern Preisen verkauft werden konnte, ' weil das Angebot im ganzen in knappen Grenzen sich 81 bewegte. Auch Mais wurde durch die Befferung des 11 Hafers günstig beeinflußt. Nach ueuesten privaten Ermittelungen notierten pro 20 Ctr. Weizen 188,75 Mk.; Roggen 146,75 Mk.; Gerste —,—; Hafer 149,00 bis 150,00 Mk; Mais —,—.
* Der Postgehülfe Karl Wollstädter aus Rüdesheim ist der Unterschlagung von vier Geldbriefen mit 6176 Mark Werthangabe dringend verdächtig und seit dem 11. b. Mts., flüchtig. Auf seine Ergreifung und auf die Wiedererlangung des Geldes ist eine Belohnung von 300 Mark ausgesetzt. Wollstädter ist 22 Jahre alt, hat röthliches Haar, einen rothen kleinen Schnurrbart, aufgeworfene Lippen, hält sich etwas gebückt und hat einen schleppenden Gang.
-e- Hersfeld, 19. Novbr. (Zum Todtenfest!) Wiederum klingen die Kirchenglocken so ernst und traurig, als sollte ein müder Erdenpilger zur ewigen Ruhe gebettet werden. In Stadt und Land, vom prächtigen Dom und vom kleinsten Dorfkirchlein, verkünden heute alle Glocken mit feierlichem Tone den Todtensonntag. Es ist eine schöne Sitte, der Verstorbenen zu gedenken — nicht im stillen Kämmerlein nur, in schweren Nächten oder in sorgenvollen Tagen, auch öffentlich durch geeignete Feierlichkeiten. Und das geschieht bei uns am Johannistag und am Todtensonntag. Johannistag und Todtensonntag! Wie verschieden in ihrem Aeußern ! Der Johannistag prangt in der Fülle der schönen Jahreszeit, der Friedhof gleicht einem Rosengarten, und die Blumenspenden, welche die Gräber schmücken, entsenden einen betäubenden Duft. Und der Todtensonntag dagegen! Grau der Himmel, feucht die Luft, die Rosen entblättert, die Bäume entlaubt, die Natur in Todesschlaf versunken! Der Blumenschmuck, den wir auf die Ruhestätte unserer Heimgegangenen legen, wie dürftig nimmt er sich aus! Und doch ist er ein Zeichen der Pietät, der Liebe, die den Tod überdauert! Wie bald werden weiße Sternchen vom Himmel herabfallen auf unsere Gräber, auf unsere Blumen, und alles zudecken mit einer dichten, weichen Decke. Nur die Bäume und Sträucher des Friedhofes und die kalten Grabsteine werden sie überragen, und tiefe Stille wird herrschen, den ganzen Winter hindurch, wenn nicht ein ernster Zug den Gottesacker betritt und unttt frommen Gesängen und tröstenden Worten wieder eine sterbliche Hülle in die winterliche Erde hinabgesenkt wird. Aber nach der eisigen, starren Ruhe des Winters könnet wieder die belebende Wärme der Frühlingssonne — »a« dem stillen, ernsten Todtenfest die fröhliche, menschenv"- brüdernde Weihnachtszeit! Das alte Kirchenjahr trage» wir heute zu Grabe — der Adventszeit sehen wir freudigem Herzen entgegen! ;
Kassel, 18. November. Gestern feierte die hiesig Baptistengemeinde ihr 5 0 j ä h r i g e s StiP t u n g s f e st. Da im Anschlüsse an die Jubelst^ gleichzeitig die alljährlich im Herbste zusammentrete»^ Conferenz der „Hessischen Vereinigung" tagte, so wäre»