neue Kabinet Ralli wünscht, trotz der republikanischen Gesinnung einiger seiner Mitglieder das Königshaus aus dem Grunde zu erhalten, weil Griechenland nach der Vertreibung des Königs umso weniger auf Nachsicht bei den Großmächten zu rechnen hätte.
Allein die Rücksicht, die von einzelnen Mächten vielleicht auf das Verbleiben der griechischen Königsfamilie genommen werden könnte, geht doch nicht so weit, daß eine besonnene Diplomatie Lust verspüren könnte, der Türkei in den Arm zu fallen, bevor Griechenland Garantien dafür geboten hätte, daß eS sich nun wirklich zu fügen gesonnen ist. Der bisherige Verlauf der ganzen kretischen und griechischen Angelegenheit hat zu deutlich gezeigt daß mit halben Maßregeln und mit direkten oder indirekten Begünstigungen der hellenischen Großmachtsträume keine Lorbeeren für die europäische Diplomatie zu ernten sind, und daß Griechenland nur unter dem äußersten Zwange der Verhältnisse zur Ordnung zurück- kehrt. Deshalb muß die griechische Regierung erst, wie gesagt, durch Anerkennung der Autonomie Kretas und durch Zurückberufung seiner Truppen von der Insel beweisen, daß es sich einer Intervention unterwerfen will.
Der griechisch-türkische Arieg.
Es liegen heute folgende Meldungen vor:
Athen, 5. Mai. Nach einem hier eingegangenen Telegramm haben die Türken heute Mittag in der Ebene von Pharsala vor der griechischen Armee, die 23 000 Mann zählt, Schlachtstellung eingenommen. Eine Nachricht, ob der Kampf begonnen habe, liegt noch nicht vor.
Athen, 5, Mai. Nach einer hier eingegangenen Privaldepesche hat bei Aivali, zwischen Velestino und Pharsala, ein Gefecht begonnen.
Athen, 5. Mai. Die griechischen Vorposten bei Pharsala zogen sich nach lebhaftem Gewehrfeuer gegen das Centrum zurück. Der erbitterte Kampf dauerte mehrere Stunden. Der Kronprinz Konstantin begab sich wieder zu der Armee bei Pharsala und kämpfte heldenhaft in erster Reihe. Die Soldaten begrüßten ihn lebhaft. Mehrere Geschosse erreichten Pharsala. Die Artillerie hat eine gute Stellung inne. Die Türken sind endgültig zurückgeschlagen.
C o nst a n t i n o p e l, 6. Mai. Die heutige amtliche Depesche Edhem Paschas besagt: Infolge des am gestrigen Tage andauernden heftigen Kampfes vor Pharsala zog der Feind, die Unmöglichkeit des Widerstandes einsehend, Nachts einen Theil der Truppen zurück. Bei Tagesanbruch am Donnerstag griffen die Türken die Stadt an. Der Feind wurde in die Flucht geschlagen und zersprengt. Die türkischen Truppen marschirlen in Pharsala ein. Eine Kavallerie-Division verfolgt den Zeind auf dem Wege nach Domokos. Die Division Harzi wurde schon Nachts Heorbert, Manöver in der Richtung nach Domokos auszuführen. Die Griechen gaben viel Schießbedarf und Lebensmittel preis.
Nachrichten.
Inland.
Berlin, 6. Mai.
Heute früh von 7 Uhr ab hörte S e. Majestät der Kaiser die Vorträge des Kriegsministers, Generallieutenants v. Goßler, und des Chefs des Mili- tairkabinets, Generals v. Hahnke, und begab sich um 9 Uhr nach dem Bornstedter Felde zur Besichtigung des Garde-Jäger-Bataillons, des Lehr-Jnfanterie-Bataillons und der Unterosfizierschule zu Potsdam.
Se. kaiferl che und königliche Hoheit der Kronprinz Wilhelm von Preußen vollendet heute sein fünfzehntes Lebensjahr. Behütet von der Liebe und Sorge seiner hohen Eltern ist der junge Prinz herangewachsen, auf den sich die Hoffnungen seines preußischen und des deutschen Volkes für die Zukunft richten. Wenn jetzt der Kronprinz in das Lebensalter eintritt, mit welchem auch für ihn des Lebens Ernst beginnt, so werden die herzlichsten und aufrichtigsten Glückwünsche Aller ihn an der Schwelle des neuen Lebensjahres begrüßen und in das Gebet ausklingen, daß er seinem Lande ein echter und rechter Hohenzollernfürst werden möge, für welches hohe Ziel er im Vater das Beispiel vor Augen hat und im Groß- und Urgroßvater selbst noch schauen durfte.
Der Bundesrath hat in seiner heutigen Sitzung dem Gesetzentwurf wegen Feststellung eines zweiten Nachtrags zum Reichshaushaltsetat für das Etatsjahr 1897/98, den Ausschußanträgen, betreffend die Abänderung von Tarasätzen und betreffend die Abänderung des Privat- tagerregulativs, sowie einem Antrag, betreffend den zollfreien Einlaß der von der diesjährigen Weltausstellung in Brüssel zurückgelangenden Güter, die Zustimmung ertheilt. Der Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung der Gewerbeordnung und des Krankenversicherungsge- fetzes wurde den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Außerdem wurde über Eingaben Beschluß gefaßt.
Dem Abgeordnetenhause ist ein Antrag der Abgg. Rickert und Träger auf Annahme eines Gesetzentwurfs betreffend den Religionsunte rricht der Dissidentenkinder, zugegangen.
Die Kaiserin hat zur Eröffnung der Jahresversammlung des evangelisch-kirchlichen HLlfver- eins ein Schreiben an den Präsidenten v. Levetzow gerichtet, in welchem sie betont, daß es neben einer ausgedehnten seelsorgerischen Thätigkeit der Kirche zur Weckung und Förderung des Gemeindelebens vorzugs
weise der Arbeit der Diakonissen bedarf, sowie der Errichtung von Gemeindehäusern. Das Schreiben schließt: ,,An die evangelischen Frauen und Jungfrauen richtet sich daher meine herzliche Bitte, einzutreten und zu helfen, daß wir unserm Volke die Segnungen des Evangeliums in stets weiterm Maße zuwenden und erhalten!"
Auf Anordnung des Kaisers werden die Schleifen der bei der Centenarfeier am Kaiser Wilhelm- Denkmal niedergelegten Kränze im Mausoleum in Charlottenburg ausbewahrt werden.
Nachdem das königliche Staatsministerium beschlossen hat, die Verpflichtung zur Einholung des E h e k o n - senses für die Staatsbeamten durch eine Anzeige der geschlossenen Ehe zu ersetzen, haben der Finanzminister und der Minister des Innern unter dem 7. v. M. angeordnet, daß die den Ober- und Regierungspräsidenten unterstehenden unmittelbaren Staatsbeamten beider Ressorts ihren nächsten Dienstvorgesetzten Anzeige zu machen haben, sobald sie eine Ehe eingegangen sind. In der Anzeige ist der Tag der Eheschließung, der Name der Frau, sowie der Wohnort, der Beruf und die Namen ihrer Eltern anzugeben. Es ist dafür zu sorgen, daß diese Anordnung den betreffenden Beamten — den neu eintretenden jedesmal bei ihrer Verpflichtung — bekannt gemacht werde. Entsprechende Anweisungen sind auch für die übrigen Ressorts erfolgt.
Bei den diesjährigen größern Truppenübungen soll das Fahrrad einem erweiterten Versuche bezüglich seiner Verwendbarkeit bei einem größern Kavalleriekörper unterworfen wertze». Zu diesem Zwecke wird bei der Kavalleriedivision des 11. Armeecorps eine besondere Radfahrerabtheilung ausgestellt werden, die von dem Pionier-Detachement dieser Division in der Stärke von einem Offizier und 60 Mann dargestellt wird.
Für die Feier von Johann Gutenbergs 500jährigen Geburtstag ist von dem engern Komitee in Mainz der Johannistag 1900 bestimmt worden. Die Feier soll international sein.
Nach den vom „Büreau Veritas" soeben veröffentlichten statistischen Listen find im Monat März dieses Jahres 92 Schiffe verloren gegangen, und zwar 67 Segelschiffe mit 24 739 Registertons und 25 Dampfschiffe mit 21453 Registertons. Darunter befanden sich 6 deutsche mit 2994 Registertons. Außerdem weist die Statistik noch 541 Schiffe auf, die durch Kollision, Strandung, Feuer u. s. w. Beschädigungen erlitten haben. Unter diesen beschädigten Schiffen befinden sich auch noch 44 deutsche.
Die Weimarischen Sozialdemokraten, die, wie berichtet, die Dreistigkeit gehabt hatten, einen Beitrag zu der Maifeier aus städtischen Mitteln zu fordern, haben jetzt wegen der Verweigerung dieses Gesuches beim Bezirksausschuß Beschwerde erhoben!
Großes Brandunglück bei einer Wohlthätig- keitsvorstellung in Paris.
Der Wohlthätigkeitsbazar, welcher auf einem leeren Baugrund errichtet war, enthielt eine Dekoration aus der Gewerbeausstellung, eine Alt-Parifer Straße darstellend, die aus bemalter und gefirnißter Leinwand und dünnem Holz bestand. Ueber diesen Bau war ein dünnes Segeltuch gespannt. Die Verkaufsbuden waren mit leichtesten Stoffen aufgeputzt. Das Ganze hatte nur drei Eingänge. Eine mit Petroleum geheizte Dampfmaschine fetzte einen Kinematographen in Bewegung. Hier ist auch das Feuer ausgebrochen. Zuerst brannte das Decken- segel, unv da dieses sich über den ganzen langen, schmalen Raum hinzog, so war die ganze Theaterstraße im Nu von Flammen bedeckt, die dann mit Blitzesschnelle auch die beiden Budenreihen aus Leinewand, Holz- und Baumwollvorhängen ergriffen. — Die Verkäuferinnen konnten theilweife durch die Hinterthüren ihrer Buden hinausstürzen, die Besucher und Käufer aber waren von zwei Flammenwänden eingerahmt, die nur an den Enden, also in einem Abstande von achtzig Metern, Thüröffnungen hatten. Die Menge bestand ungefähr ausschließlich aus Frauen und jungen Mädchen.
Die Meldungen über das Unglück besagen:
Wie Augenzeugen berichten, brach das Feuer in der Abtheilung aus, worin der Kinematograph vorgeführt wurde. Man glaubt, daß durch Herausspringen elektrischer Funken eine Gasexplosion entstanden ist. Der Ruf „Feuer!" verursachte eine große Panik. Das Feuer griff rasend schnell um sich; innerhalb zehn Minuten stand der ganze, etwa 100 Meter lange und 20 Meter breite, aus Holz und bemalter Leinwand bestehende Bau in Flammen. Bis 7 Uhr Abends waren etwa 80 Leichen geborgen. Viele Personen wurden niedergestoßen und mit den Füßen getreten. Alsbald, nachdem die Alarmsignale gegeben waren, war der Sicherheitsdienst zur Stelle. Die Polizei versuchte mit Gewalt, Ordnung in die bereits sinnlos vor Furcht das Gebäude verlassende Menge zu bringen. Herzzerreißende Laute, , verzweifelte Rufe wurden überall gehört; aber das Feuer griff schnell um sich, daß, als die ersten Mannschaften der Feuerwehr an der Brandstelle eintrafen, bereits das Gebälk in Flammen stand und zusammenstürzend viele Personen, die noch im Innern des Gebäudes waren, begrub. Der Polizeipräfect war bald zur Stelle und übernahm die Leitung über den Sicherheitsdienst und ließ zahlreiche Verwundete, von denen einzelne in schrecklicher Weise verbrannt waren, fortschaffen. Die Feuerwehr überschüttete die Trümmer mit Wasser und schützte die benachbarten Gebäude. Die aus den Trümmern hervorgezogenen und vollständig verkohlten, ganz unkenntlichen Leichen wurden von städtischen
Ambulanzwagen nach dem Jnduflriepalast geschafft; ungefähr 150 Verwundete wurden in einen,'Gasthof gebracht. Nach der Aussage eines Polizeibeamten, der den Dienst versah, sollen 1500 bis 1800 Personen zur Zeit im Bazar gewesen sein, als das Feuer ausbrach. — Der Anblick der ersten in den Industrie-Palast geschafften Leichen ist schrecklich. Bei vielen ist der Oberkörper vollständig verkohlt, während die untere Körperhälfte und selbst die Kleider ganz unversehrt sind.
Unter den Verbrannten befindet sich'auch"die im Jahre 1847 geborene Herzogin Sophie von Alengon, eine Schwester der Kaiserin von Oesterreich. Nur mit tiefster Erschütterung kann man die Schilderung der^grauenvollen Scenen lesen, die sich innerhalb kaum einer Viertelstunde in dem mit Menschen gefüllten, jählings in ein Flammenmeer verwandelten Bazarraum abgespielt haben, und der kaum minder grauenvollen, deren Schauplatz der Saal des Jndustriepalastes ist, wo die aus dem rauchenden Schutt hervorgezogenen, vielfach bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Leichen und Leichentheile zur Schau gestellt sind. Mit der Trauer über das entsetzliche Ereigniß mischt sich der Unmuth über die Leichtfertigkeit in der Anlage des Bazargebäudes, auf die allein der Riesenumfang des Unglücks zurückzuführen ist. Wer diesen Bau ausgeführt hat, noch mehr aber, wer zu seiner Benutzung die Genehmigung ertheilt hat, auf dem liegt eine schwere Verantwortung.
Wie nunmehr amtlich festgestellt ist, find bei dem gestrigen Brandunglück 111 Personen um'S Leben gekommen; bisher ist die Identität von 63 Leichen amtlich festgestellt.
Aus Provinz unv Rnchdar-ebiel.
* (Personal-Veränderungen.) Ernannt: der Regierungsbaumeister Twiehaus zum Königlichen Wasserbauinspektor, der Hülfspfarrer Wolfs in Sooden zum Pfarrer in Schemmern, vom 1. Juni d. J. ab, der Gerichtsassessor Gleim zum Amtsrichter in Gladenbach, der Bauschreiber Wröblewski zum technischen Secretär bei der Königlichen Regierung in Cassel, die BüreauhilfS- arbeiter Nordmann und Persing als Königliche Bauschreiber bei den Kreisbauinspektionen Rinteln und Gelnhausen. — Versetzt: der Gerichtsdiener Trautwein in Gelnhausen an das Landgericht in Cassel. — Ausgeschieden: die Gerichtsassessoren Reinhard und Eissengarthen aus dem Justizdienst zu Folge Uebertritts in die landwirthschaft- liche Verwaltung. — Pensionirt: der Förster Rebsch in Altmorschen vom 1. Juli d. I. ab.
* Durch Beschluß des Landes-Ausschusses vom 5. d. M. ist der Landesrath Dr. Knorz zu Cassel z u m K a s s e n a n w a l t der auf Grund des § 8 des Gesetzes vom 3. März d. I., betreffend das Diensteinkommen der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volksschulen, zu bildenden Alterszulagekasse für den hiesigen Regierungsbezirk gewählt worden. Der Kassenanwalt hat die Interessen der Schulunterhaltungs- pflichtigen d. h. in erster Linie der zur Tragung der Kosten für die öffentlichen Volksschulen verpflichteten Verbände gegenüber der von der unterzeichneten Regierung verwalteten Kasse zu vertreten.
* (Die Irrenanstalten im preußischen Staate.) Im Jahre 1894 gehörten nach dem neusten Heft der preußischen Statistik in Preußen dem Staate 3 Jrrenkliniken der Universitäten zu Berlin, Greifswald und Halle mit 194 bezw. 64 und 81 Plätzen. Die Pro- vinzialverbände unterhielten 49 Anstalten mit 25 530 und die städtischen Gemeinden 14 Anstalten mit 6154 Plätzen; außerdem standen den Provinzialverbänden und den städtischen Verwaltungen noch 1736 Plätze in 26 allgemeinen Heilanstalten zur Verfügung. Mit Hülfe der Wohlthätigkeit endlich wurde der Betrieb von 20 Anstalten religiöser Orden und Genossenschaften mit 4157 und von 11 milden Stiftungen mit 3781 Plätzen für Geisteskranke erhalten. Ferner befanden sich 98 Irrenanstalten im Besitze von Privatpersonen, welche 5952 Geisteskranke ausnahmen. In sämmtlichen Anstalten sind 54 307 Geisteskranke im Jahre 1894, gegen 25 568 im Jahre 1880 — also in 15 Jahren 28 739 — 112,4 v. H. mehr — verpflegt worden. Wie aus den Ergebnissen der Jahre 1880 und 1894 hervorgeht, stieg in demselben Zeitraum der Bestand überhaupt von 17 874 auf 39 308 Personen, und zwar an Männern von 9322 auf 20 650 Personen, an Frauen von 8552 auf 18 658 Personen; der Zugang überhaupt von 7694 auf 14 999 Personen, und zwar an Männern von 4387 auf 8544 Personen und an Frauen von 3307 auf 6455 Personen.
* Der Getreidemarkt. (Berichtswoche vom 1. bis 7. Mai.) Trotzdem man allgemein das Wetter für die Saaten günstig hält, hat sich doch für Weizen in Folge der zurückhaltenden amerikanischen Händler in Europa eine größere Kauflust ausgebildet und die Weizen- preise etwas gesteigert. Auf Roggen, der im Welthandel nicht die Rolle wie Weizen spielt, übertrug sich die Preissteigerung aber nicht, in Erwartung einer guten Roggenernte war der Roggenhandel sogar recht schwach. In Berlin und Leipzig wurde gekaust je nach Güte: Weizen für 150 bis 190 Mark, Roggen für 116 bis 130 Mark, Gerste für 105 bis 170 Mark, Hafer für 125 bis 150 Mark, Mais für 83 bis 90 Mark.
* (Getreidelagerhäuser.) Im Regierungsbezirk Cassel kommen fünf Getreidelagerhäuser zur Errichtung und zwar in Cassel, Hanau, Hofgeismar, Hohen- eiche und Treyfo.
-e- Hersfeld, 7. Mai. (Die Maibowle.) Wenn's Mailüsterl sanft weht, dann ist auch die Zeit